Kv. 292
13. Dezember
1930
Gamstas den
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Der Auswärtige Ausschuß des Reichstages ist für nächsten Donnerstag, 18. Dezember, zu einer Sitzung einberufen worden, auf deren Tagesordnung ein Bericht über das Ergebnis der Verhandlungen der Genfer Abrüstungskonferenz steht.
Der Reichspräsident empfing eine Abordnung des Reichsverbandes der Deutschen In- dustie, die ihm ihre Besorgnisse wegen Gefährdung der deutschen Handelspolitik durch zuweitgehende Zollschutzmaßnahmen für landmirischastliche Veredelungsprodukte vortrug.
Der Christlichsoziale Volksdienst, die Konservative Volkspartei und die Deutschhumoveraner haben einen Antrag i m Reichstag eingebracht, der Reichstag wolle beschließen, die Reichsregierung zu ersuchen, den am Versailler Vertrag beteiligten auswärtigen Mächten amtlich zu erklären, daß Deutschland sich an das unwahre und durch die ' wissenschaftliche Forschung längst widerlegte Schukd- anerkenntnis des Art. 231 nicht gebunden fühlt.
Im Reichstag ist ein von der Wirtschaftspartei, der Deutschen Volkspartei, der Landvolkparteii, den Deutschnatwnalen, den Konservativen und der Staatspartei unterzeichneter Antrag eingegangen, der den Reichsaußenminister auffovüert, 100 000 RM zur Prämiierung der besten A r - I beiten über den Einfluß der deut- schen Reparationszahlungen auf die ” Weltwirtschaftskrise bereitzustellen. Diese Mittel sollen durch Einsparungen bei den Titeln des Haushalts des Auswärtigen Amts aufgebracht werden.
Filmprüfstelle Berlin hat den F i l m v o m Koblenzer Srahlhetmtag verboten im ausgesprochenen Gegensatz zu dem Gutachten der Sachverständigen. *
Nachdem die Oberprüfstelle das Verbot des Films „Im Westen nichts Neues" ausgesprochen hat, bestünde juristisch zwar die Möglichkeit, daß der Film in veränderter Form erneut zur Prüfung eingereicht würde. Die Filmgesellschaft verzichtet jedoch, wie der Demokratische Zeitungsdienst erfährt, grundsätzlich darauf, den Film nochmals in veränderter Form zur Prüfung einzu- ' reichen. Der Film wird also in Deutschland nicht mehr gezeigt werden.
Dev Reichstag in Weihnachtskevien
Rach schaLiev Älusivvachs - LV eÄssmsammsnivttt erst am 3« Sebvuav 1631
Berlin. 12. Dez. Der Reichstag ist Heuke in die Weinachtsferien gegangen. Die Mehrheit der Regierungsparteien, zu denen sich die Sozialdemotraten gesellten, hat zusammengehalten, während die Oppositionsparteien den letzten Mann nicht zur Stelle halten. Die Anträge, weiter zu tagen oder wenigstens Mitte Januar zusammenzutreten, wurden abgelehnt. Die Regierung hat also bis zum 3. Februar Ruhe vor Ueberraschungen aus dem Parlament. Der Hauptausschuß wird allerdings bereits im halben Januar mit der Beratung des Etats beginnen.
Die letzte Reichstagssitzung in diesem Jahre beschäftigte sich mit den furchtbaren Grubenkatast r o p h e n, die in diesem Jahre in Niederschlesien, bei Aachen und im Saargebiet so viele Opfer gefordert haben. Der Haushaltsausschuß ersuchte einer Entschließung die Reichsregierung bis zu 2 Mill. Mark zur Unterstützung der Angehörigen der Opfer auszuwerfen und auf eine eingehende Untersuchung der Ursachen der Katastrophe hinzuwirken.
Reichsarbeilsminisker Dr. Siegerwald erklärte, in Verbindung mit der preußischen Staatsregierung habe die Reichsregieruna alles getan, um den Hinterbliebenen schnelle Hufe zu bringen. Es feien auch an privaten Spenden für die Hinterbliebenen der Alsdorfer Katastrophe über 1,5 Mill. Mark eingegangen. Die Untersuchung der Ursachen der Alsdorfer Katastrophe werde mit aller Gründlichkeit und Gewissenhaftigkeit durchgeführt, aber hier handele es sich um ein in der Geschichte der Bergbaukatastrophen ohne Beispiel dastehende Explosion, deren Eigenart bisher noch nicht er-
der Typ des brutalen deutschen Kapitalisten, der über Leichen geht. Im Mittelpunkt aller Interessen dieser Kreise stünde heute nicht mehr das Land des deutschen Menschen, sondern der Prosit. Diese Menschen seien schuld daran, daß Kommunisten und solche Leute aufgekommen sind. Wir hassen die Kapitalisten, weil wir das deutsche Volk lieben. Diese Leute haben aber nie ihre Verantwortung vor der Nation gefühlt, sondern nur ihrem Profitstreben aedient. (Lebhafte Zustimmung bei den
streben gedient. (Lebhafte Zustimmung Nationalsozialisten.) — Dr. A l b r e ch t
Nationalsozialisten.) — Dr. Albrecht (D. Vp.) erklärte, die schweren Vorwürfe, die der Abgeordnete Börger gegen Generaldirektor Kesten soeben erhoben habe, ließen sich natürlich nicht sofort nachprüfen. Das allgemeine Verhalten zahlreicher Nationalsozialisten gestatte es ihm und seinen Parteifreunden jedoch nicht, diese Darlegungen für zutreffend zu halten. — Limbertz (Soz.) be- zweifelte, daß ein Antreibersystem im deutschen Bergbau nicht festzustellen sei. Es sei im Gegenteil so groß, daß man auch an der Ruhr ähnliche Katastrophen alle Tage befürchten müsse.
Vor dem Bonner Schnellrichter hatten sich sieben Personen zu verantworten, die an den Zusammenstößen zwischen Nationalsozialisten und Kommunisten am vergangenen Sonntag beteiligt waren. Sechs Angeklagte wurden zu Gefängnisstrafen von drei Monaten bis zu einem Jahr verurteilt. Ein Angeklagter wurde freigesprochen.
Cal ander ist in Genf eingetroffen, wie man annimmt, zur Vorbereitung der im Januar stattfindenden Verhandlungen des Völkerbundsrates über die deutsche Protestnote gegen Polen.
* Dem radikalsozialistischen Senator Steeg ist es in der letzten Nacht gelungen, sein Kabinett Susammenzustellen,
Wie die Pariser Zeitung „Paris Midi" meldet, steht der Rücktritt des Marschalls P e t a i n , des gegenwärtigen französischen Generalissimus, unmittelbar bevor. Als sein Nachfolger ist General Weygand, der bisherige General- stabschef, ausersehen. In die Leitung des General- stabes rückt an feine Stells General Gamelin ein.
Havas meldet aus Rio de Janeiro, daß Brasilien auf die französische und die nordamerikanische Mui- tärmission verzichtet hat. Den Leitern der französischen Militärmission und der Mission der Bereinigten Staaten sei offiziell mitgeteilt worden, daß die mit ihnen abgeschlossenen Verträge nicht erneuert würden.
durchgeführt werden.
In der Aussprache traten die Nationalsozialisten mit fast noch größerer Schärfe gegen die Grubenunternehmer auf als die Kommunisten. Abg. Dr. Ley (Nat.-Soz.) bezeichnete als eine der Ursachen der Alsdorfer Grubenkatastrophe die große Ausbeutung und Ueberan- strengung der Bergarbeiter. Die Bergarbeiter sagten, sie hätten Scheinmauern errichten müssen, weil ihnen der sonst drohende Abbau keine Zeit zum ordnungsmäßigen Ausmauern der Hohlräume ließ. Die so verbliebenen Hohlräume waren ideale Sammelstätten für die schlagenden Wetter, deren Explosion die Katastrophe hervorrief. Die schlimmen Zustande im deutschen Bergbau sind eine Folge der Auslieferung der deutschen Gruben an das französische Kapital. Der französische Kanonenkänig Schneider-Creuzot ist der eigentliche Beherrscher der Gruben des Wurm-Reviers. — Abg. Kuhnen (Ztr.) erklärte, seine Freunde lehnten es ab, die Grubenkatastrophen parteipolitisch zu verwerten, wie es andere Parteien getan hätten. Die Rationalisierung im Bergbau ist übertrieben worden auf Kosten der Gesundheit und Sicherheit der Arbeiter. — Abg. Albrecht-Hannover (D. V.) bedauerte, daß solche Katastrophen parteipolitisch ausgewertet würden, und fuhr fort: Von den Kommunisten sind wir das gewohnt, aber gegenwärtig versuchen die Nationalsozialisten auf diesem Gebiete mit den Kommunisten zu rivalisieren. — (Dr. Ley: „Das ist ja gelogen!" — Präsident Löbe ruft den Abgeordneten Ley zum zweiten Male zur Ordnung). Als der Redner fortfuhr, der Ab^-rd- nete Ley mache seinem Namen Ehre und sei ein vollständiger Laie, antwortet Dr. Ley: „Sie Brillenschlange!" Präsident Löbe: Herr Abgeordneter Ley, ich rufe Sie zum brittenmale zur Ordnung und weise Sie auf Grund des Paragraphen 91 âus dem Saal. Ley verläßt unter Einspruchs- rufen der Nationalsozialisten den Saal. — Der Nationalsozialist Börger wandte sich dann gegen Bergwerks-Generaldirektor Dr. Kesten. Kesten, der heute noch prominentes Mitglied der Deutschen Volkspartei und des Reichswirtschaftsrats fei, sei
, auch die AiMäge unben, die lich gegen die Stillegung der Wen- • ube bei Neurode wenden. Vom Reichs- wirtschâftsministerium wurde mitgeteilt, daß über die Wetterführung des Betriebes verhandelt werde. Sie werde aber nur möglich sein, wenn durch ziemlich hohe Subventionen die nötigen Sicherheitsvor- kehrungen in dieser Grube getroffen werden können.
Es folgte die Beratung eines kommunistischen Antrags auf Auszahlung einer
Winkerbeihilfe an Erwerbslose, Sozial- und Kleinrentner, sowie alle Fürsorgeberechtigten.
Der Reichshaushaltsausschuß schlägt die Ablehnung des Antrages vor. Angenommen wurde die Aus- schußentschneßung zur Grubenkatastrophe mit der Aenderung, daß sie sich nicht nur auf die Alsdorfer Katastrophe, sondern auch auf die Maybach-Grube bezieht. Angenommen wurde weiter der deutsch- Natipnale Antrag auf Weiterbetrieb der Wenzes- laus-Grube und der sozialdemokratische Antrag auf Vorlegung eines Berggesetzes. In namentlicher Abstimmung wurde der Ausschußantrag auf Ablehnung der von den Kommunisten beantragten Winterbeihilfe mit 284 gegen 183 Stimmen der Kommunisten, Nationalsozialisten, Deutschnationalen und des Landvolks angenommen. Nachträglich wurde auch noch der gestern nicht eledigte Antrag Gan- dorfer (BBd.) angenommen, wonach Bayern und das Donaugebiet in die Hochwasserhilfe einbezogen werden sollen.
Präsident L o e b e schlug vor, die nächste Sitzung nach den Weihnachtsferien am 3. Februar 1931 abzuhalten und die Festsetzung der Tagesordnung dem Präsidenten zu überlassen.
Abg. T o r g l e r (Komm.) beantragte, morgen eine Sitzung abzuhalten und eine Reihe kommunistischer Anträge zu beraten. Die Abgg. Dr. Spahn (Dntl.) und Dr. Frick (Nat.-Soz.) verlangten gleichfalls für morgen eine Sitzung. Alle diese Anträge wurden abgelehnt, der Vorschlag des Präsidenten wurde angenommen. — Um 15.30 Uhr schließt Präsident ßoebe die Sitzung ohne die in früheren Jahren üblichen Weihnachtswünsche für die Abgeordneten.
Aoch Seine
Die Woche
Wer da geglaubt hatte, daß mit der Ablehnung der Oppositionsanträge auf Aufhebung der Notverordnungen des Reichspräsidenten und der Mißtrauensanträge gegen das Reichskabinett im Reichstag Ruhe einziehen würde, daß nach dem Erfolg der Regierung Brüning vom letzten Samstag letztere vorerst über den Berg hinweg sei, und vom Reichstag keine größeren Schwierigkeiten mehr zu erwarten hätte,, hat sich schwer getäuscht. Die in der vorigen Woche erwarteten, aber erfreu' licherweise ausgebliebenen, stürmischen Szenen haben sich doch noch eingestellt, wie sich auch für die Regierung neue Wolken am Horizont zusammenballten. Der Reichstag ist nicht, wie ursprünglich beabsichtigt war, in die Weihnachtsferien gegangen, sondern er hat bis gestern getagt und ist erst gestern abend auf zwei Monate vertagt worden. Interessant ist dabei, daß es Reichstagspräsident Loebe, entgegen früheren Gepflogenheiten unterlassen hat, den Mitgliedern des Hauses die üblichen Weihnachtswünsche mit auf den Weg zu geben. Vielleicht ein Zufall — vielleicht aber auch darauf zurückzufllhren, daß Loebe ernsthaft erzürnt ist über das in der letzten Woche an den Tag gelegte Betragen zahlreicher Mitglieder dieses Hohen Hauses. Und das mit Recht, denn die Opposition hat im Laufe dieser Woche eine Offensive auf die andere gegen die Regierung unternommen, und dabei Spektakelszenen aufgeführt, die bestimmt nicht dazu angetan waren, das an und für sich schon mäßige Ansehen, das unser Reichstag mit seiner Disziplinlosigkeit im In- und Ausland genießt, zu heben. Im Gegenteil, die Debatten
stand, daß man im Inlands, in wetten Kreisen des Volkes, soweit sie noch nicht ganz verblendet oder nicht nur schwankende Gestalten -chne Sinn und Ziel sind, gelinde ausgedrückt, nur ein bedenkliches Kopfschütteln übrig hatte, und daß im Auslands das deutsche Volk zum Gespött und Gelächter der ganzen Welt wurde. Jeder nur einigermaßen denkende Mensch mußte sich sagen, daß unter solchen skandalösen Auftritten, wie wir sie in der letzten Woche erleben mußten, in einer solchen Brandung es unmöglich ist, das politisch-parlamentarische Schiff einen sicheren Kurs zu steuern, den wir brauchen, andernfalls wir im Frühjahr nicht abermals zur Wahlurne schreiten wollen. Dabei haben wir doch heute in einer Zeit, in der es um Sein oder Nichtsein des deutschen Volkes geht, in einer Zeit, in der die durch den Eingriff der Regierung geschaffene Möglichkeit einer ruhigen Entwicklung in wirtschaftlicher Beziehung positiv ausgenützt werden sollte, alle Ursache Neuwahlen, die nur neue Erschütterungen und Verschärfung der Gegensätzlichkeiten mit sich bringen, zu verhindern. Statt dessen erl bten wir aber in unserer Volksvertretung, die uns ein Vorbild sein soll, gegenseitige Befehdungen in der gemeinsten Weise, daß von dem Vorhandensein eines Gefühles wie innere Volksgemeinschaft auch nicht das Geringste zu spüren war. Ist es denn wirklich so schwer, die Meinungsverschiedenheiten, die es ja immer geben wird, auf sachliche Weise auszutragen, ist es wirklich unmöglich, daß wir uns zusammenfinden, wo wir doch zusamme/igehören? Wollen unsere Volksvertreter nicht endlich begreifen, daß dieser Weg des Skandals um jeden Preis, der Zerfleischung, des Deutschen gegen Deutschen uns nicht weitferführen kann — außer ins Verderben, daß aus diesem Kampf und der Entzweiung nichts anderes hervorgehen kann als neue Zerrüttung, endloses Ringen und am Ende das Chaos des Urbeginns?
In Bordeaux hat sich gestern wiederum ein Sanfter namens Christolome den Gerichten gestellt. Er gab an, ihm anvertraute Gelder in Höhe von anderthalb Millionen Francs ander Börse verspielt zu haben.
politischen Weihnachts-erien
pro s- und Loh sen nnz - Abvüstnns - Etat
Associated Preß meldet aus RiodeIane i r o, daß die provisorische Regierung die Einwanderung aus Europa auf sechs Monate verbieten will, um die Arbeitslosigkeit zu beheben. Nicht betroffen werden wird, wie es heißt, von dieser Maßnahme die japanische, des P r e l Einwanderung, die einen bedeutsamen Faktor für ; Flusse sind. Der Preissenkungsausschuß des Kabinetts die Entwicklung der Landwirtschaft darstellt. — Die tritt am Dienstag erneut zusammen. 2sm Donners- Zahl der Arbeitslosen in Rio de Janeiro wird ■ t âd außerdem der Auswärtige Ausschuß über — nicht amtlich — auf 60 000 geschätzt. - - - - - -
Berlin. 12. Dez. Mit der Vertagung des Reichstages haben noch keineswegs die politischen Weihnachlsserien begonnen. Vielmehr stehen der Reichsregierung vor dem Fest noch eine ganze Reihe wichtiger Aufgaben bevor.
Das ergibt sich schon daraus, daß die Probleme
- -eis- u n d. L ohn a b b au e s dauernd im
die Genfer
Abrüstungsverhandlun-
•) Näheres stehe im politischen Teil.
gen beraten, Graf Bernstorfs, der morgen in Ber>
lin erwartet wird, wird dem Ausschuß Bericht erstatten. Bis dahin ist Reichsaußenminister Curtius, der am Montag die angekündigte Reise nach Ost- Preußen unternimmt, zurückgekehrt. Schließlich gehen auch die Bemühungen des Reichsarbeitsministers Stegerwald um den sozialen Burg-
(Fortsetzung auf Seite 2)
Ein großer Teil unserer Volksvertreter begreift dies nicht, oder will es nicht begreifen, er steuert auf jenes Ende direkt drauf los, auf ein Ende, an das man nur mit Grausen denken kann. Oder glauben etwa diese Volksvertreter, daß ihre Radauszenen im Reichstag im Lande kein Echo fänden, daß die gegenseitigen Befehdungen im Parlament nicht eine allgemeine Verhetzung der Volksgenossen gegeneinander zur Folge haben müssen? Diese hetzerischen Szenen führen dazu, daß auch im Volke einer in dem anderen seinen Todfeind siebt und daß er nicht ahnt, daß der andere
Die beurtge Uumme« umfaßt
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