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M. 224

ANtttvoch, den 24. September 1930

Seite 9

Tage des Grauens

Eilebnisse In den Kerkern der französischen Schreckenszeit Aufzeichnungen von Graf Beugnot

Bearbeitet von Friedrich von Oppeln-Bronikowski Nachdruck verboten

V*

I Ein Mädchen sagt den Sie* volutionären die Wahrheit

: Drei Monate waren seit dem Tode der Königin I âssen, und wahrscheinlich wäre Eglèe und ihre I MM vergessen worden, hätte sie die geringste I Müchaltung bewahrt. Aber sie hätte sich ge- V Wt, wenn sie geschwiegen hätte; sie vertrat ihre I Ssinung in der Conciergen« mit so aufrühre- I Mm Schwung, daß Fouquier ein Ende mit ihr I wollte.

Mn gab sich nicht die Mühe, eine neue An- I MchM für die beiden Dirnen aufzusetzen. Man I die alte, von Ehaumette aufgesetzte wieder und I M sie ihnen im ursprünglichen Wortlaut zu. I M und ihre Gefährtin wurden a^o wörtlich

I Mgeklagl, im Einverständnis mit der „Witwe Capet“ gestanden und mit ihr gegen die Frei- ■ heit und Souveränität des Volkes fonfpiriert zu haben.

I M habe die Anklageschrift gelesen und kann es be» I «en.

Eglèe war stolz auf sie, aber empört über bte I Vegründung. Sie begriff nicht, daß man so blöde I tilgen könne, und überschüttete .bas Tribunal mit I MM Bosheiten, die nur in ihrem Munde ein I Dienst hatten. Sie gab die ihr zur Last geleg- I seit royalistischen Reden und Ausrufe zu; als aber I dir Stelle über ihre gemeinsam mit der Königin I begangenen Vergehen kam, zuckte sie die Achseln l ich sagte: „Das ist schön. Ihr seid wirklich geist- I reich. Ich als Mitschuldige derjenigen, die ihr die «We Capet nennt und die trotz allem eure Kö- nigin war! Ich arme Dirne, die sich ihr Brot an den Straßenecken verD'iente und keinem von ihren Küchenjungen zu nahen gewagt hätte! Das ist einer Horde von Taugenichtsen und Tröpfen, wie ihr seid, würdig!" Trotz dieser Schmähung wollte iw Tribunal ihr wohl. Ein Geschworener be» Motte, sie sei wahrscheinlich betrumen gewesen, als ! sie die ihr zur Last gelegten Reden gehalten hätte, | unb auch jetzt nicht bei Aarer Besinnung. Und ein ' Mr andere Geschworene, alte KuUden von ihr, nterstügten diese Bemerkung. Mit der gleichen Stirn wies Eglèe die Beschützer und die Anlässe zur Ksschützung zurück. Sei jemand unter den Än- vssenden betrunken, so sei sie es nicht, und zum Zeveis, daß sie jene Reden mit Absicht und Dor- teba^t gehalten hätte, wied erholte sie sie wörtlich. Man müßte ernstliche Maßregsln treffen, um ihr Schweigen zu gebieten, zwang sie, sich zu setzen, und â zu ihrer Gefährtin über. Zaghaster als Eglëe, Aderte diese un!d nahm das Attest der Betrunken- fit an, das sie vor dem Tode retten sollte.

.Da schrie eglëc ihrer Gefährtin entrüstet zu, ihre SchwachhM sei ein Verbrechen, uhb sie entehre sich.

Md sie ermähnte sie zum Mut und zur Wahrheit.

Da schwor die andere ihren Irrtum ab und be­kennte sich gleichfalls des Vorsatzes schuldig. Das Tribunal machte in seinem Urteil einen gerechten Merfdfieb: es schickte Eglèe als unverbesserliche Aristokratin aufs Schafott und begnügte sich, die sitbere für zwanzig Jahre in die Salpttrisre ein-

*) Sishe auch Artikel in 212, 216, 218 und 221.

zusperren. Als Eglse das Tribunal verließ, be= klägte sie ihre Gefährtin ob ihres Benehmens und war mit dem eigenen zufrieden. Leicht wie ein Vogel sprang sie auf den Henkerkarrsn. Zweifel­los hatte sie eine abscheuliche Erziehung genossen. Irgendeine gute Frau haste den Keim der Vor­urteile des alten Regimes in ihre Seele gelegt. Ihr zerstreuungsreiches Leben hätte chn auf die Dauer erstickt; aber die revolutionären Vepfölgungen hal­lten ihn anscheinend entwickelt, und so war er Hoch­geschossen in dieser glühenden Seele, die zu mehr als einer eLidenschast fähig war . . .

Mein Zellengenosse Lamouretre, Bischof von Lyon, war ein angenehmer Leidensgefährte, ein ge­bildeter Mann und ein guter Redner. Bei Aus­bruch der Revolutiön war er einer der hervor­ragendsten Geistlichen des Oratoriums gewesen. Wie fast alle Mitglieder dieser hohen Körperschäft hatte er sich durch die r^uen Grundsätze bestechen lassen und war daraufhin zum Bischof von Lyon ernannt worDen. Während der Belägerung der Girondisten in Lyon entwickelte er den Eifer und den Mut, der den französischen GeMlchen in ge­fährlichen Zeiten nie gefehlt hat.

3m Kugelregen leistete er den Kämpfern geist­lichen Beistand.

Der Abbë Raster und sein Großviikar kamen da­bei ums Selben, aber der Bischof blieb unverwun­det. Nun war er darauf gefaßt, daß der Henker Das Werk der Soldaten Dubai s-Crancès vollenden werde. Er zeigte däboi keinerlei Verwirrung; sel­ten habe ich einen Menschen gesehen, der den Stoizismus so weit trieb wie er. Regelmäßig, aber ohne irgendwelches Getue, sähen wir chn die Pflich­ten des Geifttichen erfüllen. Als er vor das Tri­binal geführt wurde, gestand .er, was ihm zur Last gelegt wurde, aus religiöser Gewissenspflicht ein, bekannte feinen Glauben, bekreuzigte sich und er­wartete sein Urteil. Mich beauftragte er besannt» zugeben, daß er feinen Eid auf die bürgerliche Verifässung der Geistlichkeit zurückzöge.

In der folgernden Nacht machten Wir bobbe eine schwere Prüfung 'durch. Inifolge des Abgangs der fünif Girondisten waren in unserer Zelle fünf Wätze frei geworden. Sie wurden durch Lamou- rett«, einen früheren Prior, den Porträtmaler Boos, den . ehemaligen Finanzminister (Saniere und einem Pariser Schneider ausgeifütlt. Diese Zelle bildete durch ihre Ruhe und Ordnung eine Ausnahme; sie wurde das Zimmer der sieben Wei­sen genannt. Elavière war Materialist, die beiden Priester selp: fromm, der Schneider Protestant und der Maler gar nichts. Glaoière wollte sich ein paar Spötteleien erlauben, als die beüben Geistlichen zu­sammen ihr Brevier Lasen; aber ich fuhr ihn hart ab.

Am Tage meines ersten Wiedersehens mit mei­ner Frau erhielt Elavière seine Anklageschrift und die Vorladung vor das Tribunal für den nächsten Tag. Er las sie halb durch; dann trat er sie vor Wut mit Füßen. Ich hob sie wieder auf. «Lesen Sie", sagte er zu mir, „wenn Sie den Mut dazu haben, und sagen Sie mir, was einem Manne von Herz da zu tun bleibt." Ich las also ein langes Register aller Verbrechen Elavières; nur die wirk­lichen fehlten. Ich riet ihm, seinen Anwalt rufen zu lassen. „Wozu?" fragte er. „Lieber will ich ■■■■■■MBailMMWllWaMMBmMMMMMBBMWMmBBWII^

meinen ^Schwiegersohn kommen lassen und mit ihm über das Schicksal meiner Tochter reden." — „Eins schließt das andere nicht aus", entgegnete ich.

Er ließ beide rufen. Dann aß er, nicht mehr und nicht weniger als sonst, an dem Disch, an dem er gewöhnlich speiste, und bewahrte seine Kalt- blütigkeit. Nur stibitzte er das Vorlegemesser und brachte es in unsere Zelle. Am Nachmittag sprach er mit seinem Schwiegersohn und seinem Anwalt; dann redete er nicht mehr von seinem Prozeß. Als die Stunde nahte, wo die Zellen geschlossen wurden, schloß man ihn in die meinige ein. Das Gespräch drehte sich wie gewöhnlich um unsere elende Sage, und Lamou rette flocht wie stets Betrachtungen über die Kürze unseres Lebens ein, zu der die Wut un­serer Verfolger nur wenig beitrage. Jeder legte sich zur Ruhe und schlief; denn selbst im Kerker schnarcht man.

Eine Stunde darauf, als wir ein geschlafen waren, werde ich durch Lamourettes Schrei geweckt:

„Elaviöre! Ach. Unglücklicher, was haben Sie getan!“

Deutlich höre ich zwei grausige Geräusche: das Röcheln eines Sterbenden und das Tropfen feines Blutes auf die Fliesen .Ich springe aus dem Bett, alle anderen desgleichen. Was tun? Hilfe von draußen konnten wir uns nicht verschaffen, ebenso­wenig Licht. Nur eine Laterne, die gerade unse­rem Fenster gegenüber im Flur des Justizpalastes hängt, wirst einen schwachen Schein auf diese Schreckensszene. Die beiden Priester knien nieder und fordern uns auf, ein gleiches zu tun, um Gottes Gnade für den unglücklichen Sterbenden zu eqflehen. Jeder wirst sich nieder. Nach einer hal­ben Stunde hören wir das Blut immer noch trop­fen. Wir werfen uns wieder auf unsere Betten; da wir alber in das Blut aus den Fliesen getreten waren, besudeln wir sie damit, und am nächsten Morgen, beim Deffnen der düsteren Zöllen, scheinen sie in einen Schlachthöf verwandelt.

Als wir uns ein wenig beruhigt hatten, hielten wir verschiedene Umstände zusammen, die uns Elavières Entschluß hätten ahnen lassen müssen. Mehrfach hatte er beteuert, er werde die Menschen- Würde nicht so weit erniedrigen, daß er vor diesem verruchten Tribunal erscheine. Den Maler Boos hatte er gefragt, wie Menschen, die sich erdolchen, sich aus Bildern und Statuen verhalten, und sich die Stelle an der linken Seite bezeichnen lassen, wo man am sichersten das Herz trifft. Aber die Todes- art, die er sich gewählt hatte, setzte doch unglaub­lichen Mut voraus. Es ist unbegreiflich, daß er auf einem Gurtbett ohne feste Lehnen das Messer mit der linken Hand auf die Stelle setzen konnte, wo es eindringen sollte, und daß er durch Schläge mit .â rechten Haqd, hmeiMch, „ohne aufzu- schreien, ja ohne eine Bewegung zu machen, d:e uns hätte auswecken können. Und Doch war des nach der Meinung der Sachverständigen die einzige Art, wie er sich den Tod hatte geben können.

So starb Elaviörc, der erste Fimmzminister der Republik.

Er gehörte zu dem berühmten Triumvirat Roland, Elavidre und Ssvvan, das von Ludwig XV. berufen worden war, um ihn zu verteidigen, das ihn aber an die Jakobiner auslieferte und den täglich wil­deren Gewaltakten beiwohnte, die mit der Hinrich -

tung des Königs endeten. Roland hâ sich vierzehn Tage vor G$amère bei Rouen erdolcht; Servan, einst Kriegsminister, hatte sein Leben gefristet, in­dem er sich zu den Heeren begab, aber das unerbitt­liche Schicksal sollte ihn dort ereilen , . .

Inzwischen warteten blutgierige Leute, die Cla- vière auf dem Schafott sehen wollten, im Tribunal, um gegen ihn auszusägen. Man teilte ihnen mit, daß er Selbstmord begangen höbe. Sie wollten es nicht glauben und kamen ins Gefängnis, um sich davon zu überzeugen, traten vor Den Leichnam und spieen die gräßlichsten Verwünschungen gegen den Ruchlosen aus, der sie bes Vergnügens beraubt hätte, sich an seiner Hinrichtung zu weiden. Sie rissen den Mantel von feinem blütbedeckten Körper, schlugen auf ihn ein und stießen ihn mit den Füßen. Ein Kannibalentanz ist bei weitem nicht so furcht­bar, wie dies Gemisch wilder Barbarei und äußerster Verderbtheit zivilisierter Manschen. Der Eindruck dieser Szene, das weiß ich, wird nie aus meinem Gedächtnis schwinden,

Inzwischen wütete das Tribunal weiter und mor­dete rechts unD links, ahne den minldestsn Unter­schied., Ich konnte mir nur schwer einreiben, daß es meiner Frau gelingen würde, mich 'dem Schicksal zu entreißen, dem meine Gefährtin, einer nach dem anderen verfielen. Ich wunde wieder ans Gitter gerufen und ging voller Verwirrung hinunter, aber auch voller Eifer, meinen Schutzengel wiederzu- schen. Ich suchte die 2lugen meiner Frau, aber ich sah nur mehrere Aufwärterinnen, die am Gefäng­nistor die Rolle von Dienstmännern versahen. Der Pförtner duldete es, daß sie Einkäufe für die Ge­fangenen machten, ihnen Essen brachten und kleine Hausarbeiten verrichteten.

Ein paar junge Damen, die Gefangene sehen wollten, aber die Erlaubnis dazu nicht erhiel­ten, kamen auf den Einfall, in die Kleider die­ser Dienstfrauen zn schlüpfen und in dieser

Vermummung ins Gefängnis zu dringen.

Auch meine Frau hatte diese Schmugglertracht angelegt, in der ich sie zuerst nicht erkannte. Ich wunderte mich nur, daß eine Magd mich so vertrau­lich ansprach. Erst am Ton ihrer Stimme erkannte ich sie. Ich mußte wie toll auslachen, und sie ant­wortete mit dem gleichen Gelächter. Als wir uns lange unterhalten hatten, sagte sie: ,Lch bin noch nicht fertig. Ich spiele die Botenfrau eines Herr« Ducoitrneau. Ich muß ihm seine reine Wäsche brin­gen und die schmutzige obholen. Ich habe Briefe, Bücher und Täbak für ihn. Ich kenne ihn gar nicht; aber die Austrägerin sagt, ich brauchte ihn nur rufen zu lassen, dann käme er gleich." Ich ließ ihn holen, und er erschien. Es war ein Girondist aus Bordeaux, ein geistreicher junger Mann, der rei­zende Beä-e schxiM. Dfe Bo.iMi.au redete ihn lehr verlegen an: „Monsieur, die Frau, die sonst Ihre Besorgungen macht . . ." „Genug,. Bürgerin", un­terbrach er sie lebhast, „Monsieur hat mir alles ge­sagt. Er hat mir gesagt, Sie seien eine reizende, apfere, etwas aristokratische Frau. So liebe ich die Frauen, und ich lege mich Ihnen zu Füßen. Wohl dem Bürger Beugnot, daß er sie kennt!" — „Das hat seinen guten Grund", bemerkte ich, „benn die heutige Botengängerin ist meine Frau."

(Fo rtse tzu ng folgt.)

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