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«r. 206
Mittwoch den
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3. «September!
1930
Das nette#«
— Das Reichskabinelk wird heute zufammen- kreten. Die Besprechung wird der Vorbereitung der kommenden Verhandlungen in Genf gellen.
— Uber das Befinden des Reichsaußenminifkers hören wir von unterrichteter Stelle, daß Dr. Lurtius wieder vollkommen hergeftelll ist und die Vorbereitungen für feine Abreise nach Genf trifft.
— In einer Sonderausgabe des Amtsblattes des Memelgebietes werden die Wahlen für den neuen Landtag vom Gouverneur und dem Präsidenten des Direktoriums des Alemelgebiekes auf den 10. Oktober d. 3. festgesetzt.
— Der amerikanische Ieitungsverleger Hearst, der sich seit einigen Tagen in Paris aufhielt, ist aus Frankreich ausgewiesen worden.
— Der Ozeanflug Loskes und Bellonkes ist gelungen. Ihre Landung in Newyork ist glatt von- statten gegangen.
— Die »Bralkvaag" ist in Tromsö gelandet. Die Ueberreste der Polarforscher Andres Fränkel und I Strindberg wurden in feierlichem Zug ans Land W gebracht.
W — Die Jdenität des in Aachen als Bandenführer Diamond Verhafteten ist durch Fingerabdrücke festgestellt worden.
GMMs AttAenmittMev - ttW MLvwattus
Berlin, S. Sept. Wie die „Vossische Zeitung" behauptet, soll es nach der Rückkehr des Reichs- --außennu,,.,. ^rs „Dr. Curtius aus Baden-Baden - zwischen ihm und Herrn Treviranus zu einer ^Auseinandersetzung gekommen sein, die sich ' um das rednerische und publizistische Eingreifen des Ministers für die besetzten Gebiete in die Außenpolitik gedreht habe..Eine solche Unterredung kann, wie mir feststellen konnten, schon aus dem Grunde nicht stattgesunden haben, weil Treviranus während I der letzten Tage überhaupt nicht in Berlin weilte.
Richtig ist nach unserer Kenntnis, daß — und zwar nach der ersten Polenrede des Ministers W Treviranus — sich das Kabinett mit der Frage befaßt hat, inwieweit es zulässig sei, i. I daß ein nin: unmittelbar für die Auk-"nnoMÜ ter= antwortliches Kabinettsmitglied zu außenpolitischen Problemen Stellung nehme. Man soll damals ; I übereingekommen sein, daß in solchen Fällen der M Außenminister vorher über derartige Absichten zu i unterrichten sei. Man darf danach wohl annehmen, § daß in der Folge auch in der Weise verfahren mor« I den ist. Daß zudem der Reichskanzler jüngst in I Trier betont hat, daß für die Führung der aus- ! . wärtigen Politik verfassungsmäßig der Chef der $ Reichsregierung und der Reichsaüßenminister ver- U antwortlich seien. so liegt kein Anlaß vor, von einem I „Konflikt" im Kabinett zu sprechen.
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Die polnische Hafenfrage
Danzig, 2. Sept. Die Antwort Danzigs auf die ■ volnische Stellungnahme zu der Danziger Note in ■ der Frage des Konkurrenzhafens Gdingen ist gestern dem hohen Kommissar des Völkerbundes zugeleitet worden. Die Note setzt sich im einzelnen mit den polnischen Behauptungen auseinander und i, führt insbesondere den Beweis, daß die polnische M These von der Notwendigkeit zweier Häfen für den U Außenhandel Polens nicht zu halten ist. In der 8 Danziger Antwort wird eine Außenhandelskalku- W lation für Polen aufgestellt, aus der hervorgeht, X daß dieser Außenhandel im Höchstfalle 11 Millionen ' erreichen kann, während das Fassungsvermögen des Danziger Hafens 12 Millionen mindestens be- I trage und das von Gdingen nach den polnischen M Plänen auf 15 Millionen Tonnen gebracht werden I soll. Es bestehe auch keine Aussicht, daß der see- D wärtige Verkehr Polens in Zukunft eine Stei- I gerung erfahre. Im Gegenteil sei anzunehmen, daß I die polnische Ausfuhr immer mehr über die Land- I grenzen geht, je mehr Handelsverträge mit den I europäischen Staaten abgeschlossen werden. Polen I habe den Charakter eines Binnenhandelsstaates. 6 Die Danziger Note geht dann noch auf die Be- I Hauptung Polens, daß der Danziger Antrag auf I Entscheidung durch den hohen Kommissar einen I Eingriff in die polnische Souveränität bedeute, ein, $ und stellt fest, daß Polens Verhalten weder mit I dem Begriff des Fair play, noch mit dem Rechts- | I standpunkt vereinbar sei. Danzig verlange j l nur die Durchführung einer Entscheidung des Völkerbundskommissars. W Dagegen bedeute das Verhalten Polens einen Ver- I stoß gegen die wirtschaftliche und politische Selb- I ständigkeit Danzigs. Der Antrag Danzigs, Polen l H zur Innehaltung der vertraglichen Verpflichtungen I einer vollen Ausnutzung des Danziger Hafens zu z veranlassen, wird daher in vollem Umfange auf- . rechterhalten.
Aachen, 2. Sept. Jack Diamond bestritt bei seinen ersten Vernehmungen hartnäckig, mit dem Gesuchten identisch zu sein. Er heiße nicht Jack, sondern John Diamond und sei, was der Paß auch
Die Verhaftung SaB Diamonds
Me vevsönlkchkett des ÄLtvvovkes SsvbreKevßSniss durch SittsevaddrüSe fest gestellt
Aachen, 2. Sept. Me bereits gemeldet, ist der amerikanische Bandenführer Jack Diamond bei seinem Eintreffen in Aachen von der Kriminalpolizei verhaftet worden. Die Verhaftung ist auf eine Anzeige der amerikanischen Botschaft zurückzuführen. Auf die Meldung, daß Jack Diamond in Antwerpen von Bord gegeangen sei und auf einen Paß mit deutschem Visum reise — als Reiseziel war Magdeburg angegeben — ließ der amerikanische Botschafter den deutschen Behörden milteilen, daß er ein Auslieferungsgesuch an die deutschen Behörden vorbereite. Die Aus-lieferung wird wegen der Ermordung eines Rewyorker Kassenbolen begehrt.
Jack Diamond
gegeben und auch nicht die Einreisevisen nach Belgien und Deutschland.
Diese befanden sich tatsächlich in bester Ordnung. Der Paß ist am 14. August ausgestellt worden. Die Sichtvermerke für Belgien und Deutschland sind unter dem 20. und 15. August eingetragen. Deshalb hat man auch Diamond noch dreistündiger Festnahme in Belgien wieder laufen lassen, und deshalb konnte auch in Aachen anfänglich berechtigter Zweifel an der wirklichen Identität des Verhafteten mit dem Verbrecherkönig von Newyork auftauchen. Das um so mehr, als auch äußerlich >der Verhaftete wie ein schwerkranker Mann ausstsht. Er hat ein- gsfallene, blasse Gesichtszüge und einen so schmächtigen Körper, daß man ihn nicht „verbrecherischer Heldentaten" fähig hält. Der elegant und tadellos gekleidete Mann macht auch sonst in seiner ganzen Erscheinung nicht den Eindruck eines Verbrechers. Wer der moderne Stand der Kriminalwissenschaft wurde ihm im Laufe des heutigen Nachmittags zum >feW - Die .hiesige Aimi^Mpolijei nahm seinen Fingerabdruck auf und verglich die Formen seiner Abdrücke mit denen des Schwerverbrechers, die im Archiv des Berliner Erkennungsdienstes aufbewahrt wurden. Der Vergleich ergab überraschenderweise, daß sie in allen Linien stimmten. Jack Diamant war überführt trotz allen Leugnens und mancher Beweise, die anfänglich für ihn sprachen.
Berlin, 2. Sept. Die Verhaftung Diamonds ist auf Veranlassung der Berliner Kriminalpolizei erfolgt, die von der amerikanischen Botschaft um Mit' fahndung angegangen wurde. Eine Auslieferung Diamonds nach Amerika kann nicht ohne weiteres erfolgen, da mit Amerika kein Auslieferungsvertrag besteht. Es würde hier ein Abschiebungsverfahren anzuwenden sein, bei dem Diamond nach einem der Nachbarländer Deutschlands, das ihn aufzunehmen gewillt ist, als lästiger Ausländer abgeschoben würde. Wenn, was anzunehmen ist, sich sämtliche Länder weigern, ihn aufzunehmen, würde er schließlich der Heimatbehörde, also nach Amerika, zu überweisen sein.
Diamond hatte bei seiner Verhaftung etwa 15 000 Mark Bargeld und größeres Gepäck bei sich.
ausweist, 1898 in Philadelphia geboren. Er sei als schwerkranker Mann mit der Absicht nach Berlin gereist, sich hier von einem Magenspezialisten operieren zu lassen. Dann wolle er zur Kur nach Baden-Baden und von dort aus zur endgültigen Genesung nach Vichy an der französischen Küste reisen. Er verstehe gar nicht, was man von ihm wolle; er sei in Newyork Besitzer mehrerer Kaffeehäuser und müsse allerdings zugeben, daß er als solcher wiederholt mit Bootleggers (Sprittfchmugg- lern) zufammengekommen sei. Aber daraus könnte man ihm doch schließlich keinen Vorwurf machen. Wenn er der gesuchte Verbrecherkönig wäre, dann hatte man ihm sicherlich die Äusreisepapiere nicht
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Paris, 2. Sept. Der bekannte amerikanische Zeikungsmagnak William Hearst, dec sich seit einigen Tagen in Paris aufhielk, ist aus Frankreich ausgewiesen worden.
Vom Mivisterprästdium wird folgende Mitteilung ausgeben: Der amerikanische Zeitungsver- leger William Randolph Hearst ist gestern aus dem französischen Gebiet ausgewissen worden. Diese in Ausführung eines Erlasses des Ministerpräsidenten in seiner Eigenschaft als Innenminister getroffene Maßnahme geht zurück aus die Rolle, die Hearst im vergangenen Jahr- bei der Entwendung und Veröffentlichung eines Geheimdokumentes betreffend die französisch-englischen Flottenverhand- lungen gespielt hat.
In der vom Temps wiodergsgebenen Begründung heißt es weiter: Wie erinnerlich, war Hearst beschuldigt worden, die Veröffentlichung einer wichtigen, vertraulichen, diplomatischen Urkunde, die sich aus den Plan eines französisch-britischen Flottenabkommens bezog, begünstigt zu haben. Seit jener Seit hatte er in seinen Zeitungen heftig Feldzüge gegen Frankreich geführt, Feldzüge, die während der Atzten Zeit sich noch verschärften, hauptsächlich im Hinblick auf eine Aenderung der Friedensverträge. Der Minister des Innern hat gegen ihn am 9. August ds. Js. einen Ausweisungsbefehl erlassen, der ihm gestern nachmittag in einem Hotel bei den Champs Elysees übermittelt wurde. Er war dort, von England, kommend, abgestiegen, und hatte sich dort unter einem falschen Namen eingetragen. Es wurde ihm ein Zeitaustchub zum Verlassen Frankreichs gewährt. Er beschloß jedoch, am selben Abend abzureisen.
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London, 2. Sept. Hearst hat bei feiner Ankunft in England folgende Erklärung abgegeben:
„Ich habe mich nicht zu beklagen. Die amtlichen Nellen waren äußerst höflich. Sie erklärten, daß ich ein Feind Frankreichs sei und eine Gefahr in ihrer Mitte. Ich kam mir dabei ganz wichtig vor. Sie erklärten, ich könne noch ein wenig bleiben, wenn ich wollte, sie würden sich mit dem Risiko einer eventuellen Katastrophe der Repw blik abfinden. Aber ich sagte ihnen, daß ich nicht die Verantwortung für eine Gefährdung der großen französischen Nation tragen wollte. Amerika habe sie schon einmal während des Krieges gerettet, und ich würde sie noch einmal retten, indem i ch ihr Land verlasse. Weiterhin befand ich mich in der Lage des Mannes, dem befohlen wurde,- daß er blind werde und der darauf antwortete, es sei ihm einerlei, denn er habe sowieso schon alles gesehen. In ähnlicher Weise habe ich schon alles in Frankreich „gesehen", einschließlich einiger sehr interessanter Darbietungen der Regierung. Daraufhin bat ich den Abgesandten des Herrn Tardieu, ihm meine außerordentliche Bewunderung auszudrücken über feine erstaunliche Wachsamkeit beim Schutz Frank-
(Fortsetzung auf Seite 2)
24 Vavteien, seeo Reichstasskandidaten
Durch die gestern gemeldete Entscheidung des Reichswahlausschusses, der 24 Wahlvorschläge für die Reichsliste zugelassen hat, ist wenigstens ungefähr schon ein vollständiges Bild über den Aufmarsch der' Parteien gegeben. Freilich hat die Reichsliste für deren Wähler nur eine mittelbare Bedeutung, weil neben ihr die Kreiswahllisten ein selbständiges Leben führen. Die 24 Reichswahlvorschläge bedeuten deshalb auch schon 24 Parteien, weil die Deutsch-Hannoveraner, die Konservative Partei und das sächische Landvolk ihre Kreiswahlvorschläge zur besseren Ausnutzung der Reststimmen mit der Reichsliste der Christlich- Rationalen Bauernpartei verbunden haben. Immerhin, es bleibt schon ein kleiner Fortschritt, da wir diesmal 11 Reichswahlvorschläge weniger haben als 1928 und von den verbleibenden 24 werden mindestens 10 nur ein Veilchendasein führen. Auch das ist reichlich viel, weenn man sich vergegenwärtigt, daß bei der vergangenen Wahl durch die übertriebene Zersplitterung der bürgerlichen Parteien etwa 20 Sitze verloren gingen. Im Mai 1928 waren in den 35 Wahlkreisen nicht weniger als 642 Kreiswahlvorschläge eingereicht worden, die insgesamt 6000 Kandidaten umfaßten. Man rechnet in amtlichen Kreisen damit, daß die Einsparungen auf der Reichswahlliste sich auch bei den Kreiswahlvorschlägen auswirken werden, daß wir also diesmal etwa 100 Listen weniger bekommen und dementsprechend diesmal auch 1000 Kandidat« weniger. Selbst dann bleibt immer noch ein Heer von 5000 Reichstagskandidaten, von denen höchstens jeder Zehnte das Ziel seines Ehrgeizes erreicht.
Es ist zweifelhaft, ob man in der Reduzierung der Reichswahlvorschläge ein Zeichen für zunehmende politische Einsicht erblicken kann. Wahrscheinlich spielt der Geldmangel dabei eine große Rolle, ferner wohl auch die Erkenntnis, daß nach der letzten Entscheidung des Staatsgerichtshofes keine Hoffnung mehr besteht, auf Grund der Reichsliste mehr Abgeordnete zu erhalten als von der betreffenden Partei in den einzelnen Wahlkreisen durchgebracht worden sind. Aber auch die Zahl der diesmal eingereichten Wahlvorschläge zeigt die erschreckende politische Zerrissenheit und Unreife weiter Volkskreise und namentlich des Bürgertums, das diese Eigenbrötelei immer mit besonderer Vorliebe betrieben hat, ohne Rücksicht darauf, daß mit der Vermehrung der Splitterparteien einmal ein Anwachsen der für sie abgegebenen Stimmen einhergeht und daß durch das Auftreten koalitionsunfähiger oder verantwortungsscheuer Außenseiterparteien bei den wenig stabilen Mehrheitsverhältnissen im Reichstag die Regierungsbildung und die Einhaltung einer klaren politischen Linie vielfach außerordentlich erschwert ist. Ueber den ersten Punkt geben folgende Zahlen Aufschluß. Auf die 19 Splitterparteien ohne Mandat, die bei den Wahlen zur Nationalversammlung auftauchten, entfielen nur 13 000 Stimmen. Bei den Wahlen vom Jahre 1920 war die entsprechende Zahl auf rund 243 000 angewachsen. Die Maiwahlen von 1924 erbrachten für die Splitterparteien eine gewaltige Steigerung auf 832 504 Stimmen. _ Die Dezemberwahlen des gleichen Jahres zeigten einen Rückgang auf 599 000 Stimmen. Die Reichstagswahlen von 1928 endlich ergaben wieder eine Steigerung auf 832 562 zersplitterte Stimmen, die bei einer Konzentration auf größere Parteien diesen einen Zuwachs von 14 Mandaten gebracht hätten.
Man greift sicher nicht zu hoch, wenn man von diesen 832 562 Stimmen 80 Prozent auf das bürgerliche Konto schreibt. Mindestens ebenso hoch ist auch der Prozentsatz des Bürgertums in dem Millionenheer der Nicht- Wähler, das bisher immer der Wahlurne ferngeblieben ist. Bei der Wahl zur Nationalversammlung war die hohe Ziffer von 83 Prozent Wahlbeteiligung erreicht worden; sie schwankte dann bei den einzelnen Reichstagswahlen zwischen 78 und 79 Prozent, um bet der letzten Wahl noch weiter zurückzugehen. Wie wird das diesmal werden, wo es um schicksalsschwere Entscheidungen geht? D i e
Die heutise Stammet umfaßt 1C «Seife«