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Samstag, den 30. August 1930

Sette 3

Stadt Ka«a«

Dümmeefiuttde

Wie phantafiereich und köstlich ist es für ein schwärmerisch angelegtes Gemüt, die sinkende Sonne, das verglimmende Tageslicht zu betrachten - In der heutigen Zeit ist diese Dämmerstunde nicht mchr so beliebt wie früher. Man hat keine Zeit mehr für das Ideale, es sind auch wohl zu wenig Menschen mchr, die eine einsame Stunde aufsuchen, um ihren Gedanken Audienz zu geben. Wozu gibt man Geisestschasten, treibt Sport u-nd Spiel? Ach, die Dämmerstunde, die gehört der guten alten Zeit an, gehört zu den unmodernen Artikeln für die Kinder uniferer Zeit. Sie verstehen nicht den Wert, die geheime, Macht der Dämmer­stunde, sie wollen keine Einkehr bei sich selbst Hal- ten, nicht aus dem Grunde ihrer Seele hervor­heben, was da schlummert. Es könnte aus dem un­gewissen Halbdunkel eine Schuld aufstehen, mah­nend und riesengroß. Ein bekümmert Herz aber weiß die Dämerstunde zu schätzen. In ihrem ver- hWenden Schatten, in ihrer majestätischen Ruhe findet die müde Seele Trost und Sammlung. Sie kühlt die rohgöweinten Augen, denen das grelle Sonnnlicht Weh bereitet. Die Dämmerstunds, die Abschiedsstunde des Tages, zeigt uns ein ehrliches Bild uniferer selbst, sie erzählt uns vom eiligen Auge der Zeit und mahnt uns, zu wirken, so lange es Tag ist, ehe die Nacht kommt, wo keiner mehr wirken kann. Pflegt die Dämmerstunde, zeigt ihren Wert euren Kindern. Ist sie auch nicht möhr modern, sie stammt aus der Zeit, wo der innere Wert allen äußeren Handlunigen und Taten vor­gezogen wurde.

Som wese« -èvNabtthoksMrMo«

Zu den Sammeltagen der Bahnhofsmission wird uns geschrieben: Je schwieriger die Lebens­verhältnisse sich gestalten, desto umfangreicher und schwieriger wird auch die Aufgabe, die der Bahn- Hafsmission obliegt. Die steigende Arbeitslosigkeit, die zunehmende Lockerung dèr Familienbande, die Wohnungsnot, der frühe SMständigkeitsdcang der Jugendlichen, das alles sind Momente, die di« Zahl der Schutzbedürftigen von Jahr zu Jahr ver­mehren. Es ist eines der schwierigsten Probleme unserer Zeit, daß die Großstadt eine so mächtige Anziehungskraft auf die ländlich« und kleinstädtische Jugend ausübt, es mag noch so viel gewarnt wer­den; jeder will sein Glück selbst versuchen und wird sehr oft erst Klug, wenn es zu spät ist. Dieses furchtbarezu spät" zu verhüten, vorbeugend zu wirken, das ist die Aufgabe, die den Bahnhofs­missionen zufällt. Wir wollen all denen die Hand reichen, die allein stehen, die vorübergöhend oder auch für längere Zsit der Hilfe und des Schutzes bedürfen, gleichgültig ob ihr Alleiinftehen verschul­det oder unverschuldet ist. Wer will dies auch in allen Fällen entscheiden?

Die Organisation der Dahnhossmissionen ist über ganz Deutschland verbreitet. Biele Helferinnen vèpschen täglich, ja an manchen Stellen Tag und Nacht ihren Dienst in selbstloser Weise. Diese Hilfe allein vermag aber nicht das Los der Hilfsbedürf- stgen zu lindern. Nicht mit trostreichen Worten ^«^^ -..... werden. Das Lisveswerk an der , auch finanzielle Histe. Wie mancher konnte schon mit Hilfe der Bahnhofsmission durch Verabfolgung von Fahrkarten ferner Familie wieder zugeiführt werden. Wie manches junge Mädchen, oder junger Mann fand ein Nachtquartier durch die Hilfe der Bahnhofsmission. Und wie mancher konnte seinen Hunger stillen durch Verabreichung von Speisen. Die Mittel der Bähnhofsmission reichen aber bei weitem nicht aus, um ganze Arbeit zu leisten. Darum HM uns mit, das begonnene Liebeswerk weiter auszubauen. Gebt ein Scherflein für die Not Eurer Mitmenifchrn. Am Samstag, 30. und Sonntag, 31. dieses Monats, findet auf allen Hanauer Bahnhöfen eine Büchsenisammlung der Bchnl)ossmtsfion statt, der ein voller Erfolg zu wünschen ist.

Wahlrecht und Wahlpfticht

Was bezwecken die Wchtwühlev und Gleichgüttisen?

Der zweite Satz des ersten Artikels der Reichs- versassung, der besagt, daß die Staatsgewalt vom Volke ausgeht, enthält schon unausgesprochen eines der Hauptrechte, die dem deutschen Staatsbürger zustehen, das Recht der Beteiligung an den Wahlen zu den Parlamenten und übrigen Volksvertretun­gen.

Es mag im bürgerlichen Leben manchmal ein Zug von Großzügigkeit und Menschenfreundlichkeit sein, wenn man freiwillig auf Rechte, die einem zustehen, verzichtet. So wird der Schuldner es dem Gläubiger nicht übelnöhmen, wenn er frei­willig entsagt und den unbezahlten Wechsel nicht zu Protest gehen läßt. Oder wenn der Hauswirt darauf verzichtet, die rückständige Miete durch Pfändung eintreiben zu lassen. Ein Verzicht auf das Wahlrecht, Stimmenthaltung aus Gleichgültig­keit oder Unverstand ist aber alles andere als eine Tat geistiger oder moralischer Ueberlegenheit. Man kann säst soweit gehen, sie als ein Verbrechen am Allgemeinwohl hinzustellen.

Denn

das Wahlrecht bedeutet gleichzelktg eine Wahlpflicht

Keiner hat den Anspruch darauf, über die Vechält- nisse im Staate großmäulig oder jammernd her­zuziehen, der sich nicht darum kümmert, wie diese Vechältnisse zustande kommen, wer nicht zur Wahl­urne geht, um dort durch Abgabe seines Stimm­zettels Klar für seine Ueberzeugung einzutrelen.

Sicher, die Wahlpflicht ist nicht juristisch fest- gelögt. Darum ist aber der moralische Zwang, das Wahlrecht auszuüben, ein um so größerer. Was hält diesen oder j^nen vom Wahllasal ab? Gleich­gültigkeit? Bequemlichkeit? In den meisten Fällen scheut her Nichtwähler die klare Entscheidung.

Damit kennzeichnet er sich selbst aber als einen Menschen, der moralisch und geistig nicht weiß, was er soll und will.

Des VeseM der AmtSuniev-chlasnns

Ein Beamter, der Gelder unterschlägt, die er in amtlicher Eigenschaft empfangen oder in Gewahr­sam hat, macht sich nach Paragraph 350 des Re ichs - straifgefetzbuchs strafbar. Bisweilen nehmen Beamte an, daß sie für ihre Person aus amtlichen Kassen Gelder entnehmen dürfen, wenn sie glauben, in der Lage zu fein, das entnommene Geld baldigst wieder in die amtliche Kasse zurückzulsgen. Daß diese Ansicht unzutreffend ist, ergibt sich unzweifel­haft aus einer Entscheidung des Reichsgerichts vom 17. Dezember 1929, in der grundsätzlich ausgesührt wird, Beamte seien köineswögs berechtigt, über amtliche Gelder zu eigenen Zwecken zu verfügen; unerheblich sei es, ob der betreffende Beamte in der Lage sei, das entnommene Geld alsbald zu- rückzuerstatten. Es sei unzutreffend, daß durch die Absicht, das Geld a'löbald zurückzahlen zu wollen,

Bswußöfem der Rechtswidrigkeit bei einem Be- amten verneint werden, wenn er, im Hinblick auf bestiminte tatsächliche Anhaltspunkte, mit Sicher­heit habe annehmen können, seine maßgebenden Vorgesetzten seien mit der Verwendung der amt- liechn Gelder für persönliche Zwecke einverstanden und berechtigt, ihre Einwilligung zu erteilen. Falls ein Beamter auch nur mit der Möglichkeit rech­nen müsse, daß der betreffende Vorgesetzte nicht beifugt oder nicht geneigt sei, seine Einwilligung zur ' Entnahme amtlicher Gelder für persönliche Zwecke zu geben, sei dolus eventualis oder beding­ter Vorsatz anzunehmen, der zu einer Verurtei­lung wegen Amtsunterschlagung ausreiche.

* Daten für Sonntag, 31. August und Montag, 1. September: 31. Aug.: 1821: der Naturforscher Hermann v. Helmholtz in Potsdam geb.; 1864: der

leitet.

* Mlhelmsbader Woche. In der gestrigen Ver­öffentlichung des Programms ist unliebsamer Weise übersehen worden die Mitwirkung der Vereinigten Hanauer Gesangvereine zu vermerken, die bei dem morgen nachmittag stattfindenden Konzert unter der Leitung des Herrn I. Milbach vier Chöre zu Ge­hör bringen werden. Die Sänger sammeln sich um 2.45 Uhr am Kurtheater.

* Sonderzüge zum Kreisjugendturnfest. Zu dem Schulturnfest des Landkreises Hanau in Wilhelms- bad läßt die Reichsbahndirektion Frankfurt morgen Sonntag, 31. August, folgende Sonderzüge ver­kehren: ab Heldenbergen-Windecken: 14.04, Ostheim 14.08, Bruchköbel 14.15, Hanau- Nord 14.22, Hanau-Hbf. 14.33, Hanau-West 14.37, an Wilhelmsbad 14.41 Uhr; Rückfahrt ab Hanau-

Wahlenlhaltung ist fast immer ein Zeichen von mangelndem Verantwortungsgefühl

Es ist nicht möglich, sie) hierüber dadurch selbst hinwegzutäuschen, daß man sich einredet, man habe für keine der um die Stimmen der Wählerschaft kämpfenden Parteien etwas übrig, daß keine von ihnen vollständig dem entspräche, was man höchst persönlich in der Politik wünsche und anstrebe.

Man hat die Politik als dieKunst des Er­reichbaren" bezeichnet. Das ist die beste Entgegnung auf solche unhaltbaren Ueberlegungen. Ist es' wirk­lich so, daß keine

der bestehenden Parteien uns

voll und ganz das gibt, was mir selbst anstreben,

dann heißt es

eben, das geringere Uebel wählen

und sich für diejenigen entscheiden, die verhält­nismäßig noch am meisten für das eintreten, was wir selbst wollen.

Für die Mehrzahl der unschlüssigen Wähler dürfte aber das, was sie politisch erstreben, sich in sehr wenigen Worten zusammenfassen lassen. Sie sehnen sich nach einer ruhigen, friedlichen Entwick­lung von Wirtschaft und Staat; sie wollen keine Phrasen, sondern Taten; Sie wollen keinen un- sinnnigen Klamauk, sondern die zielsichere Füh­rung besonnener Männer und Frauen. Sie er­sehnen geordnete, normale Verhältnisse, die für den Einzelnen wie für den Staat eine freie, unbe­lastete Existenz ermöglichen.

Das sind Punkte, in denen auch die Unent­schlossensten und Unsichersten übereinstimmen wer­den.

Können sie das erreichen, wenn sie der Wahl­urne fernbleiben, wenn sie nicht erkennen, daß das Wahlrecht auch eine Wahlpflicht in sich schließt, wenn sie am Wahltag, statt auch ihre Stimme in die Wagschale zu werfen, den Platz denen über- Äsen, dir sich bemühen, mit viel Geschrei und nig positiven Werten die Macht zu erobern?

Sozialist Ferdinand Lassalle in Genf gest. 1. Sep­tember: 1842: der Nordpolfahrer I. v. Payer in Schönau geb; 1854: der Komponist Engelbert Humperdink in Siegburg geb.

Silberne Hochzeit feiern Sonntag, 31. August, die Eheleute Johannes Schneider und Frau Theresia geb. Schabbon, Alexanderstraße 7 .

* 25jähriges Geschäftsjubiläum. Am Montag, 1. September, kann Herr Josepf Löhnert, Dor­stadt 16, Milchhandlung und Molkereiprodukte, auf ein 25jähriges Geschäftsbestehen zurückblicken.

* Auf eine 25jährige Tätigkeit als Prokurist und Chemiker bei der Firma W. C. Heraeus kann am Montag, 1. September, Herr D r. Wilhelm Geibel zurückblicken.

* Kommerzienrat Dr. h. c. Ernst Schmid, Ge­neraldirektor und Gründer der Maggi-Gesellschaft in Singen Hohentwiel (Baden) und Berlin, kann am 1. September auf seine 40jährige erfolgreiche Tätigkeit bei diesem führenden Unternehmen der

Hbf. 20.29 Uhr; ab Langenselbold 12.39, Niederrodenbach 12.45, Wolfgang 12.52, Hanau- Hbf. 12.58, Hanau-West 13.04, an Wilhelmsbad 13.08; Rückfahrt ab Wilhelmsbad 18.50 Uhr; a b Kahl 12.40, Großkrotzenburg 12.45, Groß­auheim 12.52, Hanau-Hbf. 13.03, Hanau-West 13.09, an Wilhelmsbad 13.13; Rückfahrt ab Wil- helmsbad 19.10 Uhr; ab Fifm. -Ma i nk u r 14.26 Uhr, BischofsheiM-Rumpenheim 14.32, Hoch- stadt-Dörnigheim 14.37, an Wilhelmsbad 14.42; Rückfahrt ab Wilhelmsbad 18.33 Uhr.

* x-ittrid)fung von Verkehrsstraßen. Auf die amtliche Bekanntmachung und Polizeiverordimng betr. Einrichtung von Verkehrsstraßen 1. Ordnung, Parkplätzen, Einbahnstraßen pp. in der heutigen Ausgabe sei besonders aufmerksam gemacht. Die Einrichtung tritt am Tage der Bekanntmachung mit sofortiger Wirkung in Kraft.

* Geflügeldiebsiahl. In der Hahnenkammstraße erbrachen noch unbekannte Täter in einer der letzten Nächte einen Geflügelstall und entwendeten daraus 3 Enten. Sachdienliche Mitteilungen nimmt das hiesige Kriminal-Kommissariat entgegen.

* Der Melerverein Hanau (E. V.) hielt Frei­tag abend feine diesjährige ordentliche Generalver­sammlung ab. Im abgelaufenen Gsschäftsjahr war ein erheblicher Aufschwung des Vereins zu ver-, zeichnem 268 neue Mitglieder traten dem Verein bei, so daß der Mitgiliödevbestaüd am Schluß des Vereinsjahrs (30. Juni) 1431 betrug. Inzwischen sind weitere Neuaufnahmen erfolgt und die Zahl 1500 dürfte bald erreicht sein. Die . vom Verein für die Mitglieder eingerichteten Sprechstunden wurden so stark in Anspruch genommen, daß selbst Usberstunden zur Abfertigung der Mitglieder nicht ausreichten und häufig Sonüerfprechtage auch an anderen Wochentagen eingelegt werden mußten. Im abgelaufenen Geschäftsjahr haben weit über 2000 Mitglieder die Sprechstunden-Beratung in Anspruch genommen gegen 1200 Mitglieder im Vorjahre. Sämtliche für Mitglieder gestellten An­träge des Mieteroereins auf Eintragung in die Dringlichkeitsliste, Erteilung einer roten Karte (Mietberechtigungsschein), Ausführung von Schön- Hsitsreparaturen und laufende Jnstandfetzungs- arbeiten hatten Erfolg; nicht ein einziger Antrag wurde abgslchnt. Sodann wurde dem Vorstand, insbesondere dem Kassierer Entlastung erteilt. Bei den darauf vorgenommenen Wahlen wurde der ^hjs- herige Vorstand einstimmig wisdergewählt. Zum Schlüsse berichtet« der Vorsitzende noch über die mieterpolitischen Aufgaben des kommenden Reichs­tages und den diesjährigen Reichsmielertrag in Braunschweig, insbesondere über das dort vom Ssnatspräsldenten beim Kammergericht Freymuth geihalten« ReferatDas deutsche Mietrecht der Zu­kunft". Ueber den Reichsmietertag in Braunschweig hatte im übrigen derHanauer Anzeiger" seiner­zeit ausführlich berichtet.

* Deutsche Volkspartei. Von der Partei wird uns geschrieben: Der Ruf der DVP. nach bürger­licher Sammlung hat nicht den Widerhall ge­funden, wie der Ernst der Stunde es gefordert hätte. Infolgedessen steht hinter der Notverordnung unseres allverehrten Reichspräsidentsn von Hinden­burg nicht die geeinte Kampffront, wie wir es wünschten. Die Partei selbst tritt unter Zurück­stellung gewisser steuerlicher Bedenken rückhaltlos für dieselbe ein, da sie die Einleitung einer groß­zügigen Finanz», 'und Bemvaltungskeform bilden unaoiei eiauren über unser

ihren Standpunkt in dieser Frage urch männischön Mund in die Oefföntlichkeit zu tragen, wird am Montag, 1. September der bisherige Reichstagsabgeordnete Dr. Kalle in einer öffent­lichen Wahlversammlung sprechen. Unseren Mit­gliedern geht eine schriftliche Einladung zu. Näheres siehe Anzeige in der heutigen 'Nümmer.

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der

Renate Mercandin.

Moman von Fred Reling

Copyright by Union Deutsche Verlagsgesellschaft Stuttgart

& Fortsetzung.

Machdruck verboten.)

Wie durch einen Schleier sah Renate die Ge­sichter dieser beiden Männer. Sie waren völlig aus­druckslos, fast stumpf, nicht freundlich und nicht seiMjch. Dennoch meinte sie zu spüren, wie die Tilgen dieser Männer gleichsam an den ihren kleb­en, mit sie jede Bewegung ihres Körpers über­kochten und verfolgten.

»Bitte . . .?" fragte sie. Dann sah sie ein Papier Unterschrift und Stempel vor ihren Augen. Einer von den beiden Männern sagte: .Ich habe °en Befehl, Sie zu verhalten, Frau Renate Mer- rnMn."

Dann entstand eine Stille, während der Atem und tzer Pulsschlag stockte. .

Renate hatte sich erhoben. Sie wollte sprechen öffnete den Mund. Trotzdem kam kein Ton von ifjren Lippen. Ihre Augen liefen von den bei= "bi Männern zu dem Diener von dem Diener wiè- zu den beiden Männern. Plötzlich bäumte sich Stolz. Wieder trat der Ausdruck des Stolzes tn ^ie bleichen Züge.

. »Das ist ein Irrtum, meine Herren", sagt« sie. Immerhin ich habe mich zu fügen. Lassen Sie fünif Minuten Zeit, mich anzuzichön. Ich werde W der Jungfer klingeln, daß sie mir die Sachen ^bringt.

, Der Herbst hatte seine letzten Seufzer ausge­sucht. Die Bäume waren kahl. Kalte Feuchte ^roch ff Haus, beischlug die Fenster und begrub die Fenschmträume unter dem Leichentuch der ^ovenrbernchel.

»n 2>ie Hauptverhantdlung gegen Frau Renate ^rcandin, geborene Gräfin Armausperg vor dem Schwurgericht in Moabit begann am 17. November. -Gattenmord pikante Einzelheiten aus dem Erleben eines stadtbekannten Arztes . . . Lisbes- ^rruugm einer österreichischen Komtesse. Man recht, gespannt zu fein, un|b versprach sich ein

Es waren Einlaßkarten ausgegeben worden. Die Absperrung des großen Schwurgerichtssaales wurde durch ein Schutzmannsaufgebo t bewirkt. Ws sich das Portal geöffnet hatte, wälzte sich die Menge wie ein Strom, der seine Ufer übersteigt und alle Dämme niederreißt, über Treppen und die Gänge in den großen Saal. Dann chaotisches Getöse: Schiimpfen, Spöttereien, schwirrende Gespräche, unterdrücktes Lachen. Knistern von Papieren, Scharren ungeduldiger Füße.

Eine halbe Stunde später herrschte Kirchenstille. Der Gerichtshof hatte Platz genommen: am Rich- tertfsch der Präsident mit abgenommenem Barett zwischen den Geschworenen . . . seitwärts rechts von ihm der Staatsanwalt . . . gegenüber die Ver­teidiger ... vor ihnen, auf der Anklagebank: Frau Renate Mercandin ... im schwarzen Kleide, ätherisch blaß und zart, überirdisch schön, einer Hei­ligen gleich.

Nach dem Eröffnungsböschluß war Professor Doktor Mercandin von seiner Ehefrau im Verlaufe eines ehelichen Streites erschossen worden.

Die Anklage fußte auf Indizien, wie sie schwerer kaum zu denken waren/Die Angeklagte- hatte sich zur Zeit der Tat allein mit ihrem Mann im Zimmer aufgehalten.

Der erste, der den Hergang der Tragödie von dem Ausgang bis zu il.::._ "^"7^7.....""" kennen mußte, war die Angeklagte selbst.

ihren letzten Konsequenzen Angeklagte selbst.

Der zweite dieises lag nach Ansicht des Ge­richts in dem Bereiche der Wahrscheinlichkeit war Doktor Gottfried Griebenow.

Als Renate Mercandin sich zum Verhör er­hoben hatte, konnte man dasJa", mit dem sie auf die ersten Fragen Antwort gab, nur aus dein Zucken ihrer schmalen Lippen entnehmen. Man hörte kaum den Klang der Stimme. Man erfuhr, daß sie den Vater schon im zehnten Lebensjahr ver­loren hatte. Er war Rittmeister im Dragoner­regiment Graf Paar. Die Mutter, eine Gräfin Trautmannsdorf, früher Sterukreuzdame und k. u. k Palastdame, lebte mit Renate, bis der Umsturz kam, in Wien. Dort lernte sie Professor Mercandin kennen, der damals auf der Wieden eine Nerven­klinik hatte, verlobte sich mit ihm und wurde seine Frau. j n

Mxrcandin war Witwer. Er hatte seine erste Frau, eine dollarschwere Erbin aus den Vereinig­ten Staaten, auf unheilvolle Art verloren. Man

fand sie eines Morgens an dem Nagel eines gro­ßen Oelgemäldes ausgehängt.

Als der Präsident verlangte, daß die Angeklagte über ihre Che Aufschluß gebe, schwieg Renate.

Der Ton des Präsidenten wurde strenger.

Wir werden später Zeugen über diesen Punkt vernehmen. Ec ist wichtig. Wahrscheinlich liegt in ihm der Schlüssel zu den UnglückSdingen, die sich später zugetragen haben. Ich frage jetzt die Ange­klagte nach der schichsalschweren Abendstunde in dem Arbeitszimmer ihres Mannes. Wollen Sie uns Auskunft geben, Frau Renate Mercandin?"

Renate hob den Kopf.Ja!"

Wir hören."

Ich war am Mittag erst aus Brückeuberg zu- rückgökommen. Gegen fürs Uhr ließ sich die Fürstin Dfdyaibfe bei mir melden. Ich empfing sie. Im Ver­laufe unserer Unterredung machte sie mir Mittei­lungen, die mich hiess erschüttert haben. Ich versprach ihr meine Unterstützung. Eine Viert Munde später ging ich in das Arbeitszimmer meines Mannes ---"

_Verzeihung", unterbrach der Präsident,Wollen Sir uns jagen, welcher Art die Mtiteilungen her Fürstin Tfchaidse waren?"

Nein."

So, so."

Mein Mann saß bei der Arbeit an dem gro­ßen Diplomatenschreibtisch. Er fühlte sich durch mich gestört und wies mich aus dem Zimmer. Ich blieb trotzdem. Ich erzählte ihm von meiner Unterredung mit der Fürstin Tichaiöse. Mein Mann erregte sich darüber. Es gab schwere Differenzen---"

Halt!" Der Landgerichtsdirektor hob die Hand.Wurden diese Differenzen tätlich?"

Renate überhörte die an sie gestellte Frage. Ich ging rückwärts nach der Tür zurück. Mein Mann" Sie stockte. Grenzenlose Scham und Pein verkrampften sich in ihren Zügen. Nun Mir sie fort .... schnell, mit hastig hiugeworfenen Worten, so, als ob sie sich von einem Druck erlösen wolle.

Plötzlich fiel ein Schuß. Sekunden später stand Doktor Griebenow im Zimmer. Es bleibt mir rätselhaft, wer auf meinen Mann geschossen hat. Das ist alles, was ich sagen kann. Ich weiß nichts weiter."^

Der Prozeß . , ,.

In bunter Reihe wechseln Sachverständige und Zeugen . . . färben Gunst und Ungunst, Urteil und Geschehen.

Was war objektive Wahrhett . . . subjektiver Irrtum. . . oder Lüge?

(Ms erster Zeuge wurde Doktor Griebenow Deritymmeen.

Er sprach knapp, klar, scharf, trotz des hohen Gremiums, das vor ihm saß, von einer über­legenen Warte.

Ich wollte den Professor sprechen . . . mar in seine Wohnung hinbestellt . . . mußte warten . . , hörte aus dem Apbeitsziimner Frauenschreie . . . riß die Tür auf . . . sah, wie der Professor seine Frau bödrohte, auf sie eichchlug. Ich stürzte mich dazwischen . . . kam mit Mercandin ins Hand­gemenge . . . der Professor würgte mich . . . da zog ich sinnlos vor Erregung die Pistole aus der Tasche . . . schoß.

Ich habe den Professor Mercandin erschossen nicht seine Frau."

Der Präsident:Wir werden nachher von den Sachverständigen hören, daß die Schilderung des Zeugen keinen Anspruch darauf machen darf, als wahr zu gelten. Nun gut. Ich frage Sie, Herr Zsuge: Welcher Art war Ähr Verhältnis zu der Angeklagten?"

Wie das einer armen Erldenkreatur zu einer Heiligen."

So, so. Auch in dieser Hinsicht werden wir noch Zeugen hören, die das Gegenteil bekunden wollen."

Diese Zeugen werden lügen und womöglich einen Meineid schwören. Jeder, der Frau Mer­candin der Sünde zeihen wollte irgend einer Sünde gegen ihren Mann, gegen die Moral, gegen ihre Frauenehr«-----"'

Halt! Nicht weiter!"

Man klatscht im Saal Bestall, trampest.

Der Vorsitzende fährt auf. Er droht mit Räu­mung.

Der Zeuge Griebenow bleibt unvereidigt.

Als er dann den Zeugenftand verließ, suchten eine Augen die Renates mit dem Widerschein der Qual.

Renate hob sskundenlang die Augenlider mit den langen Wimpern. Diè Blicke beider trafen sich. Renate zuckte hilflos und nervös zuisammen. Dann

sah sie weg.

(Fortsetzung folgt.)