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Freitag, den 29. August 1930
Nr. 202
Ium Lodeskvtmns aus dem Slnsrsns det âManftüdten
Der Selbstmord her Frau Amlinger, die sich, wie bereits gestern gemeldet, aus einem Flugzeug der Lufthansa gestürzt hat, stellt das Ende von Schicksolsschlägen dar, wie sie härter eine Familie nicht treffen können. Die 21 Jahre alte Frau Am- linger fft aus Singen und stammt aus der Familie Espenschied, in deren Hand sich das größte private Weingut am Rhein befindet. Die junge Frau hat sich das Leben genommen aus Schmerz über den Verlust ihres Mannes, mit dem sie erst ein paar Monate verheiratet gewesen war. Der Mann war als Rittmeister eines Reiterregiments der Reichswehr bei einem Rennen in Berlin gestürzt und hatte das Genick gebrochen. Der Bruder der Un- glücklichen war vor etwa vier Jahren mit einem Auto in Bingen tödlich verunglückt. Der Vater der jungen Frau fiel als Kompagnieführer 1914 in der Lothringer Schlacht. Von der Familie Espenschied hat der Tod alle hinweggerafst. Die Mutter der Verunglückten ^fteht nun allein und verlassen da. Ihr hat das Schicksal viel Leid ausqebürdet. In Bingen bringt man der unglücklichen Frau allgemein wärmste Teilnahme entgegen.
Die nette âvankenveeftchevnnss- ovdrmug
Der Standpunkt eines Arztes
1 "Aus Aerztèk reisen wird uns geschrieben: Die „Notverordnung" ist nunmehr mit den amtlichen Erläuterungen weiten Kreisen um Wortlaut zugänglich gemalt worden: sie ist ein Kind des Augenblicks geboren am grünen Tisch.
Man will dem Mißbrauch durch „Kundige" und Belastung der Kassen durch „Bagatellen" abhelfen dadurch, daß der Kranke, ehe er einen Arzt aufsucht, sich einen „Krankenschein" für 25—75 Pfg. kaufen muß. Die Wahl des Wortes Krankenschein beweist allein schon eine gewisse Flüchtigkeit bei btt Abfassung. Denn unter Krankenschein hat man seit Bestehen der Kr. K. den Schein verstanden, aus Grund dessen der Erwerbsunfähige Kranken- gâ bekam. Scheine, die bei vielen Kr. K. jetzt bereits kostenlos in jedem Krankheitssalle vom Mitglied geholt werden müssen, heißen BehaNd- lungsscheine, Ausweise und ähnlich. An diesem seit fast 50 Jahren bestehenden Sprachgebrauch hat man in der Eile nicht gedacht.
Wer jemals mit den .Fündigen" zu tun gehabt hat, wird bestätigen, daß keiner dieser Leute sich durch den Kauf des Scheines wird abhalten lassen, sich unrechtmäßige Vorteile durch Krankengeld und Feierzeit zu verschaffen. Im Gegenteil: der Schein wird ausgespielt werden als Beweismittel, wie krank sie sich fühlen müssen, wenn .sie sich überhaupt einen Schein kaufen. Die Verordnung wird nahezu restlos versagen im Fernhalten ' dieser Schädlinge, die die Kassen zwar keineswegs mehr übermäßig belasten, aber vor allem demoralisierend wirken und dem weit überwiegenden einsichtigen Teile der Versicherten die ganze Einrichtung geraden vere keln.
Ba gat ellfäll«: ein schönes neues, bestechendes Wort, aber nicht bloß leerer, sondern. gefährlicher Schall. Man hat leider vergessen zu verrMen, woran mänSag ai erkennen kann. Ein an und für sich harmloser weher Finger hindert wegen des Verbandes Arbeiter an schnell lausenden Maschinen, wegen der Gefahr des Hängenbleibens, Stenotypistinnen, Näherinnen und viele andere unbedingt an der Arbeit: der Ehès aber kann mit sauberem Verband im Betriebe herumgehen. Leuts die bei der Arbeit stehen oder laufen müssen, sind wegen eines Fußleidens zum Feiern gezwungen, das für Jemand mit sitzender Beschäftigung belanglos ist. Eine Heiserkeit heilt bei Personen, die viel und laut sprechen müssen, z. B. Lchrern nicht eher aus, als bis der Kehllopf geschont, d. h. der Dienst ausgesetzt wird, während sie für tausend Andere nur eine unbequeme, höchstens am Rauchen hindernde Bagatelle ist.
Viel ernster ist, daß der Laie oft nicht wissen kann, ob irgend eine gesundheitliche Störung be
langlos oder ernst zu nehmen ist. Darin liegt eine ganz außerordentlich große Gefahr der Notverordnung. Ein Beispiel: Vor Kurzem ist in einer großen Klinik der Nachweis erbracht worden, daß von den am ersten Krankheits- nicht Behandlungs- Tage fenumbehaüdslten Diphtheriekranken keiner, von den am zweiten Kränkste itstage behandelten bereits 10 Prozent, von den am 6. Tage erst Behandelten fast die Hälfte gestorben sind. Wie kann der Laie wissen, ob die ersten weißen Stippchen auf den Mandeln harmlos oder der erste Schritt zum Gräbe sind? — Ein anderer Hinweis: Die Lebenserwartung eines Neugeborenen beträgt in Deutschland 59 Jahre, in England nur 56. Niemand kann abstreiten, daß an diesem Vorsprung die Gewöhnung des gesamten deutschen Volkes, ohne weiteres und früh den Arzt rufen zu können, einen mitbestimmenden ' Anteil hat, vielleicht den größten.
Wissen denn die Gesetzgsber, von denen mancher keinen zusammenhängenden Satz sprechen kann, in dem das Wort sozial nicht dreimal vor- kommt, daß es unendlich viele Arme, nicht bloß Arbeitslose gibt, denen 25 Pfg. aufzubringen schwer fällt, die das Geld am Enibe der Lohnwoche überhaupt nicht haben?
„Aufklärung" soll helfen! Ja: well unser Volk allmählich aufgeklärt worden ist, daß viele Krankheiten nur dann gehellt werden können, wenn sie im Beginn, im Zeichen harmloser Beschwerden, ersaßt werden, hat die Sterblichkeit abgenommen. Und jetzt kommt die Verordnung von oben: wenn's nicht schlimm ist, geht nicht zum Doktor das tut der Kasse weh.
Die Beteiligung der Versicherten an den Kosten für Arzneien und Hellmittel wird natürlich die Ausgaben herübdrücken. Sie versagt aber bestimmt gerade bei den teuersten Mitteln, denn diese lassen sich die Kranken erst recht aufschreiben, z. B. die immer sehr teuren kosmetischen Präparate. Es wird sogar eine gegenteilige Wirkung eintreten, daß nämlich der Kranke, wenn er doch drauszahlen muß, erst recht vom Arzt „was wirklich Gutes" d. h. ein teures Heilmittel verlangen wird. Man muß doch die Gedankeneinstellung kennen. Das Publikum glaubt ja trotz aller Aufklärung immer noch, daß ein Heilmittel um so besser ist, je höher sein Preis. Daß gar manchesmal der Arzt zum Schaden des Kranken nicht gerufen werden wird, weil dieser die neue Ausgabe fürchtet, zu arm ist und das Geld überhaupt nicht aufbringen kann, daran hat man offenbar nicht gedacht. Daß man bei dieser Steuer die schwächsten und stärksten Schullern, Ä. h. die Pflicht- und freiwillig-Defficher- ten mit einem Einkommen von Null bis 8400 Mk., gleich belastet, ist mit dem primitivsten Empfinden für sozialen Ausgleich nicht in Einklang zu bringen. Es gibt gerechtere Wege, die dazu den Kassen noch ganz andere Entlastung bringen würden.
Sehr -bezeichnend ist, daß bei einer Betr. Kr. K. mit 4000 Mitgliedern, die zufolge der Notverordnung den Beitrag bereits um sage und schreibe ein halbes Prozent herabgesetzt, aber gleichzeitig den Zuschuß zur Krankenhauspflege der Fam. Mitgl. von 50 auf 75 Prozent erhöht hat, die Arbeitnehmer im Vorstand mit der Herabsetzung nicht einverstanden waren. Sie ahnen wohl voraus, daß die ganze Sparaktion für die Kassenfinanzen den erhofften Gewinn nicht bringen wird, und fürchten, daß, wenn die verringerten .Ein- Rückerhöhung widersetzen, vielmehr einen weiteren Leistungsabbau durchdrücken werden.
In einer Beziehung erfüllt die Notverordnung einen dringenden Wuffch der Kassen (entgegen der Bemerkung im Hanauer Anzeiger" vom 14. ds. Mts.) daß nämlich nach noch näher zu erlassenden Richtlinien vertraglich eine Höchstbegrenzung der Tätigkeit des einzelnen Kassenarztes festgelegt werden muß.
Reformieren heißt verbessern, und sparen heißt Kosten ausschalten, die ohne Beschränkung des Zweckes vermeidbar sind. Dieses mal hat der heilige Bürokratius gesiegt. Er hat den Weg der Bequemlichkeit beschritten, am grünen Tisch mit dem Rotstift kurzerhand die Leistungen zusammen- gestrichen, dem ganzen aber eine schöne Ueb erschüft gegeben: Reform und Einsparung, und gleichzeitig die Deutsche Kr. Kass en-Gesetzgebung
des Vorzuges beraubt, dessentwegen sie in der ganzen Welt unerreicht dastand, daß nämlich jeder Versicherte ohne weiteres einen Arzt auffuchen konnte. Der neue Reichstag wird dieser Verordnung bald das Lebenslicht ausMafen und hoffentlich im Zusammenwirken mit den wirklich Sachverständigen, denen, die tagtäglich im Kr. Kassenbetrieb e arbeiten, vom Kontrolleur angefangen bis zum Vertrauensarzt, Vorstand, Kassenarzt und Apotheker in Stadt und Land ohne zersetzende Kämpfe und bleibende Entfremdungen eine wirkliche Reform, eine Verbesserung der bestehenden Gesetze zustandebringen zum Besten aller Beteiligten.
etatifo dev Britze
Mit Hilse der meteorologischen Stationen, Cie über die ganze Erde verstreut sind, ist es möglich, die Gewitter und sogar die Blitze zu zählen. Mehrfache Beobachtungen haben ergeben, daß auf der Erde täglich etwa 40 000 Gewitter stattfinden. Die Zahl dürfte vielleicht etwas zu hoch fern, da manche Gewitter weit wandern und daher leicht doppelt gezählt werden können. Auch ist ein Gewitter nicht so leicht zu umgrenzen. An sich einfacher ist eine Zählung der Blitze. Eine solche ist jedoch nur regional geschehen, man [ist im übrigen “auf eine Schätzung nach diesen regionalen Zählungsergebnissen angewiesen. Danach muß die Zahl der Witze auf der ganzen Erde aus etwa eine halbe bis dreiviertel Million täglich angenommen werden. — Ein Beweis dafür, mit welchen Mengen Elektrizität die Atmosphäre der Erde geloben ist.
Die Verteilung der Gewitter über die einzelnen Zonen und Länder ist jedoch eine ganz verschiedene. Die wenigsten Gewitter gibt es an den Postn, die meisten in den Tropen. In vielen Tropengegen- den tritt ganz regelmäßig um die Mittagszeit ein Gewitter auf. Juls Java, Sumatra und im äquatorialen Afrika gibt es jährlich 200 d.s 250 Ge- wittertage.
In Europa hat Italien die meisten Seroitter» tage aufzuweisen, nämlich 38 Tage jährlich. Hingegen hat das in gleicher geographischer Breite hegende Spanien nur deren 15. Ungarn hat 22, Holland und Schweden haben 18, Frankreich hat 17 Seroittertage. Die wenigsten Gewittertage in Europa haben EnglwNd unib Norwegen, nämlich je 7.
In Deutschland sind die VerhAmiise in den einzelnen Landesteilen sehr verschieden. Es macht sich hier bemerkbar, daß Deutschland aus der Grenze zwischen dem SesLima und dem kontinentalen Klima liegt. Die meisten Seroittertage hat Oesterreich, das mit 24 Tagen jährlich hinter Italien an zweiter Stelle in Europa steht. Dann folgen Boden und Bayern mit 22 bzw. 21 Seroittertagen. Schlesien, Westfalen und das Rheinland haben 18, Brandenburg, Sachseen und Hannover haben 15. Die wenigsten Gewitter in Deutschland har Ostpreußen, nämlich 8.
* Zwei Minuten BevölkernngspolM. An einem Tage werden in Deutschland durchschnittlich 1615 Ehen geschlossen; 3140 Menschen werden täglich geboren und 2208 sterben täglich in Deutschland. Auf die Minute kommen also 2 Geburten und auf 2 Minuten 3 Todesfälle. — Die meisten Menschen men durchschnittlich auf einen Februartag, dagegen sterben im August nur 1752 täglich. Auch öie, meisten Geburten kommen auf einen Februartag, nämlich 3109, die wenigsten dagegen sind im August und im Dezember.
* Woran erkennt man die falschen Frankfurter Fünfmarkstücke? Nachdem durch die jetzt unschädlich gemachten Franffurter Falschmünzer mehr denn 1000 falsche Fünfmavkstücke in den Verkehr gebracht worden sind, dürste es von allgemeinem Interesse sein zu wissen, worin sich in der Hauptsache die falschen von den echten Fünfmarikstücken unterscheiden. Es kommen Stücke in Frage mit dem Münzzeichen „S. 1929". Die Stücke haben einen dumpferen Klang im Gegensatz zu den echten, der heller ist, und den man mit dem sogenannten SMerklang bezeichnet. Die Obeyflächen sind porös. Die Prägung ist infolge der nachträglichen Ver
silberung nicht so schaff wie bei den echten. Das markanteste Erkennungsmerkmal ist der links oben in der Baumkrone befindliche dürre Ast in Form einer 5. Dieser sicht bei den falschen Stücken kleiner aus und liegt näher an dem linken Blatt.
* Starke Abnahme des deutschen Volksvermögens. In diesen Tagen ist eine Statistik über das deutsche Volksvermögen erschienen, die die Ursachen für unsere heutige große wiotschaflliche Not bqsoüders in Erscheinung treten läßt. Nach dieser Statistik ist das gesamte deutsche Volksvermögen gegenüber den Vorkriegsjähren ganz echeblich zu- rückgegängen. Vor dem Krieg gab es z. B. allein in Preußen 8400 Millionäre, während es jetzt in ganz Deutschland nur 7300 gibt. Ungünstiger noch fft die Lag« bei den mittleren Vermögen, also bei solchen von 100 000 RM bis eine Million; sie machen heute nicht ganz 4 Prozent des gesamten deutschen Volksoermögens aus, gegenüber 11 Prozent der Vorkriegszeit. Es gibt also in Deutschland knapp 100 000 in vollem Sinne des Wortes wohlhabende Leute, die von ihren Zinsen leben können; vor dem Kriege waren es fast eine halbe Million. Das deutsche Volksvermögen beträgt schätzungsweise 108 Milliarden RM. Das ist eine Verminderung um weit mehr als die Hälfte gegenüber der Vorkriegszeft. Von diesen 100 Milliarden entfällt nur ein verhältnismäßig geringer Teil, nämlich 9,5 Milliarden, auf das sogenannte Kapitalsoermögen also GsDbssitz in Privathand. Der weitaus überwiegende Teil oertellit sich auf städtischen Grundbesitz. Industrie und Gewerbe, 26 Milliarden schließlich ergibt das Vermögen an landwirtschaftlichem Grundbesitz.
* Hamel-Nachzucht im Zoo. Als Gegenstück zu dem am 6. April geborenen weiblichen Kamelfohlen wurde nun auch von der Dromedarstute ein Junges zur Welt gebracht. Dieses ist männliches Geschlechts und. ein putziges, lang- und wollhaariges, hoch 6einiges Geschöpf; es trägt im Gegensatz zu seiner einhöckerigen Mutter zwei, wenn auch noch kleine Rückenhöcker, eine Erbschaft seines Vaters, des zweihöckerigen Kamelhengftes.
* Freibank. Am Samstag, 30. August, vorm. von 8—11 Uhr, kommt zum Verkauf Rind- und Schweinefleisch, Preis pro Pfund 50 bzw. 70 und 80 Pfg. Höchstgewicht 6 Pfd. Der Verkauf erfolgt nur in der genauen Reihenfolge der ausgegebenen Karten. Kartenausgabe im Schlachthof am Samstag, 30. August, von 7.50 Uhr vorm. ab bis Ende des Verkaufs.
* Rechtzeitige Eindeckung des Winkerbrennstoffes. Der Reichskohlenkommiffar hat eine Bekanntmachung erlassen betr. rechtzeitiger Eindeckung des Wintevbedayfes an Brennstoffen, die wie folgt lautet: Es liegt dringende Veranlassung vor, in diesem Jahre die Bevölkerung auf eine rechtzeitige Eindeckung des Winterbsdaffes in Brennstoffen hinzuweifen. Diese Mahnung ergibt sich aus der Betrachtung der in diesem Jahre bisher außergewöhnlich niedrigen Brennstoffbezüge für Hausbrandzwecke. Im ersten Halbfahr 1930 (Januar bis Juni einschließlich) sind in Deutschland für Hausbrandzwecke abgefeimt worden: Steinkohlen 5 372 000 Tonnen gegen 8 252 000 Tonnen, im gleichen Zeitraum des Vorjahres; Koks 2 712 000 Tonnen gegen 4 302 000 Tonnen; Braunkohlen- ; briketts 9 313 000 Tonnen gegen 13 441 000 Tonnen. Hierbei wird bemerkt, daß die zum Vergleich ‘ gezogenem Zahlen des Jahres 1939 noch UN -
^ ^É^^ Der kleine Max: ' -*yV,Knorfce! Endlich, wieder mal »Adler-Käse." •"
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Lon Chaneys phantastische Laufbahn.
o Der Meister der Maske lebt nicht mehr. Lon Chaney, einer der interessantesten Mnftler Hollywoods ist an den Folgen einer Lungenentzündung gestorben. Er war erst 48 Jahre alt, als ihn der Tod ereilte; eigentlich jünger, als wir ihn uns alle vorgestellt haben. Denn in den letzten Jahren hat Lon Chaney fast ausschließlich Väterrollen gespielt, Männer, die aus verschiedenem Milieu stammten, die aber im Typ und Charakter einander glichen. Die beste Zeit Lon Chaneys, seine größten Leistungen liegen zweifellos schon einige Jahre zurück. Wie er sich rmt dem Tonfilm abgffurrden hätte, ob er gleich anderen Stars von der Bildfläche hätte abtreten müssen oder eine Renaissance erlebt hätte, das ffftzustellen erübrigt sich jetzt. Lon Chaney war der große Künstler der stummen Filmkunst, also wird er auch in die Geschichte des Films ein» gehen.
Der Verstorbene gehört zu jenen wenigen amerikanischen Darstellern, die sich auch in Deutschland großer Popularität erfreuten. Seinen Weltruhm haben ihm weniger seine schaufpielerischen Leistungen eingetragen als die Kunst ber Maske. Er verstand es wie kein anderer, sein Gfficht zu verändern, vor der Uebernahme einer neuen Rolle probierte er oft tagelang und wochenlang vor dem Spiegel, welches Antlitz er der von ihm darzustellenden Person verleihen sollte. Dabei unterzog er sich, wenn es sein mußte, schmerzhaften Prozeduren. So spielte er einmal den einäugigen Wirt einer Hafenschenk«. Um den Eindruck, als ob er nur ein Auge besäße, realer zu gestalten, ließ er das Auge mit chemischen Lösungen täglich bei den Aufnahmen betropfen, wodurch sich das Auge völlig schloßt Ein anderes Mal verunstaltste er künstlich seine Nase dadurch, daß zwei Meine feine Drähte von ber Perücke aus di« Nase hochzogen. Trotz der Schmerzen, die ihm diese Maske bereitete, behielt er oft mehrere Stunden während der Aufnahme die Perücke auf.
Der märchenhafte Aufstieg Lon Chaneys ist nur verständlich, wenn man sich das rasche Aufblühen der «Flmmdustrie vergegenwärtigt. Lon Chaney war ein kleiner Schauspieler einer Provinztruppe,
ehe er seinen Weg zum Film fand. Wer während andere dadurch ihr Glück zu machen veffuchten, daß sie in möglichst heldenhafter Pose und größter Aufmachung auftraten, suchte Lon Chaney durch seine Häßlichkeit zu wirken. Alle Mnftler der Hollywooder Fitmkoloni« kannten ihn, mit allen war er befreundet. Sie erschreckte nicht seine Häßlichkeit. Manchem von chnen hat er, als es ihm noch nicht so gut ging, geholfen.
Die Zahl der Film«, in denen Lon Chaney ausgetreten ist, ist überaus groß und mit der wachsenden Popularität des Künstlers stiegen auch feine Einnahmen. Er gehörte zu Iben 'bestbezahlten Filmlschavspielern der West. Er hat ein Millionenvermögen hinterlasien, da er im Gegensatz zu so manchen anderen Filmgrößen es verstand, fein? Einnahmen geschickt zu verwalten. Trotzdem wäre es verfehlt anzunchmen, daß Lon Ehan«y ein guter Kaufmann und nur nebenbei Künstler gewesen sei. In Wirklichkeit war es gerade umgekehrt. Lon Ehaney ging geradezu in seinem Beruf auf. Er hat für seine verschiedenen Rollen eingehende Studien getrieben, er nahm jederzeit alle Strapazen breitwillig auf sich, die sich aus schwierigen Aufgaben, die ihm gestellt waren, ergaben. W«nn auch manchmal seine Originalitätshascherei fast krankhafte Formen annahm, hat er andererseits große Erfolge erzielt, so in „Der Glöckner von Rotte Dame", „Der Kapitän von Singapore" und in vielen anderen erfolgreichen Filmen.
Jetzt hat -der Meister der Mask« ein Antlitz geschaut, dessen Anblick ihm das ewige Siegel des Schweigens und Erlöschens einprägte, das Antlitz des Todes. Der Meister der Maske lebt nicht mehr; mit ihm ist der Vertreter einer künstlerischen Auffassungswei.se dahingegangen, die in unsere heutige Zeit nicht mehr recht hineinpaßt, in der aber der Verstorbene große Erfolge erzielte.
' ‘ Dr. F. K.
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John Galsworthy über sein neuestes Werk.
o John Galsworthy, einer der gelegensten englischen Autoren, läßt sich nur selten interviewen. Um so bemerkenswerter ist die Unterredung, die der Verfasser der Forsyte-Saga dem Berichterstatter einer Kopenhagener Zeitung gewährt hat. Ueber sein Meisterwerk erzählte Galsworthy: „Es war
zuefft keineswegs meine Absicht, einen langen Familienroman zu schreiben. Als ich im Jahre 1906 den ersten Band im späteren Zyklus der Foffyte- Saga vollendet hatte, betrachtete ich chn als ein abgeschlossenes Werk. Efft im Jahre 1917, mitten im Kriege, kam ich auf den Gedanken, das Schicksal der Forsyte-Familie weiter zu schildern. Ich bin jetzt mch weiter gegangen, habe 19 Skizzen geschrieben und darin die Bilder meiner Forsytehelden sozusagen vertieft. Im Herbst erscheint ein Neuer Band, der die Skizzen enthält und den Titel „Forsyte- Böffe" trägt. Ich wollte in meinem, wenn ich so sagen darf, monumentalen Werk den Uebergang vom Leben des viktorianischen Zeitalters zur Moderne zur Emanzipation schildern. Man fragt mich oft, was die Verwandlung, die meine Hauptfigur Soames durchmacht, zu bedeuten habe. Dabei ist diese Verwandlung ganz natürlich. Zuefft erscheint Soames einigermaßen unsympathisch. Er steht da als Draufgänger, wird aber im Laufe des Werkes vom Verfolger ^um Verfolgten. Das Leben und seine Liebe zu Fleur veredeln ihn. Fleur fft übrigens eine freie dicherische Erfindung, ohne Vorbild in der Wirklichkeit. Nur zwei oder drei meiner Helden 'habe ich nach dem Leben gezeichnet. Der alte Jolyon hat die Züge meines Vaters. Soames, die Hauptperson der Romanserie, ist 'dagegen erfunden." Auf die Frage, was er von der modernen englischen Literatur halte, erwiderte der Dichter: „Ich bin der Meinung, daß wir eine ganze Menge tüchtiger Schriftsteller haben. Die heutige englische Literatur ist nach meiner Auffassung viel abwechslungsreicher als früher. Ich halte ine „Treue Nymphe" von Margaret Kennedy für das beste Werk der modernen englischen Literatur."
Regenschirmmoden.
Der kleine Typ des Regenschinnes, wie er jetzt modern fft, scheint ganz unserer augenblicklichen Vorliebe für die Sonne angepaßt zu sein. Zu unserer Ueberraschung müssen wir aber feftfteUen, daß auch hier nur ein Wiederaufleben alter Moden vorliegt. Als im 16. Jahrhundert Regenschirms zu erst in Frankreich aufkamen, hatten sie einen großen Umfang und 4 oder 5 Personen konnten sich gleichzeitig darunter vor dem Regen schützen. Größe und Gewicht — die Schirme waren gewöhnlich aus Sammet, mit goldener Spitze besetzt —
charakterisierten den französischen Regenschttm. Als er in anderen Ländern eingeführt wurde, änderte sich sofort seine Gestalt. Während die Herren Regenschirme gebrauchten, die die Größe und Figur eines dreieckigen Hutes hatten und elegant unter dem Arm getragen wurden, hatten die Damen solch kleine Regenschirme, daß man sie zusammengefaltet in die Tasche stecken konnte.
o Beethoven-Abend. Am Donnerstag, 2. Oktob. veranstalten die Herren Ernst Winter (Violine) und Willy . Vissing (Klavier) einen Beethoven-Abend. Das Programm umfaßt Vialin-Sonoten von Beethoven. Eine Einzeichnungsliste befindet sich im Umlauf. Kartenoorverkaus im Pianahaus Ed. Schaff, Marktplatz 15, Tel. 2144.
o Michelangelos „Jüngstes Gericht". G« einiger Zeit sind umfangreiche Vorbereitungen im Gange, um das vielleicht berühmteste Gemälde der Welt von Grung auf zu restaurieren. Es Handen sich um Michelangelos „Jüngstes Gericht", das in der Sixtinffchen Kapelle im Vatikan zu ^m befindet. Man hat durch die Photographie ein Mittel gefunden, um eine Wiederherstellung durchführen zu können, ohne dabei den ursprünglichen Zustand zu gefährden. Die Probe aufs Exempel b™ man schon mit den Sta'nzenfrchken von RaiMel gemacht, die sich an der Decke des sogenannten Stanza della Segnatu ro im Vatikan befinden. Für diesen Zweck wurden empfindliche und gangpe photographische Aufnahmen herg«stellt, die m Originalgröße der Kunstwerke ausgeiführt waren und eine Uebereinstimmung bis ins kleinste Dda’1 ermöglichten.
o Professor Freud Träger des Frankfurter Goethepreises. Das Kuratorium für den Goethepreis der Stadt Frankfurt a. M. hat den Goethepreis für 1930 an Prof. Dr. Sigm. Freud in Wien, den berühmten Nervenarzt und Psychoanalytiker verliehen. — In einer schlichten Feier im Seeths Haus an Goethes Geburtstag fand die feierliche Bekanntgabe des Preisträgers und die Ueber» reichung der Verleihungsurkunde statt. Der dies- jähffge Preisträger Professor Dr. Sigmund Freut war leider infolge Krankheit am Erscheinen verhindert und hatte daher an Oberbürgermeister Dr- Landmann als den Vorsitzenden des Goethepreis- Kuratoriums ein entsprechendes Schreiben gertal’ tet. An seiner Stelle war seine Tochter Anna bei her gestrigen Feiex anwesend.
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