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Samstag, den 23. August 1930
«leine Schwächen sveSev Leute
Vor einem Jahre beobachteten die Aerzte in Kiel einen eigenartigen Fall: eine Patientin war gegen Len Genuß von Fischfleisch derart empfindlich, daß sie, als man ihr ein Hundertstel Kubikzentimeter eines stark mit Wasser verdünnten Fstckfleischextrak- tes unter die Haut spritzte, beinahe lebensgefährlich erkrankte. Erst als man ihr vom gleichen Extrakt die winzige Menge von fünf Milliardstel Gramm — 0,000 000 005 Gramm — einverleibte, spürte sie feine Wirkung mehr. Durch ganz langsame Gewöhnung gelang es, die Kranke von ihrer Ueberempfindlichkeit zu heilen, und nach zwei Monaten war sie tatsächlich so weit, daß ihr selbst eine Menge von 100 Gramm Fischfleisch keinen Schaden mehr
brachte.
Nun tritt dieses Leiden, das man Idiosynkrasie nennt — das griechische Wort soll eine ungewöhnliche Mischung der Säfte bezeichnen —. allerdings nicht immer in so krasser Form auf. Recht oft erregen rein seelische Vorgänge solche Abneigung vor bestimmten Dingen, und es genügt dann schon der Anblick des Gegenstandes, gegen den man die Abneigung empfindet, um eine Erregung hervorzurufen. Dem normal empfindenden Menschen scheinen manche dieser unüberwindlichen Abneigungen freilich ganz unverständlich. Es ist kaum glaublich, daß Napoleon eine solche Abneigung gegen Katzen hatte, daß er, als er im Schloß zu Schönbrunn weilte, eines Abends laut aufschrie, weil er hinter feinem Bettvorhang eine Katze entdeckte. Auch Heinrich III. von Frankreich konnte keine Katze sehen, und Tieck erzählt einmal, daß auch Kleist in Aufregung geriet, sobald er eine Katze erblickte. Erasmus von Rotterdam wurde fieberkrank, wenn er Fische roch, Tycho de Brahe fühlte sich schwach werden, wenn er Hasen oder Füchse sah, Gustav Adolf von Schweden schauderte vor Spinnen, und Kurfürst Max Emanuel von Bayern konnte keine Orange sehen, was ihn indes nicht hinderte, eine große herrliche Orangerie anzulegen. Sogar Rosem feinde kennt die Geschichte. Maria von Medici hatte Aufregungszustände, wenn sie Rosen roch, und konnte nicht einmal gemalte Rosen sehen, während der Herzog von Guise ohnmächtig wurde, wenn er Rosen sah und ihren Duft spürte. Adelma Patti behauptete, heiser zu werden, wenn sie Veilchen roch, was auch die berühmte Schauspielerin Rachel an sich beobachtete. Pierre Bayle, der französische Philosoph, geriet in Konvulsionen, so ost er Wass-r aus feinem metallenen Krahn sprudeln hörte, miÄ selbst Peter der Große, Liefer Riese, war nicht frei von dergleichen Angstzuständen: er sitterte jedesmal, wenn er über eine Brücke gehen mußte.
Besonders häufig treten Idiosynkrasien in der Form auf, daß sich Krankheitserscheinungen nach dem Genuß gewisser Speifen einstellen. Das Esten von frischen Erdbeeren ruft bei so überempfindlichen Personen die „Erdbeerkrankheit" eine leichte Hauterkrankung, hervor, bei anderen zeigt sich Lie gleiche Erscheinung, wenn sie Krebse oder Weintrauben verzehren. Dann gibt ès wiederum Menschen, die Erbsen, Bohnen oder Linsen nicht vertragen, sie erkranken dann an-Nesselsucht; ein derartiger Fall hat sogar erst vor kurzem einen tödlichen Ausgang genommen. Sehr oft äußert sich Lie lleberempfind- lichkeit auch nach Berührung von Dingen, du der. >■ - £ betreffende Mensch „nicht vertragen" kann. W f®S
- allem die „Primelkran he,^ jmr E™
GChMi VCT Uuv*** "-----' t^ angenehm prickelnde und blasenbildende Hauraus- sch'og, der durch die Berührung der Haut mit dem ausgeschiedenen Saft der Drüsenhaare .der chinesischen Primel entsteht, ferner die erst m neuerer Zeit beobachtete Erscksinung einer besonderen Empfindlichkeit gegen die Berührung von grünen Erbsen. Merkwürdig ist auch die Entstehung einer Hau^ erkrankung bei Personen, deren Beruf es mit sich brachte daß sie viel mit Spargel hantieren mußten, wobei ihre Haut mit Spargelsast benetzt wurde. Manche Menschen werden schon in leichter Form krank wenn ein Floh oder ein paar Mücken ihre winzigen Giftmengen in die Haut einführen, oder sie werden von einem richtigen Ausschlag befallen, wenn sie von Bettwanzen gestochen werden. Außer Hautkrankheiten beobachtet man an Personen, die überemvfindlich sind, auch Halserkrankungen und sogar Magen- und Darmleiden kommen vor.
Diesen' „allergischen Krankheiten", wie die moderne Medizin ‘ alle diese UeberempfiMichkeits-
ICC Labre Safe« von Bremerhaven
Oben: Die Bremerhavener Seehasenanlagen von heute
Unken: Alter Stich des Hafengeländes aus der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts
Dor 100 Jahren, im September des Jahres 18 30, lief das erste Schiff in die Kammerschleuse des frisch erbauten Bremerhavener Hafens ein, der wegen der Versandung der Unterweser am Hafen von Bremen angelegt werden mußte. Heute ist Bremerhaven einer der wichtigsten deutschen Passagierhäfen, Ausgangspunkt und Endziel der Riesenozeandampfer. 10 Hafenbecken, der Columbuskai und die im Bau befindliche Nord schleuse sind vorbildliche Einrichtungen für den Ueberse everkehr.
Symptome nennt, r«ih«n sich auch jene Fälle an, bei denen das Einatmen von bestimmten Stoffen Erkrankungen hervorruft. Wer empfindlich ist, erkrankt alljährlich, sobald die Graser und gewisse Bäume blühen, und ihre Pollen die Luft füllen, mit Sicherheit am Heufieber; oder er wird eines Tages plötzlich von einem quälenden Asthma befallen, nur deshalb, weil er würzige Teilchen von Hundsoder Katzenhaaren, von Federn — auch von Bett- federn — oder von tierischen Hautschuppen einatmete. Und so gibt es denn wirklich eine ganze Fülle von Dingen, die den einen Menschen unbedingt krank machen können, den anderen aber wieder
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fchästigt. Verusracht werden die allergischen Krankheiten zweifellos durch Stoffe, die im Körper der entsprechend veranlagten Menschen die Ueberemp-
sinLlichkeit Hervorrufen. Man hat neuerdings erfolgreiche Untersuchungen ausgeführt, indem man durch Einspritzungen feststellte, gegen welche Stoffe der Patient empfindlich sei. Dann versuchte man, durch langsame Gewöhnung an den betreffenden Stoff eine Art von Abhärtung und damit Heilung zu erzielen. Daß diese Methode jedoch schwierig ist, liegt auf der Hand, denn es gibt soviel« solcher Stoffe, daß man sie bei den Versuchen nur in großen Gruppen auseinander halten kann. Doch ist der Weg zur Heilung immerhin einmal beschritten, und es wurde schon mancher Erfolg errungen. Bemerkenswert ist es, daß die Idiosynkrasie auf die Gesunden übergeht, wenn man gesunden Personen das , Blut von Ueberempfin-dlichen einspritzt.
Der Idiosynkrasie selbst scheint nickt erblich zu sein, doch wird die Anlage, aus der sie entstehen
kann, tatsächlich vererbt, und zwar in etwa 3 bis 5 Prozent aller Fälle. Das Leiden als solches wird vermutlich so erworben, daß die Stoffe, die einem bestimmten Menschen schädlich sind, wiederholt auf ihn einwirken; der Tierversuch — denn auch Tiere leiden an Idiosynkrasien — ergab, daß erst eine wiederholte Einwirkung die Ueberempfindlichkeit hervorruft. Wenn die Idiosynkrasie nur durch seelische Vorgänge und Vorstellungen verursacht wird, kann Heilung auch durch Hypnose oder durch Suggestion gelingen.
ganz unberührt lassen. Wie alle diese so manni
das Städtchen Wallace; der größte Teil der Einwohner, darunter sämtliche Frauen, war «»flüchtet.
Das Fräulein vom Amt verhindert Katastrophen.
In der kleinen Öberösterreichischen Ortschaft St. Georgen war dieser Tage während eines außerordentlich schweren Gewitters ein Brand ausgebrochen, der in kurzer Zeit vier Häuser in Asche legte. Ein Blitz hatte im Postamt die Sicherungen der Fernsprechanlagen durchgeschlagen, so daß es nicht möglich war, die benachbarten Feuerwehren zu Hilfe zu rufen. Die Telephonistin Gisela Neu-
dorfer versuchte während des unter eigener
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furchtbaren Gewitters zweimal, Lebensgefahr die Sicherungen auszuwechseln.
Sie wurde beide Male zu Boden geworfen. Erst beim dritten Versuch gelang ihr Vorhaben, so daß sie doch noch die Feuerwehren der benachbarten Gemeinden herbeirufen konnte, ohne deren Hilfe sonst ganz St. Georgen ein Raub der Flammen geworden wäre.
Daß in dem friedlichen Beruf des Fräuleins vom Amt Augenblicke vorkommen, in denen es gilt, die ganze Persönlichkeit einzulsetzen, wird von der Oeffentlichkeit nicht immer gebührend gewürdigt, und man erfährt nur in Ausnahmefällen, wenn eine Telephonistin in die Sage gekommen ist, durch Geistesgegenwart und Tapferkeit eine große Gefahr abzuwenden. In Amerika hat man sich daran gewöhnt, Lie Telephonistin als Retterin aus jeder Not zu betrachten. Wer sich in irgend einer Gefahr befindet, stürzt sich, wenn keine hilfreiche Person zur Seite steht, sofort an den Apparat und teilt dem Amt so schnell wie möglich seine Sage mit. Der Anrufende darf gewiß fein, daß das Fräulein am anderen Ecilde Ler Leitung sofort alles tun wird, um ihm Hilfe zu bringen. Die Telephonistin fühlt sich auch verpflichtet, die Abonnenten ihrer Gesellschaft vor jeder Gefahr zu warnen, von deren Herannahen sie Kenntnis erhalten hat. Besonders bei großen Feuersbrünsten und Sturmfluten bietet sich Gelegenheit, Selbstverleugnung und Mut zu beweisen, und oft genug sind schon ganze Städte und Gegenden durch die Wachsamkeit einer Tele- ponistin vor schlimmen Katastrophen gewarnt worden.
Nicht selten ist es vorgekommen, daß eine Telephondame ihre Pflichterfüllung mit ihrem
Leben bezahlen mußte.
Vor dem Krieg erregte der Fall eines Fräulein Rooke in den Vereinigten Staaten lebhaftes Aufsehen und Anteilnahme. Die Telephonistin war in dem Ort Folsom tätig, der gerade von einer Ueber- schwemmung heimgesucht wurde. Um 11 Uhr abends erhielt sie die Meldung, das Wasser steige, und ihr Amt werde im Laufe 4>er nächsten Stunde ernstlich in Gefahr kommen. Fräulein Rooke hätte reichlich Zeit gehabt, sich zu retten; aber sie blieb auf ihrem Posten und sandte den vierzig Familien im Ort und in der Umgebung, die Telephon- anschluß besaßen, die Warnungsbotschaft: „Schnell auf und Lavon! Eine Flut kommt ins Tal!" Tatsächlich gelang es den Leuten, sich zu retten, und als die Telephonistin an sich selbst dachte, war er zu spät. Das Telephonamt war vom Wasser ein- geschlossen, und die moderne Johanna Sebus ertrank. Am anderen Morgen fand man ihre Leiche im Fluß treibend.
Bei einem großen Dammbruch in Austin waren es die beiden diensttuenden Telephonistinnen, die zuerst von der Katastrophe erfuhren. Auch sie blieben auf ihrem Posten, obwohl die andrängenden Fluten bereits an den Häusern in nächster Nähe ihr Zerstörungswerk vollbrachten, und sandten nach allen Seiten ihre Warnungen aus. Auf diese Weise wurde wenigstens der schwere Verlust an Menschenleben vermieden, den das Unglück sonst unweigerlich mit sich gebracht hätte. In kleinen Orten der
Vereinigten Staaten ist das Telephonfräulein oft das einzige menschliche Wesen, das in den Nachtstunden wach ist. So bemerkt sie bisweilen eine Feuersbrunst und ist dann in der Lage, die Bürger aus dem Schlaf zu läuten. In Springfield saß ein Fräulein Iulliran gegen vier Uhr morgens an ihrem Apparat, als sie sah, daß das Haus gegenüber dem Amt lichterloh brannte. Ohne ihre Wachsamkeit wäre ohne Zweifel ein großer Teil des Ortes in Mitleidenschaft gezogen worden. Etwa zur selben Zeit bedrohte ein ungeheurer Waldbrand
Als einziges weibliches Wesen blieb die Tele^ phonistin Gertrude Lent in dem von einem
Flammenmeer umgebenen Ork.
Während der ganzen kritischen Zeit verblieb sie Taa^ und Nacht, ohne sich eine Pause zu gönnen, auf ihrem Posten im Amt und hielt den Verkehr mit der Außenwelt aufrecht. Zum Dank für ihre Tapfer-s feit ließ ihr die Telephongesellschaft eine goldenes Medaille überreichen.
Weniger gefährlich, aber ebenso verdienstvoll,^ das Eingreifen der Telephonistinnen bei Verbrechen, die ihnen durch den Draht mitgeteilt werden. In Buffalo wurde in einer Nacht das Amt angerufen. Die diensttuende Dame griff zum Hörer, vernahm aber nur das einzige Wort: „Polizei". Sie stellte sofort fest, aus welcher Wohnung der Hilferuf kam, alarmierte das nächste Revier, und - in wenigen Minuten waren dort Schutzleute eingetroffen, die zwei Räuber verhaften konnten, mit denen die Bewohner einen verzweifelten Kampf auszufechten hatten. In Kansas City wurde der
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