Von Carl Marilaun
Der Patient heißt Bully.
Auch ein so schöner Name wie Bully schützt nicht davor, eines Tages in die Klinik zur Behandlung gebracht zu werden! Uebrigens ist das ein Mißgeschick, das Bully weit weniger aufregt als seinen Besitzer. Bully ist nämlich kein wehleidiger Mensch, sondern ein stachelhaariger Fox. Er trägt um den Bauch zwei Taschentücher als Notverband und wedelt, freundlich lächelnd, mit dem elegant gestutzten Schwanzstummel, indes sein Herr die erschütternde Geschichte von der Karambolage seines Lieblings mit einen! Lastauto erzählt. Das Lastauto hat sich unbeschädigt aus dem Staube gemacht, und Bully wird nun einige Tage lang bis Tierklinik aufsuchen müssen.
Die sich hier in Begleitung ihrer Kanarienvögel, Bullys und Angorakatzen einfindenden Leute bestehen ausnahmslos aus ...Herrchen" und „Frauchen", die sich im Wartezimmer erschütternde und sehr lange Geschichten vom unverdienten und mit rührender Geduld ertragenen Leiden ihrer Lieblinge erzählen. Der Tierwelt ganzer Jammer könnte einen anfasten, wenn man erführt, daß auch die reinrassigsten Schäfer» Hunde nicht vor der Staupe bewahrt bleiben, daß Bullys mir nichts dir nichts zwischen zwei Ecksteinen Verkehrsunfälle erleiden,
daß Legehühner infolge eines Choks unbe-, kannter Herkunft eines Tages keine prima^ Eier mehr hervorzubringen vermögen, und Kanarienvögel, die gestern noch schmetternd' sangen, heute den Pips haben.
Die ins Sprechzimmer führende Tür öffnet sich, und der Arzt, im weißen Kittel, ruft den nächsten Patienten hinein. Kein Mensch könnte es dem Herrn Doktor ansehen, daß er vielleicht größere Sorgen, als die nicht zufriedenstellend verlaufene Mau
ferung eines Edelrollers oder die Blessur des Schnauzers Bully hat. Mit unerschütterlicher Geduld läßt er sich den Verlauf von Bullys Unfall berichten. Dann bewirbt er 'T$ um ^s Sqmpattjre. Denn es gehört Regeln der Kunst pedikürt, weniger aus ^u_6"" wS^^m^^ Gründen der Aesthetik allerdings, als weit
^Efchen Wdnschaft mrt em normal wachsende Klauen erfahrungs-
tem Schwer gegenüber stehen, und ihre ab- gcm5$ einen großen Einfluß auf die Milchsekretion der Tiere haben.
lehnende Haltung erst aufgeben, wenn sich der Arzt in den Geruch eines „guten Herr-
chens" zu setzen versteht. Der beste Ambulatoriumsarzt ist infolgedessen immer derjenige, der zuerst die Idiosynkrasien und Komplexe seiner Patienten erforscht, und sich dann erst ihre Zunge zeigen läßt. Man muß das Vertrauen einer Angorakatze gewonnen haben, wenn man sich vermessen will, ihre Staupe zu kurieren. Mit einem Wort: Nur ein gutes Herrchen kann ein erfolgreicher Tierarzt sein!
Pferde in der Ordination.
Auch das feinste Hündchen ist nicht immer ein reizender Patient. Pferde sind es fast immer. Mit gelassenem Gleichmut erleiden sie, was des Lebens Unverstand ihnen antut. Und mit demselben Gleichmut be-
.Bitte die Zunge recht roeit hinaus"
geben' sie sich in die Behandlung eines Arztes, auf dessen — einem Pferdegehirn nicht ohne weiteres einleuchtende — Bemühungen sie nur ganz selten mit Beißen oder Ausschlagen der Hinterbeine reagieren. Da trabt zum Beispiel, mit tief gesenktem Kopf, ein Gaul mit einer großen, offenen Fleischwunde heran. Die Deichsel eines Wagens ist ihm in die Seite gefahren, und es muß zunächst feftgestellt werden, ob das Tier nicht auch innere Verletzungen erlitten hat. Zuerst wird die Temperatur gemeßen, dann wird der Gaul vorsichtig abgeklopft, und eine Rippe nach der anderen genau untersucht. Schließlich muß er, ob er will oder nicht, die Schnauze aufmachen, und die Schleimhäute des Maules untersuchen lasten. Also, außer der unangenehm aussehenden, aber leicht zu behandelnden Fleischwunde
„Der Angsttraum des Tierarztes."
hat
das Tier seinen besonderen Schaden davongetragen, und der Besitzer, ein Kutscher mit vorgebundener blauer Schürze, atmet erleichtert auf. Zärtlich klopft er dem Tier beide Hinterteile ab, indeß der Assistent die Wunde mit Iod einpinselt.
Uebrigens sind keineswegs alle hierher geb: '' ' 1
unterziehen. Das Pferd soll den Besitzer wechseln, und um beim Verkauf keine Anstände zu haben, holt sich der Verkäufer ein Attest über den Gesundheitszustand seines Tieres. Die Untersuchung ist sehr eingehend. Lunge, Herz, Nieren, Sehnen, Hufe und Augen werden geprüft, auch die Gangart des Tieres muß genau ausprobiert werden. Ganz besonderes Augenmerk richtet man darauf, ob das Tier auch nicht an Hufkrebs leidet. Das ist eine verhältnismäßig häufig vorkommende Krankheit, deren Erreger man nicht kennt, und über deren Heilmethoden die Aerzte sich noch nicht ganz einig sind,
In der Schönheitsklinik.
Starker Betrieb herrscht immer in der
Abteilung, in der die Klauenkorrekturen vorgenommen werden. Die Mehrzahl der Patienten besteht hier aus Kühen, deren Klauen nicht so gewachsen sind, wie es den für Kühe gültigen Schönheitsgesetzen entspricht. Die Tiere werden also nach allen
Auch Mängel an den Hufen der Pferde müssen beseitigt werden. Mit schlechtgewachsenen Hufen gehen die Pferde nicht ordentlich, sie ermüden leicht und schlagen sich an den Fesseln, was oft Wunden oder Sehnenentzündungen zur Folge hat. Die Hufe müssen also sorgfältig und regelmäßig zurechtgestutzt werden, oft ist auch ein orthopädischer Beschlag notwendig. Aus Eitelkeit gehen Pferde und Kühe nicht in den Schönheitssalon. Aber im Grunde verhält es sich bei den Tieren nicht anders, als bei den Menschen: Je augenerfreuender sie sich präsentieren, desto gesünder find sie!
Die „Bettlägerigen".
Da haben wir zunächst das Pferdespital. Licht und luftig ist es hier. In langer Reihe steht Pferd neben Pferd in den peinlich rein gehaltenen Boxen. Manche, deren Beine dick bandagiert sind, leiden an einer Verletzung oder Entzündung der Sehnen. Andere wieder haben Rißwunden von einer nicht ganz harmlos abgelaufenen Karambolage. Die Wunde ist genäht und eingepinselt. Der Schwanz wird auf die Seite gebunden, damit das Tier nicht mit ihm auf die noch unverheilte Wunde schlagen kann. Einem Gaul wird gerade Medizin eingeflößt. Vier starke Männer sind nötig, um den Schlauch mit der Arznei in den Schlund des Tieres einzuführen.
Im Saal nevenün liegt auf einer Strohschütte ein gefesseltes Pferd. Das Tier wird gerade operiert. Es ist örtlich narkotisiert worden und liegt nun ganz still. Eine Schar junger Studenten der tierärztlichen Hochschule sieht aufmerksam der Operation zu. Es ist so still in dem Saal, als ob ein Mensch hier in seiner schweren Stunde läge und nicht „nur" ein Tier, dessen Schicksal sich binnen einer halben Stunde entschieden haben wird.
Viel lauter geht es in dem Hunde- spital zu. Den Eintretenden empfängt ein ohrenzerreißendes Gekläff. Hunde ertragen das Kranksein nicht mit abgeklärter Ruhe. Selbst im Eipsverband begrüßen sie den an ihre Box Tretenden mit neugierigen, klagendem, freudigem, jedenfalls aber frenetischem Gebell. Die meisten von ihnen sind ausnehmend schöne Tiere, und gerade damit hängt auch ihr Aüfenthalt im Hundehospital zusammen. Bei hochgezüchteten Hunden, namentlich bei großköpfigen Rasten, geht das Werfen des Nachwuchses oft nur mit schweren Komplikationen vor sich. Es ist ai|o ratsam, die teuren Tiere, wenn sie trächtig sind, unter ärztliche Aufsicht zu geben. Ein kleiner, goldbrauner Dackel kommt freundlich wedelnd zum Gitter, und sieht den Besucher mit einem rührend treuherzigen Blick an. Merkwürdig ist seine schiefe Kopfhaltung. Er leidet an einer Störung des Gleichgewichtssinnes, die bei dem in der Box nebenan liegenden Huhn noch weiter fortgeschritten ist. Der Kopf dieses armen Tieres ist ganz ausgerenkt. Der Kamm berührt den Boden, und fortwährend pendelt der Kopf hin und her — ein unheimlicher Anblick. Harmloserer Art ist die Erkrankung des kleinen Terriers, der mit dem Leichtsinn seiner Jugend etwas Unverdauliches geschluckt hat, und jetzt, bitterlich weinend, greuliche Mixturen einnehmen muß, bis man ihm seiner freude-
Immer noch ungenügende Spionageabwehr in Deutschland.
Der nachfolgende Aufsatz unseres militärischen Mitarbeiters, der sein Wissen aus einer Quelle schöpft, die den zuständigen amtlichen Stellen sehr nahe ist, schildert in eindrucksvoller Weise die Bedeutung und die Gefahr des ausländischen
Es gibt in Deutschland noch immer große Optimisten, die behaupten: „Ausländische Spionage? So etwas gibt es in Deutschland überhaupt nicht. Das alles ist nur eine Erfindung allzu Aengstlicher."
Ach, wenn diese Optimisten recht hätten! Dex Reichswehrleitung und den deutschen Kriminalbehörden bliebe viel Kopfzerbrechen erspart! — Denn in der Tat gibt es heute für Deutschland eine außerordentlich große Spionagegefahr, eine Gefahr, die sich im Vergleich zur Vorkriegszeit vervielfacht hat. Ein paar Zahlen mögen das beweisen. In den Jahren von 1902 bis 1913 wurden in ganz Deutschland wegen Landesverrates und wegen Verrates militärischer Ee- heimnisse 107 Personen verurteilt, in den Jahren 1919 bis 1927 dagegen 1132 Personen. Die Zahl der abgeurteilten Spionagefälle hat sich also im Vergleich zur Vorkriegszeit mehr als verzehnfacht; in neun Nachkriegsjahr«! wurden fast elfmal so viel Spionage-Verurteilungen ausgesprochen, wie in zwölf Jahren vor dem Kriege. Dabei ist zu berücksichtigen, daß ein erheblicher Teil der Strafverfahren durch das Londoner Abkommen von 1924 nicht zur Aburteilung gekommen ist, und daß die in Deutschland tätigen, berüchtigten Kontrollkommissionen der Alliierten in großem Umfang amtlich Feststellungen machen konnten, die eine Spionagetätigkei erübrigten. Bei vorsichtiger Schätzung kann man also annehmen, daß die Spionagetätigkeit des Auslandes sich im Vergleich zu der Vorkriegszeit verzwanzigfacht hat, und das Beängstigende ist, daß seit dem Jahre 1927, dem Jahre also, in dem die Berechnungen des Statistischen Reichsamtes abschlietzen, die Spionagenfälle weiter zugenommen haben. Mehr als 200 Spionageverurteilungen im Jahr — das heißt auf Deutsch:• ungefähr jeden zweiten Tag wird in Deutschland ein Angeklagter wegen Landesverrates oder Verrates militärischer Ee- Heimnisse verurteilt! Eine Tatsache, zu der jeder Kommentar überflüssig ist.
Auch augenblicklich wieder werden vor dem Reichsgericht in Leipzig, der einzigen zuständigen Instanz für Spionageangelegenheit, Landesverratsfälle größten Umfanges verhandelt. Aber die Oeffentlichkeit hört außerordentlich selten von diesen Gerichtsverhandlungen. Denn wenn sich auch gegenwärtig über uns eine Hochflut von Spionageliteratur aller Art ergießt, über rein sachliches, aktuelles Material verfügt die Presse außerordentlich wenig. Denn die Säle, in denen die Richter des Leipziger vierten Strafsenates in ihren roten Roben verhandeln, sind dicht verschlossen, die Oeffentlichkeit ist im Staatsinteresse ausgeladen, und kaum jemals dringt ein Wort des dort Gesprochenen über die Gerichtszimmer hinaus. Das Interests, das die Reichsrichter an der Ee- heimhaltung. der Verhandlungen hyben.gM so
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strahlenden Besitzerin wieder zurüctgck kann.
Am wenigsten zu klagen haben die W die in einem abgegrenzten Hsf friedli spazieren gehen. Es sind schöne, gesm! Tiere, die als Studienmaterial gekauft ® hier behalten werden, bis sie gekalbt Habs Sie werden tadellos verpflegt, haben hm liche Ställe. Sie müssen es sich nur gefall! lassen, daß ihnen beim Werfen 20 étubei ten höchst interessiert zuschâuen we* Aber eine Kuh geniert so etwas nicht, lli später, wenn sie längst an einen Ba« verkauft worden ist, wird sie wahrscheinl« mit Wehmut an die Tage einer golden? Jugend zurückdenken, in denen sie d Demonstrationsobjekt und Studienkuh bi Tierärztliche Hochschule absolviert hat.
weit, daß sogar von den Verteidigern der weg! Spionage Angeklagten die Akten unverzügli nach Einsicht zurückgefordert werden.
Weshalb, so fragen sich viele, soll in unsere Heer, das so viel kleiner ist, als die Armee vor dem Kriege, mshv ; e getrieben werden als damals ""“ - 'onage^
hat mehrere Gründe. Einmal ist sie au j^ve kenntnis der Alliierten zurückzuführen, Aaß vo dem Kriege zu wenig Spionage g«tri wurde, das heißt, daß bei Kriegsausbruch t^M Verbündeten nicht genügend darüber orienti waren, wie die militärischen Kräfte in Deuts land verteilt waren. Diesem Fehler soll j abgeholfen werden. Außerdem besteht in FM reich, Belgien, Polen und in der Tsch slowakei, die die hauptsächlichsten Interessent des ausländischen Spionagedienstes sind, iW noch eine gewisse Angstpsychose gegen Deutschland, und so tritt, besonders in letz Zeit, neben der militärischen Spionage die« Ausland betriebene Industrie- und Wirtsch spionage immer stärker in den Vordergrn wohl im Zusammenhang mit der ErkundM des „potentiel de guerre“, der im Volke a'-W gespeicherten kriegerischen Kräfte. EleichzeM erleichtert eine erfolgreiche WirtschaftsspionM es dem Auslande, die deutsche KonkurrenzfâW keit auf dem Weltmarkt weiter zu beeintr tigen. —
Wie arbeitet nun der ausländische Spions ■ dienst in Deutschland? Fast durgängig Agenten! Solche Elemente unter der | deutschen Bevölkerung zu finden, war sov^, | durch die Besetzung weiter Gebiete wie du" ■ die Anwesenheit der Kontrollkommission in | Teilen des Reiches erleichtert. Hinzu kam^k große wirtschaftliche Not, Inflation und i beitslosigkeit mit ihrer Rückwirkung auf ° 1 moralischen Halt vieler Volksgenosten, die M 8 tische Zerrissenheit und die Verschärfung " 1 Gegensätze innerhalb der deutschen Sevölf eru , 1 Geschickt verstand es der ausländische richtendienst, alle diese Umstände auszunu?' g Zahlreiche Agenten ließen sich erst durch sprechungen aller Art ködern und fanden, A man mit den zunächst verschleierten SpioE | aufträgen klar herauskam, nicht den Mut, D zulehnen. Besonders kam es dem ausländllK,» Nachrichtendienst darauf an, seßhafte Ager", | zu gewinnen, die im Staatsdienst, in Betrie ■ und Organisationen, deren Beobachtung » dert wurde, bereits tätig waren, oder sich 5 â einschmuggeln sollten. Leider ist das auch M allzu großem Maße tatsächlich gelungen. K
Bedauerlicherweise haben wir, trotz der 5" K reichen Spionage-Prozesse, den richtigen «vW zur Spionageabwehr noch immer nicht SW funden. Denn es gibt in Deutschland immer keine einheitliche Spionageabwehrst^ , g und die Spionagebekämpfung unterliegt u g wie vor der Polizeihoheit der einzelnen | die einen einheitlichen starken Abwehrkamps möglich durchführen können. Dieser v g tikularismus muß endlich verschwinden, ® . g sich nicht die Auslandsspionage in Deutschi" g zu einer Gefahr auswachsen soll, die für M Reichsheer, wie für die deutsche Wirtschaft " J Schlimmste befürchten, läßt.