Nr. 189
Donnerstag, den 14. August 1930
Sette T
Stadt Kanan
jVavnttnssreiche« i. AuiovevSehv
Kraftfahrer wie auch Fußgänger find vielfach der Ansicht, daß der Kraftwagenführer vor jeder unübersichtlichen Wegstelle, insbesondere au jeder Straßenkreuzung, durch Warnungszeichen auf das Herannahen des Kraftfahrzeugs aufmerksam machen müsse. Die Folge davon ist für den Fuß- glinger, daß er ohne die nötige Vorsicht die Straßenkreuzungen und Fahrdämme überschreitet, im Vertrauen darauf, daß er durch das Signal des Kraftwagenführers ja notfalls gewarnt werde. Diese weit verbreitete Ansicht beruht auf einem Irrtum und hat schon vielfach Anlaß zu Verkehrsunfällen gegeben. Früher bestand zwar die Vorschrift, daß an allen unübersichtlichen Wegestellen Warnungszeichen gegeben werden müssen. Diese ist inzwischen aber aufgehoben worden, und zwar aus Lem Grunde, alle überflüssigen Geräusche zu vermeiden; zuviel abgegebene Warnunaszeichen können sogar eine Bestrafung eines Kraftfahrers nach sich ziehen. Grundsätzlich sind heute durch den Führer eines Kraftfahrzeuges nur noch Warnungs- Zeichen abzugeben, wenn die Sicherheit des Verkehrs es erfordert, daß er auf das Nahen seines Fahrzeugs aufmerksam macht. Langsam fahrende Kraftwagen, die auch bei plötzlich auftauchenden Hindernissen auf kürzeste Entfernung zum Stehen gebracht werden können, brauchen auch an unübersichtlichen Stellen Warnungszeichen nicht ab- zugeben. Dasselbe gilt noch einer Entscheidung des Oberlandesgerichts Hamm (489/29) wenn auf der von dem Fahrzeug befahrenden Straße kein Verkehr herrscht, so daß mit plötzlichen Hindernissen nicht gerechnet zu werden braucht, oder auch wenn die Straße selbst so ruhig liegt, daß das Geräusch des fahrenden Wagens, insbesondere das Arbeiten des Motors, andere Wegebenutzer auf das Heran- nahen des Fahrzeugs aufmerksam zu machen geeignet ist.
3tw GvhShuttg dev Sabvveette
Zum allen Preis im neuen Monat
Zur Erhöhung der Perfonenfahrpveife am 1. September sind jetzt die näheren Bestimmungen für den Uebergang getroffen worden. Die- am 31. August ausgegebenen einfachen Fahrkarten gelten zum Antritt oder zur Fortsetzung und Beendigung der Fahrt bis zum 3. September einschließlich. Man kann also die Karten im August noch zu den alten Preisen lösen. Auch in der Nacht vom 31. August zum 1. September werden die Fahrkarten ohne Rücksicht auf die Abgangszeit des Zuges bis 24 Uhr zu den alten Fahrpreisen ausgegeben. Die Nahrkarten erhalten ausnahmsweise den Stempel- Mfdruck des 31. August. Don Mitternacht an wer- tat alle Fahrkarten zu den neuen Preisen ver- st. Wird in einem Beförderungsschein, der auch 'Ddie Rückfahrt ausgestellt ist, als Tag der Rück- ein Tag nach dem 31.8. angegeben, so wird für l W Rückfahrt der neue Fahrpreis berechnet. Arbeiter-, Wrzarbeiterwochen-, Teilmonats-, Arbeiterrück- Mr- und Ftrienfonderzug-Rückfahrkarten, die vor Lp.l. September gelöst sind, gelten bis zum Ab-
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M Vttte, Ahv Vvosvamm?
sRMan kann heute nie wissen, ob nicht der freund.
Herr, der eben noch so lächelnd über die JAftzlosesten Sachen geplaudert hat, sich im näch- vMlugenblick als ein Mann entpuppt, der mit MM neuen Programm die stauende Mitwelt, MHbesonders dich, überraschen will., Früher B^n die Dichter ihre lyrischen Ergüsse auf Pa- Mr bei sich in der Brusttasche; dieser Brauch ist »/was seltener geworden. Dafür dichtet man heute '/Wamme zurecht, um damit seine Mitmenschen überfallen.
WJch meine beileibe nicht nur politische Pro- «mmc, sondern Vereinsstatuten aller möglichen
ȉ^ ^lȉ " der
Renale Mercandin.
Roman Don Fred Relius.
Copyright by Union Deutsche Verlagsgesellschaft Stuttgart
W. Fortsetzung.
(Nachdruck verboten.)
Noch in der gleichen Nacht schrieb Griebenow an ^eugereuth persönlich. Er dankte für die Güte und ^Wohlwollen, das ihm Neugereuth erwiesen hatte. faste, daß ein tragisches Versehen eine Weiter- unter ihm unmöglich mache. Er nehme an, Mercandin mit Neugereuth gesprochen habe. Anschein ... die Beweise sprächen gegen ihn. sei das Opfer eines Schurken, der sich eine un- ynwoll« Stunde in dem Leben ©riebenoros zunutze «Macht habe. —
siegelte und warf den Brief noch in der i uhen Morgenstunde in den Kasten.
Abend kam die Antwort. Ein Geschäfts- „ m,t Firmenaufdruck, eingeschrieben. Griebe- n°w zerriß den Umschlag. Auf dem Bogen stand ^^ibmaschinenschrift geschrieben: „Sie er- / ^,ermit das Gehalt für einen Monat im 5Be= hoi" vW dreihundertfünfzig Mark. Scheck liegt Konaenian^enstempel Kleusch & Neugereuth ppa.
der Würfel war gefallen. Es kam alles, A»!®5 ^nmien mußte. Das Leben hatte ihm ge- es konnte. Unerwartet präsentierte es den er einst gezogen hatte. Nunmehr a - zahlen.
war zu verlieren. Er sandte hundert- g Mark durch Postanweisung an Professor das AZelch lächerlich geringe Summe war Lon'i- «!' . p^âr hundert Franken, die Kosten des -â. ur eme Nacht sowie der Steife nach Berlin, jener fâ*venJ Um diese Summe hatte man in fein- Ä^»' sollen Nacht in Monte Carlo seine Ehre, loren roi^ “n^ Iem ®lü^ verpsändet und — ver- $erhi»Mn ISjn °der böse sein, war Schicksal, fein sonnte Le ^r ein großes Bankguthaben hatte, sein- ^-^Alos und ehrlich vor den Menschen öunmw r vn ä^hen und trotzdem ein Schurke sein, ger und Verzweiflung aber konnten einen
Die neue
âÄnrenvee-iOeennssordnuns
Oesen den MiGbvanch dev ^sankenkaffen - Schiidisnns dev SolkssernndheSt?
Eine der dringlichsten Reformen, die mehrfach aufgeschobene Abänderung der Bestimmungen der Krankenversicherung, ist nunmehr im Wege der Notverordnung gelöst worden. Einschneidende Maßnahmen wurden getroffen, deren Auswirkung erst abzuwarten ist. Getragen ist das Reformwerk von dem Gedanken, daß dem Mißbrauch der Krankenkassen energisch entgegengearbeitet werden muß. Tatsache ist, daß die Krankenversicherung von den „Kundigen" vielfach in bedenklichster Weise dazu benutzt wurde, sich erhebliche Vorteile zu verschaffen. Eine andere Frage dagegen ist es, ob nicht, wie vielfach in Aerztekreisen behauptet wird, die Volksgesundheit durch die Aenderung der Bestimmungen erheblichen Schaden erleibet. So sei vor allem jede Prophylaxe ausgeschlossen.
Zunächst zu dem Reformwerk selbst. Eine der wesentlichsten neuen Bestimmungen lautet, daß für jeden Krankenschein in Zukunft 50 Pfennige gezahlt werden sollen. Die Einnahme, die die Krankenkasse selbst daraus zieht, ist verhältnismäßig gering; man schätzt sie auf ca. 5 Millionen Mark im Jahr. Bei der Einführung der Bezahlung des Krankenscheines ging man auch weniger von dem Gedanken aus, den Krankenkassen eine Einnahmequelle zu erschließen, als vielmehr Bagastllfälle auszuschalten. Vielfach sind die Patienten zu Krankenkassenärzten gegangen, um sich kosmetische Mittel aller Art verschreiben zu lassen. Dem soll nunmehr endgültig ein Riegel vorgeschoben werden. Ebenso wesentlich ist die Bestimmung, daß der Patient bei Entgegennahme von Medikamenten einen Betrag von 50 Pfennig bezahlen soll — aber nicht etwa mehr, als die Medikamente selbst ausmachen. Im wesentlichen kommt diesen beiden Bestimmungen die Bedeutung einer Selbstbeteiligung dec Krankenkassenmitglieder zu. In Aerztekreisen ist man der Ansicht, daß viele Patienten in Nicht- erkenntnis ihres tatsächlichen Zustandes auf diese Weise vielfach zu lange warten werden, ehe sie den Arzt aufsuchen. Statt der Krankenkasse Ersparnisse einzubringen, würde sie vielmehr durch die zu erwartenden erheblich höheren Kosten noch stärker als bisher belastet werden. Besonders groß sei aber die Gefahr bei schweren Krankheiten, deren erste Symptome meist nur ganz allgemeiner Natur sind und von den Patienten vielfach zu leicht genommen werden. Ganz abgesehen von den entstehenden Mehrausgaben für die Krankenkasse sei damit die Gesundheit zahlreicher Personen aufs schwerste gefährdet. Demgegenüber ist von den Krankenkassen bzw. von feiten der Regierung eine andere Stellung eingenommen worden. Man vertraut auf die Aufklärungsarbeit der letzten Jahrzehnte. Jeder, der sich tatsächlich krank fühle, werde trotzdem zum Arzt gehen. In vielen Fällen sei zweifellos der Selbstschutz der Kranken völlig ausreichend, vor allem sei aber in der Berechnung der
entgegenzuwirken.
Von weittragenden Folgen können die Bestimmungen sein, die sich auf die Aerzte beziehen. So sollen die Kassen in weit größerem Umfange als bisher verpflichtet sein, die Bescheinigung eines Arztes über die Arbeitsunfähigkeit des Patienten und besonders seine Anordnungen für ärztliche Sachleistungen durch einen anderen Arzt nachprüfen zu lassen. Diese Bestimmung erhält noch dadurch besonderes Gewicht, daß der Arzt, der bei der Ausstellung der Beschönigung
Art, Aufrufe für eine gute oder weniger gute Sache, Entwürfe von Gründungen, die Selb bringen oder Geld kosten. Die dichterische Freiheit kennt keine Grenzen. 31 Leute gründen 4 -Parteien
Ehrenwerten, wenn das Schicksal es wollte, in den Abgrund der Verdammnis stürzen.
Griebenow fuhr zu Marcüse nach der Oberbergstraße. Er bezahlte zwanzig Mark und erhielt die neueste Liste offener Stellen. Er erwarb die Anwartschaft auf Posten vom Fabrikdirektor bis zum Fässerspüler. Fabrikdirektor werden schien ihm angenehmer als das Fässenspülen. Sein Ziel lag hoch. Er durchlief die Skala wechselnden Erlebens in den nächsten Wochen: Hoffen und Erwarten Pessimismus und Enttäuschung. Man empfing ihn manchmal formvollendet höflich, manchmal mit brutaler Grobheit. In allen Fällen war der Mißerfolg der gleiche. Er lernte die Bedeutung des Portiers, der Pagen, überhaupt der Angestellten kennen, die ihn vorzulossen oder anzumelden hatten. Manche Trinkgeldmark floß in den abgrundtiefen Strom des Zukunftshoffens. Er durchfuhr die Stadt von Nord nach Süd, von Oft nach West. Die Stadt war groß. Er marschierte Straßenviertel auf und Straßenviertel ab. Durch solche, die sich schweigend im Bewußtsein ihrer Armut duckten, und durch solche, die sich in dem Lärm und Pwtzentum des Reichstums bäumten. Hunderte von Meilen hatte er wohl so zurückgelegt. Seine Stiefelsohlen wurden immer dünner, seine Kasse leerer, und der Hunger wuchs im Magen.
Es kam die Zeit, in der sich Griebenow von trockenen Brötchen nährte, manchmal ein Stück billige Wurst dazu erstand und nur jeden zweiten Tag in irgend einem Keller eine Taffe Brühe trinken konnte. Es kam die Zeit, in der die Stiefelfohlen Löcher zeigten und in der er einen schweren Kampf durchkämpfte, ob er sich die Haare schneiden lassen dürfe.
Es kam der Tag, an dem man die Bezahlung seines Zimmers in dem Pensionat der Martin-Luther- Straße von ihm wünschte und er angesichts der unbezahlten Rechnung nur noch einen Barbestand von 5.20 Mark zu errechnen wußte. Das war das Ende.
Alles war umgittert und umzäunt. Er starrte in den letzten Abgrund. Die Götter versagten ihm die Gnade.
An diesem Tag verkaufte Griebenow von seiner Kleidung, was er irgendwie entbehren konnte. Er versetzte seine goldene Uhr, dann bezahlte er die Rechnung in dem Pensionat der Martin-Luther- Straße und bezog ein kleines Zimmer im Berliner Norden, in der Voltastraße.
über die Arbeitsunfähigkeit und Dauer, die den Umständen nach erforderliche Sorgfalt außer Acht ließ, schadenersatzpflichtig gemacht werden soll. Liegt in dieser Bestimmung nicht eine starke Diskreditierung des Aerztestandes überhaupt? Denn wenn die Bestimmungen des behandelnden Arztes ständig der Kontrolle eines zweiten Arztes unterliegen, so kann dies zu den schwersten Mißständen führen. Tatsache ist, daß auch diese Maßnahmen sich gegen den Mißbrauch kassenärztlicher Unterstützung wendet. Man ist der Ansicht, daß viele Aerzte, die sich moderne Heilapparate zugelegt haben, in die erhebliche Geldsummen investiert werden mußten, diese in weit größerem Umfange auszunutzen bemüht sind als durch die Krankheitsfälle bedingt wird. Es mag manches Wahre an dieser Ansicht sein. Aber aus der anderen Seite darf nicht verkannt werden, daß auf diese Weise bei Patienten wie bei Aerzten eine Stimmung des Mißtrauens und des Argwohns geschaffen wird, die besser hätte vermieden werden sollen.
Durch einige Zusätze zu den neuen Verordnungen wird die Tragweite mancher Bestimmungen etwas eingeschränkt, wobei man sich selbstverständlich von sozialen Motiven leiten ließ. So ist z. B. vorgesehen, daß durch Ausführungsverordnung Arbeitslose und andere Personen von der Bezahlung der Gebühr für den Krankenkassenschein befreit werden können. Auch soll für Versicherte mit niedrigem Grundlohn der Betrag um 50 Prozent, d. h. auf 25 Pfennig, ermäßigt werden. Ebenso können auch bei der Rezeptgebühr Ausnahmen zugelassen werden. Diese Bestimmungen deuten daraufhin, daß die neue Verordnung nicht in rigoroser Weise gehandhabt werden soll, sondern unter möglichster Schonung der Krankenkassenmitglieder.
Ungelöst blieb die Frage, wie eine gerechtere Verteilung der Patienten auf die vorhandenen Kassenärzte erreicht werden kann. Denn wenn auf je 1000 Versicherte nur ein Arzt kommen soll, und das Oberversichorungsamt die Berechtigung erhält, die Zulassung weiterer Aerzte zu einer Krankenkasse zu sperren, so bildet dies weniger eine Maßnahme gegen die sogenannten „Kassenlöwen", als gegen den jungen Nachwuchs, der vor noch größeren Schwierigkeiten stehen dürfte, sich eine neue Praxis zu schaffen. Ein Institution, die sich bei vielen Privatversicherungsanstalten außerordentlich bewährt hat, findet leider gar keine Berücksichtigung, nämlich die Rückzahlung von Krankenkassenbeiträgen an solche Mitglieder, die die Krankenkasse überhaupt nicht oder nur sehr wenig benutzen. Sie waren bisher die Leidtragenden der ganzen Versicherungsordnung; denn auf ihre Kosten haben sich die „Klugen" bereichert. Sie werden auch jetzt nicht bessergestellt. Würde eine Bestimmung getroffen werden, daß Krankenkassengelder wieder zurückgezahlt werden, wenn die Kranken- kasse im Laufe eines, Jahres nicht beansprucht, wurde, so würde dies sicherlich ein heilsamerer Zwang zur Vermeidung von Bagatellfällen sein, als die "Berechnung von Sondergebühren für Kran- kenkafsenscheine und Rezepte.
Eines wird jedenfalls durch die Neuregelung erreicht werden, und das ist im allgemeinen Interesse zu begrüßen: in den nächsten drei Monaten werden die Krankenkassenbeiträge herabgesetzt werden. Die Ermäßigung dürfte sich auf ca. 1 Prozent belaufen. Dadurch wird die neue Belastung der Massen durch Erhöhung der Arbeitslosenunterstützung wieder ausgeglichen.
mit 8 Vereinen, 12 Wohltätigkeitsinstituten und 16 Entschließungen. Die Lawine der Betätigung dieser Art begräbt Dörfer und Städte unter sich unö walzt die Ruhe des braven Pfahlbürgers nieder,
Eines Spätnachmittags kam er nach dem Kömperplatz.
Er wußte, daß Professor Mercandin dort wohnte. Noch immer lag die Karte aus der unheilvollen Nacht in Monte Carlo in der Tasche Griebe- nows.
In der letzten Woche hatte Griebenow nur dreimal seinen Hunger stillen können. Durch eja Gabelfrühstück letzten Freitag, durch ein Mittagessen Sonntags, ein Abendbrot am Dienstag. Dazwischen hatte er sich täglich ein paar Brötchen ohne Butter einverleibt.
Heute nun war wieder Freitag.
Er trieb sich feit dem frühen Morgen in der Stadt umher und war treppauf, treppab gelaufen. Ihm war schlapp und schlecht zumute geworden. Er fühlte Ohrensausen.
Und nun stand er vor der Villa Mercandin am Kemperplatz, Umhüllt von dämmerblauen Schatten lag das große Haus wie ausgeftorben. Zwischen dunkeln Stämmen flimmerte das Licht der Bogenlampe an dem Eingang. Die Fenster an der Straßenseite waren tot und ohne Schimmer, die Läden nicht geschlossen.
Griebenow stand regungslos und starrte diese Fenster an. Er hatte das Gefühl, als ob die Scheiben Augen wären, ein Chaos harter grüner Augen, die sich durch das Dämmerlicht in feine Seele bohrten.
Griebenow ließ seine Lider sinken, um ibem Blick der harten grünen Augenfenster zu entrinnen. Wieder, wie so oft, beschwor er das Erinnern an die bleiche, blonde Frau vor seine Seele. Es verfolgte ihn seit Wochen, feit dem Abend in der Bendlerstraße. Eine taumelnde Begierde hatte ihn gefaßt, ihre Nähe irgendwo zu spüren, und ob er das Gefühl bekämpfte wie Versuchung oder Sünde, es kam immer wieder in tief geheimer, weher, süßer Wonne. Es band die Glieder, lähmte jede Muskel, krallte in Herz und Hirn, lockerte dort einen Faden nach dem andern und zerriß die WiUensstränge.
Eine tolle Lust, das Gittertor zu öffnen, bis an das Portal zu gehen und dort zu schellen, überkam ihn. Atan konnte beispielsweise den Professor sprechen wollen und den Schuldschein von ihm fordern. Oder nach Frau Mercandin verlangen, um ihr ibas Spitzentuch zurückzugeben. Aber alles dies war Wahnsinn, sagte er sich selbst.
dem es nicht mehr geglaubt wird, wenn er stöhnt: ,Lch will mei Ruh haben".
Es gibt Programme über Programme. Sie sind immer hübsch, wenn sie neu sind, und bringen viel Aerger, wenn sie alter werden. Mit Sekt werden sie aus der Taufe gehoben, und wenn sie dann zu Wasser geworden sind, lacht die böse Schadenfreude der anderen, denen es auch nicht besser gegangen war. Im Altertum wurden in einem Staat „Leute mit einem Programm" bestraft, wenn dieses Programm nicht die Zustim- ung der Mehrheit fand. Da befand sich sozusagen an jedem Progranrm ein Strick, an dem man bei Gelegenheit aufgehängt werden sonnte. Die Leute lassen sich nicht gern aufhängen; deshalb gab es vermutlich wenige Programmwütige. Es hatte auch jeder Zeit, sich mit den notwendigen Programmen und Aufrufen zu beschäftigen, die zur Erhaltung des Staates und der Stadt wichtig waren. Diese Leute besaßen noch Zeit, um auf das Gute zu hören, das ihre Mitmenschen dachten, was mir selber erfinden, und wenn es für einen noch so engen Kreis von Menschen berechnet ist.
Für die nächsten Wochen wird es gut sein, etwas Mißtrauen zur Schau zu tragen. Vielleicht ist dein lieber alter Bekannter, der sonst immer so vernünftig war, heimlich unter die Progranimatiker gegangen. Sein Attentat auf dich muß dich vorbereitet finden. Tritt ihm mit Mut entgegen und sprich: „Verschweige mir nichts, enthülle dein Antlitz, heraus mit »dem Programm!" Äst er dann, der er immer war, dann kannst du mit einem Löcheln zur Tagesordnung übergehen. Wird er ernst und empfindlich, dann hüte dich vor ihm. Der Mann ist gefährlich und wird dich um deine Ruhe bringen.
Sollte sich einer der verehrten Leser getroffen fühlen, weil er heimlich ein Programm im Busen trägt, so bitten wir um Nachsicht, daß wir ihm zuvorgekommen sind. Es ist nämlich auch ein Programm, gegen die zuvielen Programme zu schreiben. .
* Daten für 15. August. 1688: König Friedrich Wilhelm der Erste von Preußen geboren. 1740: Der Dichter Matthias Claudius in Reinfeld geboren. 1769: Napoleon der Erste in Ajaccio geboren. 17715 Der englische Dichter Sir Walter Scott in Edin- burg geboren.
* Justizpersonalien. Herr Gerichtsassessor Dr, Pfeiffer am hiesigen Landgericht ist zum Landgerichtsrat befördert und an das Landgericht Köslin (Pommern) berufen worden.
* Hofpitalkirche. Heute abend 8 Uhr Bibel- stunde. Pfarrer Scheig.
* Wallonische und niederländische Gemeinde. Der gemeinsame Gottesdienst am kommenden Sonntag findet durch Herrn Pfarrer Uloch statt
♦ Geschichtsverein. Anläßlich der Mlhelms- bader Woche, die in der Zeit vom 31. August bis 7, September stattfindet, veranstaltet der Geschichtsverein in der Burgruine eine Ausstellung „Hanauer Maler des 19. Jahrhundert". Besitzer von Werken von Cornicelius, Hausmann, Göllner, Schleißner, Hermann u. a., die bereit sind, diese für die Ausstellung zur Verfügung zu stellen, werden gebeten, dem 1. Vorsitzenden des Vereins, Herrn" Landgerichtsrat Dr. Fraeb Mittâng zu machen.
* Die Deutsche Volkspartei schreibt uns: Unsere Kandidatenliste für die Reichstagswahlen wird am Sonntag, 17. d. M. auf dem Wahlkreisparteitag in Wiesbaden festgelegt. Die bereits in der Presse erfolgte Nennung von Nomen war daher verfrüht und es erübrigt sich Betrachtungen daran zu knüpfen.
* Fernsprechverkehr. Bergen (Kr. Hanau) ist jetzt ebenfalls in das Schnelloerkehrsnetz einbe- zogm worden. Gespräche nach Bergen sind daher bei Nr. 9 unmittelbar anzumelden.
♦ Kraftpost Hanau— Frankfurt. Ab 18. August wird der Fahrplan der Kroftpost Fronkfurt-Hanau- Frankifurt geändert werden. Die Wünsche der den Autobus zahlreich Benutzenden sind, soweit es möglich war, berücksichtigt worden. Nähere Auskunft erteilen die Ortspostanftalken.
Fliehen. . . dachte Griebenow. Sofort! Es geschieht Entsetzliches, wenn ich noch länger stehen bleibe.
Er stieß die Füße ab mit bem Aufgebot der letzten Energie. Er stellte wie im Muskelkrampf die Beine vorwärts. Von dem Fahrdaimn tobte das .bas Gebell der Autos an sein Ohr. Er bemühte sich, die Sinne auf den Lärm der Straße einzustellen. Die Kette, die ihn an dem Hause festhielt, löste sich, je mehr er vorwärts kam. Er bog in eine Straße ein, in der die Läden hell erleuchtet waren und in der das Großstadtleben pulste.
Endlich hielt er. Er stand vor einem großen Laden, dessen Lampenlicht den Bürgersteig erhellte. Er zog das Taschentuch und trocknete den kalten Schweiß von seiner Stirn. Jähe Uebels eit befiel ihn. Der geschwächte Magen bäumte sich. Alles drehte sich um ihn. Er schwankte.
Ich nmß mich halten . . . dachte er mit letzter Kraft. Ein Laternenpfahl stand vor ihm auf dein Bürgersteig. Er steuerte ihn an, breitete die Arme aus und hielt sich krampfhaft daran fest.
Plötzlich sah ec unweit vor sich eine Frau. Sie löste sich vom Strom der Menschen und kam auf ihn zu. Sie schien sehr elegant. Sie hatte eine Sade aus Chinchilla auf dem schlanken Körper. Es war — Frau Mercandin.
Eine Scham, die feine Grenzen kannte, überströmte Griebenow. Er ließ den Eisenständer los. Sein Gesicht verzerrte sich. Er wollte lächeln. Er wollte aufrecht stehen, schwankte, bemühte sich, den Hut zu ziehen. Tastete, faßte wieder den Laternenpfahl, wollte sprechen. Stöhnte.
Er fühlte linde seinen Arm gefaßt. Empfand den schweren Duft von süßen Rosen, den weichen Wohllaut einer Frauenstimme.
„Guten Abend. Was ist denn geschehen, Herr Doktor Griebenow?"
Er versuchte nochmals sich zu straffen. Es gelang ihm, feinen Hut zu ziehen und sich zu verbeugen.
„Verzeihung, gnädige Frau. Ich fühle mich nicht wohl".
Sie reichte ihm den Arm. „Bitte . . . Wollen Sie sich stützen. Ich wohne ein paar Häuser weiter, an dem Kemperplatz. Sie können sich zunächst bei mir erholen und nachher 'm Taxi nehmen. So . . . Geht es?"
(Fortjetzung 1dgU