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1930
Die Stunde der Freiheit
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Nach einem heißen Sommertag eine laue sternenklare Nacht. Es ist, als ob der Himmel dazu beitragen wollte, daß die über Deutschland aufgehende Freiheitssonne in besonders Hellem Glanze erstrahlt. Und wer die mitter
nächtlichen Befreiungsfeiern die weihevolle Stunde mit
miterlebt, wer dem Herzen mit-
gefühlt hat, der wird in aufrichtiger Bewunderung vor der Bevölkerung der bisher besetzten Gebiete sestgestellt haben, daß die Freiheitssonne über keinem Würdigeren aufgehen konnte.
Nach beinahe zwölfjähriger Besetzung kann nun auch die Bevölkerung der dritten Be- satzungszone wieder aufatmen. Sie fühlt sich wieder frei von dem seelischen Druck, der jahrelang auf ihr gelastet, frei von den schweren Hemmungen, die lange Zeit ihre Beweglichkeit und ihr Wirtschaftsleben beeinträchtigt haben. Seit gestern weilt kein fremder Besatzungssoldat mehr auf deutschem Boden. Seit heute nacht 12 Uhr ist die deutsche Souveränität am Rhein und in der Pfalz wieder vollkommen hergestellt.
Kein Wunder, wenn zu der mitternächt-
licheu Stunde, die diesen Wendepunkt in der ^dz» uchen. E Schichte brachte, die Bevölkerung
um in spontaner Begeisterung gewonnene Freiheit zu jubeln.
Es vor trefergreifend, als um 12 Uhr die Glocken von Stadt zu Stadt, von Dorf zu Dorf, vom Main bis zum Rhein, von der Mosel bis in die lieblichen Täler der Pfalz den Beginn der neuen Zeit verkündeten. Es war wie ein Aufschrei lange Zeit gequälter Seelen, als allüberall Dankes- und Jubelhymnen durch die nächtliche Stille erbrausten. Es war ein St nbol leuchtender Freiheit, als von den Taunusbergen bis zu den Höhen am Rhein, der Hardt, der Eifel die Freudenfeuer aufflammten. Und was von prominenten Rednern zu den Massen gesprochen wurde, das klang wie die Verheißung einer besseren Zukunft Deutschlands. Daß diese Verheißung Wirklichkeit werden wird, das hat die würdige Haltung der Bevölkerung während der langen Besatzungszeit, das hat die tiefe vaterländische Begeisterung gezeigt, die in dieser mitternächtlichen Stunde aus den Massen her- vorauoll. Noch einmal wird diese Welle der Begeisterung über das Rheinland hinwegbrausen, wenn unser allverehrter greiser Reichspräsident zum erstenmal wieder rheinischen Boden betritt. Und dann: An die Arbeit für den Wiederaufbau der befreiten Gebiete!
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Wiesbaden, 30. Juni. Mit dem heutigen Tag der Räumung der dritten Zone ist auch das Ende der Rheinland-Kommission gekommen. Die drei Fahnen — die Trikolore, die belgische und die eng- liche — die auf dem Hauptquartier, dem ehemaligen Hotel Wilhelma flatterten, sind heute vormittag eingezogen worden. Es war die. letzte militärische Feier der französischen Truppen. Der Oberkommissar Tirard und die Mitglieder der Rheinlandkommission nahmen vor dem Hotel Aufstellung, ' Unter den Klängen der dre, Nationalhymnen sanken nacheinander die drei Fahnen. Nach einer Parade der 500 Mann starken Ehrenwache erfolgte der Abmarsch der Truppen zum Bahnhof. Auch die Mitglieder der Rheinland- konnnission verließen mit einem Extrazug ^ws- baden.
Mainz, 30. Juni. Pünktlich zur festgesetzten Stunde um 11 Uhr heute vormittag ist die l e tz t e Trikolore am Rhein, die als Symbol des Oberkommandierenden der Rheinarmee auf dem eilen Kurmainzischen Schloß wehte, eingeholt worden. Eine halbe Stunde vorher waren die letzten Truppen aus Kastel über die Rheinbrücke und aus der letzten noch bewohnten Mainzer Kaserne in leldmarschmäßiger Ausrüstung vor dem Schloß an- qetreten. Es mochten etwa' 500 Mann sein, die Zeuge dieses Abschiedes der Franzosen vom jetzt Mien Rhein geworden sind. Viele Tausende von denen, die aus dem Rheinland, aus Frankfurt und aus der weiteren Umgebung von Mainz hierhcrge- d"nnen waren, säumten die Straßen.
ckls General Guillaumat von feinem Stab
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Aus Anlaß der Befreiung der Rheinlande erlassen Reichspräsident, Reichskanzler und die Reichsregierung folgenden Aufruf:
Rach langen Jahren der Drangsal und des Harrens ist heule die Forderung aller Deutschen erfüllt: Die fremden Besatzungskruppen haben das Land verlassen. Treue Vaterlandsliebe, geduldige Ausdauer und gemeinsame Opfer haben dem seit dem unglücklichen Ausgang des großen Krieges von fremden Truppen besetzten Gebiet das höchste Gut eines jeden Volkes, die Freiheit, wiedergewonnen. Der Leidensweg, den die rheinische Bevölkerung aufrechten Hauptes um Deutschlands willen gegangen ist ist zu Ende.
Der Tag der Befreiung soll ein Tag der Dankbarkeit sein. Unser erstes Gedenken gebührt heute denen, die im Kampf für die Freiheit Deutschlands gebt i e b e n s i n d, die ihr Leben gaben für das Vaterland. Zu ihnen gehören auch alle, die während der harten Jahre der Besetzung ein Opfer ihrer Vaterlandsliebe wurden. Unvergessen sollen die Leiden der Männer und Frauen bleiben, die in der schwersten Prüfungszeit seelisch und körperlich für Deutschland geduldet haben, und stets werden wir der vielen Tausende gedenken, die wegen ihrer Treue zu Vaterland und beschworener Pflicht durch fremde Machtwèllküc von Haus und Hof vertrieben wurden. Ihnen allen schulden wir unauslöschlichen Dank! Wir wollen ihn abstatten, durch das Versprechen, uns aller gebrachten Opfer durch Dienst an Volk und Vaterland würdig
zu erweisen.
Roch harren unsere Brüder im Sa a r g e b i e t der Rückkehr zum Mutterland. Wir grüßen heute deutsches Land und deutsches Volk an der Saar aus tiefstem herzen und mit
grüßen heute deutsches Land und deutsches Volk an der Saar aus tiefstem Herzen und mit dem Gelöbnis, alles daran zu setzen, daß auch ihre Wiedervereinigung mit uns bald Wirklichkeit wird. Auch ihnen gebührt heute Deutschlands Dank. Wir wissen, daß sie stolz ihr Deutschtum bewahrt haben, und daß sie ihre Rückkehr zum Mutterlande nicht mit Bindungen erkauft wissen wollen, die den deutschen Gesamlinteressen widersprächen.
Ueber dem politische n und wirtschaftlichen Leben unseres Volkes hängen immer noch f ch w e r e W o l k e n
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nis sich selbst behauptet hat, ein Land, das auf den Gebieten der Wissenschaft, Kunst und Technik auch m bitterer Notzeit Leistungen vollbracht hak, die in der ganzen Welk anerkannt und bewundert werden, hat ein Recht darauf, mit Selbstvertrauen und mit Zuver-
ficht feiner Zukunft entgegenzugehen. Durch Jahre schwerer Leiden, durch Uebernahme drückender Lasten haben wir dem Land am Rhein die Freiheit wredergewonnen; für u n s e r e s Vaterlandes Glück und Zukunft wollen wir sie in treuem Zusammenstehen erhalten.
Das Gelöbnis in dieser feierlichen Stunde sei Einigkeit) Einig wollen wir sein in dem Streben, unser geliebtes Vaterland auf friedlichem Wege nach Jahren der Rok einem besseren und helleren Tag entgegenzuführen. Einig wollen wir sein in dem Schwur: Deutschland, Deutschland über alles!
VveuGsu ®tOW das RheiuSaud
Aus Anlaß der Rheinlandräumung hat die preußische Staatsregierung un die Bevölkerung der befreiten rheinischen Gebiete folgenden Aufruf erlassen:
Die Preußische Staatsregierung grüßt in der Stunde der Räumung die befreiten Brüder am Rhein. Wenn die vorzeitige Räumung erreicht worden ist, so ist das in erster Linie ein Erfolg der treuen Vaterlandsliebe, des unerschütterlichen Glaubens an die deutsche Zukunft und des zähen Abwehrwillens der Bevölkerung. Diese Vaterlandsliebe hat Männer und Frauen aller Schichten und Berufe, aller politischen und weltanschaulichen Gruppen des bisher besetzten Gebietes zu unerhörten Opfern an Leben, Freiheit, Gesundheit und Vermögen befähigt. Das ganze deutsche Volk und mit ihm die Preußische Staatsregierung dankt dem Rheinlande für diese Treue zu Reich und Preußen und wird sie nicht vergessen.
Unser Dank gilt auch den erfolgreichen Staatsmännern, die, fest gestützt auf die Standhaftigkeit und die unbeirrbare Treue der Bevölkerung, sich für die Befreiung des Rheinlandes mit ihrer ganzen Kraft eingefetzt haben und durch ihre Politik den Weg in die Freiheit schon jetzt bahnen konnten.
An diesem Freudenkage fehlen in unseren Reihen die Volksgenossen an der Saar. Wir finden uns mit ihnen in wechselseitiger Treue und in dem festen Vertrauen, daß die Kräfte, die dem Rheinlande die Freiheit wiedergegeben haben, auch sie in naher Zukunft wieder mit ihrem Vakerlande vereinigen werden. Der Erfolg des Ringens der letzten 12 Jahre, die Rettung des deutschen Rheins und unseres größten nationalen Gutes, der Einheit des Reiches, berechtigt uns zu dem zuversichtlichen Glauben an eine bessere Zukunft des deutschen Volkes und der deutschen Republik.
Ramens der Preußischen Staatsregierung:
Dr. h. c. Braun, Ministerpräsident.
begleitet vom Portal des Schlosses her über den Hof schritt, ertönt der Befehl: „Au trapeau!" Die Clairons schmettern einen Marsch, die Truppen präsentieren, die Marseillaise erklingt, und langsam senkt sich die Fahne Frankreichs, die dann von einer Ehrenwache zum Bahnhof geleitet ward. Die vielen Tausende der Menschen begleiten das Niedergehen der Trikolore mit Händeklatschen und Bravorufen. Versuche, das Deutschlandlied anzustimmen, werden aufgegeben, als besonnene Menschen die Allzueifrigen und Begeisterten darauf hinweisen, daß der Augenblick dafür doch wohl kaum geeignet sei. Aber immer wieder während die .französischen Truppen durch die Größe Bleiche zum Bahnhof marschieren im kurzen Schritt der Franzosen, bricht die Freude der deutschen Bevölkerung, daß sie diese Stunde noch erleben durfte, durch.
Im unmittelbaren Anschluß an den Abmarsch der Truppen begab sich der Stab >m Auto eberqaiG
kolken. Aber dennoch ist uns der heutige Tag Anlaß freu- gcifterung aus
Ein Bolt, das, ganz auf sich allein gestellt. trotz Härtester Bedräng- Wi «GM^
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zum Mainzer Hauptbahnhof. Um 12 Uhr wurde die Spitze der Truppen in einen Transportzug ein* geladen. Der Zug verließ Mainz kurz nach 13 Uhr. Ihm folgte im Sonderzug General Guillaumat.
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Wie in anderen Städten der freigewordenen Rheinlande fand auch in Mainz um die Mitternachtsstunde eine Befreiungsfeier statt, die mit dem Glockengeläut sämtlicher Kirchen, Sirenengeheul der Fabriken und Böllerschüssen eingeleitet wurde. Zehntausende von Menschen füllten den Platz, wo nach gemeinsamen Gesang des Chorals „Großer Gott wir loben dich" Oberbürgermeister Dr. K ü l b als erster das Wort zu einer Rede ergriff, in der er u. a. ausführte:
Freiheit, Freiheit jubelten und jauchzten die Glocken von allen Türmen der altehrwürdigen Moguntia, des einstigen gohdnen Hauptes
Germaniens und Freiheit hallte es wieder von dem Dom zu Speyer, der letzten Ruhestätte der alten deutschen Kaiser. Mit ehernen Stimmen beglück- wünschten die beiden hochragenden Kathedralen am Rhein, zu deren Füßen fremde Völker im ewigen Wechsel auf- und niödertauchten, unsere engere Heimat zu ihrer endlichen Befreiung. Wieder frei, wieder deutsch rauschen die Wellen des Rheins vom Felsengeklipp an, wo die Fluten brausend und donnernd sich Bahn brechen in deutsches Gebiet bis dorthin, wo sie in fremdes Land sich ergießen. Mit des Meeres Wogen vereint tragen sie die frohe Kunde in alle Lande, wo deutsche Brüder in unseren Jubel einstimmen: Frei ist der Rhein!
Zu Deutschlands Grenzen wollte man den Rhein Heralbdrücken! Deutschlands Strom ist er wieder geworden! Frankreichs Trikolore sank und des Reiches und der Länder Flaggen wehen wieder allein über unserer deutschen Stadt. Fast 12 Jahre lang stand unser uvdeutsches Land, seit mehr als 1000 Jahre das heiß umstrittene Sorgenkind Deutschlands, unter der Herrschaft einer fremden Militärgewalt. Gern möchten wir das Vergangene vergessen sein lassen. Aber aus dem Geist der Vergangenheit weht der Odem der Zukunft; darum haftet die Vergangenheit fest in unserem Gedächtnis. MitSchaudsrn denken wir zurück an die furchtbaren Tage des Rhein-Ruhrkampfes, an die grauenvollen Erlebnisse der rheinischen Bevölkerung während der Schreckensherrschaft der Separatisten. Aber stärker als diese nie- devdrückenlde Empfindung ist die freudige erhebende Genugtuung und der berechtigte Stolz auf all die Söhnè unserer Vaterstadt, die ohne Furcht und
Zagen stets mutig ihr Deutschtum bekannten.
Mächtig schlägt heute die Flamme der Begeisterung aus dem befreiten Rheinland zum Him- M Mu Wscnunslcopjen säur in ä-n
w Noch seufzen unsere deutschen
Brüder an der Saar unter der Fremdherrschaft und sehnen sich inbrünstig nach beglückender Befreiung. Wir denken und fühlen mit ihnen in der festen Zuversicht, daß auch ihnen bald die Stunde schlägt, die wir heute dankbaren und freudigen Herzens begehen können
Für uns aber darf die feierliche Stunde nicht vorübergehen, ohne daß unser heiß empfundener Dank der Regierung unseres engeren Heimatlandes Hessen und all den führenden deutschen Staats- männern abgestattet wird, die in zähem beharrlichen Ringen in unausgesetztem Kampfe nach Außen und im Innern dem Rheinland die Freiheit zurückeroberten. Voll tiefer, herzinniger Befriedigung können heute die Lebenden von ihnen den Erfolg ihrer Arbeit, die Vollendung des Werkes schauen. Aber io manchen der Männer, die sich um
uns hoch verdient gemacht haben, deckt der grüne Rasen. Das Sc" '
ent gemacht haben, deckt der grüne chicksal hat es ihnen versagt, das Rheinland im Sonnenglguz seiner wiedergewon-
neuen Freiheit zu schauen. Aber einem wenigstens, dürfen wir bald Aug in Aug gegenübertreten, dem Manne, der die Befreiung unterer Heimat besiegelt, der die Voraussetzung für den Räumungswillen unserer Gegner durch Unterzeichnung des Poung- Plans geschaffen hat. Unseres allverehrten Reichspräsidenten . von Hindenburg heute in tiefer Ehrfurcht und inniger Dankbarkeit zu gedenken, ist uns heilige Pfl'cht. Hindenburg hat den Bau unserer Freiheit vollendet, Friedrich Ebert, der Mann des Volkes, hat ihn begonnen. Allzufrüh hat ihn, der Tod abberuien, als daß er den vollen Erfolg feiner stillen pflichttreuen Arbeit hätte sehen können. Aus dem Grabe Eberts, aus den Gräbern aller derer, die für unsere Einheit und Freiheit gewirkt, gestritten und gelitten haben, schallt der Mahnruf: „Seid einig, einig, einig."
Seid einig, wie es die Rheinländer waren in jenen schweren, unheilschwangeven Stunden, in denen das Schicksal Deutschlands auf oes Mesters ' Schneide stand, in denen es sich um Sein oder Nicht- [ein des deutschen Reiches handelte. Mutz uns Deutschen denn immer erst der Himmel voll schwerer Gewitter hängen, muß uns erst der Untergang drohen, ehe wir uns besinnen, daß uns mir Einigkeit aus allen Fährden und Nöten retten kann? Unser heißgeliebtes deutsches Vaterland lebe hoch, hoch, hoch. "
Darauf sprach Staatspräsident Adelung. Er führte u. a. aus:
Der seit Jahren so heiß ersehnte Tag ist kommen. Die Lande am Rhein sind befreit
st ge- von
schwerem Druck fremder Besatzung. Tief bewegt gedenken wir in dieser feierlichen Stunde zuerst der Toten, die da starben, damit Deutschland lebe. Wir neigen uns vor ihnen in Verehrung und Dankbarkeit. Dann aber gilt der Gruß all denen, die in den langen Jahren der Bedrückung und der Denüi- tiMngM unerschütterlich und treu zu ihrem Volke standen und nicht zuließen, daß sich fremde Macht- bestrebungen am Rhein verwirklichten. Diesen deutschen Frauen und Männern danken wir es vor allem, daß wir die Frelheitsfeier begehen können.
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