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Ar. 148

Freitag, den 27. 3uni 1930

Seite 3

Stadt Kaum»

KherurandbefvewttsSferev in Sattan

Der Magistrat hat beschlossen, des Sefreiungs« tages des Rheinlandes in einer der Zeit entspre­chenden schlichten Feier zu gedenken. Diese Feier soll eine allgemeine öffentliche, jedermann zugäng- tiche Gedenkstunde von 11—12 Uhr abends am 30. Juni d. I. fein.

Die Feier wird auf dem Marktplatz stattfin- z>en; eingeleitet wird sie von einem Rheinlandstück Ser Feuerwehrkapelle. Die Hanauer „Vereinigten Männergesangverein" und der „Volkschor Union" werden abwechselnd vier der Bedeutung der Stunde entsprechende Lieder vortragen. Alsdann wird mit einigen kurzen Worten seitens des Oberbürger­meisters ein Hoch auf das befreite Rheinland und das Reich ausgebracht, dem sich das Deutschland­lied anschließt. Dies soll mit Lem Glockenschlag der Besreiungsstunde, 12 Uhr Mitternacht, der Fall sein. Die Kirchen werden mit großem Geläute eben­falls um 12 Uhr einsetzen. Zum Abschluß spielt die Feuerwehrkapelle das „Niederländische Dankgebet".

Die Bevölkerung der Stadt Hanau wird ge­beten, des 30. Juni und 1. Juli durch Beflaggung ihrer Häuser zu gedenken. Der Sinn der Feier, die natürlich nur bei gutem Wetter auf dem Marktplatz ftattfinden kann, ist besonders der Heranwachsenden Jugend auch in Hanau «das histo­rische Ereignis «der Befreiung des letzten noch von unseren Kriegsgegnern befetzten Bodens des Deut­schen Reiches lebendig im Gedächtnis zu erhalten. Deshalb

Flaggen heraus?

Der Magistrat: Dr. Blaum, Oberbürgermeister.

Dev Vevt des RosseubroieS als «advttttssmtttel

Von Dr. 3. Großfeld, Berlin.

Recht bedeutend ist der Antell des Brotes in der Ernährung des Einzelnen, der Familie und des Volkes. Von unserem Brote erwarten mir so­mit vor allem einen ausreichenden Nährwert, dann aber auch Wohlgeschmack und Bekömmlichkeit. Fragen wir, ob das Roggenbrot in dieser Hinsicht dem bisher vielfach vorgezogenen Weizenbrot gleichwertig sei, so sagt uns die Forschung zu­nächst, daß beide Brote etwa gleichviel her Nähr­stoffe Eiweiß, Fett und Kohlehydrate enthallen, daß aber das Gehalt an Mineralbestandteilen und Rohfaser bei Roggenbrot größer ist. Die Ausnutz­barkeit (Verdaulichkeit) der Nährstoffe ist bei Rog­gen nicht geringer als bei Weizen. Roggenbrot führt dem Körper also mehr Nährsalze, im beson­deren Phosphate und Kalium zu. Der Rohfaserge­halt des Roggenbrotes liegt noch so niedrig, daß er den Nährwert nicht merklich beeinflußt, aber hoch «feinem Weizenbrat leicht eintretenden Darmträg­heit entgegenzuwirken. Daß Roggenbrot an Wohl­geschmack das Weizenbrot übertreffen kann, Zeigt sich besonders dem, der gewohnheitsgemaß gutes, richtig gebackenes Roggenbrot verzehrt. Die aner­kannt gute Bekömmlichkeit des Roggenbrotes ist nicht nur eine Folge feines Nährsalzgehaltes und feiner Verdaulichkeit, sondern beruht auch darauf, daß es gegenüber Weizenbrot, das wegen des schnellen Altbackenwerdens frisch verzehrt werden muß, gerade dann am wohlschmeckendsten wird, wenn es am besten bekommt. Don Vitaminen wird unser Bedarf an B-Vitain (Antiberiberi-Mtamin) vorwie­gend durch Las Brot gedeckt. Dabei soll dieses Vi­tamin gerade beim Roggen auch im Mehlkern, also auch im seinen Auszugsmehl enthalten sein, wäh­rend beim Weizen der Kern vitaminfrei und nur die Kleie vitaminhaltig ist.

Der Morgen des «Schultindes

nervösen Angelegenheit.

Richtige ZeitorganisaNon einer

Die Nerven «der Mutter sind bis Glockenstränge, an denen die Kinder zu ihrem Vergnügen ziehen und hängen und schaukeln. Sie sind großer Bean­spruchung gewachsen. Zuweilen ist es aber doch ge­raten, die Belastung etwas zu vermindern, zum Nutzen von Mutter und Kind.

Es läßt sich nicht leugnen: die Morgenstunde vor Schulbeginn hat nicht nur Gold im Munde. Die Mutter tut, was sie kann, um sie ruhig zu gestalten, aber die kleinen Frösche mit ihren un­verbrauchten Nerven sind die stärkeren, sie bringen bewegtes Gequirle in die Ruhe des Tagesbeginnes. Es geht ganz munter an, freundliche Begrüßung, aber siehe do! plötzlich ist man fünf Minuten zu spät aufgestanden, schon beginnt der Trubel, die Zeit soll eingeholt werden, das Hemdchen hat sich unter einem Kissen verkrochen, der eine Knopf geht nicht zu, wo ist der Schulranzen? Er gehört doch auf ben Stuhl, gestern abend hat ihn das Kind f e l b st hingelogt, vor drei Minuten war er noch dort, sicher hat ihn die Mutter weggelegt, oder der Vater hat den Stuhl gebraucht, nein, nein? dann haben ihn Diebe geholt, denn sicher war er auf dem Stuhl — da ist er! Im Eßzimmer, ganz richtig, bas Kind hat ihn doch gestern dort hin­gelegt, wo ist das Frühstück? Aber ein solches Ta­schentuch ist doch unmöglich! Endlich stürzt das Kind fort, jetzt hat es den Schulranzen vergessen, nochmal zurück, schon ist es zwei Minuten über die allerletzte Zeit, natürlich, m u ß es unbedingt noch „hinaus".

Und wenn auch das nicht gerade einem und demselben Kind an einem und demselben Tag zu- stohen muß, «so läßt sich doch die Möglichkeit theoretisch nicht ausschließen.

Organisation! Organisation der Zeit ist nötig, wenn Nervenkraft gespart werden soll. Und zur richtigen Zeitorganisation gehört vor allem auch die Bildung von Reservezeit.

Die wichtigste Vorarbeit ist schon am Abend zu leisten. Nur Kinder, die rechtzeitig zu Bett gehen und genügend Schlaf haben, können auch richtig ausstehen. „Rechtzeitig", d. h., daß sie bei einiger Gewöhnung von selbst zur nötigen Morgenstunde aufwachen.' Wecken sollte -darum im allgemeinen nicht nötig sein; wo es aber unvermeidbar ist, sollte diese zweifellos nervös machende Prozedur sanft und mit Freundlichkeit vorqenommen werden. 10 bis 11 Stunden Schlaf brauchen Kinder in den

früheren Schuljahren noch. Im freilich verschieden und wie in ist auch hier das Verhalten des maßgebend.

allgemeinen ist es allen Beziehungen Nochbarkindes nicht

die Seele des Kin-

Im Schlaf entfaltet sich auch des. Das Einschlafen mit lieben Gedanken ist da­rum wichtig, sie bereiten den Boden, auf dem Schalf und Traum sich freundlich entfalten. Nichts darum von Zank und Drohungen, nichts von un­angenehmen Schulerwartungen unmittelbar vor dem Einschlafen. Was hier zu besprechen ist, das kann vorher geschehen, die letzten Minuten vor dem

Schlaf müssen aber auf alle Fälle von Freude,

Manche Dinge lassen sich am A . . bereiten, am Morgen wird «dadurch Zett gewonnen. Die Kleider werden schon abends hergerichtet. Die Kinder werden es sobald als möglich lernen, sich selbst anzukleiden. Im Notfall kann man ihnen aber ruhig helfen, die Muter schafft sich damit selbst den besten Trost, sie wird «denken: in einigen Jahren können sie es ja doch und so rasch wie jeder, von selbst.

Die große Waschung oder das Baden wird zweckmäßig am Abend vorgenommen. Morgens kann man sich dann auf die notwendigen Hand­griffe beschränken. Sie sind zusammen mit dem Reinigen der Zähne rasch durchgeführt.«

Der Schulbeginn um 8 Uhr ist richtig. Nur für Kinder der beiden untersten Dolksschulklassen ist das etwas früh — nicht wegen des Aufstehens, das sich durch entsprechendes Schlafengehen ausgleichen läßt, aber wenn es in der kalten Jahreszeit am

frühen Morgen noch dunkel und rauh ist, wird die­sen kleinen Kindern bei so frühem Fortgehen nichts Gutes getan.

Das Frühstück sollte keinesfalls eine Quelle «dauernder Verdrießlichkeit werden. Viele Kinder frühstücken gern und ausgiebig. Andere tun das nicht. Die Besorgnisse, die viele Mütter daran knüpfen, sind unbegründet. Was die Kinder am Morgen nicht essen, das holen sie beim zweiten Frühstück oder sonst im Laufe des Tages nach. Wie es bei Erwachsenen und Kindern Morgen- und Abendschläfer gibt, d. h. Menschen, deren Schlaf am tiefsten und am besten gegen Morgen oder alsbald nach dem Einschlafen ist, so ist auch der Rhythmus «des Nahrungsbedürfnifses verschie­den. Ein Teil der Erwachsenen frühstückt reichlich am Morgen, anderen können morgens kaum etwas berühren, wieder andere betrachten das Mittagessen als ihre Hauptmahlzeit und nehmen abends nur wenig zu sich, andere dagegen wollen gerade am Abend ihren Hunger tüchtig stillen. Und alle fühlen sich wohl dabei, wenn sie erst herousgefunden ha­ben, was für sie am zuträglichsten ist.

Bei den Kindern ist es nicht anders. Wenn die meisten auch morgens gern ihre Milch, Milchkakao, Milchkaffee trinken, so wollen doch viele noch nichts dazu essen. Sie holen das in der Frühstückspause um 10 oder 11 Uhr nach, am besten mit einem Butterbrot, mit oder ohne Zutaten, mit Obst, unter Umständen auch einem Stigs Kuchen. Sehr geeig­net sind Milchausschankstellen in der Schul« selbst, wo die Kinder um 10 Uhr frische Milch, kalt oder warm, erhalten könnem

Es gibt aber auch Kinder, die morgens gar nichts zu sich nehmen wollen. Ein ,Kind in der ersten Volksschulklasse brach sich jeden Morgen auf dem Schulweg. Wir wollen hier nicht die ganzen psychoanalytischen Möglichkeiten erörtern, die sol­chem Vorfall zugrunde liegen könnten. DaS-Kind war völlig gesund, nicht nervös (im üblichen Sinn), nicht gehetzt, genügend Schlaf, keine Angst vor der Schule, — jedmöglicher Einwand kann abgelchnt werden. Aber es hatte absolut keine Lust, zu früh­stücken. Man überredete es, doch wenigstens eine Tasse Kakao zu trinken. Das tat es, aber dann brach es sich auf dem Weg oder kurz nach Eintritt in das Schulhaus, — so ganz nebenbei und leicht, wie sich kleine Kinder eben brechen. Der Rat des Arztes, dem Kind kein Frühstück zu geben, wurde lange nicht befolgt: die Mutter wollte es nicht freiwillig dem Hungertod ausliefern, auch befürch­tete man, die „anstrengende" Schule würde das Kind nervös machen. Schließlich entzog man dem Kind doch das Morgenfrühstück. Es brach sich nun nicht mehr, feinen Kakao trank es mit Heißhunger um %11 Uhr, nach Rückkehr aus der Schule, es gedieh vortrefflich.

Es ist das nur ein Beispiel, wie bei aller Ein­ordnung ins soziale Gefüge doch ein wenig Groß­zügigkeit nötig ist. ' Sonst wird die Essensfrage beim Kind zu einer Quelle ständiger Reibungen, — wozu überhaupt grundsätzlich die Voraussetzung

aßen zu wenig. In dèn traurigen Fällen, in denen die Kinder aus sozialen Gründen tatsächlich von

üen

Eltern nicht hinreichend ernährt werden kön-

neu, werden Schulspeisungen einen Ausgleich brin­gen. Auch ist es den Kindern, die das machen kön­nen, eine große Befriedigung, wenn sie einem we­niger wohlhabenden Kameraden täglich ein Butter­brot mitbringen dürfen.

Der Schulranzen ist der einseitig belastenden Mappe weit vorzuziehen. Nicht selten ist er, mit Büchern gefüllt, für kleine Kinder aber zu schwer. Ließe sich da in den Schulen nicht eine Gelegenheit schaffen, um einen Teil der Bücher, soweit sie nicht .zu Hause gebraucht werden, in der Schule unter­zubringen.

Der Schulweg gestaltet sich anregender, wenn Schulkameraden gemeinsam den Weg zurücklegen. Die vielen Trambahnfahrer müssen besonders

pünktlich ihre Abmarschzeit einholten. In manchen Städten sammeln eigene Autobusse die Kinder eines Stadtvierteles, «und bringen sie in eine bestimmte Schule, eine sehr empfehlenswerte Einrichtung.

Von größter Bedeutung ist regelmäßige Darm- tätigkeit schon beim kleinen Kind. Man kann hier den Darm zur Ordnung erziehen, so daß er immer zur gleichen Stunde in Tätigkeit tritt. Es ist gleich­gültig, wann das ist, die Natur des einzelnen läßt ich hier nicht immer kommandieren. Am erwünsch- esten ist natürlich regelmäßige Darmtätigkeit am Morgen, schon vor Schulbeginn, und die Reserve­zeit muß unbedingt so bemessen sein, daß daraus genügend Rücksicht genommen werden kann. In Wirklichkeit' ist das viel wichtiger als ein regel­mäßiges Frühstück, das zu jeder beliebigen Zeit tagsüber nachgeholt werden kann. Don allen Tä­tigkeiten am Mogren, einschließlich Waschen und Frühstück, ist diese regelmäßige Entgiftung des Körpers am wichtigsten, ihr kann keine Zeit abge­zogen werden.

Es ist kein schlechter Trick, zur Erzielung einer Reservezeit, die Uhr um 5 Minuten vorzustellen, — dos nützt, selbst wenn alle es wissen. Im übri­gen wird man aus Gründen der seelischen Hygiene die Kinder mit einem freundlichen oder scherzhaften Wort entlassen — und kluge Lehrer werden sie in derselben Art begrüßen.

* Daten für 28. 3uni. 1865: Der Dichter Otto Julius Vierbaum zu Grünberg in Schesien geb. 1914: Erzherzog-Thronfolger Franz Ferdinand von Oesterreich-Este und seine Gemahlin in Serajewo ermordet.

* Preuß. Klassenlotterie. Den Spielern zur gefL Nachricht, daß die Lose 4. Klasse zur Abholung be- letzte Erneuerungstag ist der

reit liegen. Der 7. Juli.

* Krankenkasse

und Arbeitnehmerankeile.

wiederholt Arbeitgeber vor

In den

letzter Zeit standen , ,

Schranken bes Gerichts, die ihren Arbeitern zwar die gesetzlichen Anteile an der Krankenversicherung vom Lohne abgezogen, diese dann aber nicht an die Krankenkasse abgeführt hatten. Auch ein kleiner Schuhmacher fremder Staatsangehörigkeit, der sich mit seiner bköpfigen Familie mehr schlecht als

recht durchs Leben schlägt, hatte in der Zeit vom September v. I. bis Februar d. I. gegen die be­stehenden Gesetze verstoßen. Allerdings wollte er die Arbeitnehmerbeiträgs von dem Lohne feiner beiden Gehilfen nicht in Abzug gebracht, fondern ihre Zahlung aus freien Stücken selbst übernommen ha­ben. Aber auch in diesem Falle hatte er sich straf­bar gemacht. Vor dem Einzelrichter wurde er ge­stern zu 2 Wochen Gefängnis verurteilt, einer nach Lage her Dinge und unter Berücksichtigung früher ergangener Urteile (Geldstrafen) in weit schwereren Fällen reichlich harte Strafe.

* Für siedlungslustige Landwirke bietet sich eine günstige Gelegenheit, in den Besitz einer eigenen Bauernstelle zu gelangen. Die Deutsche Ostmarken- Siedlung in Berlin-Dahlem besiedelt unter Ver­mittlung des Preußischen Kulturamtes in Prenz­lau das im Kreise Templin (Uckermark) gelegene Rittergut Parmen. Parmen besitzt eigene Bahn­station an der Vollbahnstrecke Templin-Fürsten­werder. Es ist von der Stadt Fürstenwerder etwa A.» Ler^gMM^âlm »iJM direkte Bahnverbindungen) und von Prenzlau etwa 20 Km. (Autobusverbindung) entfernt. Der Acker liegt überwiegend in der 3. bis 5. Klaffe. Es werden Weizen, Rotklee und Zückerrüben in gro­ßem Umfange angebaut. In diesem Jahre werden 23 Stellen von je etwa 57 Morgen Acker und Wiese zuzüglich je 6 Morgen Anteil an einer Iungviehweide abgegeben. Für den Erwerb einer Stelle einschließlich friedensmäßiger Gebäude, komplettem lebenden und toten Inventar und voller Ernte sind 10 000 RM Anzahlung erforder­lich. Dabei ist zu bemerken, daß die Deutsche Ost- markensiedlung für das Inventar selbst 6050 RM aufgewendet und daß die Baukosten rund 18 000 RM betragen. Eine genaue Beschreibung des Ren­tengutes und ein Skizze der Gebäude sind mit weiterer Auskunft von der Deutschen Ostmarken- Siedlung in Berlin-Dahlem, • Königin-Luise- Straße 44, zu beziehen.

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Roman von 3. Schneider-Foerstl. ttrheber-Rechtschutz durch Verlag Oskar Meister,

Werdau (6a.L

17. Fortsetzung. (Nachdruck verboten.)

Als Nikolaus um die Straßenecke gebogen war, trat er in ein Cafè rechter Hand, ging nach dem etwas bämmerigen Hintergrund« und nickte der Dame, die dort saß, mit frohem Lächeln zu.

„Ist es dir geglückt, Koko?" Nana Roskoschny hob sich etwas vom Stuhle.

„Ja".

„Das Tageblatt hat dsine Novelle genommen?" „3a!" — Ich bin sehr anständig bezahlt wor- den."

Er hing seinen Mantel an den Ständer und Wie sich zu «ihr. „Hundert Mark!" Er zeigte ihr die beiden Scheine in der Brieftasche.

Sie schlug die Hände ineinander, daß es einen leisen Knall gab. „Duschinka! Wie ich mich freue. Du kannst einen Monat damit reichen, wenn du sparsam bist."

. »Ich werde sehr sparsam sein! — Erlaube, daß mit dir teile." Er schob ihr den einen der vünszignwrkschcine in die Tasche ihres Jacketts.

. Sie wurde bleich. Ihre tzinegr zitterten auf “’m weißen Marmor des Tisches. Dann legte sie Kopf darauf. Es blieb ganz ruhig. Auch Di- w! n sprach kein Wort. Man riß nur Wunden da- N aus, die doch vernarben mußten. Nach einer hob sich Ranas Gesicht. „3cf) möchte gehen. sie leise.

Er bezahlte und trat mit ihr ins Freie. Ganz "."bewußt schlug er den Weg nach ihrer Wohnung Sie keuchten beide, als sie die sechs Treppen öu«r Mansarde hinaufklctterten.

»Es ist noch etwas weiter wie bei uns.

um zwei Stiegen."

to; wollte nicht eintreten, aber sie bat darum. Ic armselig, dachte er mit einem raschen Blick Sisum. Sic verstand ihn und nickte gleichmütig, armseliger als früher."

Ka MNitt ihm durch alle Nerven. Ihre Bitte, L, setzen, lehnte er ab. Er konnte nicht, fühlte tnnLi ° er siehen müsse, laufen, rennen, soweit er onnte, weil «die Größe ihrer Not ihn sonst um den Oranb brachte.

Seine Füße holten aus, als säße ihm jemand auf «den Fersen. Mit einem Male verspürte er, daß ihn hungerte. Seit gestern morgen hatte er nichts mehr gegessen, noch getrunken. In den Nächten schlief 'sr' nicht und bei Tage rannte er wie ein Sinnloser durch die Straßen.

Nur einen Bissen Brot, Lachte er. — Vielleicht einen Teller Suppe.

Er trat in ein Restaurant und erschrak vor sei­nem eigenen Spiegel bilde, das ihm dort entgegen­sah. Er hatte keine Augen mehr, nur noch zwei schwarze, starre Punkte, die in dem bleichen, hageren Gesichte brannten. Tief, ganz tief, ließ er die Lider darüber sinken und tastete sich zu einem Tische."

„Einen Teller Suppe, bitte!"

Er wußte gar nicht, wie bemitleidenswert er war, so bemitleidenswert, daß die Kellnerin ihn als ersten bediente, obwohl eine Menge Gäste vor ihm bestellt hatten.

Er tauchte den Löffel ein und ließ ihn wieder fallen. Er mar ihm zu schwer. — Wie wurde ihm denn? — Er würde «doch hier nicht sterben müssen! Hier unter all den vielen sremden Menschen! — Die Hand in den Rock schiebend, griff er nach der Stelle der Brust, wo das Herz schlorste! Ruckweise! In knappen Stößen, die jeden Augenblick zu Ende sein konnten.

Er bekain plötzlich Furcht! Verspürte einen Blutgeschmack im Munde! — Half ihm denn nie­mand? — Ich werde vom Stuhle fallen! — Ich werde schreien! Schreien, Las das ganze Haus zu­sammenläuft.

„Vielleicht ist er wahnsinnig," hörte er hinter sich flüstern.

Er hob den Lössel wieder und führte ihn zum Munde. Seine Lippen zitterten, als sie die Flüssig­keit zum Gaumen rinnen ließen. Er aß den ganzen Teller leer und fand, daß ihm besser wurde. Das Herz klopfte wieder seinen Trott, nur ab und zu setzte es aus. Dann schloß er die Augen, bis es vorüber war.

Ein Herr trat auf ihn zu. Er war bereits im Gehen begriffen. Den weichen Hut in der Hand, stellte er sich vor. „Dr. Guido Karsten. — Ich möchte gerne ein paar Worte mit Ihnen sprechen."

Dimitri hob den Kopf und nannte seinen Namen.

„Was sind Sie beruflich?" Die Augen des Fremden forschten in seinem Gesichte.

„Schriftsteller!"

„Bei irgendeiner Redaktion?"

„Nein."

„Hätten Sie ab und zu mal eine Stunde frei?" Dimitris Mund verschob sich, er nickte nur.

„Ich suche einen Darsteller — und zwar den Hauptdarsteller für meinen Film „Der letzte Mann". Wollen Sic die Rolle übernehmen?"

Dimtri zögerte. „Ich habe noch nie gefilmt."

„Das lernt sich! — Kommen Sie morgen in den Wesbendfilmpalast. Vielleicht zwischen 10 und 12 Uhr. Wenn es Ihnen erwünscht ist, werde ich Ihnen einen Vorschuß geben."

Dimitri verneinte hastig, bat mit den Augen die Kellnerin zu sich und bezahlte. Als er die Brief­tasche öffnete, und einen Fünszigma-rkschein auf den Tisch legte, staunten die beiden: Der Regisseur und das wcißbeschurzte Mädchen. Es «mochte ihn wohl etwas anderes drücken als Geldsorgen.

Der Regisseur wurde etwas devoter: „Also dann bitte morgen zwischen 15 und 12 Uhr."

„Ich werde koinmen."

Als Dimitri auf die Straße trat, tauntelte er gegen eine Häuserwand. Er wartete ein paar Minuten, bis die Schwäche vorüberging, «dann rief er eine Autodroschke und nannte Straße und Nununcr.

„Ich fahre den Tod" dachte der Chauffeur und schaltete die höchste Geschwindigkiet ein. Wie ein Gespenst jagte der Wagen «durch die menschenleeren Straßen der Vororte. Dann hielt er.

Die Nachtluft wirkte erfrischend. Dimitri be­zahlte und gab ein Trinkgeld. Die Augen des Chauffeurs folgten ihm, bis die Haustüre hinter ihm zuklappte.

Oben in der Mansarde des großen grauen Hauses blitzte ein Licht auf. Eine Gestalt trat ans Fenster, legte den Kopf gegen die Scheiben und stand reglos, den Blick zu den Sternen aufge­hoben.

„Erbarme dich meiner!"

Es war das gleiche „Erbarme dich meiner!", über das Marion Tuney gelächelt hatte.

Regiffeur Dr. Karsten stand wie ein begossener Pudel! — Wie ein junger Ehemann, der nachts in bester Laune aus Lom Club nach Hause kommt

und eine Gardinenpredigt über sich ergehen lassen muß. Vergeblich setzte er immer wieder zu spre­chen an.

„Das ist wirklich kösllich! — Kurbeln Sie also zehn Filme! Meinetwegen alle mit Nikolaus Di­mitri als Hauptdarsteller! — Aber nicht mit mir als seinen Partner! — Bemühen Sie sich nicht, Doktor! Es ist ganz umsonst! Mit einem Nikolaus, Dimitri spiele ich nicht!"

„Aber, gnädige Frau — wenn Sic nur! —"

„Ich spiele nicht mit ihm! — Basta!" — Frau Marions Augen sprühten, während ihr Fuß auf­stampfte. Sie griff nach den Handschuhen, die sie zornentbrannt auf den Tisch geschleudert hatte und drückte mit einer zerfahrenen' Bewegung das Hüt­chen tiefer in die Stirne. „Guten Tag, mein Lieber."

Regiffeur Kanten stand als ein »om Schicksal getroffener. Nun konnte er ruhig den Film, <hf den er so große Hoffnungen gesetzt hatte, auf die strafte werfen. Er mußte Marion Tuncy dazu haben. Herrgott, diese Frauen! Was das mir wie­der eine Laune von ihr war: „Ich spiele nicht mit M ko laus Dimitri". Sie hatte diesen Menschen wahrscheinlich noch gar nie gesehen, noch niemals zu Gesicht gekriegt.

Er rannte auf den Gang, sah sie mit einem Schauspieler sprechen und schloß sich ihr an, als sie zum Wagen ging. „Gnädigste! Wollen Sie sich wenigstens nicht so weit herbeilassen, sich diesen Mann eimnal anzusehen! — Es lohnt sich. Wirk­lich, Frau Marion, es lohnt sich! Er ist über die Maßen interessant, oie werden mir das bestätigen müssen, wenn er Ihnen vargestellt ist"

„Ich will ihn aber nicht vorgestellt haben."

„Wenn ich Sie bitte, für dieses eine Mal eure Ausnahme zu machen! Nur für dieses eine Mal! — Ach Marion, seien Sie doch nicht so «unzitgäng- lich! Er hat ein Gesicht. Ich sage Ihnen, ein Ge­sicht ------

„Herrgott, sie riß ihre Hände aus den seinen, „nun kommen Sie mir wieder mit Gesichtern. Er wird sein wie die andern auch: Eine schöne Fratze, ein paar große Augen, einen hübschen Mund! — Ganz ehrlich gesagt, lieber Karsten. Die Russen sind mir verhaßt. Das könnten sie doch missen."

„Ich habe es nicht gewußt." Er lief neben ihr her wie ein Hündchen, das bat und bettelte, nm eine Abjallgabe ihrer Herrinnenlaune. (Forts, folgt)