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Von GiStisn der Lragir
Sie Zeit weht über »ns hinweg: es ist für des in dieser Epoche lebenden Menschen fast so, als ob der Schicksalswagen mit den dahinrasenden goldenen Sonnenpferden auch zum Flugzeug geworden fei. Wir haben kaum noch Zeit, den Wsg unseres eigenen Schicksals richtig zu sehen, wieviel weniger die große Tragik im Schicksal der anderen. Dabei ist es Erkenntnis, daß von diesen tragischen Augenblicken in der Geschichte Europas je und je die Linie seiner Geschichte abgehangen hat, daß die Stätten, wo Kaiser und Könige, Geistesfürsten und Heroen, Männer vom
höchsten Adel Männer des ihre tragische litten haben, Nachwirkung Schatten oder
der Geburt oder des Verstandes, Willens oder der passiven Größe Wendung in Tod oder Abstieg er noch heute lebendig reden. Die ihrer Ereignisse ist oft noch Licht über unseren Weg.
Wir wollen versuchen, das verschollene Leben dieser Orte, die einmal von Tragik umweht waren, noch einmal zu sehen. Wir wollen versuchen, die Kenntnis der alten Bücher und Briefe mit dem Eindruck der heutigen Wirklichkeit zu verbinden; und wir wollen schließlich feststellen, wie diese Orte, auf die alle einmal die ganze Welt hingeblickt hat, nun in unseren Tagen aussehen. Die heute beginnende Artikelserie schildert- zuerst den Schicksaisort König Ludwigs H. von Bayern.
Km GMMaWsvt Ludwigs H. von Basss«
Schloß Berg (Starnberger See), im Mai.
Sehr helle, wundersam glänzende Frühfommer- wolkrn ziehen über den Starnberger See, bilden merkwürdige Gralsburgen, Schlösser und geheimnisvolle Vorhänge am tiefblauen Himmel. Ein blonder, junger Fischerknecht rudert mich den Weg, den die Kaiserin Elisabeth von Oesterreich über den See gefahren ist, um Ludwig H die Augen zuzudrücken. Am Pfingstmontag des Jahres 1886. Der Fisch- und Vootsmeister aber, dem der Knecht dient, und dem das Boot gehört, ist Jakob Lidl — der als zweiundzwanzigjähriger Fischer den Leichnam des Königs barg, und die ganze Wahrheft über das Geschehene weiß. In seine kleine, ziegelgedeckft Bootshalle, auf SegeUeinen, hat er den Leichnam des riesigen Königs zuerst gebettet, als er ihn in der Pfingstnacht gefunden hatte; daneben den Oberarzt Dr. Gudden, den bedeutenden Münchener Irrenarzt.
In dem scharfen Gesicht des fünfundsechzigiahri- gen Fischers, das die Reihe der Winter und Sommer gegerbt, aber nicht oft gemacht hat, stehen zwei canz hellblaue, klug« und bewußte Augen. Die Jahre rauschen zurück. Wir erleben das Drama von Schloß Berg. Es hat ein anderes Gesicht, als man es bisher sehen konnte. Aber die Geschichte, so wie sie der Jakob Lidl erzählt, hat den Schein der Wahrhett für sich. Man bekommt den Eindruck: bei
einem »Wiederaufnahmeverfahren" der Geschichte würde die letzte Auseinandersetzung Ludwigs II. mit dem Leben doch anders geschildert werden müssen, - - - Äs er bisher ost geschah.
Aber gehen wir den Weg zum Schloß Berg, wo der allerletzte Akt seinen Anfang nahm...
In Neuschwanstein war am 9. Juni die Staats- kommission angekommen, die ans dem Minister Freiherr von Crailsheim und den Herren Graf Holstein, Törring bestand. Ihr waren der Professor Gudden, sein Assistenzarzt Dr. Müller und vier Jrrenwärter beigegeben. Die Kommission hatte den Auftrag, den Beschluß des Münchener Ministerrats avszuführen, dem nach einigem Zögern der Prinz Luitpold beigetreten war. Der König, der dreizehn- einhalb Millionen Mark Schulden hatte und ein Senderfingslebeu fühtte, sollte entmündigt werden, wozu ein Gutachten des Obermedizinalrats Dr. Gudden, das ihn für wahnsinnig erklärte, die Unterlage gab. Am 10. Juni 1886 übernahm Prinz Luitpold als Pttuzregent von Bayern die Regierung.
Der Kutscher Osterholzer, der Vertraute Ludwigs II., hatte den König gewarnt, als die Kommission eintraf. Königstreue Gendarmen standen im Torbogen des Vorbaues, verwehtten den Eintritt und erklätten, sie gehorchten nur dem Befehl Ludwigs II. Der Wachtmeister sah die schttstlichen Vollmachten der Kommission gar nicht an. Die Herren wollten den Eingang gewaltsam erzwingen, da riss der Wachtmeister Heinz sein Gewehr empor und rief: „Keinen Schritt weiter, ober ich gebe Feuer!" Die übrigen Gendarmen drängten vor. Der Kolbenstoß des einen traf den zunächst stehenden Irrenwärter; dessen Hand entfiel ein Fläschchen mit Chloroform.
Während der König nun seinen Adjutanten Graf Dürckheim kommen ließ — der später General wurde und alles andere als romantisch war —, nahm die Kommission im alten Schloß ein Abendessen ein mit Champagner und Münchener Bier, ein Souper, das man immerhin als „ungeheuerlich" bezeichnen kann. Das alte vergilbte Blatt der Spei- fenfolg« ist auch ein historisches Dokument. Unter der vergoldeten Königskrone liest man:
Souper de sa Majesté le Roi
Hohenschwangau, k 9. Juin 1886.
Consommé aux noques. Trottes â la hollandaise. Poulet i la Marengo. Terrine de foie gras. Cuissot de Chevreuil roth Asperges.
Creme â la vanille aux framboises.
Dazu vierzig Maß Bier und zehn Flaschen Champagner...
Graf Dürckhotm telegraphiert Mor die Tiroler Leitungen an Bismarck. Das bekannte Antwort- telegramm: »Seine Maj^tät soll sofort nach München fahren, sich seinem Volke zeigen und selbst fein Interesse vor dem versammelten Landtage vertreten." Die Feuerwehren der umliegenden Dörfer rücken zum Schutze des Königs heran. Der erläßt eine höchst vernünftige Proklamation an sein »geliebtes bayerisches Volk", die den starken und bekannten Satz enthält: »Ich wende mich auch an die gesamte deutsche Nation und an die verbündeten
: âsten.
So viel in meiner Macht tag, habe ich zum Ausbau des Deutschen Reiches beigefrageu^
Dann der andere Satz: »Ich fühle mich körper-' lich und geistig so gesund wie jeder andere Monarch» und der geplante Hochverrat ist so überraschend..."
Graf Dürkheim reiste ab aus Befehl von München, der König, geistig schwer krank — aber kaum irre —, völlig menschenscheu und totfremd geworden, unternah,n nichts mehr, sein Schicksal zu ändern. Ein neues Münchener Gendarmeriedetache- ment tritt an und besetzt das Schloß. In München wird die Regentschaft proklamiert.
Am Abend des elften wird wieder die Kutsche 'fertiggemacht, an deren Fußfitz Beinfessein vorbe- veitat sind. Der König, der während des Gelages der Kommission zwei Tage vorher vor Zorn und Empörung wie ein Tier geschrien und im Schatten seines wahnsinnigen Schmerzes völlig unsinnige Befehle erlaßen hatte, ist Mt ganz ruhig. Einer seiner letzten Sätze in der Freiheit ist: „Daß man mir die Krone nimmt, könnte ich verschmerzen, aber daß man mich für irrsinnig erklärt hat, überlebe ich nichts" Er denkt an das Schicksal seines Bruders Otto und erzittert. Dann tritt die Kom- miffton ein. Der König sagt zu Dr. Gudden: »Wie kommen Sie dazu, ein Protokoll zu unterzeichnen, das mich für irrsinnig erklärt? Sie haben mich vorher weder gesehen noch gesprochen!"
Dr Gudden: „3m Namen des Prinzrsgenten sind MajestA mein Gefangener!"
Die Jrrenwärter fasten den König an. Der Riefe, der fast zwei Meter groß war und stark wie ein Bär, schleudert sie mit einer leichten Bewegung ab: „Nicht vonnöten, ich gehe freiwillig."
Um drei Uhr setzten sich die Wagen von Neuschwanstein nach Schloß Berg in Bewegung. Erst nach zehn Stunden bekam der König etwas zu essen.
Wir sind in Schloß Berg. Die Serben Springbrunnen vor dem kleinen Schloß — in einer Art von Dudor-Stil — lassen ihren dünnen Strahl über altertümlichen Tuffstein flattern. Im Schloß Berg hatte der König Me glücklichste Zett seiner Jugend verlebt. Nur ganz Unnachdenkliche konnten gerade
dies Schloß als Ort seiner Internierung wählen... Das erste Bild, das der König sah, wie wir es jetzt sehen, ist das große Gemälde von seiner Landung
mit altertümlichem Raddampfer bei Schloß Bepg; Richard Wagner von der Billa in Nieder-Pöring Axü zurzeit, da seine Jugend itraMte.' Er trägt das zum Schloß Berg gerudert Habs. büsbe
braune Wagnerjackett und hat diesen merkwürdigen
Blick in die Ferne, diesen schönen Augenaufschlag der blauen Augen, die in der ersten Zeit seiner Re- -gierung jeden fasziniert haben.
Dann das zweite Geschoß — sehr einfach in den Möbeln —, das der König fast jedes Jahr bewohnt hatte. Er kennt hier jedes der Bilder, die fast alle Erinnerungen an Richard Wagner und seine Opern sind, er kennt jedes Geheimnis. Dem König waren nur zwei Zimmer zur Verfügung gestellt. Der Erker seines Schlafzimmers, von dem eine in das Parkett geschnittene geheime Klapptür zu einer Wendeltreppe führt, die im Laderaum des ersten Stockes endet, war mit Schränken verstellt. Der Raum zeigt nichts von der bis ins Unheimliche gesteigerten Pracht der anderen KLnig^chlösfer. Ein einfaches Himmelbett in den blaugoldenen Farben, die der König bevorzugte. Darüber ein braunes, hölzernes Kruzifix. An den Wänden Szenen aus Wagners Tondramen. Aber die Türen haben eine Besonderheit, die kein flüchtiger Besucher mehr sehen wird. In die Mitte der Türkreuze sind Vierecke geschnitten von zehn Zentimeter Breite und fünfzehn Zentimeter Höhe. Sie sind später wieder ausgefüllt und überstrichen worden. Aber man erkennt sie noch vollkommen deutlich. Sie sind das
stärkste historische Dokument von Schloß Derg.
Denn bei ihrem Anblick fiel bet unabänderliche Entschluß des Königs: Flucht oder Tod.
Im übrigen kaun man beim Ansehen dieser großen, in die Türen roh gestemmten Vierecke die Bemerkung nicht unterdrücken, daß jeder leidlich wohlhabende Patient, bei dem man geistige Erkrankung voraussetzt, weniger rücksichtslos darauf aufmerksam gemacht wird, daß er der ständigen Beobachtung unterliege. Die schweren Schatten im Wesen und Charakter Ludwigs II. sind bekannt, aber man kann sich des Eindrucks kaum noch erwehren, daß man beabsichtigt, ohne Uebergang dem Kranken feiner« seits die letzten Schatten des Lebens zu zeigen.
In feinem Arbeitszimmer kann Ludwig II. den kleinen Erker wieder betreten, in dem ein sehr einfacher Schreibtisch steht. Ein Klappfisch aus Poli- sanderholz. Darüber die Jugendbilder seiner Onkel. Davor ein mit grünem Leder überzogener Reitstuhl. An diesem Schreibtisch wurde am 16. Juni 1870 die Mobilisierung der bayerischen Truppen durch Ludwig unterzeichnet. „Bis dat, qui cito dat!" (Doppelt gibt, wer schnell gibt.) Trotz seiner bis ins Außergewöhnliche gesteigerten Abneigung gegen Krieg und Blutvergießen hatte der König »schnell gegeben", als er den Befehl gab, das bayerische Heer zu mobilisieren. Er hat an diesen Tag gedacht — der entscheidend war für das Deutsche
Reich, in dem wir leben —, als er in Neuschwanstein seine letzte Proklamation verfaßte » . ,
Das Speisezimmer ist jetzt wieder so eingerichtet, wie es zur Regierungszeit des Königs war. Eine Wagnerbüste steht in dem Raum und ein wundervolles Marmorbild, das den Jünglingskopf des Königs zeigt. „C. Zumbusch 1864". Damals hat man diese Zimmer als Wohnzimmer für Dr. Gras- hay eingerichtet.
Es kam die letzte Nacht, in der König Ludwig, wie es jeder Gesunde und jeder Kranke in dieser Lage ebenso durchlitten hätte, nicht schlafen konnte. Die Jrrenwärter hatten ihm seine Kleider fortgenommen: nach mehrfachen Bitten gab einer der Wärter dem König die Strümpfe zurück. Er wanderte »chelos im Zimmer umher und sah minutenlang auf ein Bild von Hohenschwangau, das dort hängt. Man kann von dem Zimmer über grüne Parkbäume den Spiegel des Starnberger Sees erkennen, über ’ den das Spiel der Wolken jagte. Neben dem Bett hängt eine Szene, aus Lohen- grin... Des Königs glückliche Zeit.
Am andern Morgen ging Ludwig in Begleitung von Dr. Gudden den Weg, den seitdem Tausende gegangen sind, bis zu der Bank am See, wo heute die Gedächtniskapelle sich erhebt. Die Bitte, die Kirche von Berg zu besuchen, war ihm brüsk abgeschlagen worden. Der König faß schweigend auf der Bank. Er muß an diesem Vormittag den Entschluß des Abends wiederholt habe»: Flucht oder Tod.
Am Nachmittag erhielt er endlich die flehentlich erbetene Erlaubnis, mit dem Stabskontrolleur Zanders zu sprechen; nachdem dieser sein Ehrenwort gegeben hatte, mit dem König nicht von Fluchtplänen zu reden. Es gibt eine Aufzeichnung von Zanders über diese Unterredung. »Der König kam auf mich zu, mit blitzenden Augen, energisch, lebhaft, wie in seinen besten Tage»—."
Ludwig: »Wie lange?"
Zander: »Vielleicht nicht einmal ein Jahr. Sobald das Nervenleiden Eurer Majestät behoben ist, wird der Prinzregent nicht zögern, wieder cckzu- tveten."
»Wer weiß," wirft der König ein, „wenn auch Luitpold jetzt noch den guten Willen hat, das Regieren wird khm gefallen. L’appétit vient en m angeant.“
Spricht so ein Irrer? fragt Zanders.
Als der König doch ccn Fluchtplänen zu reden anfängt, bittet Zanders um ie:ne Entlassung.
Eine Viertelstunde später gel)t der König mit Dr. Gudden fernen Todesweg.
Vor seiner Dootshalle in der späten Nachmittagssonne am runden Tisch, der so alt ist, wie die Halle selbst, sitzt mir Jakob Lidl gegenüber. Da sei nicht viel zu sagen, meint er, dazumal sei er zweiundzwanzig Jahre gewesen, und er habe oft für den König Briefe ausgefahren über den See. Als Bub sei er schon dabeigewesen, wie der Vater den
„Der Vater hat gemeint, er spinnt, er hat immer mit sich selber rèbt, wie die spinnerten Menschen." Das ist bie Zeit des Jahres.1864, da ßüinmgs Enthusiasmus das Werk Wagners rettete. Der Weißhaarig« spricht von Briefen an bte Kaiserin von Oesterreich, bte er überbracht habe. Er selbst sollte damals bei den Pionieren in Ingolstadt ein« rücken — aber der Befehl des Königs rief ihn immer wieder zurück. Sechsmal.
In der Todesnacht, als man die Schirme an der Bank und die Kleider im Park gefunden hatte, und das große Suchen begann, holte der Schloßverwalter den jungen Fischer zu nächtlicher und schauerlicher Fahtt. Der Jakob Lidl sah den König zuerst im flachen Waffer liegen...
Die Augen des Fischers werden ganz starr, als er nun weiter erzählt, und die Motte tropfen langsam, wie aus der Tiefe eines Brunnens, der Erinnerung heißt. „Der König hat noch die Augen aufgehabr. Ich habe fünfzjg Menschen aus dem Wasser geholt, so hat keiner ausgesehen, der ertrunken ist. Das Wasser war ja auch viel zu flach für einen so guten Schwimmer. Sie haben ja die Stelle heute am Nachmittag gesehen. Sie liegt ein wenig näher zum Ort als das Holzkreuz, bas man errichtet hat. Das Wasser wird kaum mehr als einen Meter gezeigt haben. Der König hat einen Herzschlag gehabt. Als mir den schweren Körper im Boot hatten, sagte ich zu dem Verwalter Hubett, da schwimmt was Schwarzes, das ist dem König fen Frack, Es war aber Dr. Gudden, der lag im tieferen Wrffer. Wir haben ihn bann auch in das Boot gezogen, und dann haben wir beide hierher in die Halle gebracht. Wir haben stundenlang Wiederbelebungsversuche gemacht Aber ich wußte, daß sie nichts helfen konnten. Ich habe die beiden Uhren gesehen. Die Uhr des Königs ist sechs Minuten vor sieben ftehengebliebe«. als das Wasser eindrang. Die von Dr. Gudden aber zehn Minuten nach acht."
„Sie lchficßen barous, Herr Lidl?"
Der alte Jacob Lidl spricht jetzt womöglich noch langsamer, und er hat eine fast hochdeutsche Aussprache, plötzlich, wie man sie gebraucht, wenn man mit dem Pfarrer spricht, ober bei ernsten Anlässen, da man die Motte schriftdeutsch hinsetzen will. „Der König hat fliehen wollen, das weiß ich, er hat Rock und Weste ausgezogen, denn wir haben ihn ja im Hemd gefunden. Das tut keiner, der im Wasser den Tod sucht. Das tut einer, der über eine kleine Bucht schwimmen will, um dort einen sicheren Kahn zu finden. Er lief ja auch in Richtung aus das Dorf. Der Dr. Gudden ist ihm nachgesprungen, der König hat ihn vielleicht mit einem Fäustschlag abgewehrt. Mürgemale an seinem Hals sind eine breitete Er
findung. Ich hab sie ntt gefth-en, der Bezirksamt- mann aus Starnberg hat sie nit gesehen, und der Arzt aus Starnberg auch nit. Niemand hat sie gesehen, als nachher die Kommission aus München. Als dann der König, nachdem er den Gudden leicht abgeschüttelt hat, weitergelaufen ist, da hat ihn in seiner Auftegung, da hat den schweren, großen Mann ein Herzschlag getroffen. Er ist nach norm über gestürzt, und so hab ich ihn ja denn auch gefunden. Als wir im Boot fuhren, sagte ich dem Huber, da ist was Weißes, und das war der König, Als der Dr. Gudden gesehen hat, daß der König hin war, hat er sich selber das Leben durch Ettrinken genommen. Beinah eine Stunde später. Die Uhren lügen ja nicht, mein Herr."
„Wer faßte bas Boot führen, das den Köm'o oe- rettet hätte?"
Der Aste sieht mtch sehr ruhig und fest an. „Wag ich gesagt habe, glaube ich mit meinem Gewissen verantworten zu können, mehr nicht. Ich habe drei Jahre nach dem Tod des Königs einen Eid schwören müssen, daß ich verschiedene Dinge nicht sagen würde. Nicht meiner Frau, und nicht auf dem Sterbebette und auch nicht dem Priester. Ich habe um acht Tage Bedenkzeit gebeten, und dann habe ich den Eid vor dem Bezirksamtmann Hattlieb ge. schworen. Der Staat hat sich dabet verpflichtet, danach für meine Familie zu sorgen, wenn mir im Krieg oder Frieden etwas Menschliches passieren sollte. Ich werde den Eid hasten. Es sind ja in letzter Zeit viele zu mir gekommen, weil ja doch schließlich die Politik hineinspielt. Es haben auch viele gelogen, sie hätten mit mir gesprochen. Aber . . ." Er macht eine vage Bewegung mit der Hand, und seine Augen sind wie ganz rückwâtts ge. ttchtet. „So wie ichs Ihnen gesagt habe, ists gewesen." Pause. »Wir haben hier «Le sehr um den König getrauert."
Wer die widerspruchsvollen Darstellungen kennt, die um die letzten Stunden des Königs verbreitet wurden, muß anerkennen, daß die Darstellung des alten Lidl den Anspruch der Wahrscheinlichkeit hat, obgleich mildere Augenzeugen, die allerdings späte gekommen sind, Würgemale am Halse des Arztes bemerkt haben wollen. Jedenfalls wird ein guter Schwimmer, der freiwillig den Tod sucht, nicht bis beengenden Kleider von sich werfen. Diese Bemerkung des alten Fischers, daß der erregte König einem Herzschlag den freien Weg durch das enge Dor des Todes zu verdanken hatte, scheint unumstößlich.
Der König hatte geglaubt, es stände in seiner Macht, »Flucht ober Tod zu wählen". Es kam ft tmß er beides wählte. Sicher im unklaren Vorsatz, sicher gehetzt von Qual und sicher als ein schwerkranker Mann. Aber Flüchtfing aus einer Behandlung, die nicht würdig war. \ ■
Es scheint unnötig, die Schatten der LiMgk- ’ gangenen Tage stärker zu beschwören, und tu;, b® ausdrücklich jeden politischen Rückschluß für un.® ^°'i unterlassen, warum man bas Ende he^Scix -
Wilhelm I. bestätigt in einem Brief indirekt di^ h Zahlung Lidls, daß der Ausdruck des toten KlMW nicht der eines ertrunkenen Selbstmörders gevWW sei, sondern eines Mannes, der glaubte, der RetSW sicher zu sein. ^ritz (Kronprinz Friedrich, ver M - München entsandt worden war) schreibt mir, daß et ben Ausdruck der Leiche friedlich gefunden habe."
Wer lesen will, kann ja schon den größten Teil der Wahrheit zwischen den sparsamen Motten des allen Fischers lesen. Mit der politischen Frage, m der König regierungsfähig war — die wahrscheinlich M verneinen ist —, soll dies nichts zu tun haben.
Vom Starnberger See aber bis zu den Bayerischen Alpen 'lebt das Bild des romantischen, chönen, begabten, sonderlichen, menschenverachtenden und kranken Königs tief und lebendig in der Phantasie des Volkes.
An der Stätte feiner letzten Tragik aber steht ein einfaches Holzkreuz „Zur Erinnerung an den Juni 1886. Errichtet von der Dereinigurra 2 II- Deine Treuen".
An Stelle der Bank steht eine riesige Kapells, die der Prinzregem Luitpold im Jahre 1900 einweihen ließ. Ein imposantes, prachtvolles und kühles Denkmal. Vor dessen Altar noch heute friste Kränze gelegt werden.
Die Einrichtung der Kapelle aber kostete genau soviel, wie die Zinsenlast der Schuldensumme betrug, die den ersten äußerlichen Anlaß zu Ludwigs II. Entthronung gab . . .
Die Abendfone zieht goldene Linien um Kreuz und Christus und spiegelt sich noch einmal im tiefen Grün des Sees.
Die Wolken sind verweht; der Maiabend sinkt dunkelblau und duftend herab.
Schloß Berg liegt sehr einsam unter dem Mantel der Nacht.
(Fortsetzung folgt)
■MMIMMS^ war ihr Leben lang, über 50 Jahr«,
Flechte
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