Skizze von Josef Stollrelier.
Dke Gvoßmagd
Eins merkwürdig« Dirn, die Großmag- Regina i mm Bergbauern in der Ein öd'! Lebte mit dem I Christof, dem Bauern, wie Katze und Hund und sorgte doch fast mehr für den Hof als er selbst, I nach dem die Bauerntöchter drunten im Dorfe ver- t «blich bie Augen verdrehte«. War groß, stark und ' straff gebaut wie ein Turm, schön und herb dazu. ! Seine weit und breit hatte solch üppiges Haar, I keine so kräftige, blitzblanke Zähne, daß man ■ meinte, sie könnte damit Eisen durchbeißen, uni) ; seine so große, leuchtende Augen, als hätte der : Herrgott seinen siebenten Himmel barein gespannt. ■ Sie hielt das Kittelvolk, das ihr unterstand, mit eiserner Faust zusammen . Mehr als einem Groß- hat sie den Kopf blutig gehauen, wenn er te, so ein Mordsstück von Weib könnte doch nicht ohn« Mann leben. Und gegen den Christof I war sie nicht anders. Bei allem schuldigen Respekt, ' her dem Bauern gebührte, blieb sie herb unb wild und verweisend. Gor oft, wenn die Regina meinte, in ihrer weiblichem Ehre gekränkt zu sein, brannte ; sie wie eine Feuersbrunst — und in jüngster Zeit ■ war dies mehrmals geschehen, denn sie fand vor I il)ter Schlafkammertür bald einen Schlappschuh, - Mb ein Sacktüchel und bald einen Stock aus Re- * benholz, wie nur der Bauer einen trug.
Christof stritt in seiner ruhigem und knorrigen . Sri die Täterschaft ab und war nur verwundert, i wie sich das alles vor Reginas Tür finden tonnte, i da er seit Jahren nicht zu den „Menscherkammern" i hinaufgestiegen. Allmählich kam er auf den Gedanken, die Großmagd habe Absichten auf ihn, möchte gern Bäuerin werden und versuche, ihn so in die Enge zu treiben, daß er vor dem übrigen Gesinde eines Tages nicht mehr anders könn«. Wieder aber mochte er das nicht von ihr glauben, weil es gar zu dumm wär« und er ihr doch durch Aufkündigung des Dienstes die Suppe leicht versalzen könnte. Er hätte ja vielleicht einmal auf« passen müssen — doch dazu war er zu stolz und xi gerade, auch ziemte es sich nicht für einen Großbauern, um die Dienftbotentammern herum zu spionieren. Zum anderen sah er auch gern ihrem Kopf, wenn er so zornentflammt über ihrem weißen Hals brannte und gebotener Respekt unb be- leidigtes Weibtum sich brausend bekämpften. Gut hätte ihr Gelegenheit geben können, sich selbst zu überzeugen, daß er keine Nacht seine Schlafkammer verließ. Aber bais würde doch wieder einem An- bänbelmollen gleich gefehen haben und nur als i Fortsetzung des Strittigen mit anderen Mitteln ge= wertet werden können, — Mußt« also alles so - (bleiben, wie es war, weil er die Regina erstens rauchep konnte und zweitens auch^ nicht aus Hause treiben wollte. Und wenn sich gezeigt M^ätt«, daß sie nur ein Spiel trieb, wär« kein anderer Ausweg geblieben.
Da stand die Regina eines Morgens — der Bauer war eben erst aus den Federn — vor ihm, mar über und über rot wie Glut und hatte Augen voll Scham und Schmerz. Nie hatte sie so aus« gesehen! Die Morgensonne wob Feuer und Glanz um ihre ganze Gestatt, faßte ihre sommerprächtigem Konturen in rieselndes Gold und wollte ihr gar mit lauter Scharlachzungen unter das hüllende Kopftuch.
„Was iffs, Regina?" fragte Christof erstaunt, als sie so da stand und sichtbar mit sich selber rang.
„Bauer", sagte sie, und ihre Lippen wollten die Worte nicht formen, „ich muß auß'm Haus!"
„Wüht' nit warum", gab er erstaunt zurück.
»Sann nit sein, daß eine in Deinem Hause schafft und über den anderem steht, die Dir lange Seit Unrecht getan vor allem Gesinde."
«Die Arme hingen ihr schwer und schloss herab. »$euf nacht", fuhr sie bebend fort, „hab' ich mich auf die Lauer gelegt und den erwischt, der Deine 6ad)en immer vor meine Kammertür geschmuggelt, hab' nit glaubt, daß einet so fresch sein könnt! Der ^oßknecht mors! Und ich hab ihm vor Schreck nit Einmal einen Denkzettel geben, wie sich's gehört hätt'."
Der Bauer fuhr fuchswild empor, besann sich ober, daß er jetzt nicht wild sein dürfte, wollte er «e arme Magd da nicht ganz zerzausen.
»Der Roßknecht geht feiner Wege", sagte er. -Da ist nichts weiter. Daß ein gerades und ehrliches W«ib wie du feine Ehr' verteidigt, auch gegen mich, bas ist mir recht und lieb. Und daß du so gekommen bist, ist's mir noch mehr. Zwischen uns, «tgina, bleibt alles beim Alten."
Sie wand sich in ihrer Not, und der Dauer hätte k gerne ein wenig gestreichelt, nur daß sie wieder ^hig würde. Aber er wagte es nicht. Er zitterte und fürchtete für sie, und die Brust wurde ih«n 6i eng, wie sie so ha stand unib nicht aus und nicht «in wußte. .
»Regina", sagte er, selbst schwer atmend. Doch ks, was er hinzusetzen wollte, war ihm auf einmal Ji nichtig, oder er sand's auch gar nicht mehr.
»Und mich jagst nit fort?" stammelte sie hilflos, âich, die dich so verleumdet hat?" |
»Der Schein war gegen mich, Regina. Und foenn du mir alles vergelten willst, was mich nur ^troffen hat, weil du es gesagt, dann bleib meine Hroßmagd, so lang du nur kannst!"
Er streckte ihr die Hand entgegen, bie sie er= Griff und an ihre Lippen drücken wollte, hätte er 's nicht verwehrt. Aber daß eine heiße Träne aus “Iren Augen fiel, konnte er nicht verhüten. Wie | E>n Schauer durchstihr es s '
die Augen schließen muf,.., ”5 Fenster Heroin blendete, "lickte, war Regina hinaus.
Der Roßknecht flog mit Schimpf und Schande 6°m Hof, und Regina schaffte für zehn, hielt sich "der vor Christof noch mehr zurück als sonst. Auch dar sie nicht mehr so stolz und wild im Sinn und Pick einem stillen, blühenden Baum.
Da fehlte sie eines Sommerabe ndg beim Nacht- Gen. Niemand wußte über ihren Verbleib. Nur Gen Nachmittag hatte man den entlassenen Roß- wecht um den Hof schleichen sehen, und eine Melkern glaubte, bk Großmag- fei ihm nachgegangen,
ugen schließen mul
sein Hagestolzes Herz daß । lßte, weil tote Sonne durch
AIs er wieder auf
Der Lauer wurde unruhig, stand auf und ging hinaus.
Mit einem Male war etwas in ihm wach, das er sein Leben nicht gekannt hatte. Erde und Lust und Berge und Wächer wurden — Regina. Das war wie eine Feuersbrunst in ihm, die in allen Adern flutete, sein Denken und Sinnen auf chre Fittiche nahm und davon trug nach ihrem Gefallen.
Himmel! Wenn ihr ein Unglück geschehen wäre! Wenn der Rohknecht, der Haderlump, sie in einen Hinterhalt gelockt, ihr Gewalt angetan oder sie gar erschlagen hätt«! Ein« wilde Angst trieb den
Einmal traf seinen Rücken ein kühler Luftzug, und er erschauerte. „Schon zwölf", flüstert« er vor sich hin. „Di« Alte hat wieder einmal nicht ausreichend geheizt. Nun wird es vor der Zeit kalt."
Da fühlte er, wie eine Hand leise seine Schulter berührt«. „Frierst Du, Fried?" fragte eine zarte Stimm«, und als er sich — mehr überrascht als erschrocken — umdrehte, sah er in das bleiche Antlitz eines jungen Mädchens, das ihn mit wissenden und traurigen Augen betrachtete.
„Nadja!" schrie er heiser, und eine Welle heißen Mutes strömte plötzlich zu seinem Herzen.
Veilchenblaue Frühe
Ueber dem leeren Land. O meine Seele, blühet Ein Drosselherz steht in Brand. O dn mein Mund, frohlocke!
Die Sonne wächst wie ein Turm, Eine brausende Glocke
Dröhnt durch den stöhnenden Sturm.
Und nun erglimmt der Aecker Klarer, getragener Schein, Steigt eine Lerche kecker in strömende Himmel ein.
Märzmorgen
Ludwig Bäte
Bauern vorwärts. Wie der Sturmwind braunste er gegen dem dunklen, schon im das graue Totengespinst der Dämmerung eingewobenen Wald. Er rief ihren Namen. Und immer »nd immer wieder: Regina! — Tränen standen in seinen Augen.
Auf einmal traf ein Laut sein Ohr, wie wenn
Schüttern niederpressen wollte, riß den Burschen mit gewaltiger Faust zurück und schleuderte ihn zu Boden, daß er qualvoll auffchri« und sich stöhnend im Dunkeln verkroch
„Regina!" stammelte Christof, fing Nie Schwankende in seinen Armen auf und wischte ihr mit zitternder Hand das Blut aus dem Gesicht. Sie sah ihn mit großen, nassen Augen an und wollte reden, aber ihre Lippen gaben keinen einzigen, armen Laut. Nur ein fassungsloses Schluchzen rang sich aus ihrem Herzen herauf.
„Tu dich nit anstrengen, Regina!" rief der Bauer in tiefer Besorgnis. „Zwischen uns zweien is nix mehr zu bereden. 3s ja jetzt alles auf einmal so sonnenklar: Der Berghof braucht eine Bäuerin. Und das Regina, bist du! Müßt' ja, wann du vom Hof gehen wolUfft, mit dir wandern — und wsnns ins Elend mär'!"
Ueberwältigt vom so viel Mück und Herrlichkeit sank sie an feine Brust. „Mein' Ehr hast mir gerettet, Christof, und mein Leben! Was hätt' ich jetzt noch, was dir nit gehört!"
»Jetzt fängt das Leben erst an!" jubelte er.
Bückeriod
Skizze von Axel Rasmussen.
Rejar, dieser große, verbissene Gelehrte,
war
mindestens ebenso einsam wie berühmt. Er hatte eine Art, seine Besucher abzufertigen, die auch die Kühnsten abschreckte. Darum war es eigentlich nicht nötig, daß er [Vier alten, verhutzelten Haushälterin an diesem Abend aufgab, niemanden vorzulassen. Eine unnötige Sicherung also, getroffen aus einer ihn seit Wochen beherrschenden peinlichen Beobachtung, daß es mit der großen, umfassenden Arbeit über die Relativität der Moral nicht so vor
wärts gehen wollte. Rejar schob dies auf äußerliche Störungen. Aber diese durchsichtige und fadenscheinige Entschuldigung war für ihn der Strohhalm, nach dem der Ertrinkende griff, nur um sich nicht eingestehen zu müssen, daß seine Kraft nachließ.
Nun also saß Rejar in seinem großen, spärlich ausgestatteten Arbeitszimmer, dessen einzigen Schmuck die längs aller Wände stehenden Regale mit der unübersehbaren Menge von Büchern, von roten und gelben, alten und neuen, gehefteten ungebundenen Büchern, bildeten. Saß, mit in sich gekehrten -Augen, vor seinem Tisch und bebeefte viele weiße Bogen Papier mit seinen kleinen, krausen Schriftzeichen.
Ab und an, in sehr langen Zwischenpausen, brach das zarte kratzende Geräusch der Feder plötzlich ab. Er führte die Teetasse an den Mund, um rasch mit einem Schluck seine trockenen Lippen anzufeuchten. Der Tee war kalt und vom langen Stehen bitter geworden. Rejar merkte es kaum — nur sein nervöses Gesicht spiegelte den unangenehmen Geschmack wider. Die Falten, die sich von seinen Mundwinkeln herunterzogen vertieften sich, und hätte er einen Spiegel vor sich gehabt, er wäre wohl selbst erschrocken gewesen über dieses von allzuvielem Denken und Grübeln verwüstetes Gesicht..
Aber da war kein Spiegel, und so sah er sich nicht. Sah nur die Uhr, die über dem Tische hing
und deren schweres Meffingpendel unablässig hin worfft Du st« fort — um des Ruhme» willen.
und her ging — his und her. hin «Ä her. da Leise Stirs dar Swbeer drückt — fege ■
„Ja — ich", sagte das Mädchen mit einem wunderlichen Lächeln. „Bist Du sehr überrascht, mich wiederzusehen, Friä?" Sie wartete eine Antwort auf diese Frage nicht ab, und er hörte sie wohl auch kaum. Denn da sie ihm gegenüber auf dem Stuhl — von Rejar durch die ganze Breite des
blühenden Mund, dem er einst so oft und so hingebend geküßt hatte. Sie erwiderte ruhig seinen Blick mit einer offenbar nicht minder eingehenden Musterung seines Aeußerem.
„Wie jung Du geblieben bist!" brach er endlich das lange Schweigen. „Du siehst ganz so aus wie damals. Und" — er wurde ganz verwirrt, als er dies plötzlich bedachte, „es ist doch schon mindestens dreißig Jahre her, seit. . ?
„Seit Du mich verließest", sagte bas Mädchen ruhig, da er nach dem richtigen Worte tastete.
„Seit ich — Dich — verlieh", wiederholte er gehorsam und senkte seine Augen.
„So lange — wirklich", meinte das Mädchen. „Es gibt viele Menschen, die nicht so alt werden, wie die Zett, die zwischen dem Damals und dem Heute liegt. Aber Du siehst mich so seltsam an, Findest Du mich vielleicht doch verändert?"
„Nein — gar nicht", entgegnete der Mann. „Und deshalb wunderte ich mich. Aber jetzt scheint es mir schon beinahe selbstverständlich, Dich so zu sehen. In meinen Träumen sahst Du immer so aus." „Also hast Du doch zuweilen meiner gedacht?"
k^m^raum — oft, ach, so oft. Am Anfang vor Du solltest nicht annütz "und iâstquAerisch hz.r^ allem. Später seltener.
„Und am Tage?"
„Am Tage? ... Ich hatte so viel zu tun. Ich habe immer gearbeitet*
„Ich weiß — ich weiß es sehr gut Du hast viel getan. Und Du hattest Erfolg, nicht wahr? Du bist inzwischen ein berühmter Mann geworden, heißt es."
„Man kennt mich", lächelt« Rejar bescheiden. „Und man legt einigen Wert auf meine Meinung"
„Du hast viele Bücher geschrieben, nicht wahr?" „Sehr viele, ja."
„Und bist berühmt! Das war es, wonach Dein Sinn stand, damals, als Du noch jung warft. Ruhm, bekannt sein, einen Namen haben, genannt werden. Um das zu erreichen, hast Du alles geopfert. Auch Deine Giebe. Auch mich. Da Du es erreicht hast — ttiie glücklich mußt Du nun fein, Fried!"
„Du bist bitter" sagte der Mann. „Kannst Du mir nicht verzeihen?"
,Jch habe nichts zu verzeihen. Ein jeder Mensch lebt sein Schicksal. Und ich freue mich, daß Dein Opfer — daß mein Opfer — nicht vergeblich gewesen war."
Sie sprang auf, stand wieder an seiner Seite, hob seinen Köpf, den er tief gesenkt hatte, mit einer stillen und mütterlichen Bewegung zu sich empor. „So laß Dich einmal anschauen. Du glücklicher Mensch", lächelte sie, „dem es gelungen ist, den Ruhm an feinen Triumphwagen zu fesseln. Wie grau Dein Haar geworden ist — fast weiß. Und diese Falten" — sie strich über seine Stirn — „wie tief sie sich eingegraben haben. Und Deine Lippen — so schmal sind sie geworden, so blaß. Und bitter! Liebst Du denn die Menschen nicht?"
„Ich — verachte sie, Nadja."
„Und lebst doch von ihnen, Fried. Denn be- rühnst ist man ja nur, wenn Menschen da sind, die einen rühmen."
„Ich verachte auch den Ruhm!"
„3d> dachte es mir, wirklich. Man sehnt sich immer nach dem, was man nicht hat, und verachtet, was man besitzt. Einst, als Dir die Liebe blicht«,
würdest Du ihn nicht hlngöben wollen nm ein wenig Liebe?"
Der Mann antwortet nicht. Aber ferne Augen bettelten. Sie streifte seinen Mund mit einem flüchtigen Kuß.
„Glaube mir" sagte sie schr ernst. „Fast ist es ein Opfer, diese Deine Lippen zu küssen."
„Und Du", sagte der Mann nach einer langen, quälenden Stille. „Wie ist es Dir ergangen?"
„Sich mich an! Denke, ich sei gestorben, damals. Ich . . bin gestorben. Mein Schicksal war meine Liebe, und es endete mit ihr."
„Du sprichst wie ein Dichter", flüsterte Fried. „Du sprichst, als wärest Du tot. Aber ich fühle. Du bist lebendig — wie ich es bin."
„Fühlst Du das — wirklich? So bereust Du?"
Rejar grübelte vor sich hin — seine Augen bekamen wieder den nach innen gekehrten Blick. ,Jch —ich weiß es nicht, Nadja. Vielleicht bereue ich. Aber vielleicht wäre es falsch, wenn -ich es täte. Schopenhauer sagt . . ."
„Was sagt Schopenhauer?" lächelte das Mädchen.
„Ich werd« es Dir vorlesen, wenn Du magst."
Er stand auf. trat an eines der Regale. Ab« dar Buch, das er suchte, stand irgendwo ganz oben, und vergeblich blickt« er sich nach dem Tritt um. Zu rechter Zeit entsann er sich, daß seine Haushälterin die Leiter mit sich genommen hatte. Sie wollte wohl Gardinen im Eßzimmer befestigen.
.Ich werde hinaus klettern", sagte er, und dar Mädchen nickte.
Aber als er das zweite Brett erreicht hatte und mit greifenden Händen nach dem Buche tastete, geriet das große Regal plötzlich ins Schwankem
Die Bewohner des Hauses, die — aufgestört durch das furchtbare, donnsrähnliche Krachen — in das so sorgsam behütete Gemach des großen Gelehrten eindrangen, sahen zunächst niemanden Und es dauerte einige Sekunden, ehe sie den Körper des Mannes entdeckten: zerschmettert, erstickt, erschlagen von der ungeheuren Meng« dar auf ihm lastenden Bücher.
Gekmrdei
Skizze von Wilhelm Lennemann.
Doktor Korn saß in seinem Arbeitszimmer am Schreibtisch. Doch las er nicht und schrieb auch nicht. Er starrte versunken auf eine Photographie, die in einem schmalen Rahmen auf der Schrerb- untertage stand.
Es war das Bild seiner ersten Frau. Ein Jahr nur hatte er glücklich an ihrer Seite gelebt Da raffte eine tückische Lungenentzündung sie in wenigen Tagen dahin. Zehn Jahre trauerte-er übt nach. foUww den MlMNichi ybeMmdâ .SkM dank« allein, eine zweide Ehe einzugehen, erschien ihm schon uns eine Untreue. Und doch geschah es. Als er seine jetzige Frau kennen gelernt, war etwas Seltsames in chm wach geworden, eine dunkle Freude und ein starkes, quellendes Lebensgefühl. Wie in einem SRatrfdj hatt« er gelebt. Und dann geheiratet . . . Und nun — nun stieg aus einer vergessenen Tiefe ein altes, liebes Bild auf und schaute ihn weh- und anklagend an.. Und sein Gewissen erwachte, und Zweifel unb Scham fraßen an feinem Herzen. Und doch war er seiner jetzigen Frau zugetan mit der ganzen Inbrunst einer restlosen, aufrichtigen Hingabe. Alle beunruhigenden Stimmen fchwiegen in ihrer Nähe. Nur in Stunden der Still« wurde es in ihm schmerzlich lebendig, bohrte und nagte und trieb ihn immer wieder tièfer in bie Wirren ferner zwiefachen Liebe. —
„Fritz!"
Erschrocken stand der Doktor auf, er sah èn das Gesicht seiner Frau. Eine Blutwelle stand darin. Ihr Blick ging verloren an ihm vorbei auf den Schreibtisch. Doktor Korn griff hinter sich, er legte die Photographie platt auf den Tisch; nicht, weil er sich ertappt fühlte, sondern weil das Gesicht jener Toten in dieser Stunde nur ihm, ihm ganz allein gehörte. „Du gehst »meinen Oe bansen nach, Grete", sagte er unwirsch, fast böse. — „Nein, doch
aus lebendig machen wollen, was dem wirkichem Leben abgestorben ist." — „Du willst mir meine Liebe stehlen!" schrie der Mann, und der Zorn stand wie ein glühender Strich auf seiner Stirn. — „Nein", sagte sie demütig, „ich will Dir Deinem Besitz nicht nehmen, aber ich möchte Dich gern frei machen von dem Wahn, als ..." — „Wir wollen mffhören", unterbrach der Mann sie und er zwang sich zu einer starren Kühl«. „Ich wollte ohnehin noch einen Gang in die Stadt machen".
' Solche Szenen wiederholten sich. Doktor Korm wurde mürrisch und verdrießlich. Er blieb setzt auch häufig des Abends im seinem Zimmer. Er schützte Arbeit vor, gab sich aber nur Dumpfen Grübeleien hin. Die Frau zog sich tief in sich zurück, sie sagte kein lautes Wort, ab auch ihr Herz klagt« und
brannte.
Zuweilen hatte er wohl das starke Bewußtsein, daß er seiner Frau Unrecht tue, und er kämpfte dann mit dem Entschluß, zu ihr zu gehen. Aber eine bange Furcht hielt ihn immer wieder zurück. In den Stunden /da er sich mit feinen Wahnvorstellungen ganz am gefüllt hatte. konnte es wohl vorkommen. daß er meinte, seine Frau überhaupt nicht mehr zu lieben, fa sie haßen zu müssen. Dann sprang er auf, griff sich mit beiden Händen an di« Stirn, ging erregt auf und ab und fand nur mühsam feine Ruhe' wieder.
Da erwartete die Frau ein Kind. Allein, so fehr sie deshalb schon ein schmerzloses und ungetrübtes Verhältnis zu ihrem Manne herbei sehnte, so fühlte sie doch: Sie konnte und bürste in seine Wirren nicht eingreifen. Er mutzte sich selbst aus ihnen lösen und einen Ausweg finden, daß er frei .zwischen seinen Lieben stand und feine Hände reichen durste nach Hüben und nach drüben ohne Anttage und ohne Vorwurf.
Aber in den Stunden, da ihr Mann in der Stadt weilte, schlich sie sich wohl in fein Arbeitszimmer tmb vor das Bild. „Elisabeth" stand darrmter, nichts weiter.
Sie betrachtete es aufmerksam und tauge Nub die großen, klarem Augen der Verstorbenen Heßem sie baun lange nicht kos. Diese äugen tcch sie vor Mi fhwbenlnng, m* war «tot e&mal *••*