Dem toten Freunde
Leben ist.
Heinrich Eisen
Gedanken zum Volkstrauertag von Haus Friedrich.
Wenn wir am Volkstrauerrage unserer Gefallenen gedenken, so w rd uns die Trauer um die Toten
Heldentum
verklärt durch das Wissen um ihr Heldentum. Finden wir, befangen in der Erkenntnis einer «lenden Gegenwart und der Erwartung einer nicht minder trüben Zukunft, keine Antwort auf die bange Frag« .Wofür starben sie?", so sei es die Erinnerung an hr heldenhaftes Kämpfen und Sterben, die uns ousricht«, und der Stolz, daß sie unser waren, wan
dem Marsch, im Feuer, in Stellung war er der beste Soldat in der Kompagnie.
Damals im Winter kamen wir auf dem Vormarsch durch die oenetianischen Alpen die Piave hinunter. In der Nacht bezogen wir in einem Dorfe am Berghang Quartier. Der Ort war verlassen, doch auf dem offenen Herd des Hauses, in das unser Gewehr gelegt wurde, brannte noch die Glut. Eng um die Wärme gedrängt legten wir uns zum
ecke starrn unser Leutwaat auch «Ker mit bet Hand hinter sich. „Hinter der Bodenwelle sammeln!" brüllte er uns zu. Im Laufen sahen wir, daß die Einschläge mit großen Sprüngen dem Dorf« näher tarnen.
Da packte mich eine Sauft an der Schulter. „Mensch!" schrie mir Firmenich ins Gesicht. »Wir haben das Kind vergessen." Das Kind in der Eck« dort im Hause, dessen weißer Anstrich wett « die
dele sich in zuversichtliche Hoffnung und das Ge- Mü«, ihnen nachzustreben!
Heldentum! Ein ernstes Wort von hehrem Klang. Seit undenklichen Zeiten gewürdigt als der Inbegriff höchster Mannestugend. Es ist im Cha- vatter der indogermanischen Völker tief begründet, daß ihre Ueberlieferung von dem Gerüst der Kriegsgeschichte getragen wird, ja in der Dämmerung der Frühzeit âls Heldensage sich nur an die Taten einzelner anlehnt. Nicht Erziehung und Gewohnheit, sondern ureigenstes Wesen offenbart sich, wenn zu allen Zeiten bei der Schilderung der Taten deutscher oder auch antiker Sagenhelden die Augen der- Jugend leuchteten, daß sie begierig an den Lippen des Lehrers hingen, mochte der ihnen von Leonidas und seinen Dreihundert erzählen, von den matteren Kämpen des Mittelalters oder von den Kriegen des Großen Friedrich. Nicht anders war es bei der Lektüre, Tapferkeit und Unerschrocken- hell, begleitet von Edelmut und Charakterstärke, mußt« der Held besitzen, sollte die Erzählung Anklang finden. So bildete sich an der Geschichte ihrer Helden die Jugend, von Generation zu Generation, selbst zu Helden und bewies es — im Weltkrieg«.
Ein Heldentum, bis dahin unerhört an Größe, Eigenart und Erscheinungsformen, hat dieser Krieg uns finden taffen. Dom begeisterten Einrücker der Truppe im August 1914 bis zum hoffnungslosen und doch übermenschlich zähen Ausharren im Herbst 1918 — eine unabsehbare, ununterbrochene Reihe von Beweisen echten Heldentums. Ob auf endlosem Marsch oder im blutigen Angriff, ob beim wehrlosen Ertragen des Trommelfeuers oder im Handgemenge der Verteidigung, ob in der glühenden Sonnenhitze des Balkans oder im eisigen Schnee- sturm der Masurenschlacht, ob in den Sumpfgräben Flanderns und Rußlands oder in den Felsenscharten der Alpen und Karpathen, ob im Kreideschlamm der Champagne oder in den Sandwüsten Palästinas, überall bewährten sich deutsche Helden, gaben sie Leib und Leben fürs Vaterland. Und nicht anders war es im aufreibenden Wachdienst auf der Nordsee oder auf Nerven anspannender Kreuzer- fahrt im Indischen Ozean, genau so hielten es di« Flieger in eisiger Höhe und die U-Boot-Besatzungen tief unter dem Meeresspiegel, galt es für die Schutz-1 truppe in Afrika und die Verteidiger von Tsingtau.
(Zum Volkstrauertagj
Wir wollten die Welt durchwandern . , -.
Wir hatten zusammen die Schulbank gedrückt, Wir waren Freunde, begeistert, beglückt — Er liegt begraben in Flandern.
Wir hatten eine Laute,
Und ein Mädel hat uns ein Band gestickt, Wir haben ihr selige Verse geschickt — Das liebe Mädel hieß Traute.
Wir spielten, und wir sangen.
Wir haben zusammen geweint und gelacht. Durchschwärmt den Tag und durchsdrwärmt die Nacht, Und Becher und Herzen klangen.
Nun sind verrauscht die Lieder . . ,
Die Laute hängt stumm bei dem Bild an der Wand. Ein Flor daran und von Traute das Baad, Und keiner spielt sie wieder.
Wir wollten die Welt durchwandern, Da kam der Krieg und der Tod, der nidit mißt.
Wir wußten noch nicht, was Da starb er in Flandern.
bentum bewähren heißt sich bewußt zum Opfer bringen, heißt am Löben hängen und trotzdem der Gefahr entgegen gehen oder in ihr ausharren, jedoch nicht im Zwang« eiserner Disziplin, sondern aus eigenstem Willen, der aus der Ueberzeugung hervorwächst, daß solches Handeln sittlich notwendig, d. h. für einen höheren Zweck geboten ist.
Don .bissen Maximen geleitet gingen auch unsere Gefallenen in den Tod. Den meisten vielleicht unbewußt, bei allen aber zwingend, wirkte in ihnen und aus ihnen — die Persönlichkeit. So starben sie, weil sie sich ganz eins elften, und starben als Helden. Ein eitles Otterngezücht aber neidet ihnen ihr Heldentum, nennt zumindest Torheit, was sie aus tiofinnerlichöm Müssen getan. Mit dem Gifte ätzenden Spottes böspeicheln diese erbärmlichen Wichte alles Heldische und Große, sönnen es nicht gelten lassen, weil sie sonst am Bewußtsein der eigenen Minderwertigkeit ersticken müßten. So verfolgen sie mit neidgeborenem Haß alle, die noch an höchste Dinge Mut und Leben setzen.
Uns aber gemahnt bas Heldentum der Gefallenen, ihnen nachzuleben. Auch abseits der blutigen Walstatt, nämlich im allgemeinen Dasein stellt das Löben Aufgaben, deren Lösung den Einsatz der
ganzen Persönlichkeit fordert. Dâ soll es uns bereit finden, um den Sieg zu kämpfen, ja, wenn es not
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tut, auch bis zum bitteren Ende.
E'tt &rm auf kvemdev Gvds
Eine Erinnerung zum Volkslrauerlag
Von Georg Wagener
Lose
Ein Kriegstagebuch sollte es werden.
Blätter sind es geblieben. Notizen' ohne Zusammenhang, flüchtig hingeworfen im Quartier und in der Stellung. Der augenblicklichen Stimmung entsprungen, erzählen sie von Freud und Leid. Doch die Freude überwiegt, denn das andere war ja Alltag des Krieges. Es schien des Aufzeichnens nicht mehr wert. Ein Wort spricht vom Schicksal mancher die nicht wieder kamen.
Heute, da wir im ganzen Lande an unsere Toten aus dem Kriege denken, blättere ich in diesen losen, ein wenig zersetzten Papieren. Ich finde eine Notiz: „Firmenich gefallen." Sie erzählt von einem Schicksal unter vielen. Doch die beiden Worte haben eine besondere Bedeutung für mich: Er war mein Freund, mein guter Kamerad. Ein Mensch, der helfen mußte, wo er Hilfsbedürstigkeit sah. Und deshalb fiel er auch.
Er war nicht das, was man in der Garnison einen guten Soldaten nannte. Beim Waffenappell sanden sich sicher Flecke an seiner Armeepistole, doch der Feldwebel kniff stets das gesunde Auge zu, wenn er zu Firmeninch kam, und hielt den Lauf vor das gläserne, um den Rost nicht zu sehen, der ihn zur Meldung gezwungen hätte. Auch der Leutnant schien nichts davon zu ahnen, daß der Schütz Firmenich Brot und Wurst für sich und die anderen vom Gewehr 6 in den Patronenkasten trug, wenn hinter der Front Felddienstübungen an» gesetzt waren. Doch das Eine wußten wir alle: Auf
Schlafen, zu müde, um nach dem langen Marsch noch ans Essen zu denken.
Im Morgengrauen weckte uns der Hunger. Wir I hängten die Kochgeschirre ans Feuer, um Kaffee zu kochen. Unsere Brotbeutel waren fast leer^ EM Stück italienischen Weißbrotes, sonst nichts. Da stand Firmenich auf: „Es wird schon noch etwas zu essen im Hause sein." Wir ließen ihn allein suchen, denn wir wußten: War etwas vorhanden, so fand es Firmenich.
Nach zwei Minuten schon kam er zurück, „Verdammt wenig!" sagte er und zeigte uns eine Blechbüchse. „Zucker! Wir haben wenigstens süßen Kaffee zum trockenen Brot." Er hockte vor dem Herde nieder und wollte den so seltenen und begehrten Zucker in sieben gleiche Häufchen teilen.
Da stutzte er. Die Tür ging auf. Sie öffnete sich nur spaltbreit. Ein Auge voller Angst blickte herein. „Entrate!" rief einer unter uns, den wir für einen Gelehrten hielten, well er in jedem Lande nach zwei Wochen schon ein paar Sprachbrocken kannte. Eine junge Frau schob sich langsam und zögernd herein. Auf dem Arm hielt sie ein Kind. Es mochte ein Jahr alt sein. Sie sah sich ratlos im Raume um. Ihr Blick irrte von einem der fremden Soldaten zum anderen. Sie sagte etwas, das wir nicht verstanden, und wir wußten doch, was sie meinte: „Ich bin hier zu Hause."
Plötzlich weiteten sich ihre Augen. Sie sah die Zuckerbüchse in Firmenichs Hand. Sie stürzte darauf zu und stand zitternd vor unserem Kameraden. „Zucchero", bat sie, „zucchero per mio bambino!" Es war der Zucker für ihr Kind, den Firmenich gefunden hatte und verteilen wollte. Sie tat uns leid in ihrem Jammer, und doch dachte wohl ein jeder unter uns das Gleiche. Firmenich sprach es aus: „Warum seid Ihr denn überhaupt fortgelaufen? Wärst Du hier geblieben mit den anderen Leuten, dann hätten wir Deine dumme Zuckerbüchse gar nicht gefunden." Die junge Frau nickte ein paarmal ein ergebenes „Si, fi", als hätte sie den Vorwurf des deutschen Soldaten verstanden. Doch dann bat sie wieder: „Per mio bambino!" Da drückte ihr Firmenich die Büchse in die Hand: „Da, nimm Deinen Zucker!" Er stand rasch auf, weil die Frau seine Hand küssen wollte: „Laß den Quatsch!" Wir tauchten unser trockenes Brot in den bitteren Kaffee.
In einer Ecke tagen ein paar Decken. Die Italienerin setzte ihr Kind darauf und füllte ihm den schmutzigen Zeuglappen, an dem es saugte, mit neuem Zucker. Dann sah sie uns alle an. In ihrem Blicke lag Vertrauen. Sie sagte etwas von „laste" und „vacca". Unser Gelehrter erklärte uns, sie wolle anscheinend eine irgendwo versteckt« Kuh melken und Milch holen. „Sie, sie" versuchten wir, ihr mit unseren sämtlichen Kenntnissen ihrer Muttersprache verständlich zu machen, daß sie ihren „bambino" ruhig in unserer Obhut zurück lassen könnte. Sie ging.
Eben« hinaus leuchten mußte als markantes Ziel für den Feind! Wir standen still. Doch im nächsten Augenblick warf mir der Kamerad den Tournister ans meinen eigenen, das Koppel über di« Schulter und rannte zurück. ^ lief hinter den ant her. s ■
Dann lagen hie Einschläge mitten im Dorf. Wir sahen hinter unserer sicheren Bodenwelle, di« von keinem Flachbahn geschah erreicht werden konnt«, die Fontänen -in die Luft sprühen, zersprengte Höus«r, deren Trümmer prasselnd die Dächer der anderen durchschlugen. Und Firmenich fehlte!
Wir fanden ihn eine Viertelstunde später, als die Engländer »aus unserer Straße einen Trüm- merhanfon gemacht hatten und das Feuer «instell- ten. Er säuerte an einer Hausmauer, an der er Deckung gesucht hatte. Mit seinem Körper schützte er das Kind in seinen Armen. Doch sein Rücken war zerfetzt, die Brust von -innen ausgerissen, und der Splitter hatte noch das Kind getötet. Der Tod war für beide schmerzlos gewesen in seiner urplötzlichen Gewalt.
Wir legten ihn mit dem Kinde in eine Zeltbahn, denn seine starren Arme hielten es fest. Ain Hang, wo mir ihn vor Einschlägen sicher wußten, gruben wir ein Grab. Wir wunderten uns nicht, daß die Mutter plötzlich neben uns stand, tränenlos, die starren Augen auf das Bündel unter der grauen Leinwand gerichtet. Dann ließen wir beide in bie Grube hinab und schaufelten die Erde über
sie. Wir setzten das Kreuz, das aus der
ihrem Zimmer. Sie war bei vollem Bewußtsein und lächelte: »Sehen Sie, Herr Doktor, ich behalte recht. Es war zwecklos, daß sie sich noch um mich bemühten." Ich setzte mich an ihr Bett: „Sie könnten leben, doch Sie wollen nicht!" Eie schloß die Augen und lag minutenlang still.
»Ja", sagte sie dann, »Sie haben recht. Ich will nicht leben. Sie werden mich jetzt vielleicht für feige halten, denken, als zusammengeflickter Mensch fürchte ich mich vor dem Leben. Oder Sie glauben, ich habe eine Schuld auf mich geladen. Nein! Vielleicht verstehen Sie mich, wenn ich Ihnen erzähle, was ich erlebte.
Ich war zwanzig Jahre oft als ich heiratete. Dir liebten uns und lebten drei Jahre lang glücklich. Dann spürte ich, daß mein Mann mir zu entgleiten begann. Ich wollte ihn halten. Ich beging einen Fehler: Ich warf mich ihm an den Hals. Er stieß mich zurück: »Geh, ich will Dich nicht mehr!" Ich ging. Ich zog in eine andere Stadt, weil ich mich schämte, dort weiter zu leben, wo die Leute mich glücklich gesehen hatten. Zwei Jahre lang dachte ich, er würde die Scheidung beantragen. Doch ich hörte nichts von ihm. Ich selber schwieg. Einmal nur schrieb mir eine alte Bekannte, mein Mann habe die Stadt verlassen. Niemand wisse, wohin er gezogen sei.
In meinem Wohnort hielt ich mich von jedem Verkehr fern. Doch ich war noch jung. Zweimal bot mir ein Mann seine Hand an. Ich hätte mich scheiden lassen können. Ich wollte nicht und wußte doch nicht recht warum. Vielleicht hoffte ich noch immer.
Fünfzehn Jahre lang lebte ich ruhig. Ich glaubte nichts würde mich mehr stören. Da bekam ich den Prospekt einer Baugenossenschaft ins Haus geschickt. Ich blätterte darin ohne jedes Interesse, nur weil das Heft ein paar Abbildungen enthiett. Dann stutzte ich. Auf dem Balkon eines neuerbauten: Hauses in einem Vorort stand eine Gruppe: Eine Frau, drei Kinder und ein Mann. Mein Mann! Ich konnte mich nicht irren. Unter dem Bild las ich seinen Namen. Er war Besitzer des Hauses und Familienvater.
Ich haßte.ihn in diesem Augenblick: „Lump, Bigamist!" Ich wollte klar überlegen und konnte nicht. „Mir gehört er noch", schrie alles in mir. Wenn ich ihn nicht mehr besitzen kann, so soll ihn die andere auch nicht haben!" Ich wollte ihn an» zeigen. Ich sah ihn schon vor dem Richter, und ich trat als Zeugin gegen ihn auf. So fuhr ich hierher.
Ich wollte erst sein Haus sehen, das sein er° stohlenes Glück barg. Ich fand es bald, stand ihm Mann auf die Straße trat.
gegenüber, als mein Er sah mich nicht, anderen, beschäftigt standen am Fenster Kleinen lachten, und
Denn er war mit ihr, der und mit den Kindern. Sie und winkten ihm nach. Die im Blick der Frau, in ihrem
,Jch liebe ihn".
. _ : Füllung
zertrümmerten Tür roh .zusammen geschlagen ______ In ungelenken Buchstaben, mit dem Messer eingeschnitzt, stand der Name unseres Kameraden daraus: „Heinrich Firmenich."
Die Mutter sah uns wortlos zu. Doch als das Kreuz über dem Grabe ragte, bat sie um etwas, das mir nicht verstanden. Aber unser (Beehrter
einer war.
wußte, was sie wollte. Er gab ihr fein Messer, und sie schnitt zitternde, schiefe Buchstaben unter den Namen des Kameraden: ,,Pepino."
Ich wüßte gern, ob das Kreuz dort auf der Höhe in fremder Erde noch ragt!
Shv ONkev
Skizze von G. Wendk-Easpari
Nur Herren saßen am Tisch. Sie sprachen von den Frauen. »Sie sind selbstsüchtig", behauptete ein Junggeselle. »Was sie und andere Liebe zum Manne nennen, Hingebung, ist nur verkappter Egoismus, Anklammern an den Beschützer und Ernährer. Sie sind keiner wahrhaft großen Regung, keines wirklichen Opfers fähig."
Da sagte ein Arzt: »Ich glaube, Sie irren. Ich habe erfahren, daß eine Frau wohl ein Opfer bringen kann, ein Opfer, dessen ein Mann nie fähig sein würde. Sie lächeln ungläubig, meine Herren! Vielleicht werden Sie anders denken, wenn Sie die Geschichte der Frau erfahren, die ich Meta Winkelmann nennen will.
Wir hatten geglaubt, hier im Dorf außerhalb der Reichweite der wenigen italienischen leichten Geschütze zu sein, die der Feind nach dem Durchbruch über die Piave gerettet hatt. Doch plötzlich verriet uns dumpfes, gurgelndes Heulen über uns, ein Einschlag weit hinten am jenseitigen Berghang, daß die Gerüchte von den eingebauten englischen Schiffsgeschützen drüben keine Sage waren. Gleich darauf schrillte die Alarmpseife des Kompagniefüh- rers durch die Straße. Wir warfen Koppel und -------- — . „ . - ,
Tournister über die Schulter, packten das Gerät hätte genesen müssen. Vieta Winkelmann wollte und rannten aus dem Haüse. 21m einer Straßen-1 nicht wieder gesund werden. Ich besuchte sie in
Man brachte sie, die Vierzigjährige, in meine Klinik. Sie war auf der Straße überfahren worden. Ich glaubte, sie retten zu können. Doch als sie auf dem Operationstisch lag, war es mir, als flehten ihre Augen um etwas anderes, nicht um die Hilfe des Arztes, und sie sagte: »Herr Doktor, es hat doch keinen Zweck. Ich will nicht . . .* Die Schwester mit der Maske unterbrach sie im Satz.
Die Operation verlief günstig. Jede andere
Da packte mich wieder die Eifersucht. Mir gehörte er, nicht der anderen da oben. Ich wollte in das Haus stürzen und ihr ins Gesicht schreien: „Ich bin seine Frau. Sie tragen seinen Namen mit Unrecht!"
Ich schellte und wurde in das Wohnzimmer geführt. Ich nannte einen falschen Namen, denn ich wollte sie überfallen mit den Worten, die sie niederschmettern sollten. Sie sah mich verwundert an. Mein Benehmen mußte auffällig fein. Ich wurde verwirrt. „Wissen Sie", sagte ich unvermittelt, ohne nach einem anderen Vorwand für mein Einbrecher: in das fremde Haus zu suchen, „wissen Sie, daß Ihr Mann schon einmal verheiratet war?" Nun glaubte ich, sie würde mit einem entsetzten „Nein" auffahren. „Ja", wollte ich dann schreien, „mit mir, und er ist Bigamist!" Aber sie sah mich an, als fragte sie: „Was kümmerst Du Dich darum?" Dann sagte sie: „Ja, das weiß ich."
Ich fuhr zurück. Mein Plan schien durchkreuzt. Dann fragte ich: „Und was wissen Sie von dieser ersten Frau?" — „Sie ist tot", sagte sie ruhig. „Mein Mann lebte getrennt von ihr. Er erzählte es mir damals, als er während des Krieges im Lazarett lag und von mir gepflegt wurde. Er wollte sich von ihr scheiden lassen, denn wir hatten uns lieb gewonnen. Er schrieb an einen Freund in der Heimat und bat ihn, sich nach seiner Frau zu erkundigen. „Sie ist gestorben“, erhielt er zur Antwort, und wir mürben kriegsgetraut.
Ich wußte nicht, was ich noch sagen sollte. Mein Haß war plötzlich vergangen. Mein Mann trug keine Schuld. Er hatte mich tot geglaubt Was wollte ich da noch in seinem Hause? Ich entschuldigte mich verwirrt und ging. Ihre verwunderten Augen folgten mir bis zur Pforte. Im Garten spielten die Kinder. Seine Kinder! Sie grüßten mich unbefangen. Ich schämte mich fast vor ihnen. Wenn sie gewußt hätten, daß ich ihnen noch vor wenigen Augenblicken den Vater nehmen wollte! Ich floh die' Straße hinunter und irrte planlos durch die fremde Stadt.
Meine Gedanken überstürzten sich. Ich wollte sofort zurückfahren und niemals wieder den Weg des Mannes kreuzen, der mir doch nicht mehr gehörte. Dann schrie es wieder in mir: »Er gehört dir doch noch, und die andere hat nichts in seinem Hause zu suchen!" Ich erschrak vor dieser Stimme der wieder aufkeimenden Eifersucht und Rachgier. Nein, ich hatte ihn für immer verloren. Ich besaß 'ein moralisches Recht mehr an ihm. Und doch ühlte ich, daß ich nicht fähig sein würde, mit dem Bewußtsein weiter zu leben. Eine andere liegt jetzt n seinen Armen. Eine andere hat ihm Kinder ge» chenkt! Ich wußte plötzlich, wie sehr ich ihn noch iebte. Doch meine Liebe bedeutete für ihn, für eine Familie nur Unglück. Der Zwiespalt zermarterte mein Gehirn.
Dann warf mich plötzlich ein Stoß zu Boden, und ich lag unter den Rädern. Da wußte ich, was das Schicksal wollte: Mir die Qual ersparen und hn vor meiner eifersüchtigen Liebe retten. Was oll ich noch im Leben? Die Prüfung wurde für mich doch zu hart sein."
Der Arzt schwieg einen Augenblick. Dann nihr er fort: »Ich tat meine Pflicht als Mensch. Ich
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