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MMwoch den 5. MSr, 1930

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Stadt Sava»

w3tB kas' eS Dates*

„Ich sag' es Vater!"

Zuweilen hört man diese Drohung, wenn eine Mutter mit ihren Kindern nicht fertig zu werden weiß. Diese Redensart ist eine ganz dumme Ange­wohnheit, denn das Kind merkt bald, daß seine Mutter es nicht zu lenken versteht und daß es allein den Vater fürchten muß. Gebraucht die Mutter die­sen Satz ständig, so verliert sie beim Kinde alle Autorität, und der Vater wird in dessen Augen ein Herrscher, vor dem es in dauernder Furcht lebt.

Ein derartiger Zustand ist für die Entwicklung der Kleinen geradezu verhängnisvoll. Das Kind muß den Einfluß — aber einen gern aufgenom­menen, freundlichen Einfluß — beider Eltern füh­len. Dies ist unmöglich, wenn der Vater unnahbar oder, wie zuweilen der Fall, hinter einer Drohung verborgen bleibt.

Man läßt daher bester dies „Ich sag' es Vater!" fallen, und die Mutter ergreife, wenn nötig, selbst strenge Maßnahmen, damit der Vater im gleichen Grade geliebt und ein ebenso guter, zugänglicher Kamerad wird wie sie selbst.

Diese Notwendigkeit machen sich di« wenigsten klar. Weil der Platz der Mutter im Hause und in ständiger Nähe der Kinder ist, hat sie fett undenk­lichen Zeiten als die für ihre Erziehung Verant­wortliche gegolten, während manche Väter zufrie­den sind, sich dieser Verantwortlichkeit entziehen zu können.

Ost ist es des Vaters eigene Schuld, wenn er sich die Kinder entfremdet und von ihnen gefürchtet wird. Mancher besitzt nicht die nötige Geduld gegen­über dem winzigen, schreienden Kinde, das auf die unbeholfenen Zärtlichkeitsbezeigungen des Mannes nicht eingeht oder keinen Blick hat für das hübsche Spielzeug, das er ihm gekauft, ohne bedacht zu haben, daß der Kleine dafür noch zu jung ist Der Vater kommt dann zu der irrigen Schlußfolgerung, daß er mit dem winzigen Geschöpfe nichts gemein habe.

Soll das Kind, wie es sich gehört, während sei­ner Entwicklungszeit seine Liebe gleichmäßig bei­den Eltern zuwenden, so muß der Vater so viel Ge­duld aufbringen, um das Interesse seines Spröß­lings von Anfang an zu festeln; es ist nämlich er­staunlich, wie frühzeitig Kinder Eindrücke aufneh­men und Personen kennen lernen. Weil die Klei­nen. dies indessen nicht zeigen, glauben die Eltern, jene seien für ihre Annäherungsversuche unemp­fänglich. Man hat jedoch nachgewiesen, daß selbst sehr junge Babys bedeutend mehr misten, fühlen und denken, als sie erkennen lasten.

Der kluge Vater wird sich daher möglichst bald seinen Anteil an der sich entfaltenden Zuneigung des Kindes zu sichern suchen. Dazu gehört Geduld. Der Vater wird dann nicht nur selbst später glück­licher sein, sondern auch das Kind wird lernen, sich ohne Furcht an beide Eltern zu wenden und von jedem von ihnen so weit beeinflußt werden, wie es für eine glückliche geistige Entwicklung notwen- Mg ist.

"Der Stand to,, BetganMungens »bet den evangelischen Kirchenzusammenschluß. Die Arbei­ten für den Zusammenschluß der fünf Landes­kirchen von Hessen-Kassel, Hessen-Nassau, Freistaat Hessen, Waldeck und Frankfurt schreiten nur sehr langsam vorwärts. Am vergangenen Samstag hat — wahrscheinlich zum letzten Mal — die so­genannte Fünferkommission getagt. Sie wird in den nächsten Tagen den inzwischen seitens der be­teiligten Landeskirchen gebildeten parlamentari­schen Ausschüssen eine Denkschrift über die bisher vorliegenden Zusammenschlußpläne und die bereits geleisteten Vorarbeiten überreichen. Die Ausschüsse werden darauchin in eine eingehende Prüfung des Materials eintreten. Die in Berlin zwischen der Re­gierung und den preuß scheu Landeskirchen statt­findenden Verhandlungen über ein Konkordat wa­ren bisher nicht ohne hemmenden Einfluß auf die Zusammenschlußbestrebungen der fünf Landes- kirchey.

âchinss-Äluskehv

Ott Bummer duvch die SafinachiSvevanfiaUttnsen

Uff, das wäre geschafft. Die Karnevalszeit ist zu Ende, der Prinz aus Narrhalla hat sein Szepter aus der Hand gelegt, die Schellenkappe abgesetzt und aus dem tollen Narren ist wieder ein nüch­terner Alltagsmensch geworden. So geht es uns allen, gestern sind wir noch von Maskenball zu Maskenball gezogen und heute ist alles aus. Ascher­mittwoch. Aber wir klagen nicht darüber, daß sie nun vorbei ist die Faschingszeit, denn sie hat heuer gerad lang genug gedauert. 8 Wochen Fasching das ist wirklich mehr als genug bei den wirtschaftlichen Notzeiten. Die lange Faschingszeit St natürlich ein« Steigerung der Zahl der askenballe gegenüber dem Vorjahr mit sich ge­bracht. Es gab in Hanau 57 Maskenbälle gegen­über 40 im Vorjahr. Ungefähr im gleichen Ver­hältnis sind die Zahl der Kappenabends gestiegen. Aber diese hohe Zahl von Bällen und Veranstal­tungen ist kein Zeichen dafür, daß «s uns beson­ders gut ginge. Zu einer viel genaueren Fest­stellung über die Lage in unserer Stadt kommt man, wenn man die DesucherzM der einzelnen Maskenbälle ansieht. Da war es manchmal recht teer in den Sälen, besonders im Anfang wollte die Faschingsfreudigkeit nicht aufkommen. Später wurde es dann bester. Ein Höhepunkt wurde wie alle Jahre am Rosenmontag erreicht, an dem Tag waren alle Veranstaltungen gut besucht und die richtig« Fastnach tsstimmu ng ließ einmal alle All- tagssorgen vergessen. Heute am Aschermittwoch aber guckt uns der Kater über die Schulter und wir flüchten uns zu Rollmops und Kartoffeln oder pilgern zum Hafen, um dort die Brieftaschen und Portemonnaies auszuwaschen. Vorbei ist der ganze Glanz der Fastnacht. Auf dem Anzug findet sich wohl noch ein bißchen Konfetti oder ein Stück Papierschlange,und in der Brusttasche finde ich die Larve, die ich der Kleinen abgenommen, als gestern um Mitternacht der Fasching sich sterben legte. Weg damit bis zum nächsten Jahr.

Das Treiben auf der Straße wurde gestern begünstigt durch die milde, vorfrühlingshafte Witterung. Das war so recht das Wetter zum Aus­toben. Kein Wunder also, daß gestern nachmittag in den Hauptstraßen ein Rummel herrschte, durch den heil durchzukommen, ein Kunststück war. Das klatschte nur so. Natürlich war die Jugend vorn an. 2lm Straßenrand standen viele Hunderte und war­teten auf die Vorüberziehenden, die in oft recht origineller Weise ihre Kostüme zeigten. Gruppen bil­deten sich, geschmückte Autos und Wagen zogen daher. Die Polizei hatte Mühe, den Straßenverkehr aufrecht zu erhalten, ohne das Maskentreiben zu stören. Es war ein ausgelassener Faschingsdienstag.

Die Äbendveranftattrmzen

Prinz Karnevals letzte Nacht! Sicher haben Sie diese auch mit durchgemacht Wo waren Sie denn? In der Stadthalle oder in der Centralhalle? Sie waren nicht da? Aber im Adler oder bei den Tür­nern? Auch nicht? Nun dann sicher im Cafèhaus oder ioMâeiWL^W -

Mensch, wo waren Sie denn? Ach so, ja aber des­halb hätten Sie doch wenigstens ein paar Stunden auch im . . . Wie, Sie können doch nicht überall sein? Sie müssen überall sein in der letzten Nacht des Prinzen Karneval. Ich habe es doch auch fertig gebracht. Ich war ... Ja wo war ich nicht? Ich war überall. Ein einziges Mal habe ich mir den Rummel geleistet, ein einziges Mal habe ich das karnevalistische Treiben in den Wirtschaften mitgemacht, bin ich stundenlang über das Parkett der Hanauer Maskenbälle geflogen und das war gestern. Gestern in der letzten Nacht des Prinzen, in der es toll herging. Was ich gesehen habe, will ich Ihnen, da Sie nicht überall waren, an Hand meiner Tage . . ., nein Nachtbuch-Aufzeichnungen schildern, selbstverständlich ohne indiskret zu werden.

Zunächst galt es der

Faschingsvorstellung im Theater beizuwohnen. „Weeckend im Paradies" wurde ge­

sich vortrefflich. Im Genuß der etunoe und de» bunten und fröhliche» Treiben flösse» d« ëtw den allzu rasch dahin.

erst spät »ach Mitternacht kam ich » d« vârgerverei»

wo bie Stimmung ihr«, Höhepunkt «rreicht hâ Man hatte zwar kein Motto gewählt und so wäre» denn all« möglichen, Ober durchweg pidftiw Kostüme vertreten. Di« emsige Veranstaltung, auf der ich auch zahlreiche männliche Masken vorfand. Ein farbenfreudiges Durcheinander. Di« oberen Räum« wiesen noch die wundervoll« Busch-Deko­ration der „Samstagia" auf und auch bie untere» Räume waren, wenn auch einfach, so doch wett dekoriert. Unten wie oben wurde je eine Kapelle den Tanzbedürfnissen vollkommen gerecht. Unter ihren Weisen wie: „Ich hab kein Auto . . .", „Es war einmal ein treuer Husar", die jetzt noch meinen etwas eingenommenen Kopf durchschwirren, glitten di« Paar« über bie Tanzflachen. Man tanzt«, tanzte, bis schließlich die Polizeistunde dem luftigen Faschingstreiben ein Ende machte.

Der Karneval war aus und damit auch meta Bummel zu Ende.

Nun ist Aschermittwoch. Grau in gras Himmel und Herz. Muß alles Schöne ein solches Ende nehmen? — Du kennst das Märchen von dem Vogel, der sich aus feiner eigenen Asche immer wieder erneuerte. So geht es uns und unserer Le­benssehnsucht. Wenn alles zu Asche geworben ist, kommt doch wieder der Tag, daß wir uns aus der Asche erheben. Wir können nie auslernen. Wir bleiben ewig Lebensschüler. Fastnacht und Ascher­mittwoch gehören zusammen. Und nach Aschermitt­woch wird wieder Fastnacht sein.

geben. (Am Nachmittag war für die Kinder, bei ausverkauftem Hause „Tischlein deck dich" gespielt worden.) Das Theater war ausverkauft. Köstliche Stimmung herrschte, zu deren Erzeugung auch das flotte Spiel nicht unwesentlich beitrug.

Dann folgte ein Bummel durch verschiedene

Wirtschaften und 6afés

wo überall Hochbetrieb herrschte. Kein Stufst war mehr zu haben und jedes freie Plätzchen wurde ausgenützt zum Tanzen, soweit man dieses Wort überhaupt anwenden kann. Ueberall war auf diese und jene Weise in allen Nuancen Faschingsrummel durch Papierdekoration und Musik, teils ländlich, teils jazzbandrfch aufgemacht, und bei Dier und Wein kam jeher Besucher sehr ball» auf feine Kosten. Papierschlangen und Konfetti gab's in Massen, so daß die Fußböden schließlich nur noch aus einer einzigen Papierschicht bestanden.

Mein Bummel führte mich dann in bie

Stadlhalle.

wo die Alten Carnevalisten ihren Bürger- maskenball abhielten. Hier herrschte zwar nicht die Stimmung und die Fülle der Rosenmontags- redout« und erst recht nicht des Dösen-Duben- Balls, es war weniger lärmend als sonst, aber es war doch sehr schön. Dor allem ließ es sich bequem tanzen und die Kapellen sorgten dann auch dafür, daß am Abschluß des Faschings die Tanzbeine sich noch einmal tüchtig bewegen konnten. Die hübsche Dekoration der Stadthalle mit den bunten Bildern und den Ampeln, die dem ganzen Raum so viel heitere Stimmung gab, hob sich vorteilhaft hervor. Das ganze kein rauschendes Fest, aber eine recht amüsante Angelegenheit.

3n der Turnhalle

hielt ^ traditionsgemäß die Turngemeinde ihren Maskenball ab. Auch hier kein Rekordbesuch aber doch ein hübsch gefüllter Saal und wie bunt und bewegt das ganze Bild. Man hatte der nüchternen Halle *ein so farbenfrohes und schillerndes Kleid angelegt und unter diesem Geflitter und Geflim­mer ließ sich gut tanzen. Man sah zum Teck recht hübsche Masken. Neben den Papierschlangen und Söhnchen thronte eine blitzende Kugel. Symbol des arnevals. Die Stimmung war ausgezeichnet.

Dann ging es nach der

Lenkralhall«

>wo die Neuen Earnevalisten bei der bekannten Dekoration „Himmel und Hölle" bei verhältnis­mäßig gutem Besuch chren Fastnachts-Maskenball abhielten. Hier fiel mir besonders ein freundlicher alter Türkenherr, mit drei bunten Luftballons auf. Wissen Sie, was die Ballons an den alten Herrn fesselte? Eine ganz gewöhnliche Papierschlange. Es soll ja auch zwischen Menschen vorkommen, daß sie nur durch ganz gewöhnliche Luftschlangen an­einander gebunden sind. Doch das nur nebenbei. Drei Kapellen spielten hier unermüdlich, wobei das herzzerweichende Lied vom Gigolo, Hufarenritt- nieister a. 2. eine große Rolle spielte. Im großen wie im kleinen Saale wurde gelangt, bis zwar ülcht die Welt, aber Schuh und Strümpfe „in Fran­sen" gingen.

3m Hotel Adler

veranstaltet« der Gesangverein „Weinfer" unter der Devise „Heut ist Heut" seine Fastnachts-Re- doute, wozu er die Filmpalast-Dekoratlon des Hakeyklubs benutzte. Hier ließ man sich unter Pal­men von zwei Musikkapellen im Tanz wiegen und wollte man einmal verpusten, dann setzte man sich — man konnte auch Stühle benutzen — auf die zu den Hotelzimmern hinauiWihren'de Treppe, und schaute von hier aus dem bunten Treiben am sektstand zu, der nie leer wurde. Die Veranstal­tung war gut besucht. Es war voll. Zwar nicht so unangenehm voll, daß man sich beim Tanz kaum bewegen konnte, aber immerhin derart, daß man von einer Fülle sprechen kann. Man sah schöne, lasche und niedliche Masken und man amüsierte

* Daten für 6. März 1930. 1475: der italienische Maler und Bildhauer Michelangelo Buonarotti in Caprese geb; 1787: der Physiker Joseph o. Frauen-- hofer in Straubing gAu; 1831: Der Philanthrop Friedrich o. Bodelschwingh in Haus Mark in West­falen geb.; 1867: bet Maler Peter von Cornelius in Berlin gest

* Ihren 80. Geburtstag begeht morgen * voller körperlicher und geistiger Frische, Fra» Mari« Schien geb .Rödiger, Langstraße 86.

* Das Fest der silbernen Hochzeit feiern beuta Friedhofsarbeiter Adam Li n k und Frau Mar­garete geb. Herrman, Leimsnstrahe IL

* Pädagogische Akademie Kassel. Die Pâdag»- gische Akademie in Kassel wird Anfang Mai e» öffnet. Sie bildet Abiturienten und Abiturientinnen der höheren «schule in zwei Jahren zu Volksschule lehrern. Studiengebühren werden nicht erhoben. Freistellen stehen zur Verfügung. AnmeLungen werden noch bis zum 10. März angenommen und sind zu richten an das Büro der Pädagogische» Akademie in Kassel-Bettenhausen, Deutsche Werk«,

* Dr. Horch-Dorkrag. Wie aus dem heutigen In­serat ersichtlich ist, hält heute abend 8 Uhr der be­kannte Jugeiwfuhrer Dr. Horch einen Vortrag im Ev. Vereinshaus über «Singende, sinkende, siegend« Jugend". Nachmtttags 3 Uhr heißt er die Jung­scharen von 10—14 Jahren zu einer fröhlichen Stunde kommen. — Dr. Horch kennt die Jugendtz Alt und Jung folgte gerne seiner zielsicheren, weisen und freudigen Führung. — Es lohnt ftc^ einmül einen solchen Führer zu hören.

* Im Mieter-Verein Hanau herrscht Hoch- betrieb. Seine Sprechstunden im Vereins lokal „Gasthaus zum Nahetal", Platz der Republik werden infolge der Umlage der Grundvermögens­steuer-Zuschläge derart stark in Anspruch genom­men, daß der Verein sich veranlaßt sieht, in dieser Woche täglich außer Samstag Sprechstunde» abzuhallen. (Siehe heutiges Inserat).

• Preußische Klassenlotterie. Am 20. Ziehung« tage wurden unter anderen folgende Nummer» gezogen (ohne Gewähr): 7278, 70 977, 79 623^ 79 629, 90 361 105 894, 105 874, 106 780, 155 74^ 169 566, 207 019, 207 055, 268 669, 268 682, 317 68^ 333 427, 360 775. — Am 2L Ziehungstage wurde» unter anderen folgende Nummern gezogen (oljne Gewähr): 7249, 7251, 7262, 36190, 89 127, 89 133, 92 424, 105 826, 105 851, 135 725, 143 008, 164 53^ 169 555, 188 240, 207 044, 287 545.

„tM6 $^"

Roman von 3. Schneider-Foerstt

Orheber-Recbtsecbuta durch Verlaß Oskar Meister, Werdau (Sa.).

28. Fortsetzung. (Nachdruck verboten.)

Der Spaziergang war ihr gründlich verleidet. Sie machte kehrt und ging nach dem Hotel zurück.

Spät nach zehn Uhr kam Bernd und brachte Lachen und sprühende Laune mit. Der Tag wäre herrlich gewesen, die Fahrt unvergleichlich schön. „Wie schade, daß du nicht mit dabei fein konntest, Mama," bedauerte er, während sie mit Freude konstatierte, wie prächtig er sich in den zehn Tagen erholt hatte ...

Sie schob ihm einen Teller Keks zu und nickte ermunternd: „Ich habe sie extra für dich herauf­holen lassen, mein Bub. Oder willst du noch nach­serviert haben?" _, .

Er lehnte mit allen Zeichen des Schreckens ab: „Ich bin vollgestopft bis an den Rand. Was manche Leute essen können, geht an das Unglaubliche. Es war die reinste Mastkur heute. — Von Vater ist wohl nichts eingetroffen?"

„Nein, mein Junge. Aber ich habe ihm einen Brief geschrieben."

„Vergiß nicht, die Photos beizulegen, Mama, und ihn zu bitten, daß er mich zu Schulbeginn abholt."

„I chhabe alles besorgt. Bist du sehr müde?

Er streckte die Arine und unterdrückte ein Gäh­nen. „Die Luft hier macht mich zuweilen völlig schlapp. Erlaubst du, daß ich zu Bett gehe? Ich bleibe aber auch gerne wach, wenn ich dir Gesell­schaft leisten soll." . m

Sie wehrte freundlich und ließ sich auf Mund und Wange küssen. Gleich darauf hörte sie ihn drüben in seinem Schlafzimmer eines der Fenster schließen. Nun war es eigentlich Zeit sich ebenfalls zurückzuzichen. Der Vater ließ über Gebühr auf sich warten. , .

Erst eine halbe Stunde später hörte sie seinen Schritt nebenan. Ein Spalt in der hohen Flügeltür ließ einen schmalen Licktüreifen über die Decke des Zimmers Hinspielen. Wie ein leuchtender Pfeil bohrte er sich in die gegenüberliegende Ecke. Nun tyarrle eine Schranktüre. Ein Gegenstand fiel. Sie

lächelte im Halbschlaf. Er mutzte sehr müde sein, da er sonst auf peinlichste Stille hielt.

Als sie nach unruhigem Schlaf gegen zwei Uhr morgens erwachte, rann noch immer der helle Schein als dünnflüssiger Goldstrcifen über das Weiße des Plafonds. Hatte er vergessen das Licht zu löschen? Oder war er am Ende krank?

Sie richtete sich auf und horchte hinüber. Als es ganz stille blieb, warf sie ihren Schlafrock über, und drückte geräuschlos die Klinke herab. Sie fichlte, wie ihr Herzschlag stockte. In dem großen Klub­sessel, an dem weitosfenen Fenster saß Lötzen und richtete seine dunkelgeröteten Augen auf sie.

Mit ein paar Schritten war sie bei ihm. „Bist du krank, Papa?"

Er hob die Hand und »nachte eine müde Be­wegung. „Der heutige Tag war etwas aufregenb. Viel Gäste auf der Jacht — immer in Anspruch genommen. Ich bin nicht mehr dreißig, Bmshilde."

Sie lauschte mit doppeltem Gehör. Das war doch sonst nicht feine Art, die Sätze so stoßweise abgehackt hervorzubringen. „Soll ich dir irgend ein Pulver holen, Papa, ich habe welche drüben liegen. Wenn du ein paar Stunden geschlâsen hast, wird alles wieder gut sein."

Er wandte das Gesicht von ihr ab und lehnte den Kopf zurück. „Hast du an deinen Mann ge­schrieben?"

„Ja! Ich habe mich entschlossen den Brief mit der Flugpost weggehen zu lassen. So geht es rascher. In spätestens zwei Tagen kann er ihn haben."

„Ich — weißt du, Hilde — ich bin zu der Ueber­zeugung gekommen, daß es vielleicht doch besser wäre, wenn du nach Hause fährst und die Sache persönlich in Ordnung bringst. Briefe sind oft nichts­sagend und erfüllen oft selten ihren Zweck."

' „Der meine macht eine Ausnahme," _ be- schied sie lachend. „Oder hast du spezielle Gründe, Die es dir nötig erscheinen lassen, daß ich zurück- kehrc?" Sie sah den forschenden Blick, mit dem er sie streifte. Ein Frösteln lief ihr plötzlich über den Rücken und machte sie zusammenschauern. „Ist irgend etwas vorgefallen, Papa?" Sie »nutzte die Hande ineinanderkrampfen, um ihre Ruhe zu be­wahren.

Er vermied es, sie anzusehen. „Hast du irgend­welche Nachrichten von Hans Peter bekommen, seit du hier bist?" >

„Kernel" „ „ -

„Auch Bernd nicht?"

«Soviel ich weiß, nein! Er hätte mir sicher da­von gesagt." Ihre Zähne schlugen nun ungewollt airfeinander. Sie musste näher an den Tisch treten, um eine Stütze zu finden.

Der General rückte in fernem Stuhl«, der ihm so unerträglich,enge wurde. Brunhilde — ich — du weißt, als Soldat ist es mir nicht gegeben, Umwege zu machen. Immer gerade los, wo der Feind sieht, heißt meine Parole. Ich hoffe, daß du wenigstens darin etwas von mir geerbt hast, Tatsachen, bie sich nicht mehr ändern lassen, gefaßt ins Auge zu sehen."

„Papa!"

„So geht das nicht, Kind!" Er war aufgestanden und hatte die Schwankende mit behutsamen Armen in seinen Stuhl gedrückt. „Wenn du dich so schwach zeigst, machst du es mir unmöglich meine Mission zu Ende zu führen. — Dann —"

„Papa, warum quälst du mich so unsagbar?"

„Kind — ich wollte es hätten meine siebzig Jahre daran glauben müssen und nicht feine neunund- dreißig."

Ihre Knie zitterten und die großen, blauen Augen „ starrten glanzlos in die seinen. „Hans

„Ja! — Hilde, ich kann brr nicht einmal mit der Wahrheit dienen. Kann nur sagen, was andere wissen und mir berichtet haben: Er soll auf der Jagd verunglückt sein."

Ihr ganzer Körper befand sich in einem der­artigen Aufruhr, daß es ihr nicht einmal möglich war, bie Hand zu heben. Lötzen verstand nicht, was ihr Mund lallte, er ahnt« es nur.

„Die Ansichten sind geteilt," erklärt« er. „Einige ' sprechen von Selbstmord, während bie anderen be­haupten, er wäre im Duell gefallen. Die letztere Ansicht dürfte wohl der Wahrheit am nächsten kommen." 1

„Papa!"

Lötzen sprang herzu und hiev ihren seitwärts i gleitenden Kopf gegen feine Brust gedrückt. „Stark sein, mein Armes! Ganz stark fein jetzt! — Denke : an Bernd!"

„Bernd!" Der schlanke Frauenkörper wurde von Krämpfen geschüttelt Der General eilte nach seinem Bett und hüllte sie in die seidene Decke. „Soll der Junge beide Eltern uerfieren, Kind?"

„Bernd!" Die verzweifelte Frau schri« es heiser । in das Schweigen des Raumes»,

„Du darfft ihn jetzt nicht rufen," mahnte es, „Jetzt nicht! Latz chm die paar Stunden noch, we ihm das Entsetzliche verheimlicht werden kann. Ea muß ertragen werden, Brunhilde."

Sie hatte plötzlich die Decke von sich gtmorfea und brach vor feinen Füßen zusammen. „E, sann ja nicht fein Vater! — Es fan« ja nicht sein! Ver­wundet vielleicht! — Aber nicht tot! — Nein, nicht tot! Auf den Knien will ich zu ihm hinkriechen unb bitten, daß er verzeiht."

„Hilde! — Du machst es mir unmöglich, Mr auch noch das Letzte zu sagen."

„Es gibt ja nichts mehr sonst! — Das soff « denn noch geben?" Ihre Stimme war am ErlSschen.

Lötzen hob sie mit starken Armen empor und trug sie nach seinem Bett: „Wenn du ganz ruhig bleibst, sollst du es wissen. Mutzt du es wissen, Brunhilde!"

Ihr Blick flatterte irr in den feinen. Die Finger in das Tuch seines^ Rockes gekrallt, starrte sie ch» an. Lützen fühlte schweiß auf der Stirne perlen. Aber es mußte fein. Man durfte ihr bie entsetz­liche Wahrheit nicht tropfenweise beibringen. Er saß neben ihr auf dem Bettrand und hielt ihres Körper fest gegen sich gepreßt. ^ch brauch« dir Dem tzens Namen nicht zu nennen. Er ließ es nicht et* mal bei einer Kugel bewenden — er soll den Tote« auch noch beiseite geschafft haben. Die Polizei sah» bet bereits nach ihm."

Lötzen vermochte kein Glied mehr z» rühren. Er hiev eine Ohnmächtig« in den Armen und hob bie eisigkalten Finger der Tochter, um sie mit dem Hauch feines Mundes M wärmen. Nach Minuten erwachte sie und lächelte chn an. «Ich habe so furcht­bar geträumt, Papa." — In jähem Erstarren er­kannte sie, daß es nicht ihr, sondern fein Rimmer war, in dem sie sich befand und wurde in die Wirk­lichkeit surütf gerissen.

„Hast du Beweise?" Die Zunge siebte ihr wie ein vertrocknetes Blatt am Gaumen fest.

„Kind ich würde dir gern von allem sprechen, wenn du gefaßter wärest4

Sie strich sich das Hoar zurück tmb sah H» â „Jetzt! "

Er mutzte Me Augen abmenben, wm wW fefNt 'chwach zu werben. Die Kiffen hinter ihren Rücke» gestopft und chren Leib von dem seinen gestüLt, b* gami er ihr zu berichten:

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