Nr. 50
Freitag den 28. Februar 1930
Sette 3
Stadt Kamm
Gs kirnst wre Svühl!ns
Wahrhaftig, es ist ein anderer Klang in der Ach. Nicht mehr die eisige Kruste um alle Dinge, ta& es klirrt wie verbrechendes Glas. Es kommt Melodie hinein. Sie werden lockerer und weicher. So ein bißchen Poesie umhüllt mit Sonnenfäden such die Worte der Menschen. Die Augen leuchten heller. Es klingt wie Frühling.
Noch ist der Frühling nicht da. Er läßt nur ab ,nd zu einen leisen Triller erklingen. Das hört der Vogel und reckt das Köpfchen, fliegt hoch in die Luft und schlägt den ersten Bogen. Das hört ein weißes Kätzchen und miaut kläglich, aber es soll schön sein. Das wundert wohl auch mancher Mensch, der noch ein offenes Ohr hat. Er wundert sich darüber, daß es mit einem Mal anders in der Welt klingt. Es kommt ihm vor, als wenn alles jreundlicher ausschaute.
Und dabei ist doch alles so ernst. Täglich bewegt uns die Frage: Was sollen wir essen, was sollen wir trinken, womit sollen wir uns kleiden? Mögen viele noch Seit und Geld haben, toller Laune zu huldigen — die meisten können es nicht und wollen es nicht. Sieh in die Gesichter der Menschen, und du schaust in Felder von Runen der Sorge und Ungewißheit. Es geht ein banges Fragen von Mund zu Mund; ein noch bangeres Fragen durch die Menschenherzen. Frau Sorge sitzt am deutschen Tisch und läßt sich von den Mahlzeiten geben, so daß das deutsche Stücklein Brot noch schmäler wird.
Aber es klingt wie Frühling. Das ist für alle bestimmt. Solche Hoffnung können wir alle ge- bwuchen. Der Lenz wird kommen und alle Lebewesen beseligen, auch uns arme geplagte Menschenkinder, die wir jetzt erst so recht einsehen lernen, wie schwer das liebe bißchen Leben ist, beinahe noch schwerer als im Kriege, wo immer ein großer Wille oder ein ungewöhnlicher Opfersinn hinter den Entbehrungen stand. — Der Lenz wird kommen — wann kommt der deutsche Frühling?!
Aus dem L^tadtparlament
EruiMvung des neugewäblien Gtadtbauvais - âom- munksittchev SyvfLoß gegen einen Rundevlatz des vventz. -SttnenminMers - Gßne Ledatte über die dnvth die Ev- ddhnng dee Oennddeemdgenftenev bedingte Evbdbnng dev Mieten
Die AvbettsmavkNase im Bezirk des ÄvbsiLsamtes Kana«
in der Zeit vom 20.—26. Februar 1930
Die Zahl der Hauptunterstützungsempfänger ist in der Berichtswoche, trotz teilweise bemerkenswerter Abgänge, wieder höher geworden. In der Arbeitslosenversicherung sind 70, in der Krisenfür- forge 13 Zugänge zu verzeichnen. In den Bezirken Hanau-Stadt und Hanau-Land sind die absoluten Ziffern gegen die Vorwoche gesunken, und zwar um rund 30 bzw. 50, während in den Kreisen Gelnhausen und Schlüchtern ein Ueberwiegen der Zugänge um rund 50 bzw. 100, den Bestand an , Hauptunterstützten wieher steigerte. Die Zahl der Arbeitsuchenden überhaupt beträgt am Schluß die- |jr Berichswoche 12198.
W 3m einzelnen ist zu berichten: In der Industrie und Crbm sink 108 Abgänge durch Wie-
Man braucht nicht besonders hellhörig zu sein, um zu vernehmen, daß in unserer Bevölkerung eine große Entrüstung herrscht über die durch die vom Regierungspräsidenten vorgenommene Zwangsfestsetzung der Grundvermögensteuer bedingte Erhöhung der Mietem Diese Erhöhung beträgt etwa 4 Prozent, und da die Erhöhung der Grundvermögensteuer rückwirkend ab 1. April 1929 festgesetzt worden ist, so müssen auch die 4 Prozent erhöhte Miete rückwirkend bezahlt werden, so daß — wenn auch die Verwaltung die Nachzahlung auf vier Monatsraten verteilt hat — von heute ab vier Monate lang bedeutend erhöhte Mieten zu zahlen sind, was für weite Kreise der Bevölkerung eine schwere Belastung bedeutet. Angesichts dieser Entrüstung und Verbitterung, auch eine solche herrscht, war es zu erwarten, daß diese Angelgenheit in der gestrigen Sitzung der Stadtverordnetnversammlung zur Sprache kommen würde. Und sie kam zur Sprache und löste eine einstündige Debatte aus. Von den Kommunisten war der Anttag gestellt worden, alle Mieter mit einem jährlichen Einkommen unter 4000 RM von diesen Nachzahlungen zu befreien. In der Debatte wurde auch allgemein die schwere Belastung, die die Mietenerhöhung für weite Kreise der Bevölkerung mit sich bringt, anerkannt, eben" so wurde die Entrüstung, die ob dieser Zwangsmaßnahme Platz gegriffen hat, als verständlich bezeichnet, doch andererseits wurde auch darauf hingewiesen, und dies besonders von Herrn Dr. Nußbaum und .Herrn Bürgermeister Dr. Müller, daß es unmöglich fei, dem Antage stattzugeben, d. h. ’h aller beteiligten Mieter von der Nachzahlung einer Steuer zu befreien, die vom Regierungspräsidenten festgesetzt worden ist, mit der Bestimmung, daß mit diesen und anderen ©teuerer trägen der Etat ausgeglichen werden soll. Von beiden Rednern umrde auch betont, daß die Verantwortung für das. was jetzt gekommen ist, die Stadtverordneten zu tragen haben, die seinerzeit den Nachttagsetat ab- gelehnt und erklärt haben: „Wir bewilligen nichtsmag kommen was will". Nun haben wir die Bescherung in Form von Nachzahlungen, die in einer Zeit geleistet werden müssen, wo jeder nur das Notdürftigste zum Leben hat. Nach längerer Debatte wurde der kommunistische Anttag zwar an-
genommen, doch im Magistrat dürfte nach einer
pyudiarbrifern zu verzeichnen. 43 Ziegelarbeiter i mutten untergebracht werden. Das Baugewerbe kâwies sich noch als sehr wenig aufnahmefähig, im Malz- und Schnitzstoffgewerbe wiegen die Zugänge n23) die Abgänge (27) fast wieder auf. In der I Edelmetollindustrie sind Zugänge von Silberarbei- tern und Ziseleuren vorhanden, die nach längerer Kurzarbeit jetzt zur Entlassung kamen.
muß.
D^ -
Hoffentlich wird die Entscheidung recht bald
die Wahrung der demokratffchen Staatsverfassung forderte, jener Verfassung, mit der er, wie er so oft schon erklärt hat, nichts zu tun haben will. Bei einem Zusammenstoß mit den Sozialdemokraten ging ein wahrer Hagel von Schimpfworten auf die Sozialdemokraten nieder, bei dem vor allem der auf den Stadtverordneten Rehbein gemünzte Rus „Verräter an der Arbeiterklasse" eine große Rolle spielte. Als sich dieses Gewitter gelegt hatte, wurde ein Antrag Kargl, zur Tagesordnung überzugehen, abgelehnt. Die Debatte wurde fortgesetzt und aus dem Munde des kommunifttschen Sprechers bekam man zu hören, daß wenn die Kommunisten in Deutschland am Ruder seien, diese auch derartige Erlasse herausgehen würden, wozu sie allerdings berechtigt feien, da sie keine demokratische Partei wären und keine denwkrattsche Derfaffung, sondern die Diktatur des Proletariats einführen würden. Gewiß nichts neues, im Zusammenhang der Debatte immerhin bemerkenswert. Schließlich wurde der kommunistffche Antrag abgelehnt.
3m übrigen wurde in der gestrigen Sitzung der neugewählte Stadtbaurat Dr. Weibe eingeführt und verpflichtet, ferner wurde die Gebrauchs- und Gebührenordnung für die Feuerbestattungsanlage gutgeheißen, ebenso eine Aenderung der Gebührenordnung betr. die Benutzung der Begräbnisanstalt und des Friedhofes und die Festsetzung der Rindviehsteuer auf 12 RM, desgl. der Ziegensteuer auf 4 RM.
srtzttttsSbevkGt
Zu Begin« der gestrigen Stadtverordneten- sitzung führt Herr Oberbürgermeister Dr. Blaum Herrn St-adibauvat Sr. Ing. Karl Weide in fein Amt als Baurat ein. Dann folgen
Mitteilungen
des Magistrats über Rotstandsarbeiien im Monat Januar. Es wurden 32 Erwerbslose mit 557 Tagewerken beschäftigt.
Von Herrn Stadto. Handke wird nunmehr ein Dringlichkeitsantrag betreffend die Niederschlagung" der Grundve nnögensteuer-Nachforde rangen gestellt. Sie Dringlichkeit wird anerkannt und über" den Antrag nach Erledigung der Tagesordnung beraten.
Herr Stadtv. Kreß fragt an, warum die Firma Presser di« durch die Aktienübernahme durch die Stadt m die Lage gekommen sei umzubauen, es
daß Hanauer Jtrbe;
Es wurden unterstützt:
Hauptunterstützungsempfänger in der Arbeitl.-Versicherung in der Krisen-Unterstützung
Insgesamt
am
19. 2. 30 in. w.
6691 782
-746 108
am
26. 2. 30
m.
w.
6756 791
748 112
7437 890 7594 9(3
gefällt, damit zwischen Hausbesitzern und Mietern nicht noch mehr Konflikte als schon vorhanden sind, entstehen.-
Zu einer erregten Debatte, die heftige Zusammenstöße zwischen Kommunisten und Sozialdemokraten mit sich brachte, führte der kommunistische Antrag betr. den Runderlaß des Preuß. Innenministeriums über die Besetzung kommunaler Aemter durch Kom- inunisten. Es war zwar leeres Stroh was hier gedroschen wurde, denn über die Frage, ob jener Runderlaß aufgehoben werden, oder bestehen bleiben soll, haben ganz andere Stellen zu entscheiden als das Hanauer Stadtparlament, immerhin war es interessant, wie der Sprecher der Kommunisten
Anzahl non Ausschüssen den Wünschen der Suite» Rechnung getragen und bei einer Verhältniswahl würde die Linke nicht einmal besser abichnsÄem Die Angelegenheit wird schließlich der Wo^var- chlagskommission nochmals überwiesen.
Die Gebrauchs- und Gebührenordnung für die jeuerbeftattungscmlage
die wir bereits veröffentlicht haben wird angenommen. Ein Antrag des Herrn Stadtv. Rimbach die Beerdigungskosten auf die Stadt zu übernehmen, wird abgelehnt. Mit dieser Vorlage hängt eine tariere Vorlage über die
Aenderung der Gebührenordnung betr. die Benutzung der Degräbnisanstall «nd de, Fried-
Hofes zusammen.
Herr Stadt. Hüther beanstandet, daß die Stadt die Stellung der Beleuchtung bei Begräbnissen in eigene Regie übernehmen will. Sie Preise (2 Leuchter 10 RM und 4 Leuchter 20 RM) seien auch viel zu hoch. Don den Geschäftsleute« seien die Leuchter billiger geliefert worden.
Herr Bürgermeister Dr. Müller erwidert, daß in Hanau das Destattungswesen seit vielen Jahren in kommunalen Händen liege, nur die Lieferung von Särgen und bisher die Beleuchtung habe man Privatleuten überlasten. Sie Uebernahme der Beleuchtung durch die Stâ bedeutet also nur die Nachholung dessen, was man früher versäumt habe. Dagegen ist nicht beabsichtigt die Särge von der Stadt zu stellen. Es soll aber eine Beratungsstelle geschaffen werden, bei der jeder der einen Trauer- wll hat sich sachgemäße Auskunft einholen kann. Diese Stelle soll unangemessenen Forderungen entgegentreten und den Bürgern mH Rat und Tat zur Seite stehen.
Herr Stadtv. Hüther wünscht, daß neben der ©tabt auch die Privatindustrie die Beteuchtuag weiter stellen kann.
Herr Stadto. Dr. Heip führt aus, daß er der Vorlage zustimme, es scheine ihm aber bedenklich, wenn die Stadt die Belieferung von Särgen ins Auge fasse, zu einem solchen Schritt könne er sich nicht entschließen.
Herr Stadtv. Link fordert die Sätze für d« Beleuchtung auf die Hälfte herabzusetzen.
Herr Bürgermeister Sr. Müller erwideri, daß niemand zu der Benutzung der Beleuchtung gezwungen werden könne. An eine städtische Sargbeschaffung fei nicht gedacht. Sie Beratungsstelle wolle nur einige Särge anschaffen, um die "Vorteile der einzelnen Typen demonstrieren zu können. Es wäre zum Beispiel unangemessen, einen schweren Eichensarg zu beschaffen, der nach 2—3 Tagen- verbrannt würde. Das braucht keine Uebervorteilung zu fein, diesen Vorwurf habe er nicht erhoben, aber ein solches Vor- gehen ist unangemessen.
Der Antrag Link wird bei der Abstimmung abgelehnt und tue Vorlage angenommen.
Die Festsetzung der Rindvieh- und Ziegen- ffencr für 1929
wird alsdann besprochen. Von den Konrmunifttn wird beantragt, die Steuer für Ziegen überhaupt fallen zu lassen. Sie Herren Stadtv. Ko r gl und Nicolai treten für eine Beibehaltung des alten Satzes von 4 RM an Stelle des neuen von 7 RM ein. Nach Ablehnung des kommunistischen Anttoges wird die Vorlage für die Rindviehsteuer angenom-
„ ______ beschäftigt würden.
Bürgermeister Dr. Müller verspricht die Ange-
legenheit nachzuprüfen, bemerkte aber, daß es sich nur um die Aufstellung einer abgerissenen Halle handelt. Diese Aufstellung ist einer Bauftrma über-
tragen morden, stent
Set der
Neuwahl der
die auch die Arbeitskräfte dazu
Mitglieder der Steueraurschüfie beim Finanzamt
verlangt Herr Stadto. Handke Verhältniswahl; diesem Antrag schließt sich Dr. Wagner an.
Herr Stadtv. Henrich bittet doch aus den Steuerousschüssen die Politik fern zu halten.
Herr Stadtv. Dr. Help bedauert, daß die bisher reibungslose Arbeit durch diesen Antrag gestört werden solle. Man hätte ja bei einer ganzen
41m de« Stundeviatz des pve«M«ben Onnenmiviftees
Nunmehr wird der Antrag Handke deft. den Runderlaß des Preuß. Innenministers über die Besetzung kommunaler Aemter durch Kommunisten beraten. Der Antrag wird von Herrn Stadtv. Handke begründet. Der Erlaß des Innenministers geht dahin, daß Kommunisten als leitende Kommunalbeamte nicht bestätigt werden dürfen und als Magistratsmitglieber nur bestätigt werden dürfen, wenn sie einen Revers unterschreiben, der ihnen gewisse Verpflichtungen aurerfegt Redner bezeichnet den Erlaß als das End« der Selbstverwaltung.
Der Vorsitzende, Herr LandgerichtsprSfkdent Grimm erklärt, daß er geschwankt habe, den An-
„tM6 $t&t"
Roman von 3. Schneider-Foerstl
Urheber-Rechtsschutz durch Verlact Oskar Meister, Werdau (Sa.).
(Nachdruck verboten.)
21 Fortsetzung.
„Ich finde es lächerlich," ihre Stimme flirrte in Hohn, „wenn ein Mann von neununddreißig Jahren durch solch ein nächtliches Rendezvous derart erschöpft ist." .
Er schlägt mich, schoß es ihr durch den Kops. Abwehrend hielt sie beide Hände gegen ihn aus- gestreckt. Aber ihre Entrüstung und ihr Zorn waren stärker als alles Ucberlegen. „Nun ist es mir auch begreiflich, für wen du deine Kräfte sparst." Sie iah wie eine dunkle Welle Blutes in sein Gesicht schoß und setzte zu einem weiteren Hiebe an. „Und wie es kommt, daß Bernds Erbe vor dem Ruin steht. Ein Junge, der seinen Vater vergöttert und dafür von diesem zum Bettler gemacht wird!"
Sie wich einen Schritt nor ihm zurück, der jetzt langsam auf sie zukam. „Wenn du nicht — wenn du nicht — die Frau eines — eines —" seine Stimme war nur noch ein Lallen.
„Vielleicht hast du die Güte fertigzusprechen?"
Er taumelte wieder gegen die Wand zurück. „Geh, jetzt! Ich kann für nichts mehr bürgen!"
„Wer bürgt dir dann für die zwanzigtausend Schilling?"
Mit einem Ruf des Schreckens sprang sie zur Türe, riß sie auf und lief wie gehetzt den langen Korridor hinab nach der Wendeltreppe, die zu ihren Räumen führte, wo sie keuchend auf dem Teppich liegen blieb.
Anstetten ließ den Browning, den er hcraus- gerisssn hatte, sinken, hörte hinter sich ein Rascheln und gewährte Bernd, der mit Hemd und Hose bekleidet, auf der Schwelle stand. „Vater, was ist ge- gewesen?"
„Nichts, mein Junge!"
„Ich habe von Geld reden hören, Papa", ein abbittendes Flimmern stand in den Knabenaugen.
Anstetten war dankbar für dieses Geständnis. Es war das Harmloseste, wie sich die Eheszene erklären ließ. „Die Mama machte mir den Vorwurf, ich wäre ein Verschwender, vergeude dein Erbe und bringe Anstetten an den Ruin", sagte er und fühlte
es, wie eine Erleichterung, als er Bernds Lächeln gewahrte.
Die junge Brust atmete auf. „®ie unvernünftig von Mama, derartiges zu behaupten. Ich werde also wieder zu Bett gehen, Vater!"
„3a, mein Junge! Hab gute Träume. Kind!
Als Anstetten am anderen Morgen nach dem Speisezimmer kam, meldete Friedrich, die Frau Baronin hätte bereits gefrühstückt und sei im Begriffe wegzusahren.
Ohne "Wort, ohne Gruß, dachte Anstetten erbittert und wandte den Kopf, als hinter seinem Rücken eine Türe ging. Es war Bernd, der kam, dem Vater „Lebewohl" zu sagen.
„Ich wäre so gerne geblieben", sagte er deprimiert und legte dabei das Gesicht gegen Anstettens Wangen.
„Du weißt, daß ich dich gebeten habe, mitzufahren, mein Junge. Sei der Mama ein guter Gesellschafter und laß mich ab und zu wissen, wie es euch geht."
„Und du schreibst auch, Papa?"
„Gewiß, mein Bub!"
Von der Ausfahrt kam ein kurzer befehlender Hupenton Füße knirschten auf dem Kies. Vater und Sohn traten auf den Korridor und sahen Zofen und Chauffeur Koffer und Hutschachteln nach unten schleppen.
Bernd hatte seinen Arm in den des Barons geschoben und zog ihn mit wortloser Bitte zu dem
doppelflügeligen Ausgang.
Brunhilde satz schon im Fond und blickte ungeduldig nach dem Sohne. Als sie den Gatten in dessen Begleitung sah. Er hatte fein Taktgefühl und keine Scham, sonst wirre er es nicht wagen, noch jetzt knapp vor der Wegfahrt und in Gegenwart der Domestiken eine Abschiedsszene ins Werk zu
Lu
setzen.
Nur um den Dienstboien kein Schauspiel zu geben, legte sie flüchtig ihre Hand in die feine, die sich über den Schlag streckte.
„Auf Wiedersehen, Papa!" Bernd küßte den Vater auf Mund und Wangen. „Vielleicht holst du mich zum Schulbeginn?"
Ein abweisendes Läckieln. „Saum, mein Junge!
— Die Reffe wäre zu kostspielig für mich."
Brunhildes Gesicht zeigte beißende Ironie. „Der Papa benötigt das Geld für andere Dinge."
Anftttten' atmete aus, als der Motor ratterte
und die Räder sich in Bewegung setzten. Nur Bernd sah noch einmal zurück, als der Wagen in das Tor bog. Von Brunhilde war nichts zu sehen, als her blaue> flatternde Schleier, den sie über die Autohaub« gebunden hatte.
Der Freiherr warf den Kopf zurück und hielt die Hände leicht geballt an fernem Beinkleid herabhängen. Jetzt also war der Weg frei. Endlich!
Er hatte die letzten Tage, zumal die verfloßen«
Nacht, wie ein Riese mit sich selbst gekämpft, bis zur letzten Minute die Selbstbeherrschung bewahren. — Nun formte die Maske fallen. '
Morgen abend würde alles entschieden jein!
*
um zu
Frühmorgen im August!
Von den Hochwaldtannen herab rann das erwachende Licht des Tages und ließ die Bäume und Sträucher groteske Formen antnehmen. Der Teu- felsklee stand eng an den bemoosten Stein geku- schest und hielt "die zitternden Tautropfen fest, welche in feinen Blättern schimmerten.
West vorne übergeneigt, noch halb im Traum, lehnten die Farne gegeneinander und wiegten sich im leichten Wind, der zwischen den Stämmen strich.
Don unten herauf kam ein fester Schritt! Ein totein kollerte! — Aengftlich duckte die Bachstelze, welche am Quell gebadet hatte, das Köpfchen in das schwankende Blattwerk der Himbeersträucher.
Anstetten ging, das Gesicht nach den Wipfeln gehoben, den schmalen Weg entlang, der Lichtung entgegen, die seitwärts wie eine Oase eingebettet lag.
Ein Bock setzte erschrocken die Ziehbahn hinunter. Zwei Gemsen hinterdrein. Aergerlich hob die Grasmücke, die ihr Rest dicht im Gebüsch am Weg« hatte, den Schopf und duckte sich rasch, als ein Arm sie streifte.
Dämmer lag nebelhaft verschwommen über der Lichtung. Die Gräser tranken gierig und netzten Anstetten die Füße.
Er zog die Uhr: „Noch sieben Minuten!" Er ivar lächerlich früh gefommen. Sein Gesicht war grau mit blauen Schatten unter den Augen, er hatte keine Stunde tonlos gefunden und fühlte sich müde und abgespannt.
Ob Hans Sßcter, wenn er das alles vorausge» sehen, hätte, ihn gebeten haben würde, die Mission auf sich zu nehmen? Kaum! Und zudem — er war ja nicht schuldlos. Ihm brannte das Blut, wenn er
an die Frau dachte, derentwegen das Heuke fern mußte.
Ein Krochen im Geäst ließ ihn nach rückwärts blicken.
Oertzen kam aus einem Seitenwege und zog den Hut. Sein „Guten Morgen!" kam gepreßt und die die Hand, welche er gehoben hatre, sank von selbst wieder herab. „Ich bin bereit, Baron, Ihnen Genugtuung zu geben — Pistolen? — Wie Sie gewünscht haben. Und ohne jeden Zeugen!"
Anstetten neigte den Kopf, und holte sein Zi- garettenefui heraus. „Vielleicht haben Sie die Güt«, Graf, die Schritt« abzuzählen." E, klang talt und der Blick, mit melcfieia er den anderen dabei ansah, war frostig lähmend.
Knapp vor den Brombeersträuchern blieb Oertze« stehen. „Soll die Siftons weiter fein, Baron?"
„Es genügt." Anstetten warf di« halbgcraucht« Zigarrette ins Gras und fetzte den Fuß darauf. Langsam griffen feine Hândc in die Talchen.
_ Oertzen hatte es gesehen und nieste zustimmend. „Sie haben den ersten schuß, Boron!"
Anstetten sah die flatternden Bänder der kleinen Birke und etwas seitwärts davon Oertzens vornehme Reitergcstalt. Sein Blut jagte. Sann ein Erstarren. An besten rechter Seite tauchte jetzt Akobs schlanker Körper aus dem Rebel.
Er ließ die Pin ole langsam sinken und schöpfte 'Kem. Uebertegenber als das erstemal, hob er die Reckst« — zielte — und sah, als die Kugel aus dem Lauf gehetzt war, den Grafen unversehrt auf der anderen Seite stehen.
Er verspürte, wie feine Hand nachzitterte und wandte keinen Blick von den Fingern, die sich jetzt aufwärts schoben und die Waffe nach feinern Herzen richteten.
_ Den Oberkörper etwas schief nach der rechten Seite gebogen, wartete er.
Ein Knall!
Versprühen von Feuer und Danipf!
Lautlos fiel Anstetten hintenüber in das tauige Gras, das den Waldrand säumte.
Oertzen stand mit eingerammten Beinen an fei» nein Platz und ließ den Revolver aus den Fingern gwiten. Sein Körper befand sich in vollkommener Erstarrung. Jede Muskel streikte. Erst nach Minuten feilte er mit ein paar Sprüngen zu Anstetten hinüber.
(Fortsetzung folgte