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22. Kedenav
1930
DsS Ms«Mr
— Durch den Beschluß des Reichskabinetts, die Liquidaliousabkommen zusammen mit dem Poung- plan zu verabschieden, sind die Schwierigkeiten in dieser Frage noch keineswegs beseitigt. Auch in fi- nanzieller Hinsicht sind die Schwierigkeiten in der Koalition keineswegs behoben.
— 3m Vereinigten Ausschuß zur Beratung der Founggesetze wurde gestern der Gesetzentwurf zur Aenderung des Reichsbahngesetzes angenommen.
— 3 m preußischen Landtag wurden die beiden Mißtrauensanträge gegen Ministerpräsident Braun mit 217 gegen 198 Stimmen abgelehnt.
— Der Skrafrechtsausfchuß des Reichstages brachte gestern dieerste Lesung des Entwurfes eines allgemeinen deutschen Strafgesetzbuches zu Ende.
— Der 45 Millionenkredit der Stadt Berlin ist von der zuständigen Aufsichtsbehörde genehmigt worden.
— Das Kabinett Chaulemps ist gebildet. Die Minister gehören mit Ausnahme Briands alle der radikalen und radikalfozialistischen Partei an.
— Der Verfassungsausschuß des österreichischen Rakonalrales hak das Haager Abkommen samt den Uebereinkommen mit Belgien und Polen sowie den Schiedsgerichtsvertrag mit Italien genehmigt.
GOMsvs Besuch in Devlin
Berlin, 21. Febr. Der österreichische Bundes- kanzier Dr. Schober, desienBesuch vor mehreren Wochen angekündigt wurde, trifft am Samstag 9 Uhr vormittags in Berlin ein. Dr. Schober wird neust tirn Vormittag dem Reichspräsidenten von ^Hindenburg und dem Reichskanzler seine Besuche im Anicblnk mittaasMast dèS Reichsvrän-
WKm Reichsaüßenmlnlster Dr. Turnus uns Denn ^österreichischen Gesanden Dr. Frank vorgesehen. " Auch ein Ausflug nach Potsdam und eine Galaoper Unter den Linden steht auf dein Programm des dreitägigen Aufenthaltes in Berlin.
I - Daß es sich nicht nur um einen Hoflichkeitsakt »handelt, ergibt sich daraus, daß Bundeskanzler 'Schober auch vom Sektionschef Dr. Schüller begleitet wird, der für Oesterreich die wirtschaftspolitischen Verhandlungen mit dem Reiche führt.
Die Berliner Blätter enthalten Begrüßungsartikel, aus denen hervorgeht, daß die Reichshauptstadt den um Deutfch-Oestereich so chochverinenten Staatsmann mit dem Gefühl wärmster Zuneigung empfange und diese Zuneigung gelte in gleicher Weise den deutschen Brüdern in Oesterreich wie der Leistung und der Persönlichkeit des Bundeskanzlers selbst. Die „D. A. Z." schreibt: „Die Festtage in Berlin werden dem Bundeskanzler beweisen, daß die Gefühle treuer Blutsbruderschaft hier mit voller Wärme erwidert werden. Wir hoffen aber nor allem, daß auch die politischen Besprechungen zu denen der Staatsbesuch Gelegenheit geben wird, einen sichtbaren Ausdruck dieser Freundschaft , in einem positiven Ergebnis finden werden. Die wichtigste Frage, die zu erörtern sein wird, ist der Handelsvertrag, der schon viel zu lange verschleppt worden ist. Es ist unmöglich, einen Handelsvertrag zwischen dem Deutschen Reiche und Deutschösterreich unter dem Gesichtspunkt des wirtschaftlichen Interesses einzelner Gewerbezweige zu betrachten, und wir geben mit aller Bestimmtheit der Erwartung Ausdruck, daß die Zusammenkunft des führenden österreichischen Staatsmannes mit den Leitern der Politik des Reichs den Erfolg zeitigen wird, die Frage des Handelsvertrages mindestens grundsätzlich zu bereinigen, und dadurch für die notwendige Festigung der brüderlichen Beziehungen , zwischen Berlin und Wien weitere Vorarbeit zu leisten.
Amuefike fite GWLwsl
Rom, 21. Febr. Mn s s o l i n i begnadiakc sämk- lM)e neun aus politischen Gründen gemaßregelten Südtiroler, nämlich den Arzt Dr. Kisner, oor nach der 3nfel Ponza verschickt worden war und dort mit seiner Gattin weilte, sowie acht weitere unter volikisckzer Voliminnstich, stehende Versonen.
Nach diesem Straferlaß bleibt nach einer ossi- ziosen Versicherung kein deutschfvrechender Südtibo- wr mehr aus politischen Gründen polizeilichen Maßnahmen unterworfen. Diefe Geste Mussolinis bat offenbar politische Bedeutung und sott nach dem Besuch Dr. Schobers in Rom bas Verhöttnis mit wfferteid) und Deutschland verbessern helfen.
MAVarrsttsattivag sssen den vVsntz. SNnenmZnMeV
Berlin, 21. Febr. Die kammunistische Fraktion des preußischen Landtags hat gegen den preußischen Minister des Innern einen Miß- lrauensantrag eingebracht, der mit der Auflösung ^3 Roten Frontkämpserbundes, dem De- wonstrationsverbot und der Nichtbestätigung von Kommunisten in kommunalen Aemtern begründet wird.
Jusvitzuns der innerp-lttttchen Lase
KMchmv des KhIomWerrs mH Nslen ? - Schwierige WssLaSimsts der KrmmRsMichM Nvodleme
Berlin, 21. Febr. Durch Beschluß des Reichskabinettes, die Verbindung zwischen dem Zoungplan und dem deutsch-polnischen Liquidationsabkommen festzulegen, ist die politische Lage nicht gerade erleichtert worden. Volkspartei und Zentrum haben sich beeilt, in offiziösen Erklärungen von dem Regierungs-Eommunique abzurücken und ausdrücklich zu betonen, daß in ihren Fraktionen die Entscheidung über Zustimmung oder Ablehnung zum Polenabkommen noch nicht gefallen ist. Das wird vermutlich auch erst in der kommenden Woche geschehen, und man wird gespannt sein dürfen, wie die Entscheidung ausfällt.
Namentlich aus Zentrumskreisen hört man immer wieder, daß im Gegensatz zu dem Wunsche des Kabinetts und des Ministers des Auswärtigen bei dem polnischen Abkommen ein Aufschub nötig sei, ohne daß allerdings gesagt würde, welchem Zweck eine solche Maßnahme dienen sollte. Auch in der Deutschen Volkspartei gibt es Widersacher des Vertrages mit Polen, obwohl sich Herr Curtius seit Wochen aufs stärkste bemüht hat, die Notwendigkeit des Vertragsabschlusses seinen näheren Freunden klar zu machen.
Die Vereinigten Ausschüsse des Reichstages haben heute nachmittag in vertraulicher Sitzung die Beratung des Polenabkommens begonnen. Die Wirtschaftspartei hat dabei, wie man hört, einen formellen Antrag eingebracht, der die Ab- trennung des Polenabkommens von den übrigen
machen. Herr Ulitzka vom Zentrum, der heute im Ausschuß sprach, scheint zwar persönlich aus seinen Bedenken gegen das Abkommen kein Hehl gemacht, aber noch keine definitive Erklärung über die Haltung seiner Fraktion abgegeben zu haben. Morgen wird übrigens der deutsche Gesandte in Warschau, Rauscher, der gestern hier eingetroffen ist, im Ausschuß zu dem Vertrag sprechen.
Heute abend fand eine Besprechung des Reichsaußenministers Dr. Curtius mit den Fraktionsführern statt. Im Mittelpunkt dieser Besprechung stand die Behandlung des Abkommens mit Polen. Das Ergebnis der Besprechung war, daß man morgen die Abstimmu.ng über den Antrag der Wirtschaftspartei aussetzen wird. Die Verhandlungen werden sich also noch in die nächste Woche hinziehen, und die Regierung hofft
Die MißivauenSanivSse im Landtag
BLide Anträge mit 212 gegen 198 Stimmen adselebn
Berlin, In der heutigen Sitzung de« Preußischen Landtags wurden die gegen den Ministerpräsidenten gerichteten Mißtrauensanträge, die von der Wirtschaftspartei und den Deutschnationalen aus Anlaß der Ernennung des Kultusministers Dr. Grimme und auf Grund der Zustimmung der Staatsregierung im Reichsrat zum Polenabkommen cinge- bracht waren, abgelehnt.
Beide Anträge, die getrennt zur Abstimmung gestellt wurden, hatten das gleiche Ergebnis. Mit 217 Stimmen der Regierungsparteien gegen 198 Stimmen der Opposition verfielen sie der Ablehnung. Die Deutsche B o l k s p a r t e i hatte ihre Stellungnahme zu dem deu^ hnationalen Mißtrauensantrag zunächst offen gelassen. Ihre heutige Zustimmung auch zu diesem Antrag wird parteiamtlich u. a. mit folgenden Sätzen erläutert.
Die Landtagsfraktion der Deutschen Volkspartei will durch ihre Stellungnahme nicht der Entscheidung der volksparteilichen Reichstagsfraktion vor- greifen. Für diese Entscheidung ist nur die Reichstagsfraktion zuständig. Es find preußische Interessen gewesen, die die Stellung, nähme der Deutschen Volkspartci bedingten.
Diese Erklärung besagt, daß es die volksparteiliche Landtagsfraktion, selbst auf die Gefahr, sich zu der Reichstagsfraktion in Widerspruch zu setzen, für notwendig erachtet, ihre Opposirionsstellung im Landtag schärfer, als es ihr in den letzten Monaten geboten schien, zu unterstreichen. Im übrigen muß aber doch gesagt werden, taff es sich bei dem Polenabkommen um eine Frage der Außenpolitik handelt, über die der Reichstag, nicht aber ein Landesparlament zu entscheiden hat.
offenbar, die widerstrebenden Kräfte doch noch von der Richtigkeit ihrer Auffassung zu überzeugen, daß nämlich sowohl die Rücksicht auf das gesamte Haager Abkommen wie die besonderen Zwecke des polnischen Abkommens eine schleunige Ratifizierung gebieten.
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Ebenso schwierig gestalten sich die finanzpolitischen Probleme. In dem Augenblick, wo der Reichsfinanzminister sich daran macht, feine Pläne auszuarbeiten, gibt die Sozial d e m o - kratie eine Erklärung ab, worin sie betont, daß sie nicht weniger, aber auch nicht mehr Interesse an dem Poungplan besitze. Sie lehnt mit großer Entschiedenheit den Gedanken ab, irgend- planes zu machen. Das heißt also, daß die Sozialdemokratie sich in eine Ausnahmestellung zurückziehen will und nur einem Finanzprogramm zustimmen wird, das genau ihren Wünschen entspricht. Damit sind — falls dies wirklich das letzte Wort fein sollte — eigentlich alleHoffnungen auf eine Verständigung innerhalb der Regierungsparteien über das Finanzprogramm erschöpft, denn diese Haltung muß sich auch im Kabinett auswirken. Wir gehen also, wenn Dr. Moldenhauer in der kommenden Woche den übrigen Ministern sein neues Programm überreicht, in eine Zeit stärkster Spannungen hinein, wobei dann sehr leicht die Explosion die letzte Lösung sein kann, zumal das Zentrum noch immer auf der vorherigen Lösung der Finanzproblems vor der Endabstimmung über den Aoungplan beharrt.
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Berlin, 21. Febr. Der Landtag setzte nach der Abstimmung über die Mißtrauensvoten die Aussprache zum Landwirtschaftshaushalt fort, die aber bald auf Samstag 10 Uhr vertagt wurde. Ferner erledigte das Haus noch die Abstimmung über den Haushalt des Finanzministeriums. Der --at wird unverändert bewilligt. Annahme findet eine Anzahl von Anträgen des Hauptaus- schufses. Danach soll eine Rachweisung vorgelegt weisen über die Vermehrung der Zahl der Angestellten bei den einzelnen Verwaltungen. Das Berufsbeamtentum soll im bisherigen Umfange erhalten bleiben. In den Stellen für nichtbeamtete Kräfte sollen möglichst Versorgungsanwärrer beschäftigt werden. Ferner wurden verlangt Ersparnisse bei den Oberpräsidien und Regierungen, Verbesserungen des Beamten- Dienstverfahrens und Vorlegung eines Beamten- Unfallfürsovgegefstzes. Der Antrag der Wircfchafts- partei auf Streichung sämtlicher Unterstützungs- fonds für Beamte um 50 Prozent und auf zehn- prozeniige Kürzung der Notstandsbeihiifen für Beamte usw. wurde abgelehnt.
Nie Woche
Ursprünglich war geplant den Reichstag noch in dieser Woche wieder zur Vollsitzung zusammentreten zu lassen. Diese Absicht konnte jedoch nicht verwirklicht werden, da die Beratungen der Haager Vereinbarungen in dem vereinigten Auswärtigen- und Haushaltsausschuß des Reichstages länger dauern, als man zunächst angenommen hatte. Die ganze Woche über haben diese Beratungen ftatt- gefunden ohne daß sie wesentlich Neues gebracht hätten. Allerdings ist nach den ersten Verhandlungen die Oeffentlichkeit ausgeschlossen worden, so daß man Einzelheiten über die Beratungen nicht kennnt, doch in parlamentarischen Kreisen wird versichert, daß auch im Ausschuß die Mehrheit sich darüber einig sei, daß die Haager Vereinbarungen angenommen werden müssen. Lediglich das Liqquidations- abkommen mit Polen ist auch im Lager der Regierungsparteien auf starken Widerstand gestoßen, der auch heute noch nicht überwunden ist. Das Kabinett hat am Donnerstag beschlossen, an der gleichzeitigen Verabschiedung des gesamten Haager Vertragswertes festzuhalten;
es hofft, daß das Polen-2
j es noch gelingen werde, die gegen Abkommen geltend gemachten Be
denken zu zerstreuen und schließlich doch eine, wenn auch kleine Mehrheit für das Abkommen zu erreichen.
Parallel mit diesen Ausschußberatungen liefen in dieser Woche die Verhandlungen der Finanzsachverständgen der Regierungsparteien mit dem Reichsfinanzminister über den Haushaltplan 1930. Die Verhandlungen find am Aonnsrslag abgeschlossen worden man könnte onnebmen, daß nunâMMWW«W»WWWW
Babonseitt des neuen Hâus
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Halts bestände. Doch dem ist nicht so. Die alten Meinungsverschiedenheiten über die Deckung des Fehlbetrages bestehen unverändert fort. Auch nicht anders zu erwarten. Wir haben erst kürzlich darauf hingewiesen, daß es Aufgabe der Regierung sei, die Führerrolle zu übernehmen, d. h. ein Deckungsprogramm auszuarbeiten und dann erst die Parteien zu hören. Die Regierung ist umgekehrt ans Werk gegangen und Hat dabei die Enttäuschung erleben müssen, daß es unmöglich ist, die Parteien unter einen Hut zu bekommen. Freilich stellt man jetzt die Dinge so hin, als ob die ganzen Finanzverhandlungen nur informatorischer Natur gewesen feien. Gut, aber dann haben die Informationen kostbare Zeit gefordert. Der Neichsfinanzminister wird nun* mehr ein Deckungsprogramm ausarbeiten und dies dem Kabinett vorlegen und zwar soll dies bereits am Montag oder Dienstag geschehen. Nach dem was bis jetzt über das zu erwartende Deckungsprogramm in die Oeffentlichkeit gedrungen ist, geurteilt, wird es bereits im Kabinett einen Kampf geben. Wir können uns heute noch nicht vorstellen, wie es Dr. Moldenhauer gelingen soll, die Mehrheit der KabinettsmilgNeder für sich zu gewinnen, denn über die geplante Bier- und Umsatzsteuererhöhungen. wie über die Sanierung dec Arbeitslosenversicherung bestehen auch innerhalb des Kabinetts scharfe Meinungsverschiedenheiten, die noch dadurch versteift werden, daß gestern die Sozialdemokratie es abgelehnt hat „für die Zustimmung zum Boungplan irgendwelche finanziellen^ Zugeständnisse zu machen." Warten wir also ab, was der Mol» denhauersche Deckungsplan und dessen Behandlung im Kabinett bringen wird.
Während sich im Reichstag die Finanzsachverständigen der Regierungsparteien über die Deckung des Fehlbettages im Reichshaushalt stritten, ohne Mittel und Wege zu finden, wie wir aus dem Dilemma herauskommen, wurde von mehr als 200 führenden Persönlichkeiten der Wirtschaft und Wissenschaft zu der wirtschafts- und finanzpolitischen Lage Deutschlands eine Erklärung veröffentlicht, in der es als unerläßlich bezeichnet wird, die Finanz- und Wirtschaftspolitik grundlegend zu ändern. Die Unterzeichner des Aufrufes betonen zwar, die Notwendigkeit der Durchführung des Noungplanes im Interesse Deutschlands, erklären aber auch, daß an die Durchführung dieses Planes nicht gegangen werden könne, „wenn nicht die Erkenntnis verwirklicht wird, daß die Verpflichtungen nur aus einem Ueberfchusse erzeugenden Volkswirtschaft auf-
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