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Donnerstag den 13. Februar 1930
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Die wintevschlacht in Masuren
vom 14. bis 21. Februar 1915. — Erinnerungen eines Soldaten Don Heinrich Tempel-Hanau.
Im Februar d. Is. jährt sich zum 15. mal der Tag, an dem die 10. russische Armee in den Wäldern von Augustowo vernichtet wurde. Besondere Bedeutung hat die Kampfhandlung für unsere Leser deshalb, weil viele Kriegsteilnehmer aus der hiesigen Gegend im Verbände der 76. Reserve- Division daran teilgenommen haben. Die Regimenter 252, 253 und 254, Reserve-Artillerie 56 und 58 haben gegen eine überwältigende Ueber- macht gestanden und die Entscheidung herbeigeführt. In nachfolgender Schilderung beschreibt ein Kriegsteilnehmer seine Erlebnisse. Wir folgen ihm durch das tiefverschneite Ostpreußen, das vor uns in Flammen aufgeht, kommen durch Suwalki und . finden uns in den unermeßlichen Wäldern südöstlich von Augustowo wieder, inmitten der Schlacht, die auf uns zu kommt. Es sind eindrucksvolle Bilder, die vor uns abrollen und jeder, der dabei war, wird sagen: so ist es gewesen....
I.
Der Zug hält auf freier Streck«. Wir steigen aus. In der Nähe steht ein ausgebranntes Bahnwärterhaus. Von den Telegraphenstangen hängen Lie Drahve herunter. Krieg/— Der Schnee macht die Stacht bämmrig. Mühsam kommt Las Regiment voran. Auf der Hauptstraße begegnen uns Kolonnen. Das geht die ganze Nacht so. Schweigend ziehen wir aneinander vorüber. Fahrzeuge hinter- icinattber. Endlose Reihen Geschütze dazwischen. Klirrend rutschen sie nach dem Straßenrand. Die Fahrer schreien in einem fort Hüot, Hüot. — Diese Wilder machen auf uns junge Soldaten Eindruck. Hier steckt etwas dahinter. Hier wirft einer mit Menschen und Massen, wie mit Würfeln, das spürt man. In kleinen Dörfern kommen wir am Morgen unter. Uns legt man in einen Gutshof. Da haben wir Platz und.Stroh, Es ist bitter kalt. Der Herr Pastor und der Lehrer kommen uns besuchen. Sie küssen dem gnädigen Herrn die Hand. Der qmidige Herr ist Rittmeister. Er und feine Frau sind zu uns Soldaten aber sehr nett, was wir ursprünglich gar nicht angunehmen vermochten. —
Anderen Tags geht's näher an die Front. Un= . fer Regiment soll unauffällig eingeschoben werden. ■— Nachts kommen mir in einen Wald. Die Kälte schmerzt in den Knochen. Wir brechen Fichtenreifer ab. Darauf legen wir uns. Es hält aber kein Mensch aus. Gegen Morgen sind mir in Stellung. Man sieht drüben die russische Linie dunkel durch den Schnee ziehen. An manchen Stellen steigt sogar Rauch auf. Sie Kerle machen sichs gemütlich —
Der Aufmarsch ist beendet. — In der Frühe soll der Angriff beginnen. Unsere Artillerie schießt sehr lebhaft Wir kriechen vor. Auf dem Schnee liegt man wie auf einem Präsentierteller. Ein Maschinengewehr bekommt uns in die Flanke. Als gestürmt wird, bleiben viele liegen. — Beim Sammeln rehlen manchs. Es heißt, der und der sei tot. Ein Leutnant ist auch gefallen. Es sah eigentlich gar nicht so gefährlich aus hier vorn. Wie dumm, daß man die 'Spaten liegen ließ. Wir dachten alle, das Zeug fei unnütz. Eine Decke mehr erschien uns I wichtiger — Am Abend müssen wir wieder zu- rück. Die Ruf^n haben die Nachbardivision zurück-1 gedruckt, und es bestand Sie Gefahr, dckfl'ww um-" faßt würden. Der Feind soll nun in dsr Nacht angegriffen werden. Es ist befohlen worden, die Seitengewehre aufzupflanzen und die Gewehrschlösser in den Brotbeutel zu stecken. Nette Aussichten! Der Singriff wird aber nicht durchgeführt. Erst am Morgen als der Tag anfängt zu grauen, gehen wir vor. Später hören wir, der Divisionskomnian- deur habe uns geschont. Er habe feine junge Truppe nicht einem Nachtangriff aussetzen wollen, dessen Ausgang immer zweifelhaft ist und bei dem sich Freund und Feind gleich schlecht stehen. Ein Geschütz fährt bis zu uns vor und nimmt das
Feuer auf. Krachend fegen die Granaten' drüben herein. Die russische Artillerie steht hinter einem Waldstück und feuert lebhaft mit Schrapnells auf unsere vorgehende Linie, die sich auf dem Schnee- feld wie eine punktierte Kette nusnimmt. Wenn man Zurückblickt sieht man, daß manche liegen bleiben. Von hinten kommen Melder, die Befehle bringen. Diesmal geht der Angriff vorwärts. Links von uns hören wir „Hurra" rufen. Bei uns dagegen ist alles ruhig. Die Russen sind ausgerissen. In der Nähe des Dorfes will eine schwache Kolonne zuriickeilen. Als aber einige Schrapnells ein- schlagen, spritzt sie auseinander. Etwas weiter hinten liegt eine kleine Anhöhe. Darauf steht eine ganze Versammlung. Wahrscheinlich halten dort die Russen nach Kriegsrat. Das Dorf vor uns ist noch besetzt. Rechts marschieren aber schon Infanteristen vorbei. Die russische Artillerie ist verstummt. Unsere sammt im Galopp durch den Schnee angefegt. Die Gäule dampfen. Was will eigentlich die Artillerie so weit hier vorn. Das schneidige Vorgehen hat uns sehr gefallen.
Wir sind einige Kriegsfreiwillige. Unsere Begeisterung ist schon verraucht, als mir sehen, daß die Wirklichkeit doch etwas anders ist. Daheim ist daheim. Wir hätten alle noch dort sein können. Wie man sichs macht, so gehts einem, sagt ein Gefreiter zu uns. Er hatte schon das E. K. Das hatten damals erst ganz wenige Offiziere. — Wie wir der Artillerie Zusehen, sagt einer: es brennt! Bald steht das ganze Dorf vor uns in Flammen. Ueberall schlagen die Feuergarben heraus. „Diese Schweine!" Wir haben eine Wut auf die Brüder, das ist furchtbar. Hinter dem brennenden Dorf halten wir. Von Knks kommen Gefangene an. Es find lauter baumlange Kerle mit dicken Pelzmützen und schie-fgetretenen Absätzen. Schiefe Absätze sind bei den Russen Mode. Unter den Gefangenen sind auch manche, mit mongolischen Gesichtern — sibirische Schützen. — Sie sehen auch noch in der Gefangenschaft wild aus. —
Es wird dufter. Das Regiment zieht in endloser Kolonne über die Hügel. Es sieht aus, als ob sich eine riesige Schlange durch den Schnee wälze. — Wir sind gedrückt. Die Nacht kommt wieder. Rings brennen die Dörfer und Gehöfte. Der Himmel ist purpurrot vom flackernden Feuerschein. Die russische Brandfackel wütet im Land. Die Mordbrenner ziehen vor uns her! An dreißig Stellen lodern die Flammen empor. Hinter den Waldstücken, überall wo etwas brennen kann, brennt es. Dieses Bild des Jammers ergreift uns alle. — Durch den hohen Schnee ist keine Verpflegung herangekommen. Wenn man mit knurrendem Magen Krieg führen soll, ist man zu nichts zu gebrauchen. Ein Meldereiter kommt heran/ „Wer seid Ihr" fragt er. Wir rufen ihm zu. Er will zum Stab. Der reitet ganz vorn. Wir fragen ihn, ob er nichts zu beißen habe. Da erkennen wir ihn, es ist ein Schulkamerad von uns. Er freut sich auf das Wiedersehen. In feinem Brotbeutel hat er eine trockene Brotkruste. Sie ist gefroren. Wir essen sie mit Genuß. Die nichts bekommen, sehen uns traurig an. Es geht uns wie Alexander, als er das Wasser ymTm^cemetrt^rTnöer^sas^mtntei^ einer trockenen Kruste Brot für Gefühle erwecken?
Wir kommen in ein brennendes Dorf. Darin soll gen wir die Nacht kampieren. Es ist ein einziges Flammenmeer. Jedes Haus, jede Scheune brennt. Die Glut strahlt eine entsetzliche Hitze aus. Prasselnd treibt der scharfe Nordost die Funken auseinander. Wohin man sich auch legt, von vorn wird man gebraten und im Rücken erfriert man. Der Himmel ist im Westen blutig rot. Das bat was zu bedeuten, sagt ein Kamerad. Rabenschwärme sind auch über uns geflogen. Nachts kommt die
Feldküche. Sie bringt gekochtes Essen und Tee mit Rum. Der Rum ist aber sehr stark. Wir werden alle davon betrunken. Als eine OfstAerspatrouille kommt und etwas fragt, kann keiner ein Wort herausbringen. Ein Posten lehnt an einer Hauswand und kann nicht mehr stehen. Der Offiyier wirb zornig und stellt seinen Namen fest. Da wird er nüchtern. Am nächsten Morgen muß er sich melden. Er -bekommt eine Standpauke. Dieses Exempel hat gewirkt, bester jedenfalls wie drei Tage oder Andinden an der Feldküche. —
Wir marschieren durch Pillkallen. In dem Städtchen stehen zwischen rauchenden Trümmerhaufen teilnahmslose Menschen und stieren uns, an. Ihnen steht noch der Schrecken auf den Gesichttrn. Sie Haden Fürchterliches ertragen müssen unter den Horden. Es ist aber auch kein einziges Haus mehr ganz.. Wie hat Las die Bande nur angestellt. Unsere Wut kennt keine Grenzen. Wir wollen mit ihnen abrechnen. Man sagt uns immer, die Kosaken seien es Diese Gesellen tragen rote Streifen an den Hosen. In kluger Voraussicht haben sie diese Streifen abgeschnitten, damit nicht das Strafgericht über sie konimt.
Als wir abends in Stalupönen ankommen, erscheint gerade ein endloser Zug gefangener Russen. Uns faßt der helle Zorn, wie wir an der Spitze russische Offiziere in Schlitten fahren sehen. „Halt Ihr Spitzbuben, heraus mit Euch" schreien wir, „Ihr wollt auch noch gefahren sein". Da sind die Schlitten auch schon umgekippt. In einem sitzt einer, der spricht uns deutsch an und sagt: „Ich bin auch Deutscher so gut wie Ihr, so etwas tut man doch nicht". Da schämen wir uns. Es ist Nicht vornehm, gegen Gefangene so zu sein, aber wir hatten Wut. Die Gefangenen sehen uns verstört an,. es war das schlechte Gewissen. —
Tauwetter ist eingetreten. Bei Pilupönen überschritten wir die Grenze. Vor uns wird gekämpft. Es geht um ein rusisches Grenzdorf. Ueber dem Dorf siechem Rauch und Li« Sprengwolken der Schrapnelle, Gswehrfeuer prasselt. — Ein Gefecht ist im Gang. Dann wird der Gesechtslarm schwächer und hört ganz auf.
Das Dorf in das wir einrücken, bietet einen entsetzlichen Anblick. Es ist zum Rahkampf gekommen. Ueberall liegen die Toten Hemm. Auch von uns sind viele darunter. Manchem steckt noch das spitze Bajonett in der Brust. Der Kampf ist erbittert gewesen. Abgebrochene Gewehrkolben liegen überall. An einer Hauswaird hängt ein Fetzen Gehirn, und in einem ausgebrannten Haus sitzt ein Russe in der Ecke, dem mit dem Gewehrkolben der Schädel gang platt geschlagen ist, daß es aussieht, als fei ein Zylinderhut eingedrückt worden. Besonders hart ist am Friedhof gekämpft worden. Da fielen drei. Kameraden vom anderen Regiment. Einer liegt ' auf dem Rücken und sieht zum Himmel. Sein Gesicht hat etwas unendlich friedliches und ruhiges. Es ist, als ob er mit seinem Los ganz zufrieden sei. Der andere krampst die Hände zusammen. Wahrscheinlich hat er noch gebetet. Beim Dritten liegt ein Zettel, darauf hat er einige Zeilen geschrieben. „Liebe Frau", steht darauf, „ich liege hier und sterbe. Was werdet Ihr ohne mich machen? Gott . . da bricht es ab. Er ist mitten über feinem Brief gestorben. Wir haben die Kameraden begraben. Dann sind wir weiter gezogen. Es ging uns allen noch lange nach, wenn wir an die armen Kerls dachten. —
r Run wird es immer deutlicher, daß die Rügen
Dorf steht gestopft voll mit Sanitätsmaterial und Protzen. Wohin man sieht, liegen Fahrzeuge, Protzen und Munition umher. In einer Senke stehen Fahrzeuge zusammengefahren. Die Fahrer sind von der Infanteriespitze abgeschossen worden. Auf einem Wagen befindet sich eine russische Kriegskasse mit erheblich vielen Rubel. Was helfen sie uns. Eine Fleischbüchse ist uns lieber, als die Rubelstücke, die die Kisten füllen.
Jetzt find wir in Rußland. Kein Dorf weit und breit. Wald, nichts als Wald. Dazwischen Sümpfe. In dieser elenden Gegend wird biwackiert. Der
Sturm fegt Regen und Schnee herbei. Unter den Zeltplanen stöhnen die Menschen vor Kälte. Es ist eine fürchterliche Nacht. Als es am Morgen weit« geht ist es allen eine Erlösung. Ein armseliges Dorf. Elende Holzhütten und noch armseligere Menschen darin. Man legt sich hin, wo Platz j» Nachts quäken die Kinder, grunzen die Schweine und ein Huhn gackert, das irgendwo versteckt ist Dann wieder Stille. Eine Kosakenpatrouille hat mit Offizieren vom Generalkommando herumgs schossen Darauf sind die Kosaken ausgeriffen. Zm sich die Kerle bis hierher getraut haben, imponierte uns. Der Posten hatte nicht schießen können, weil er nichr wußte, was las war. Als es ihm die Offiziere sagten, waren die Kosaken schon über Berg und Tal.
Auf den Straßen nach Suwalki und Augustowo ist kaum voran zu kommen, alles ist vereist. Mo» rht wie a .ene la.meihr m Stranenorooen liegen tote Russen herum. Ihnen hatten andere schon die Stiefel ausgezogen, nun ftrecfen sie die weißen Füße weg. Das sieht kraß aus. Ae russischen Toten hatten so etwas eigentümliches an sich. Sie liegen alle da, als ob ihr Menschenleben M keinen Wert hätte, gerade so wie ein Bündel Lumpen. — Unsere Gefallenen sehen ganz anders aus. Wo man sie findet liegen sie neben den Tornistern so ordentlich, als ob sie sich vorher noch zurechtgelegt hätten.
In Suwalki stehen die Menschen an den Straß» Sie rufen uns zu und geben uns Tee und schwarzer Kaffee zu stinken. Das macht einen guten Eindruck aus uns, obgleich der furchtbare Dreck, der überall herum liegt, nicht gerade begeisterungswürdig ist. Wir folgen den Ruffen uninittelbar. Ar der großen Windmühle, am Ausgang nach Augustowo, wechseln wir noch einige Schüsse mit ihnen.
Befehle und Gegenbefehle jagen einander. Der Vormarsch wird in der Nacht noch fortgesetzt. Wir sperren die Straßen. Zu Gefechten kommt es aber nicht. Links und rechts von uns wird geschossen. Durch Augustowo schreiten wir hindurch. Hier ist ein kriegerisches Leben. Diese kleine russische Pro- vinzstâ liegt am Rande des unermeßlichen Augustower Forstes. Auf dem Marktplatz stehen viele verlassene russische Geschütze herum. Die Straßen wimmeln von Soldaten und Kolonnen.
Der Weg zieht sich unendlich. Links liegt der große Forst. Wohin mir gehen, wir wissen es Nicht An der Straße stehen von Zeit zu Zeit Postierungen und Feldwachen. Sie hätten auf die Russen auszupassen, die hier herauswollen. Im Wald sollen noch viele stecken. Komisch, sagen wir uns. Nir marschieren geradeaus und hinter uns sind noch Russen? Was hat das zu bedeuten. Gegen Abend biegen wir rechts ab. Vor uns schießt Artillerie nach Grodno zu. Drüben zuckt es unaufhörlich, Scheinwerfer kriechen heran und verlöschen. Leuchtkugeln gehen hoch. Die Unruhe ist merkwürdig. Das kurze Stück bis zu dem elenden Nest Gruski ist unbeschreiblich. Wir fallen von einem Wasserlach ins andere. „So eine Schweinerei", fluchen dik Leute. Wenn ein Geschütz feuert, sieht man wenig stens einen Augenblick etwas. Dann tritt man wie-
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Ler in den Schlamm. In dem Rest stehen vielleicht einige Holzbaracken. Darin sollen wir unterkommen. ■
Zunächst heißt es wohin man kommt „Hier liegt der Di-visionsstab". Dann gehen wir in eine ganz elende Bude aufs Gradewohl hinein. Da sitze« urftyeré Der NMNlön, oer rnenerai tu essen aus Kochgeschirrdeckeln eiserne PortwWn^M wir schnell wieder hinaus wollen, ruft der General uns zu, wir möchten da bleiben und uns wärmen. Platz sei ja nicht da. Wir sollten aber auf dem Boden versuchen ob wir unterkämen. Das Habew wir dann muh getan. Andere fanden eine ScheWD mit Stroh darin, die abseits stand. Nachts sanier ■ Artilleristen und zündeten eine Kerze an. Sie M I um und um ein Haar wären unsere Kameraden |
elend umgekommen.
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