Sette 2
Montag den 27. Januar 1930
Nr. 22
TvaMOev Tod d. ^avttSus dev ^Monts Eevvarttes"
Buenos Aires, 25. 3an. Kapitän Dreyer von dem gekenterten Dergnügungsdampfer „Monte Cervantes ist freiwillig mit seinem Schiff in die Tiefe gegangen. Alle Uebcrredungsversnchc feinet Offiziere' und Mannschaften, sich in Sicherheit zu bringen, wies der Kapitän standhaft zurück. „Ich mutz die Ueberlieferung der See achten und bis zuletzt auf meinem Posten bleiben“, erklärte er. Tapfer hielt er auf der Kommandobrücke aus. als der Schiffsrumpf von den Korallenbänken herabzugleiten begann. Zum Abschied winkte Kapitän Dreyer den Zurückbleibenden noch einmal grüßend mit seiner Mühe zu, bevor ihn das nasse Grab ausnahm. Einige Zeugen wollen gesehen haben, datz sich der Kapitän kurz vor dem Untergang der „Bion le Cervantes" aus der Drücke erschoß. Innerhalb von fünf Minuten war das Drama zu Ende und die „Monte Cervantes" vor den Augen der Besatzungen von zehn an der Unsallstelle versammelten Schissen der argentinischen Marine in den Wogen verschwunden. Kapitän Dreyer hat für seine Gattin einen Abschiedsbries hinterlassen. Man erwartet, daß dieser Brief auch gewisse Einzelheiten über den Unfall des Schiffes selbst enthalten wird.
Kapitän Dreyer,
der Führer der „Monte Cervantes", wurde am 2. Dezember 1874 in Blankensee geboren. Das Steuermannspatent erhielt er im April 1896, das Kapitänspatent im Dezember 1899. Ab Juni 1899 trat er als Offizier bei verschiedenen Schiffen der Hamburg-Südamerika-Linie in Dienst. Seit dem 2. September 1911 mar er Kapitän. Sein erstes Schiff war der noch heute fahrende Dampfer „Therese". Er war vor dem Kriege Kapitän auf den Dampfern „Gudrun", Destorro", „Buenos Aires" und nach dem Kriege Kapitän auf den Dampfern „Parana", „Tucuman", „Efpana", „Vigo", ferner auf dem Motorschiff. «Monte Sarmiento" und seit Cervantes". Als die „Monte Cervantes" im vorigen Jahr im Eismeer stecken blieb und dann der Eisbrecher „Krassin" zu Hilfe kam, wurde sie nicht von Kapitän Dreyer geführt, der Kapitän hat Meyer geheißen.
Kapitän Dreyer wird das beste Zeugnis als umsichtiger und tüchtiger Schiffsführer ausgestellt, der bis zuletzt immer glücklich gefahren war. Er ent- itammt einer alten Blankeneser Kapitänsfamilie; von fünf Brüdern wählten vier den Seemannsberuf, in dem sie es alle zum Kapitän brachten. Mit dem jetzigen Reeder, Direktor Amfinck, verband ihn eine jahrelange Freundschaft, denn er hatte schon auf. den Amsinckschen Segelschiffen gefahren.
Während des Krieges führte Kapitän Dreyer mit dem Dampfer „Destorro" der Hamburg-Süd Fahr- ren nach Schweden aus. In der Ostsee wurde sein Schiff auf neutralem Gebiet torpediert und von den Russen aufgebracht. Doch mußte das Schiff später wieder freigegeben werden. Nach dem Kriege, als alle Schiffe abgeliefert werden mußten, charterte Kapitän Dreyer von der Hamburg-Süd einen Leichter und betrieb auf eigene Faust Frachtfahrten in der Osffee, um dann, als die Reederei wieder Schiffe bauen und kaufen konnte, sofort wieder eingestellt zuwerden. Im Mai vorigen Jahres feierte Kapitän Dreyer das Fest der silbernen Hochzeit.
Gittisuns Über das Lündwavenmottovol
Die Regierungsparteien hielten am Samstag früh noch vor dem Beginn der Sitzung des Haus- haUsausschufses eine interfraktionelle Besprechung ab, in der sie sich auf einen Kompromißantrag zum Zündwarenmonopol einigten. Danach bleibt das monopolfreie Kontingent ‘ der Großeinkoufsgesell- ! Haften der Konsumvereine in der von der Regierungsvorlage vorgesehenen Höhe (23 000 Normalkisten für die Hamburger, 3700 Normalkisten für die Kölner Organisation) bestehen. Eine Kürzung tritt aber ein bei den Steigerungssätzen, die die Regierungsvorlage alljährlich für die Kontingente vorgesehen hat. Der Steigerungssatz vermindert sich nach dem Kompromißantrag für die Hamburger Organisation von 245 auf 230 Normalkisten, für die Kölner Organisation von 56 aus 37 Normalkisten.
Die in der Vorlage vorgesehenen Kleinverkaufs- höckntpreise werden durch den Kompromißantrag zu Kleinverkauispreisen schlechthin, also zu Fest- preijen, gemacht, die nicht überschritten, aber auch nicht unterboten werden dürfen. Die Abweichung von diesen Preisen soll nach dem Kompromiß bestraft werden.
Der En gros-Preis soll 30 Pfennig pro Paket betragen. Schließlich ändert der Kompromißantrag die Regierungsvorlage in der Beziehung, daß an Stelle der vorgesehenen Ermächtigung zum Erlaß von Ausführungsvorschriften die Muß-Bestimmung ausgenommen wird:
Die Reichsregierung erläßt mit Zustimmung des Reichsrates Durchführungs- und Ausführungsbe- ftimmunqen zu diesem Gesetz, insbesondere auch Vorschriften zur Sicherung der Qualität und über die Ausstattung der Zündwaren; Zuwiderhandlun- gen können mit Geldstraß« bedroht werden. Die Vorlage wurde dann nach kurzer Aussprache nom Haushaltsausschuß entsprechend den Kompromiß- antrüg« der Regierungsparteien angenommen.
Dev -vamSs. GoziaMentas gegen RegievunssveteMguns
p a r i», 26. Ian. Der Sozialistische Parteitag hat sich für die Priorität der Entschließung der Mehrheit (Lebas) betressend die Frage der Regierungsbildung mit 2066 Mandaten gegen 1507 Mandaten bei 35 Enthaltungen, also mit 559 Mandaten Mehrheit ausgesprochen.
Der vom Bürgermeister von Roubaix, Lebas, im Namen der Mehrheit vorgetragene Entschließungsentwurf lautet: Der Kongreß möge erklären:
1. daß der Charta der Partei treu zu bleiben gedenkt;
2. daß er den Beschluß des Nationalrats vom 28. und 29. Oktober 1929 billigt;
3. daß die Partei stets bereit ist, die Verantwortung für die Regierung zu übernehmen, und zwar entweder allein oder mit der Mehrheit und der Leitung der Regierung, durch von der Partei gewählte sozialistische Minstier, die ein Regierungsprogramm zur Anwendung bringen sollen, das als sozialistisch erkennbar ist;
4. daß der Gedanke einer eventuellen Beteiligung der Sozialisten an einer Koalitionsregierung zunächst ausgeschaltet werden muß unter der gegenwärtigen Legislaturperiode und nur im Falle von außergewöhnlichen Umständen ins Auge gefaßt werden könnte, außergewöhnlichen Umständen, die als solche von einer frei beschlußfassenden Versammlung der Pa/tei anerkannt werden, entweder durch einen Kongreß oder durch eine Beratung des Nationalrats, wobei eine Zweidrittelmehrheit der Bezirksverbandsmandate erforderlich sein soll. In beiden vorgesehenen Fällen hat die betreffende Versammlung die Aufgabe, die Delegierten der Partei für die Regierung zu bestimmen.
KerchsmkEsv Dv» Drvtvkch übev SandwivifchaM. leasen
Raslalk, 26. Jan. Anläßlich des 4. Mittelbadischen Bauerntags hielt Reichsernährungsminister Dr. Dietrich eine Rede, in der er die Notwendigkeit unter strich, der Landwirtschaft durch eine sachgemäße Wirtschaftspolitik zu helfen. Die Hauptschwierigkeiten der Landwirtschaft führte der Minister auf den Zolltarif von 1925 und auf die Reparationslasten zurück. Zur Frage der Getreide Zölle erklärte Dr. Dietrich, daß jede Regierung günstig den Weizenpreis beeinflussen könne, da seststehe, daß mir jedes Jahr 2% Millionen Tonnen einführen und dieselbe Menge auf den Markt bringen. Der Roggenpreis dagegen könne niemals durch Zölle geschützt werden, da wir mehr produzieren, als mir in Deutschland unterbringen können. Es sollte der Versuch unternommen werden, durch gesetzlichen Zwang die Herstellung eines reinen Roggenbrotes wieder möglich zu machen. Der Schweinepreis könne nur gehalten werden, wenn man die Produktion begrenze und wir über 20 Millionen Stück nicht hinaus kämen. Der Minister erwarte zum Schluß, die öffentliche Meinung müsse darüber aufgeklärt werden, daß die Landwirtschaft einen notwendigen Erwerbszweig darstelle. In den Kräften des flachen Landes sollte der Urquell der Kraft unseres Volkes gesehen werden.
Die NveutzettkoaMstt
Berlin, 25. Jan. Der preußische Ministerpräsident Braun ist dem Wunsche des Zentrums sehr rasch gefolgt. Er hat die Koalitionsparteien für den Montag zu einer gemeinsamen Besprechung zu- ammengebeten, um sich mit ihnen über bestimmte Vorschläge schlüssig zu werden, die der Deutschen Volkspartei zu unterbreiten wären. Voraussetzung lasür wäre, daß die Demokraten das Handelsmini- terium freigeben. Sie haben sich sehr stark dagegen ;esträubt und ihren Beschluß bis zum Montag aus- gefetzt. In Kreisen der Weimarer Koalition wird aber allgemein damit gerechnet, daß die Demokraten ihren Widerstand aufgeben und sich mit der Ernennung des bisherigen Handelsministers Dr. Schreiber zum Oberpräsidenten von Hessen-Nassau abfinden werden. Vorläufig allerdings ist zwischen Sozialdemokraten und Demokraten eine sehr gereizte Aussprache im Gange, wobei bet „Vorwärts" sarkastisch darauf hinweist, daß auf die Fraktionsstärke umgerechnet, in der preußischen Regierung die Demokraten für je 7 Abgeordnete einen Minister stellen, die Sozialdemokraten dagegen für je 68 Abgeordnete. Besonders stark ist seine Randglosse, daß die Sozialdemokraten länger keine Lust hätten, die Truppen für anhanglose demokratische Generäle zu stellen. Ob der neue Versuch Aussicht aus Erfolg hat, bleibt abzuwarten.
Jentrum und Saavvevhandlunsen
Berlin, 26. Jan. In der heutigen Sitzung des Reichsparteivorstandes des Zentrums wurde zur Saarfrage salzende Entschließung angenommen:
„Der Vorstand der Deutschen Zentrumspartei begrüßt die Fortsetzung der Pariser Äerhandlungen zwecks Rückgliederung des Saargebietes. Er erwartet di« restlose politische und wirtschaftliche Wiedereingliederung des Gebietes in den Verband des Reichs, Preußens und Bayerns. Diese Rückgliederung ist eine wesentliche Voraussetzung für eine wahrhafte Verständigung zwischen Deutschland und Frankreich. Entsprechend dem Willen der gesamten Saarbevölkerung und den wiederholten Erklärungen des Reiches und der Länder Preußen und Bayern sind die Verhandlungen über bie Zukunft des Daarbergbaues so zu führen, daß die Gruben einschließlich aller erschlossenen und nicht erschlossenen Kohlenfelder in den uneingeschränkten Besitz des preußischen und bayerischen Staates gelangen. Bei her Regelung der zukünftigen Handelsbeziehungen müssen die Lebensinteressen des ©aargebietes und der benachbarten deutschen Gebiete auf der I Grundlage völliger Gleichberechtigung gewahrt wer- Iben.*
Mernrtnssvevschkedetthekten
Paris, 26. Jan. Nach der Annahme der gemeldeten Mehrheitsentschließung verlasimNamen der Minderheit der Delegierte Déat eine Erklärung, in der er auf den unbefriedigt gebliebenen Schritt der Minderheit, die Wiederaufnahme in die Parteileitung entsprechend ihrer auf dem Kongreß zum Ausdruck kommenden Stärke zu erlangen, hinwies und erklärte, die Anhänger feiner Richtung hätten den unbedingten Willen, die einzelnen Bezirksvereinigungen der Partei zu fragen, ob die Haltung der Minderheit die Entwicklung des Sozialismus fördere. Die Frage der R e g i e run g s b ete i ligung selbst könne nicht durch die Beschlüsse der Mehrheit als geregelt angesehen werden; denn die Regelung hänge viel weniger von dem Willen der Partei als von den Ereignissen selbst ab. Die Minderheit werde innerhalb der Partei für ihre Auffassung weiter Propaganda machen.
Gegen die Verlesung dieser Erklärung wandte sich entschlossen in kurzen Worten der Generalsekretär der Partei, Paul-Faure, der seinerseits erklärte, auch die Mehrheit werde ihre Auffassung vor den Bezirksvereinigungen vertreten. Er bedaure, daß die Erklärung der Minderheit den Anschein erwecke, daß der Sozialistenkongreß auseinandergehe, während die Vertreter der einzelnen Richtungen mit geballter Faust sich trennen. Die Sitzung schloß mit dem Gesang der Internationale.
Tasung dev Lunsdemo- kvaien Hessen-SaNaus
Frankfurt a. M., 26. Jan. Am Samstag und Sonntag fand hier die Jahrestagung des jungdemokratischen Landesverbandes Hessen-Nassau statt- Am Samstag wurde außer organisatorischen Besprechungen die Neuwahl des Vorstandes vorgenommen und am Sonntag folgten zwei große politische Referate.
Die in der letzten Zeit immer stärker auftretenden Symptome der Parteienumgruppierung veranlaßten Rektor ^H ü s k e n in seinem Vortrag, die Zersetzungs- ynb Krisenerscheinungen in den deutschen Parteien, besonders die Krise der Demokratischen Partei, aufzuzeigen und Kritik an den sie veranlassenden Umständen zu üben. In der sehr l«b-
tengruppe der hiesigen Universität den Wunsch, mit den Jungdemokraten und anderen politischen Organisationen junger Menschen in gemeinsamen Pe- sprechungen und Arbeitsgemeinschaften zusammen das Entzweiende beiseite zu stellen und das Einigende hervorzukehren.
Regierungspräsident Friedensburg (Kassel) erstattete das zweite Referat des Tages über das Thema: „Unsere sozialpolitischen Forderungen". „Unsere traditionsgebundenen Begriffe und Institutionen, unsere staatliche Gliederung passen längst nicht mehr in eine Zeit, die von der Entwicklung in Technik und Wirtschaft in. einem Maße vorangetrieben wurde, mit dem unsere innere geistige Entwicklung nicht Schritt halten konnte. Staat und Parteien stehen vor Schwierigkeiten, denen sie sich nicht gewachsen zeigen. Die entscheidende Teilkrisis in unserem heutigen Zustand bildet dabei die Sozialkrisis. Waren wir einst Individualisten — im Zeitalter wirtschaftlicher Hochblüte verständlich und möglich — heute erfordert die Notwendigkeit der sozialen Gemeinschaft eine neue Einstellung. Die Problematik der Auseinandersetzung zwischen Gesamtheit und Individuum ist erstanden. Wir wollen nicht auf das Individuum verzichten, aber wir können auch nicht nur Individualität sein. Die Aufgabe liegt darin, die Synthese zu finden zwischen Individual^ und Sozialwirtschaft; dies ist heute bas Geheimnis möglicher Wirtschaftsgestaltung überhaupt. Wirtschaftspolitisch heißt das: so sehr die liebersteigerungen des Kapitalismus zu verwerfen sind, auf den im Individuum steckenden Erwerbstrieb kann doch die Wirtschaft nicht verzichten. Sozialpolitisch heißt es: durch Erweckung einer starken Gemeinschaftsgesinnung muß der rücksichtslose Individualismus innerlich v.on uns gelöst werden und der Erkenntnis sozialpolitischer Erfordernisse sich einorbnen. Der Staat darf nicht nur als Fürsorgestaat aufgefaßt werden, er muß als eine Organisation sittlichen Gemeinschastswilkns erscheinen. , Sozialisierte Wirtschaft und private Wirtschaft schließen einander nicht aus, man kann sie beide bejahen, sofern jede in der ihr eigenen Sphäre bleibt. Gemeinschaftswirtschaft wird stets dort gefordert werden müssen, wo es das Interesse der Allgemeinheit erheischt. Im übrigen wird der Weg der Beeinflussung der Gesamtwirtschaft durch Staatsaufsicht und Gesetzgebung fruchtbringender sein als die Proklamierung der Staatswirtschaft. Wenn aber irgendwo sozialistische Gemein- schastsform notwendig ist, dann in der Bodenwirtschaft. Bodenreform und Siedlung sind dringende Aufgaben der nächsten Zeit. Innerhalb der Privatwirtschaft selbst muß sich die Wirtschaftsdemokratie durchsetzen, die auch bei aller notwendigen Freiheit des Unternehmers den Menschen Mitwirkung an der Schicksalsgestaltung garantiert."
Der Redner schloß mit dem Wunsche, daß die junge Generation diese Probleme wirklich anpacken möge im Bewußtsein eigener Entscheidungsfreiheit und durchdrungen von der Verantwortung gegenüber der Zukunft.
Keweveien zwischen Vavasuav und Volivken
Gens, 26. Jan. Die neuen Reibungen zwischen Paraguay und Bolivien haben zu einem, weiteren Schritt Paraguays vor dem Völkerbundsrat geführt. Der paraguayische Gesandt« in Paris hat dem VA. kerbundsrat telegraphisch mitgeteilt, daß es der Regierung von Paraguay gelungen sei, ein zweites Telegramm des Führers her 4. Division der bolivischen Streitkräfte aufzufangen, in dem dieser seine Division Vorbereitungen zu einer allgemeinen Offensive im Zentrum und im Norden ihrer Stellung anbefiehlt. Di« paraguayische Regierung teilt den Wortlaut dieses - aufgefangenen Funkspruchs mit, der eigenartiger Weise in klarem Text gegeben zu sein scheint, und bemerkt dazu, sie wolle für den Fall einer Verletzung des Friedens feststellen, wen die schwere Verantwortung dafür treffe.
Die bolivische Regierung, der diese Schrift sofort zur Kenntnis gebraut wurde, hat ihrerseits bereits geantwortet. Das bolivische Auswärtige Amt macht Paraguay verantwortlich für den bekannten Zwischenfall an der bolivisch-paraguayischen Grenze, wonach nach Angabe von Bolivien eine bolivienIsche Patrouille von paraguaischen Streitkräften angegriffen worden sei. Im Text des Telegramms heißt cs, daß Bolivien trotz des Angriffs paraguayischer Truppen nur solche militärischen Maßnahmen ergriffen habe, die zur Behauptung der zu seiner Sicherheit notwendigen Stellungen erforderlich seien.
Das Gteiiknev GtsaßettsahntmsSüB
Stettin, 25. Jan. Ueber das bereits gemeldete Straßenbahnunglück, das sich heute vormittag ereignete, werden noch folgende Einzelheiten bekanntgegeben:
Der Anhänger eines vollbesetzten Straßenbahnzuges der Linie 6, der die abschüssige Kochstraße in Richtung Hauptbahnhof hinunterfuhr, sprang in der Kurve aus den Schienen, lief auf der Straße zunächst in gerader Richtung weiter, stieß an den Kellerhals eines gegenüberliegenden Hauses und fiel dann auf die Seite, wobei die Hausfront stark beschädigt wurde. Nach den bisheriges polizeilichen Feststellungen sind bei dem Unfall fünf Menschenleben zu beklagen, und zwar waren bei dem Unfall zwei Personen sofort tot, während drei weitere Opfer bald darauf im Krankenhaus verstorben. Außer den fünf Todesopfern forderte das Unglück noch 21 Verletzte unter den Fahrgästen. Durch eine sofort vorgenommene Untersuchung wurde festgestellt, daß der Unglücksfall auf technische Mängel irgendwelcher Art nicht zurückzuführen ist.
Die Wocklumes Aanbev vevuvteM
Arnsberg, 26. Jan. Das Schwurgericht in Arnsberg verurteilte gestern nacht nach dreitägiger Verhandlung dem Räuber Liesegang tsegen schweren Raubes zu 6% Jahren Zuchthaus unbjeü nen Komplizen Garde l^^WWWWW und versuchten Totschlages zu einer Gesamtstrafe von 714 Jahren Zuchthaus. Die Angeklagten waren am. 25. November v. I. in das Verwaltungsgebäude der chemischen Fabrik in Wocklum eingedrungen und hatten dabei etwa 600 Mark erbeutet. Die Räuber waren dann geflohen. Zwischen ihnen und den verfolgenden Gendarmeriebeamten entwickelte sich ein Feuergefecht, wobei ein Räuber namens Wichert erschossen wurde. Liesegang ist mit 15 Jahren Zuchthaus wegen Raubes mit tödlichem Ausgang und Garde mit 13 Jahren Zuchthaus vorbestraft. Beide Angeklagte sind feiner Zeit von dem erschossenen Wichert aus der Irrenanstalt Buch befreit worden. Das Gericht kam zu der Entschließung, daß die Angeklagten als Ueberzeugungstäter gehandelt hätten. Wenn es ihnen auf die Erlangung von Geld angekommen wäre, so hätten sie dies leichter bei anderen Einbrüchen erhalten können. Bei der politischen Einstellung der Angeklagten — Liesegang bezeichnet sich als Anarchist und Garde als Linkskommunist — bestehe die Möglichkeit, daß sie bei dem Einbruch es auf Pläne abgesehen hätten, die ihnen irgendwie bei späteren Terrrorakten nützlich sein könnten.
Mord auf der Wittenberger Elbbrücke.
Aus der Wittenberger Elbbrücke unternahm gestern der verheiratete Zimmermann Lichenbaum an seiner Geliebten einen Mordversuch. Er brachte dem Mädchen stark blutende Wunden bei und warf sie dann in die Elbe. Trotz eifrigen Suchens konnte das Mädchen nicht wieder aufgefischt werden, so daß es vermutlich den Tod in den Fluten gefunden hat. Man nimmt an, daß Lichenbaum die Tat begangen hat, um sich ihrer zu entledigen. Er konnte noch im Laufe der Nacht verhaftet werden.
Bon Wilddieben löblich verletzt
Koblenz, 26. Jan. Im nahen Nieder-Mendig wurde der Polizeihauptwachtmeister Rohmann beim Kampf mit Wilddieben durch einen Bauchschuß so schwer verletzt, daß er an den Folgen der Wunde im Krankenhaus starb. Mehrere verdächtige Personen, die als Täter in Frage zu kommen scheinen, sind bereits verhaftet worden.
Chicago in Zahlungsschwierigkeiten
Rewyork, 26. Jan. Die Stadtverwaltung von Chicago macht verzweifelte Anstrengungen, um den drohenden Bankrott abzuwenden. Da die Banken der Stadt keine Kredite mehr gewähren, und auch Anweisungen auf die künftig eingehenden Steuern nicht annehmen wollen, ist man dazu Überlegungen, die Angestellten, denen die Stadt über 11 Millionen Dollar schuldet, mit Zertifikaten zu bezahlen. Man will also eine Art Notgeld herausgebe, wie das bereits bei der Panik des Jahres 1907 geschehen ist. Die Kaufleute weigern sich scdoch, dieses Notgeld in Zahlung zu nehmen, jo daß sich viele Angestellte und ihre Familie bereits in Not befinden. Die Wohlfahrtseinrichtungen haben sich der schlimmsten Fälle angenommen, und ein Hilfsausschuß hat 20 Millionen Dollar aufgebracht, um die Stadt vor dem finanziellen Chaos zu bewahren. In maßgebenden Kreisen hält man tiefen Betrag jedoch nicht für ausreichend und glaubt, daß mindestens 50 Millionen Dollars erforderlich sind, um den Susann menbruch zu vermeiden.