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Nr. 7

Donnerskag, den 9. Januar 1930

Sette 3

Stadt Sana»

Dev sterbende Shvtstbaum

Der Christbaum blättert ab, Nadel um Nadel löst sich. Die Kehrichtschausel sammelt das Abster- bende. Ein Messer, eine Säge wird noch einmal an den Baum gelegt und die Teile dem Herdfeuer zugeführt. Der junge Baum, Bruder unter vielen Tännlingen im Walde, ließ sich ein solches Schick­sal nicht träumen. Er war zunächst stolz auf diese Berufung, strahlte und duftete mit jeder Nachbar­schaft am Heiligen Abend um die Wette. Nun hat der junge Baum, so früh gestorben, für immer und ewig seiner großen Bestimmung entsagen müssen: Masten zu Schiffen, Bretter zu Planken, zu Sär­gen zu geben! Hört ihr das leise Zischen der Na­deln, das Zerpuffen der Aestchen im Feuer? Klingt es nicht, als ob ein Waldvöglein vom nahenden Frühling phantasierte? Schon die feuerumringelten Aestchen, sehen sie nicht aus wie buntgefleckte Eid­echsen, die über das Waldmoos huschen? Als kleine Rauchfahne wird her Baum seinen Weg nehmen himmelwärts. Nichts wird von ihm bleiben als eine kleine Erinnerung, ein wehes Nachsinnen, daß er mit seiner kürzen Zeit so rasch verging. So ist das Schicksal vieler Ausgewählter. Der Christbaum soll es nicht besser haben.

Die gewevblktben Llutev- nehmunsen und ihre Retbtsfovm

Bon den 1925 in Preußen gezählten rund 1941300 gewerblichen Mederlassungen mit rund 11098 600 betriebsgebundenen Erwerbstätigen ent­fallen nach Mitteilung des Preußischen Statistischen Landesamt 86 Prozent (rund 1671400) mit rund 6 229 300 Personen auf Firmen mit nur einer Be- triebsstätte. Es sind lin der Hauptsache Kleinbe­triebe. Rund 36 700 Unternehmungen mit rund 5 0 95 400 Personen sind Unternehmungen mit meh­reren Niederlassungen und zwar mit rund 108 000 Zweigniederlassungen und rund 132 760 Haus­gemerbebetrieben. In den Zweigniederlassungen sind rund 20 200 mit 604 900 Personen enthalten, die außerhalb Preußen liegen; davon entfallen allein auf Reichspost 7112 Niederlassun­gen mit rund 133 350 Personen und Reichsbahn rund 5200 Niederlassungen mit rund 269 600 Per­sonen. Die Zusammenstellung der gewerblichen Be­triebszählung nach Firmen wird dadurch besonders wertvoll, daß sie zahlenmäßige Aufschlüsse über den Anteil der einzelnen Unternehmungsformen am Gewerbeleben gibt, insbesondere den Anteil der öffentlichen Hand am gesamten Erwerbsleben — sei es tn Foren eigener Gesellschaften, sei es als gemischtwirtschaftliche Unternehmungen — erkennen läßt. Bon den 1 708 100 preußischen gewerblichen Unternehmungen mit rund 11324 700 Personen wurden rund 1 696 000 Unternehmungen mit rund 9 830 500 Personen, also 99 Prozent aller Unter­nehmungen mit 87 Prozent aller Personen von Firmen des privaten Rechts betrieben. Rund 12100 Unternehmungen (0,7 Prozent) mit rund 1494100 Personen waren Unternehmungen öffentlicher Körperschaften. Von diesen kamen rund 400 mit rund 1157 600 Personen auf das Verkehrswesen, bojnmter der weitaus größte Teil der Personen auf

Unternehmungen mit 97 400 Personen entfielen auf die Gewerbegruppe „Gesundheitswesen", darunter die Mehrzahl auf die Krankenhäuser. Unter den privatrechtlichen Unternehmungen sind 717 mit 226 215 Personen, d. h. 0,04 Prozent aller Unter­nehmungen und 2 Prozent der in den Unterneh­mungen beschäftigten Personen in der Form gemischt-wirtschaftlicher Unternehmungen geführt worden. Beinahe die Hälfte der letztgenann­ten (355 Unternehmungen mit 101996 Per­sonen) waren Gas-, Wasser- und Elektrizitäts­werke (146 mit 51992 Personen) und Berkehrs­gesellschaften handelt es sich hauptsächlich um Pri- vatbahn-Unternehmungen (168 mit 42 998 Per­sonen. Bei 69,7 Prozent (500) mit 82,6 Prozent des Personals der gemischtwirtschaftlichen Unter-

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Roman von Hans Schulze

23. Fortsetzung. (Nachdruck verboten.)

Der Geheimrat nickte zustimmend und betrach­tete aufmerksam den tadellosen Brand seiner Zi­garre.

Durch das weitoffene Fenster klangen die Schlagfanfaren eines Finkenpärchens herein.

Es duftete nach Jasmin und Flieder und die Wälder, die das Sanatorium von allen Seiten um­faßten, lagen wie im lichten Glanz des ersten Schöpfungstages.

„Wir haben diesen modernen Kaspar Hauser nun schon in der zweiten Woche in der Anstalt", nahm der Geheimrat nach einer kleinen Pause wie­der das Wort. „Merkwürdig, daß er noch nirgend­wo vermißt worden ist und sich nach niemand nach ihm erkundigt hat. Allerdings passieren in Deutsch­land zu Beginn der schönen Jahreszeit ja auch zahllose Autounfälle, daß der einzelne in der Masse vollständig verschwindet!"

Dr. Schleyer strich sich über seinen blauschim- Dernden Assyrierbart.

„Ich bin ein alter Sportmann, aber ich habe selten eine so restlose Zerstörung eines Wagens gesehen; nicht einmal die Nummer war mehr zu ^ltzisfern. Der Herr muß wirklich ein mörderisches Tempo vorgelegt haben; der Kilometerzähler stand in noch auf 110. Wenn unser Oberpfleger an jenem Abend nicht zufällig nach Waldhausen herunterge- ganMn wäre, hätte der Unglücksmensch auf der ein­samen Chaussee vielleicht die ganze Nacht hilflos unter den Trümmern gelegen!"

Der Geheimrat blies nachdenklich einen kunst­vollen Rauchring.

„Ich hoffe noch immer, daß unser Unbekannter schon in den nächsten Tagen die Sprache wieder- gewinnen wird. Sonst wird es allerdings hohe Zeit, daß mir die Behörden verständigen!"

Eine halbe Stunde später kamen die beiden Herren durch den Iaubcnüberwülbt«n Mittelgang des großen Sanatoriumsgartens zur geschlossenen Abteilung herüber.

Die Lehrlinge in kSessen-Rassau

Ergebnisse der letzten Berufs- und Betriebszählung

Bei der letzten allgemeinen Berufs- und Be­triebszählung wurden vom Preuß. Statistischen Landesamt auch die Lehrlinge erhoben, die sich in einem geordneten Ausbildungsverhältnis zum Zweck der Erlernung eines aufgrund dieser Aus­bildung auszuübenden Berufs befanden. Gerade in der Gegenwart kommt dieser Erhebung beson­dere Bedeutung zu, und zwar einesteils deshalb, weil es bisher an einer zusammenfassenden amt­lichen Statistik ganz und gar fehlte, und zum an­deren, weil sich in der Frage des Berufsausbil­dungsgesetzes die Notwendigkeit genauer Zahlen­unterlagen besonders bemerkabr machte.

Wie das Stak. Landesamt festfteUt, machen die Lehrlinge in Preußen ungefähr die Hälfte aller jugendlichen Arbeiter und Angestellten aus. Wir haben in Preußen rund 2 300 000 jugendliche Be­rufstätige, von denen 1680000 jugendliche Arbeiter und Angestellte und hiervon wieder 860 000 ode? rund die Hälfte Lehrlinge sind. Auf je 100 jugend­liche Arbeiter und Angestellte kommen demnach 52 Lehrlinge. Von der Gesamtzahl der 860 000 Lehr­linge in Preußen entfallen auf die gewerblichen 640 000 — darunter 81 000 weibliche —, auf die kaufmännischen und technischen 220 000, darunter ebenfalls 81 000 weibliche. Es find also 74,4 Pro­zent aller Lehrlinge gewerbliche und 25,6 Prozent kaufmännische. Die weiblichen Lehrlinge betätigen sich je zur Hälfte in kaufmännischen und gewerb­lichen Betrieben, während die männlichen zu vier Fünftel in gewerblichen Betrieben fernen. Die Kausmannslehrlinge ergeben den beachtlichen Teil von 14 aller Lehrlinge, eine Ziffer, die umso mehr zu beachten ist, als im reinen Handelsgewerbe, welches allein 122 000 Lehrlinge aufweist, über 19 Prozent aller männlichen Angestellten Lehrlinge sind.

Wenden wir uns nunmehr den Lehrlingen in Hessen-Nassau zu, so können wir zunächst feststellen, daß unsere Provinz im ganzen 58 600 Lehrlinge ausbildet und damit mit 6,8 Prozent an der Ge-

nehmungen befand sich mehr als die Hälfte be^ Ge­sellschaftskapitals der öffentlichen Hand. Selbst wenn man alle öffentlich-rechtlichen und alle ge­mischtwirtschaftlichen Unternehmungen den privat­rechtlichen Unternehmungen gegenüberstellt, kommt man, so stellt das Preußische "Statistische Landes­amt fest, zu einem Anteil der öffentlichen Hand am gesamten „Gewerbe" von 0,8 Prozent der Un­ternehmungen und von 15,2 Prozent des Per­sonals, unter Abzug der Reichsbahn und Reichs­post von 5,4 Prozent des Personals.

ânigge bei der Reichsbahn

„Es wird höflich gebeten . . .*

Die Hauptverwaltung der Deutschen Reichs­bahngesellschaft hat an die Reichsbahndirektionen eine sehr erfeuliche Bekanntmachung gerichtet. Es wird darin den Reichsbahnstellen »ahegefegt, den „Dienst am Kunden" zu pflegen und nicht nur im persönlichen Verkehr mit den Reisenden, sondern auch in allen Anschlägen und Bekanntmachungen einen „gewinnenden und damit für die Reichsbahn werbenden Ton" anzuschlagen. Bor allem soll mit den vielen Verbotstafeln aufgeräumt und der Aus­druck „verboten" überhaupt möglichst vermieden werden. Die Reichsbahn selber gibt in ihrem Er­lasse ihren Beamten einige^ Musterbeispiele höf­licher Wendungen bekannt. Statt „verboten" ^vird, so schreibt sie, meist die weniger schroffe Form „nicht gestattet" ausreichen. E' kann auch „kein Eintritt" oder „es wird höflich gebeten, rechts an die Schalter heranzutreten" heißen. Es genüge auch schon, „Bitte rechts gehen" an das Schild zu schrei­ben. Ferner können nach Ansicht der Reichsbahn viele der bisher üblichen Anschläge künftig ganz wegfallen, weil sie Selbstverständlichkeiten enthal-

Die Anstalt bestand, dem modernen Zeitgeist entsprechend, aus einer Anzahl Cinzelpavillons, die in ihrer architektonischen Gestaltung den Kranken­hauscharakter nach Möglichkeit zu vermeiden suchten.

In einem breitgeschwungenen Halbrund grup­pierte sich ein Dutzend schmucker Villen um einen turmgebrönten, schlotzartigen Mittelbau, der die Wirtschafts- und Verwaltungsräume und die Woh­nungen der Aerzte enthielt.

Von hier aus sah man weit hinaus in ein fruchtbares Tal mit behäbigen Dörfern und Höfen inmitten reifender Felder und Wiesen.

Ein kleiner Flußlauf blitzte im Sonnenschein zur Seite einer schnurgeraden weißen Landstraße.

Dahinter grüßte ein zweiter waldiger Höhen­zug, schlangenhaft dehnten sich die weichen Linien und darüber zitterte wie ein zarter Schleier die durchsichtige Frühlingsluft.

Vor der letzten Billa ganz dicht am Rande des Waldes machte der Geheimrat hast und sperrte die Haustür auf aus der ihm der Stationspfleger bereits diensteifrig entgegenkam.

Es mar ein hübsches Landhaus im englischen Stil, das rote Dach, die weißen Wände ganz lichte Heiterkeit, nur eine seltsame Gitterverschnörkelnng vor den vielgeteilten Fenstern deutete seine wahre Bestimmung an.

In der geräumigen, mit Korbsesseln behaglich eingerichteten Diele saß ein hagerer Herr mit einem tiefgefurchten Christusgesicht in einem talarartigen Schlafrock Zigareten rauchend in einem Sessel und begrüßte die Aerzte sofort mit großer Lebhaftig­keit.

„Herzlich willkommen, Herr Geheimrat!" sagte er in überstürztem Ton. „Ich habe soeben die erste Messe gelesen und freue mich, Ihnen gleich meinen päpstlichen Segen erteilen zu können!"

„Wollen Sie inzwischen die Güte haben und mir den Pantoffel küssen, lieber Dr. Schleyer!" unter­brach er sich, seinen rechten Fuß erhebend. „Sie hatten ja wohl eine kleine Gehaltserhöhung bean­tragt. Ist selbstverständlich bewilligt. Ich denke, daß zwei Millionen Ihnen vorläufig genügen wer­den."

Der Ausdruck seines Gesichts veränderte sich ^S^^ustulatur erschlaffte.

samtzahl der Lehrlinge im ^Staatsgebiet beteiligt ist. Die drei Großstädte Frankfurt, Kassel und Wiesbaden zählen allein schon ein Drittel (20 100) sämtlicher Lehrlinge der Provinz, und zwar Frank­furt 14 200, Kassel 5700 und Wiesbaden 3200. Auch in Hessen-Nassau überwiegen die Lehrlinge in den Betrieben der Industrie und des Handwerks. Hier finden wir von den 58 600 allein 44 400, darunter 6500 weibliche. Die weiblichen Lehrlinge entfallen fast ausschließlich auf das Bekleidungsgewerbe (Schneiderei usw.), wo rund 5500 ausgebildet wer­den. Ueberhaupt steht das Bekleidungsgewerbe mit 7500 Lehrlingen bei weitem an der Spitze aller Lehrbetriebe. Mit rund 7300 Lehrlingen folgt dann das Baugewerbe, an dritter mit 6900 die Herstel­lung von Eisen- und Metallwaren Schlosserei usw.) an vierter mit 6300 das Holz- und Schnitzstoffge­werbe (Schreinerei usw.), an fünfter der Maschinen- und Apparate- und Fahrzeugbau mit 4500, an sechster das Nahrungsmitelgewerbe (Bäckerei, Flei­scherei) mit 3200 und an siebenter Stell« die Fein­mechanik, Elektrotechnik und Optik mit 3100. Sonst finden wir nur noch in der Industrie der Steine und Erden mehr als 1000, nämlich 1035 Lehrlinge.

Im Handelsgewerbe unserer Provinz werden 12 200 Lehrlinge ausgebildet, darunter 4450 weib­liche. Im eigentlichen Handel sind es 10 900. Im Gastwirtsgewerbe 510, im Verkehr 440 und im Versicherungswesen 300. Etwa zwei Drittel aller Lehrlinge in Handel und Verkehr lernen in Frank­furt (zirka 5000), Kassel (rund 1700) und Wies­baden (960). Verteilen wir schließlich noch die Lehrlinge auf die wichtigsten Berufe, so finden mir allein 15 300 (davon 5500 weibliche) auf kauf­männischen Büros, 2200 als Dreher, 2900 als Maurer, 1960 als Fleischer, 1500 als Bäcker, 1600 als Mechaniker, 2400 als Maler, 1000 als Klemp­ner, 340 als Gold- und Silberschmiede, 500 als Barbiere usw. Von sämtlichen Jugendlichen im Alter eon 14—18 Jahren waren in Hessen-Nassau

etwa 40 Prozent Lehrlinge.

Dr.

ten: „Anschläge überhaupt die ideale Lösung". Die die Reichsbahndirektionen, 1930'zu berichten, welche sind und eine zeitgemäße

zu vermeiden ist immer Hauptverwaltung bittet ihr bis Ende Februar Anschläge unentbehrlich Fassung erhalten sollen.

* Daten für 10. Januar. Sonnenaufgang 8,2, Sonnenuntergang 16,13, Mondaufgang 12,11, Monduntergang 2,51 Uhr. 10. Januar: '1797 Die Dichterin A. v. Droste-Hülshofs auf Hülshoff bei Münster i. W. geb. (gest. 1848). — 1858 Der Kari­katurenzeichner und Satiriker Heinrich Zille in Radeburg i. Sa. geb. (gest. 1929).

* Hospitalkirche. Heute abend 8 Uhr Bibel­stunde, Pfr. Göckel.

* Der Index nach Dr. Moritz Elsas. Die Lebens­haltungskosten haben sich bis 1. Januar 1930 auf 146,7 gesenkt, sind also um einen Punkt niedriger

^.^ätowmvei^^v^ veHljft vor- » ,

wiegend die Kosten für Nahrung, zum geringen

Teil auch für Kleidung. Der Geldwert der Mark an der Lebenshaltung gemessen, beträgt zur Zeit 68,2 Vorkriegspfennige. Der Wohlstand hat sich im Oktober und November weiter gesenkt. Der Massen­wohlstand hält unter dem Stand des Vorjahres. Die höheren Reallöhne konnten den Rückgang des Be­schäftigungsgrades nicht nusgleichen. In feinem Ausblick sagt Dr. Elsas: Es überwiegen noch die ungünstigen Symptome, weil noch die Unsicherheit betreffs der Haager Konferenz hinzukommt. Wenn durch einen günstigen Ausgang der Konferenz im Haag endlich eine völlige politische Entspannung eintritt und gleichzeitig, wie es den Anschein hat, der Geldmarkt sich weiter entspannt, so darf wohl zum Frühjahr wieder mit einem Aufschwung der Wirtschaft gerechnet werden.

Er ließ den glimmenden Zigarettenrest achtlos auf den Fußboden fallen und versank wieder in ein geistesabwesendes Brüten.--

„Die Malariakur ist bis jetzt leider ohne Wir­kung geblieben!" meinte der Geheimrat halblaut. „Mir tut vor allem die arme Frau leib, eie hatte ihre ganze Hoffnung auf unsere Behandlung ge= setzt."

Der Stationspfleger hatte unterdessen eine der auf die Diele führenden Türen zu einem weiteren Krankenzimmer geöffnet.

Ein unförmig dicker Mann marschierte zwischen Sosa und Bett toktmüßig im Kreist umher, eine weiße Wolldecke wie eine römische Toga malerisch um den faßförmigen Leib geschlungen.

„Guten Margen, meine Herren", schnarrte er pathetisch mit den rollenden R's des alten Pro­vinzschauspielers. „Die Nacht war wieder schauder­voll. Mit glühenden Haken hat man nach mir aus dem Fußboden gegriffen und die Stimme Cäsars ruft mich noch immer aus der Zentralheizung!

Uebrigens, Herr Geheimrat", metzelte er sprunghast den Ton, „befinden mir uns doch hier in keiner Irrenanstalt. Sehen Sie, der Herr dort hält sich für den Papst, den richtigen Papst Bene­dikt!

Das ist ja Wahnsinn, reinster Wahnsinn! schrie er seine Stimme übersteigernd. „Da muß Abhilfe geschaffen werden, sonst ziehe ich hier aus. Eheu fugaces, posthume, posthume!"

Und mit lautem Krachen flog die Zimmertür ins Schloß.

Der Geheimrat wandte sich fragend an den Pfleger.

„Na, Reimann, wird es noch eine Weile gehen mit unserem Papst und dein Kaiser Nero! Oder müssen wir die Herren nächstens weiter ausein- anderlegen?"

Der alte Mann lächelte sein undurchdringliches Lächeln, das er allen Wechselfüllen seines schweren Dienstes unentwegt entgegensetzte.

„Die Herren sind immer nur morgens ein biß­chen nervös und gereizt gegeneinander, aber sonst die besten Freunde. Gestern nachmittag haben sie mit Herrn Bankdirektor Magnus nach dem Essen zuerst einen Choral gesungen und dann im Garten bis zum Dunkelwerden Skat gespielt."

„Der Herr Direktor ist beuf übrigens auch ziemlich ungnädig!" schloß er, die nächste Tür vor­

* Der Soatenfkand im Regierungsbezirk kofiel Anfang Dezember 1929. Nach dem otattftifijen Landesamt ist der Saatenstand im Regierungs­bezirk Kassel wie folgt. (Die «mgeklammerten Zahlen gelten für den preußischen Staat). Winter­weizen 2,4 (2,5), Winterspelz (Dinkel) — (2,6), Wint«rroggen 2,2 (2,4), Wintergerste 2,4 (2,5), Ge­menge aus Wintergetreide 2,6 (2,5), Winterraps und Rübsen 2,8 (2,7), Klee auch mit Beimischung von Gräsern 3,0 (3,1), Viehweiden 3,0 (3,1).

* Hanaus Turner und Sportler ehren Dr. W. Heraeus. Zu Ehren des Herrn Dr. W. Heraeus der heute feinen 70. Geburtstag begeht, fand gestern abend ein vom Reichsausschuh für Leibesübungen, Ortsgruppe Hanau, veranstalteter imposanter Fackelzug statt. Der Zug, an dem rund 1000 Tur­ner und Sportler teilnahmen, marschierte von der Französischen Allee durch die Nürnberger Straße nach der Heraeus'schen Villa. Dort angekommen übermittelte Herr Wilms dem mit seinen Ange­hörigen auf dem Balkon erschienenen Geburtstags­kind die Glückwünsche des Reichsausschusses bzw. der diesem angeschlossenen Turn- und Sportvereine und bat, den Fackelzug als Zeichen der Anerkennung und Dankbarkeit für die langjährige und tatkräftige Förderung des Hanauer Turn- und Sportlebens aufzunehmen. Die Hanauer Turner und Sportler wünschten ihm einen recht angenehmen und zu­friedenen Lebensabend. Anschließend sang ein aus Werksangehörigen zusammengesetzter Chor unter Musikbegleitung „Die Himmel rühmen . . /, wo­rauf Herr Dr. Heraeus tief genährt seinen Dank für die Kundgebung und die damit bewiesene An­hänglichkeit zum Ausdruck brachte. Nach einem wei­teren Musikstück marschierte der Fackelzug nach der Turnhalle der Turngemeinde, wo nach Zusammen­werfen der Fackeln die Auflösung erfolgte. — Wie uns mitgeteilt wird, wurde heute morgen Herrn Dr. Heraeus als erster Glückwunsch von Herrn O berbürgermeister Dr. Blaum, der von Herrn Stadtverordnetenvorsteher, Landgerichtspräsident a. D. Grimm, begleitet war, ein Blumenarrange­ment von der Stadt Hanau überreicht.

* kein Karnevalszug in Hanau. Die drei Hanauer karnevalistifäzen Vereine sowie der Ber­kehrsverein und andere am Zusammenkommen eines Karnevalszuges interessierte Korporationen trafen sich am Dienstag abend zu einer Besprechung über die Aussichten in Hanau einen Karnevalszug zu veranstalten. Allgemein wurden die dahin­gehenden Bestrebungen begrüßt, jedoch die Ange­legenheit vertagt, da wegen der augenblicklich so schweren Finanzlage mit einem ausreichenden Fond für diesen Zweck nicht zu denken ist.

* Stehen wir am Wendepunkt der deutschen Sozialpolitik^ Ueber dieses Thema spricht am kommenden Sonntag, 12. Januar, norm. 10.45 Uhr in der Aula der Universität Frankfurt a. M. in einer Kundgebung des Deutschen Gewerkschasts- bundes, Landesverband für Hessen, Hessen-Rassau und das Nahegebiet, das Mitglied des vorläufigen Reichswirtschaftsrates, Georg Brost- Berlin. Die Kundgebung wird durch Gauvorsteher Auerbach- Frankfurt a. M. eröffnet. Die christlich-nationale Arbeitnehmerschaft will durch die Aufrollung dieser Frage die breite Oeffentlichkeit auf die Bedeutfam-

Erben gesucht.' In Amerika starb eine gewisse Frau Anna Sophia Maria Kothe geb. Heinze oder Heine, welche früher mit einem gewissen Bartels verheiratet war und ihren zweiten Ehemann als Witwe heiratete. Dieselbe ist ungefähr 1854 geboren

und soll aus Hessen-Nassau bzw. aus dem Bücke­burgischen stammen. Angeblich soll sie das einzige Kind ihrer Eltern gewesen sein. Die Namen der Letzteren sind unbekannt. Irgendwelche Personen, welche in der Lage sind Mitteilungen zur Ermitt­lung des Geburtsorts der Erblasserin oder deren Eltern zu machen oder welche Ertnrnsprüche erheben wollen, wollen diese zur Weitergabe nach 'Amerika an Herrn Paul Herrmann, Heidelberg Gartenstr. 1 übermitteln. Insbesondere werden die Kirchen­behörden gebeten, geeignete Nachforschungen in ihren Kirchenregistern anzustellen.

sichtig aufklingend. „Er hat vorhin schon zehn To­desurteile ausgefertigt, die ich alle noch bis Mittag vollstrecken lassen soll!"

„Wünsche einen schönen guten Morgen Herr Direktor!"

Ein spitzbärtig«r, kleiner Herr in einem grell­bunten Schlafanzug lag da unter einem aufgespann­ten Regenschirm im Bett.

„Abzug, Abzug", gurgelte er unwillig in den tiefsten Kehltönen. „Ich bin nicht Ihr Direktor. Ich bin der Ehrenpope von Kalisch. Mein Zustand ist normal. Ich erteile heut' keine Audienzen!" —

Die Herren traten wieder zurück und gingen durch einen Seitenkorridor zum Südflügel des Hauses hinüber.

Ein freundlich nach dem Walde zu gelegenes Zimmer öffnete sich, das ganz voll Licht und Früh­ling war. Unwillkürlich holte der Geheimrat tiefer Atem.

„Hier ist es gut sein!" sagte er. „Ich glaube nicht, daß sich unser Patient über feine Unterbrin­gung beschweren wird, wenn er wieder zu sich ge­kommen ist!"

Dann saß er am Bett des Verunglückten und schaute in das blasse, verfallene Gesicht.

Es war ganz still im Zimmer, nur die gestärkte Haube einer Schwester raschelte leise und aus dem Garten klang zuweilen das helle Zwitschern der Schwalben.

„Können Sie uns noch immer Ihren Namen nicht nennen?" fragte er endlich in feiner eindring­lich suggestiven Art.

Der Kranke hob die Schultern um Haaresbreite aus den Kissen, einen Augenblick lang schien es, als ob er den Mund zum Sprechen öffnen wollte.

Dann aber sank die seelische Erstarrung wieder wie eine Maske über sein krampfhaft arbeitendes Gesicht.

Der Geheimrat winkte feinem Assistenten.

„Ich glaube, in den nächsten Tagen wird bis Eis gebrochen sein! Ich bitte Sie jedenfalls, unse ren Freund ganz besonders im Auge zu behalten, und mir über die geringste Veränderung in seinem Zustand sofort Bericht zu erstatten!"

(Fortsetzung folgt.)

Bei den Bantunegern kann ein Ehemann seine kinderlose Frau gegen deren Schwester Umtauschen.