Nr. 5
Dienstag, den 7. Ianuar 1930
Seile 3
Stadt Kanan
Eknveichung dev Lobnfteuev- abrugsbeSege süv 1920
Abweichend von den Vorschriften der Durch- sührungsbsstimmun-gen über den Steuerabzug vom Arbeitslohn vom 5 .9. 25 hat der Reichsminister der Finanzen durch Verordnung vom 14. 12. 29 bestimmt, daß Lohnsteuerüberweisuugslisten nur sur diejenigen Arbeitnehmer auszuschreiben sind, die im Kalenderjahr 1929 während der ganzen Dauer der Beschäftigung oder während eines Teiles derselben in einer anderen Gemeinde (Sitz-Gemeinde) als in der Beschäftigungs-Gemeinde einen Wohnsitz oder in Ermangelung eines inländischen Wohnsitzes ihren gewöhnlichen Aufenthalt hatten. Dabei ist für jede in Betracht kommende Gemeinde eine besondere Lohnsteuerüberweisungsliste auszuschreiben. Arbeitnehmer, die während der Dauer der Beschäftigung im deutschen Reiche weder einen Wohnsitz noch einen gewöhnlichen Aufenthalt hatten, sind in einer gemeinsamen Lohnsteuerüber- weisungsliste auszu sichren. Bei Vorhandensein mehrerer Betriebsstätten, von denen aus im Jahre 1929 Steuerabzugsbeträge ab geführt worden sind, sind von jeder dieser Betriebsstätte aus die Lohn- steuerüberweffungsltsten 6esonders auszuschrsiben. Hat ein Arbeitgeber die in mehreren Betriebsstätten einbehaltenen Steuerbeträge durch eine Stelle gesammelt an eine Kasse der Reichsfinanzverwaltung äbgesührt, so sind die Ueberweisungslisten von dieser Stelle aus auszuschreiben. Aus Antrag können die Landesfinanzämter Ausnahmen zulassen.
Die Lohnstsuerüberweisungslisten sind auf Grund der Eintragungen im Lohnkonto auszuschreiben. In Spalte 4 sind die Steuerabzugsbeträ ge einzutragen, die von dem Arbeitnehmer einbehalten worden sind von dem Lohn, den der Arbeitnehmer in der Zeit bezogen hat, während der er seinen Wohnsitz oder seinen gewöhnlichen Aufenthalt außerhalb der Beschäftigungsgemeinde hatte.
Die Listen sind aufzurechnen, zu unterschreiben und mit einer Versicherung der vollständigen und richtigen Angabe spätestens bis zum 15. Februar 1930 dem Finanzamt, in dessen Bezirk die Beschäf- tigungsgemeiude liegt, einMsenden. Bei Stellung des erwähnten Antrages muß bis dahin auch die Mitteilung über die Verteilung der Lohnsteuer- beträge aus die einzelnen Betriebsstätten abgegeben werden.
Wenn nach dem Gesagten Ueberweisungslisten nicht auszuschreiben sind, ist dem Finanzamt spätestens bis zum 15. Februar 1930 eine Fehlanzeige einzusenden.
Die Vordrucke (Ueberweisungsliste, Bescheinigung und Fehlanzeige) werden den Arbeitgebern auf Verlangen vom Finanzamt kostenlos zur Verfügung gestellt/
3 m Zusammenhang damit hat der Reichsminister der Finanzen bestimmt, daß die Arbeitgeber Lohnzettel für alle diejenigen Arbeitnehmer auszuschreiben haben, deren Arbeitslohn im Kalenderjahr 1929 9200 RM überstiegen hat. Sie sind bis zum 31. Januar 1930 an das für den Arbeitnehmer zuständige Finanzamt einzureichen.
Nicht Hunde küssen!
i Dom Reichsausschuß für hygienische Volksbelehrung wird uns geschrieben:
Die in Berlin und einigen anderen Städten aufgetretene Papageienkrankheit, die durch ihre Ansteckung eine große Zahl von Menschen gesundheitlich schwer geschädigt hat, macht es notwendig, allgemein davor zu warnen, mit Haustieren in unmittelbare körperliche Berührung zu kommen. Die gebräuchlichsten Haustiere sind der Hund und die Katze. Es braucht niemand die Freude und den Nutzen an diesen Tieren zu entbehren, wenn er vorsichtig mit ihnen umgeht. Ganz abgesehen ä»= von, daß es unappetittlich ist, sich von Tieren belecken zu lassen oder sie gar zu küssen, kann es für den Einzelnen außerordentlich gefährlich sein.
Nicht selten birgt der Dünndarni des Hundes Stornier oder Wurme ier, die durch das Schniif-
Mehr Vertrauen zu den Stetsten!
Wenn trotz der heute bewundernswert fortgeschrittenen ärztlichen Operationskunst eine schwierige Operation den Patienten nicht hat retten können, ist so mancher gern dabei, zu sagen: „Da ist etwas passiert." In diesem „Da ist etwas passiert" liegt ein offener oder versteckter Vorwurf gegen den Chirurgen. Und doch ist in den meisten Fällen ein solcher Vorwurf unberechtigt. Einer der bedeutendsten Chirurgen, Geh.-Rat Dr. Krecke, setzt sich in der Münchener Medizinischen Wochenschrift mit dieser raschen Bereitschaft zum Vorwurf gegen den Arzt sehr ruhig und sachlich auseinander und es dürfte nicht ohne Nutzen für die Allgemeinheit sein, wenn sie über einige seiner Gedanken, die wir im folgenden wiedergeben, einmal nachdenkt.
Der Aufschwung der Chirurgie hat zu einer, man kann wohl sagen, unheimlichen Zunahme der operativen Tätigkeit geführt. Das Publikum hat sich mehr und mehr gewöhnt, für viele Krankheiten die Notwendigkeit eines operativen Eingriffs gelassen hinzunehmen. So sehr es sich in diese Notwendigkeiten gefunden hat, so ist ihm doch ein heimlicher Widerwille gegen dieses Sichfügenmüssen zurückgeblieben, und dieser Widerwille überträgt sich naturgemäß auf diejenigen, die die Werkzeuge des wissenschaftlichen Fortschritts sind,
auf die chirurgisch tätigen Aerzte.
Diese schlummernde Abneigung gegen die chirurgische Behandlung macht sich immer da Luft, wo es der Chirurgie nicht gelungen ist, ein Leben ZU erhalten, oder wo es sogar sich ereignet hat, daß der chirurgische Eingriff als solcher den ungünstigen Ausgang herbeigeführt hat. Die Erfolge der Chirurgie erscheinen heute dem Publikum durchaus selbstverständlich. Ueberall da aber, wo ein Mißerfolg zu buchen ist, wird dieser Mißerfolg dem chirurgischen Eingriff oder besser noch dem Chirugen selbst ins Schuldbuch geschrieben. Die Menschheit kann sich in solchen Lagen nicht dazu aufraffen, einzusehen, daß in den meisten Fällen ein unglücklicher Zufall oder ein außerhalb der Berechnung liegendes Ereignis die Schuld an dem ungünstigen Verlaufe trägt. Sie verlangt von der Chirurgie, daß unbedingt eine Sicherheit für den günstigen Ausgang geboten wird, und sie ist im höchsten Grade entrüstet, wenn diese Sicherheit einmal ausbleibt.
Nicht die Krankheit (durchgebrochenes Magengeschwür, eingeklemmter Bruch, zu spät zur Behandlung gekommene Blinddarmentzündung) hat den unglücklichen Zufall herbeigeführt, sondern der Eingriff, der von dem Chirurgen in der sicheren Ueberzeugung unternommen worden war, daß nur damit das Leben erhalten werden könne, und nach dessen Beendigung tagelang unter schwersten Sorgen, Nöten und Bedrückungen immer von neuem versucht worden war, das enteilende Leben zurückzuhalten. Was weiß denn die Menschheit von diesen seelischen Erregungen, die bei einem schweren Krankheitsfälle jeden mit einem einigermaßen empfindsamen Gewissen ausgestatteten Chirurgen befallen!
Die vom Arzte in bester Absicht voraenommene
geiei
nicht gedacht.
fein des Tieres an den Abgängen in sein Maul geraten und auf diese Weise auf den Menschen übertragen werden können. Dieser sogenannte Hundewurm siedelt sich dann gewöhnlich in der menschlichen Leber an und führt zu einem. Echi- nococcus-Krankheit genannten oft sehr schweren Leiden. Durch den Mund kann der Wurm auch ins Gehirn des Menschen gelangen und dort eine Erkrankung Hervorrufen, die, wenn sie nicht rechtzeitig erkannt und behandelt wird, zum Tode führen kann. Besonders ist aus die Kinder zu achten, denen jede übertriebene Zärtlichkeit mit Hunden und Katzen zu verbieten ist. Unbedingt ist jedesmal eine sorgfältige Waschung vorzuneh-
Zweifellos liegt es in der Einstellung der menschlichen Natur, alles Gute, das man erreicht, sich selbst und seiner großen Begabung zuzuschreiben und so auch zu glauben, daß der glückliche Ausgang einer Erkrankung nur dem eigenen Verdienst zu danken sei. Jeder Kranke ist am vergnügtesten dann, wenn man ihm sagt: „Ja, bei Ihnen heilt es gut, Sie haben ja ein wunderbar gutes Blut." „Ja ja, Herr Doktor, bei mir heilt immer alles gut, bei mir eitert nie etwas." Man ist immer wieder erstaunt, wenn hin und wieder einer sagt: „Na, mein lieber Doktor, die Hauptsache haben doch Sie gemacht."
Alles, was an Unglück und widrigem Schicksal den Menschen trifft, liegt dagegen außerhalb des Schuldbuches, alles Unglück im Beruf und vor allen Dingen alle Mängel der Gesundheit.
Daß die Krankheiten vom Schicksal dem Menschen ebenso gegeben sind, wie das Leben, will keiner einsehen. „Ich verstehe gar nicht, wie ich habe krank werden können, wo ich doch mein Leben lang, über 70 Jahre gesund gewesen bin.“ Ebenso, wie der Mensch das Auftreten einer Krankheit für eine ungerechte Schicksalsfügung ansieht, so kann er auch nicht verstehen, daß diese Krankheit nicht sofort von dem dazu gerufenen Arzt beseitigt wird. Der Arzt muß eben schnell dasjenige Mittel bei der Hand haben, das sofort und sicher hilft!
Hat die Einstellung der Menschheit gegenüber der ärztlichen Leistung sich geändert? Das unbedingte Vertrauen in die ärztliche Kunst ist leider im Abnehmen. Wir älteren Aerzte wissen aus unserer Jugend, daß in unseren väterlichen Häusern unserem Doktor unbedingt Vertrauen entgegengebracht wurde. Dem Manne, der oft noch spät abends von seiner beschwerlichen Praxis ins Haus kam, um nach einem Familienglied zu sehen, wurde restlos geglaubt; was der sagte, war Evangelium, und konnte er nicht helfen, so fügte man sich ohne Murren in das Unabänderliche. Die Welt ist fortgeschritten, die Chirurgie hat uns gelehrt, daß wir viele dem sicheren Tod entreißen können, die früher unbedingt verloren waren. Leider sind dabei aych viele verunglückt, die vielleicht sonst ein längeres Leben gehabt hätten. Das sieht die Menschheit. So sehr sie Respekt bekommt vor den Großtaten der Chirurgie, so sehr ist sie geneigt, das Unvollkommene in das ihm gebührende Licht zu setzen, und so ist zu der Bewunderung auf der einen Seite, die Verdammung auf der anderen Seite gekommen. Die Verbilligung und Verschleuderung der ärztlichen Leistung haben dabei mitgeholfen.
Wir müssen mit diesen Tatsachen rechnen. Der gewissenhafte Arzt, der sich seines richtigen Handelns bewußt ist, wird wohl dadurch bekümmert sein, er wird sich aber in seinem Vorwärtsstreben nicht beeinflussen lassen. So sehr es Energie und Selbstbeherrschung kostet, den Fehlschlägen gegenüber die sichere Haltung zu bewahren, so wird er immer von neuem dasjenige versuchen, was ihm die.Erfahrung und die Lehren der Kunst als wert- ' en zugebracht haben.
men, wenn ein Hund uns beleckt oder wir bei Kindern ein Küssen des Hundes wahrgenommen haben.
Auch die Katze kann gefährlich werden, freilich weniger durch den Wurm. Hund und Katze treiben sich viel auf der Straße herum und bringen Unreinlichkeiten ins Haus, die ihrem Fell an- haftsn. Durch das Streicheln schmutziger Hunde und Katzen oder durch die Unsitte, Hunde und Katzen mit ins Bett zu nehmen, können Hautleiden, Krätze oder ekzemearrige Ausschläge entstehen. Die peinlichste Reinhaltung der Tiere und die Vermeidung unhygienischer Angewohnheiten wird hier den nötigen Schutz verleihen.
* Daten für 8. Januar. Sonnenaufgang 8,4 Uhr, Sonnenuntergang 16.10 Uhr. Mondauigang 11.39 Uhr, Munduntergang 0.14 Uhr. 8. Januar: 1642: Der Physiker und Astronom Galileo Galilei in Arcetckie bei Florenz gest. (geb. 1564). — 1822: der Naturforscher Aljred Russel Wallace in Uhs geb. (gest. 1913). — 1830: Der Musiker Hans von Bulow in Dresden geb. (gest. 1894). — 1919: Der ^tinfteUer Peter Altenberg in Wien gest. (geb.
* Hohes Aller. Ihren 84. Geburtstag feiert morgen Frau Jeanette Brauburg er geb. Winkler, Nürnberger Straße 4.
* Das Fest der silbernen Hochzeit feiern morgen Polizeihauptwachtmcister Hermann Wildhagen und Frau Minna geb Busche, Frohnhof 9.
♦ Unveränderte Arzneitaxe 1930. Der Reichsrat hat beschlossen, die deutsche Arzneitaxe 1929 unverändert auch für das Jahr 1930 zu übernehmen. Vorgesehen ist lediglich eine neue Errechnung der Preise der Arzneimittel und der Gefäße sowie die Aufnahme einer Bestimmung in die Einführungsverordnungen, daß die Apotheker von den Arzneikosten der Kriegsbeschädigten den gleichen Abschlag zu gewähren haben wie von den Arzneirechnungen der Krankenkassen, denen die Kriegsbeschädigten zugeteilt sind.
* Hundgverbot auf dem Dochenmarkk. Gegen das Verbot, Hunde während der Wochenmärkte mit auf den Marktplatz zu bringen, ist in letzter Zeit häufig verstoßen worden, sodaß verschiedentlich Anzeige gegen Hundebesitzer erfolgen mußte. Die Anordnung ist im Interesse der Sauberkeit erlassen und unbedingt einzuhalien.
* Schasst Radfahrwege, das ist die Parole des Vereins für Radfahrwege, der auch in Hanau einen Ortsausschuß gegründet hat. Um die große Oeffent- lichkeit über N.wtwendigkeit, Zweck und Ziel eines Vereins für Radfahrwege aufzuklären, veranstalten die Vereinigten Radfahrer-Vereine Hanaus am Mittwoch, 8. Januar, 8 Uhr, im Hotel Riesen einen äsentlichen Lichtbildervortrag, zu bem alle Radfahrer eingeladen sind. (Näheres siehe Anzeige).
* Evangelisches Kasino. Die diesjährige Winter- veranstaltung^ am Sonntag, 5. Januar, im großen Saale der Turnhalle, erfreute sich eines außerordentlichen Besuchs seitens der Mitglieder und Gäste. Sie bildete ein echtes Gemeinschastssest und zeugte von einem guten evangelischen Zusommen- gehörigkeitsgeist. Das reichhaltige Programm wickelte sich glatt ab. Die Darbietungen bestanden in musikalischen Vorträgen einer Abteilung der Freiwilligen Feuerwehrkapelle, ernsten und heiteren Rezitationen des einheimischen Rezitators Herrn Bock, künstlerischen Vorträgen des Mando- linenorchesters der „Rothenbucher", allerliebsten Tanzaufführungen kleiner Tanzkünstler und in einem Singspiel „Braune Tausender." Umrahmt wurden diese Darbietungen von den Gesängen der Gesangsabteilung des Kasinos und der Ansprache des Vorsitzenden, Herrn Pfarrer Kranepuhl. Das Dargebotene gereichte allen Mitwirkenden zur großen Ehre. Alle gaben ihr Bestes zu einem guten Gelingen der Veranstaltung. Der allseits beliebte Rezitator fesselte die Zuhörer an seine ernsten Rezitationen und erheiterte sie bei seinen humarist- ffÄen und Diaiekt-Vorträgen,, Ale, zwxi kleinen Operetremäuger zeigten wahres DanzkunfttTMenr und mußten mehrmals tanzen. Die wackere Sängerschar unter der trefflichen Leitung ihres Dirigenten Herrn Lehrer Müller, brachte Sätze von Schumann, Schubert und Brahms. Die Minneianger Vineta, Komm o komm, Geselle mein, klangschön und stimmungsvoll zu Gehör. Schade, daß" nicht mehr Volkslieder gesungen wurden. Wahre Lachsalven rief das Singspiel: „Braune Tausender" hervor. Von Anfang bis zu Ende von den Mitwirkenden gut und flott durchgeführt. Außerordentlich gefielen auch die Darbietungen der „Rothenbucher" und Festkapelle. Am Schlüsse des Programms konnte daher der 2. Vorsitzende, Herr Schmidt, allen von Herzen danken, die sich um das Zustandekommen des so schön verlaufenen Festabends in so hervorragendem Maße bemüht haben, an der Spitze der Vorsitzende des Fest-Ausschusses Herr Kunzmann.
Roman von Hans Schulze
31 Fortsetzung. (Nachdruck verboten.)
In ununterbrochenem Zuge flutete ein dichter Menschenstrom durch die gläsernen Schwingetüren in den gähnenden Rachen der großen Eingangshalle dieses Vorhofes zum Inferno, vor dem ein bronzener Löwe die sich unwillig bäumende Schlange des Verbrechens mit seiner krallenbewehrten Pranke zu Boden hält.
Walter v. Prayer war mit Evelyn kurz vor Zwölf Uhr in Moabit eingetroffen und geleitete sie fürsorglich durch das Labyrinth der unzähligen Treppen und Gänge bis vor das Verhandlungs- Zimmer des Untersuchungsrichters.
(Ein schnauzbärtiger Justizwachtmeister, der einem Garüeregiment als Flügelmann Ehre ge- macht haben würde, nahm ihr die Ladung ab und stellte ihr mit einschüchternder Tonhärte noch eine längere Wartezeit in Aussicht, da in einem großen Kokainschieberprozeß schon seit mehreren Stunden umfangreiche Vernehmungen stattfandem
Mit einem leisen Schauder ließ sich Evelyn aus eine Bank nieder; sie konnte nicht mehr weiter, die Knie drohten ihr vor Aufregung und (Erschöpfung den Dienst zu versagen.
(Ent blasierter Bubentopf mit einem orange- roten Mund aß ihr schräg gegenüber. dasrechte eingekniffene Auge herausfordernd mit einem Einglas bewehrt. . „ ., ,
Daneben eine ganze Schau verfallener blu- loser Gesichter, vom Herold des J-obes, der Kokam seuche gezeichnet; Vabangue-Spieler .Lebens mit verbissenem Groll und trotziger Verstockihelt gegen Recht und Gesetz. , .
Zuweilen kam ein bekannter 2huualt vorbei, voll breiter gleichmütiger Würde, in jvswarzei Robe und meißleuchtender Krawatte.
Zwei Schöffen, ernstgeftiinmte Danbiuertsme ’ stcr in ehrsamer Feiertagsgewandung,* rauschten verstohlene Flüsterworte neben einem kragentosen Herrn aus dem Scheu, lenviertel.
Eine seltsame gespannte, ängstlich-scheue Stimmung hing in dem verschwindenden, grünlich gei
sternden Licht des endlosöden Korridors, vor dessen trüben Fensterhöhlen der Nebel stieg und fiel wie der rauchende Schutt dieses zerstörten Tages.
Jetzt öffnete sich die Polstertür zum Allerheiligsten des Untersuchungsrichters.
Ein geckenhaft gekleideter, noch blutjunger Mensch trat selbstbewußt heraus, ein blasiertes Lächeln auf dem pergamentenen Anatomiegesicht, und winkte die bubenköpsige Dame mit einer herrischen Handbewegung an seine Seite.
Auch die übrigen Mitglieder der Seuchengilde hatten sich wie auf Kommando erhoben und verschwanden unter aufgeregtem Gestikulieren und Schwatzen über die harten, hallenden -Stein-fliesen um die nächste Kvrridorecke.
Dann wurde Evelyns Name aufgerufen.
Der Wachtzneister riß die Tür weit vor ihr auf.
Im nächsten Augenblick stand sie in einem großen, saalartigen Raum mit vielen blankpolierten Bänken und ‘ einem langgestreckten Podium.
Irgendwoher klang eine schnarrende, befehls- gewohnte Stimme:
„Bitte, wollen Sie Platz nehmen, gnädige Frau!"
Evelyn gehorchte mechanisch, die eingeschossene Luft des muffigen Raumes benahm ihr fast den
Atem . f .
Von Dem Richter, der eifrig arbeitend hinter bem Büchergebirge seines Podiums wie in einem kleine» Festungsbau verschanzt saß, gewahrte sie zunächst nur eine umfangreiche, mattspiegelnde Glatze deren spärlicher Haarkranz in graustacheligen Strähnen über die tiefangesetzten Ohren hinwegstarrte. i
Zur Linken, mit dem Rucken gegen das Podiumsenster, hockte ein alter Gerichtsschreiber, ein schmalbrüstiges, zugeknöpftes Männchen mit einer knalligen Trinkernase und kaute bedächtig an seiner Frühstückssemmel.--—
Jetzt hob der Richter bett Kopf und richtete seinen scharfen Examinatorenblick mit prüfendem Ausdruck auf Evelyns überwachtes, blasses Gesicht.
„Sie sind Frau Evelyn Karr, geborene v. Eckartsberg", fragte er kurz gemessen, mit geringer Verbindlichkeit.
Evelyn bejahte schüchtern und gab zu dem
hastigen Gekritzel des Schreibers die wichtigsten Daten ihres Lebenslaufs.
Der Richter blätterte unterdes in seinen Akten und betrachtete zuweilen die tadellos gepflegten Nägel seiner auffallend weißen Hände.
„Ich habe Sie hier vorgeladen", sagte er dann mit betonter Wichtigkeit, „weil ich Sie bitten möchte, mir einige Fragen nach den letzten Lebensstunden Ihres Herrn Gemahls und vielleicht auch noch nach einigen anderen, damit zuiammenhän- genden Dingen zu beantworten. Da Ihre Aussagen vielleicht von ausschlaggebender Bedeutung für die weitere Aufklärung der überaus traurigen Angelegenheit werden können, muß ich Sie um recht genaue und wahrheitsgemäße Auskunft ersuchen!
„Sie waren mit Ihrem Herrn Gemahl an dem betreffenden Abend noch im Theater?" schloß er, feinen kahlen Schädel höher aus dem sehnigen Halse herausreckend.
Evelyn nickte.
„Ja, im Westendtheater. Wir fuhren nach der Vorstellung direkt nach Hause und speisten dort noch zur Nacht."
„Das deckt sich mit den Bekundungen ^bres Dieners! Was geschah dann weiter?"
„Ich hatte mit meinem Gatten nach dem Esten noch eine kurze Besprechung in seinem Arbeitszimmer!" _ ,
„Darf ich Sie bitten, sich über deren Inhalt etwas näher auszulassen?"
Evelyn stutzte.
„Ich wüßte nicht, in welchem Zusammenhang diese Unterredung, die einen rein privaten Charakter hatte, mit dem Tode meines Mannes stehen könnte!"
Eine Falte des Unmuts erschien auf der hohen Stirne des Richlers.
„Ich glaube, Sie überlasten es am besten mir, wie weit ich den Kreis meiner Fragen zu ziehen gedenke. Nach einer neuerlichen Angabe Ihres Dieners soll das Zusammensein mit Ihrem Herrn Gemahl zuweilen einen recht stürmischen Charakter angenommen haben!"
„Mein Gatte war in den letzten Tagen infolge einer starken Arbeitsüberlastung meist sehr nervös und gereizt. Ich verlies ihn übrigens schon nach kurzer Zeit, um meiner kranken Mutter in Zehlendorf noch einen Besuch abzustatten!"
„Eine etwas ungewöhnliche Besuchsstunde!"
„Meine Murrer ist schon sei langem schwer leidend, so daß ich jederzeit mit dem Eintritt einer Katastrophe rechnen kann!"
„War denn an jenem Abend eine besonders alarmierende Nachricht eingegangen, die teie noch zu einem so späten Besuch veranlaßt? Zu ihrem Diener haben Sie ja wohl von einem Telephonanruf gesprochen!"
Evelyn zögerte ein paar Augenblicke lang mit der Antwort.
„Ja, ich glaube, meine Schwester hatte angerufen", sagte sie dann unsicher.
Der Richter hatte sich wieder in seinen Sessel zurückgelehnr und fixierte Evelyn geraume Zeit durchs seine scharfen Kneifergläser.
„Seltsamerweise", begann er endlich mit schlecht verhehlter Befriedigung, „hat nach einer amtlichen Auskunft der Fernsprechzentrale Wannsee in der fraglichen Nacht überhaupt keine Verbindung zwischen Amt Zehlendorf und Ihrer Nummer bestanden. Und dann sind Sie, gnäd. Frau, nach der Aussage des Portiers einer Nachbarvilla, der dies ganz zufällig beobachtet hat, erst gegen sechs Uhr morgens nach Zehlendorf herübergekommen. Das ist doch einigermaßen auffällig, wenn man sich vergegenwärtigt, daß Sie nach Ihrem eigenen Zugeständnis Ihre Wohnung viele Stunden vorher verlassen haben, um Ihre Frau Mutter zu besuchen, deren Gesundheitszustand angeblich eine bedrohliche Wendung genommen hatte.
Darf ich fragen, ivo Sie sich in der Zwischenzeit aufgehalten haben?"
Etrelyn senkte den Kopf.
„Darauf verweigere ich die Antwort!" sagte sie leise, kaum hörbar.
Ein Schweigen entstand und richtete sich langsam wie eine Wand zwischen ihnen auf.
Der Richter hatte seinen Kneifer abgenommen und blinzelte aus seinen unbewehrten, graugrünen , Augen nachdenklich ins Leere.
(Fortsetzung folgt.)
Die Arbeitsleistung eines Infantcriegeichoijes | von 10 Gramm beträgt an der Mündung 300 Kilo * gramm - PS. Ein Grammg- choy hätte demnach 0,4 Pferdestärken.