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ENTSÄUERT

PAL 2019

Das unerreichte W under der Jonglierkunst ist der verstorbene Rastelli

Zwei Scheinwerfer zerreißen den Dunst der riesigen Kuppel des Zuschauer- raumes. Sie kreuzen sich zehn, fünfzehn Meter hoch oben. Tausend Augenpaare folgen wie gebannt den drei bellen Gestalten im Trikot, die an den Sei» len in die Höhe fliegen und auf die schmalen Stangen der beiden Trapeze gleiten. Fünf­zehn Meier hoch!

Leise schwingen die Trapeze auf und nieder. Der Ausschlag wird stärker, staunend »olgt die Menge mit dem Blick den sicheren, kraftvollen und spielerischen Bewegungen der bellen Gestalten dort oben. Plötzlich hängt der e^ne der Artisten nur noch mit den Knien im Trapez, der Schwung seines Kör­ners verstärkt die Bewegung des Trapezes. Der andere, mit den Armen am Trapez bangend, scheint nichts als Freude an diesem Hin- und Herschwingen zu empfinden. Beide schweben aufeinander zu, entfernen sich wie­der voneinander ein «piel des Zufalls scheint es dem Laien obwohl jeder Zen­timeter, jede kleinste Bewegung berechnet in. Schon umfaßt der Schwung der beiden Trapeze eine riesige Spannweite, als das Orchester aussetzt und mit dumpfem Trom­melwirbel die atemraubende Sekunde dort oben begleitet

Der Mann, der eben noch am Trapez hing, fliegt mit ungeheurer Kraft, wie fort- gcschleudert, aus dem Schwung heraus, frei in der Luft er überschlägt sich einmal, zum zweitenmal und dann, während des Sturzes in die unheimliche Tiefe, zum drittenmal! Aus dem dritten Salto stürzt er kopfüber hinunter fünfzehn Meter Tiefe unter sich der andere ist noch fern, sein Trapez schwingt ruhig, seine Arme hängen frei. Er wird ihn nicht erreichen?

Es ist das Werk einer Sekunde be- wundrrnswert und ewig unverständlich: das Trapez schwingt haargenau dorthin, wo ein Mann aus der Kuppel hinunterstürzt in einen Abgrund. Vier Hände schließen sich zusammen und ein Trapez schwingt ruhig und sicher weiter hin und her als wäre nicht soeben der Tod daran vorüber­geglitten.

Der einzige Artist der Welt, der augen­blicklich den dreifachen Salto vorzuführen vermag, ist Alfreds Todona. Die Brüder Codona, einer alten mexikanischen Familie entstammend, traten mit ihrer Partnerin als einzige das Erbe der F l y i n g Jordans" und der E l a i r -

Nit Mööögiidhr

Der Clown Grodt in »einer weltberühmten Meelkww

Dtey^&BMie

Lreifncher Salto modale Artisten mit 30000 Mark Monatsgaqe Schicksale im Scheinwerserlich Artistentricks, die nie wieder erreicht wurden - Ein Stück Geschichte des internationalen Bauers von Hellmuth Brennert ;

conians an. DieFlying Jordans", drei junge, wagemutige Amerikaner, zeigten vor rund 25 Jahren zum erstenmal den drei­fachen Salto. Hier war es eine Frau, die allabendlich das Spiel mit dem Tod im Scheinwerferlicht vorführte. Nach ihrem Abtreten von den internationalen Variets- bühnen währte es fast zehn Jahre, bis neue Luftakrobaten diese sensationellste Nummer vorführten. Kein Wunder, daß man die Darsteller dieses dreifachen Saltos, der größten Wagemut, höchstes Können und eiserne Disziplin verlangt, zu den ersten Varietskünstlern rechnet. Die Codonas sind heute mit einer Abendgage von über tausend Mark die höchstbezahl­ten Künstler der Welt!

Und interessant ist wohl vor allem die Tatsache, daß ihre Darbietungen geradezu suggestive Ueberzeugungskraft haben! In jenen Unglückstagen vor einem Jahr, da Alfredo Codona, zutiefst getroffen durch den Todessturz seiner Gattin Lilian Leitzel, dennoch seinen Engagementsverpflichtungen nachkommen mußte, jedoch nur einen Doppelsalto zeigte, sprach man ganz allgemein begeistert von seiner einzigartigen Leistung, dem dreifachen Salto!

Wer von den ungeheuren Gagen der Artisten hört, muß sich, bevor er ein Urteil darüber abgibt, darüber klar sein, daß das

Vor dem dreifachen Salto in der Theaterkuppel Die Codonas, die höchst- bezahlten Artisten der Welt

Schöööön!

Das Schlagwort, das die drei Brüder Rivel berühmt machte

Artistengewerbe zu den schwierigsten überhaupt zählt. Nicht allein wegen der ständigen Lebensgefahr, in der manche der Künstler bei der Ausübung ihrer Nummern schweben. Auch die Tat­sache, daß in diesem Fach nichtbetrogen" werden kann, daß nur die ehrlichste, sauberste Arbeit, nur ein ungeheures Maß von echtem Können so hoch geweitet wird, spielt eine Rolle. Die Konkurrenz ist außerordentlich groß jede neue Nummer muß, da das Publikum heute schon sehr ver­wöhnt ist und immer schwierigere Darbie­tungen verlangt, während der langen Stu­dienzeit geheim gehalten werden. Wenn ein Trick erst einmal auf jeder Vorstadt­bühne nachgeahmt wird, kann auch da» Original" keine Niesengage mehr ver­langen. Es kommt hinzu, daß nur die wenigen ganz großen Nummern heute noch hoch bezahlt werden, daß zwischen ihnen und zweitklassigen Künstlern kein entsprechender Abstand besteht finanziell gesehen, sondern gleich eine kaum überbrückbare Kluft. Es gibt heute gute Varietskünstler, diefürzwei.dreiMark proAbend auftreten und nicht selten noch bei großen Veranstaltungen aus Propaganda-Gründen dazuzahlen, nur um wieder einmal auf­treten zu können, um wieder einmal ge­nannt zu werden!

An zweiter Stelle nächst den Codona» steht auf der Skala der Varietebühnen der r o fe e Clown Grock, der sich alljähr- ich unwiderruflich von der Bühne auf sein Schloß an der Riviera zurückzieht und besten Kunst, »as Allzu-Menschliche ine Philoko-

phisch-Heitere hinaufzusteigern, doch niemand entbehren möchte. Auch er, so sagt man, bezieht eine Abendgage von tausend Mark 4'ür sein seit dreißig Jahren in jeder kleinen luance festgelegtes Auftreten.

Der verstorbene R a - stellt, das spielerisch tänzerische Genie der Jongleurkunst, stellte die gleichen Ansprüche, und die aufstrebenden Sterne am internatio­nalen Varictehimmel, die drei Brüder Rivel, die die alte Clownerie zu höchster, überzeugendster Kunst führen, sind nicht weit von diesen Gagensätzen entfernt.

Salto vorwärts und rückwärts auf dem Drahtseil schlägt der schöne Mexikaner Concolleano

einer,

Noch einer darf nicht vergessen werden, dessen Kunst derzeit ebenso unerreicht ist wie seine Gage: Con Colleano, der

chöne Mexikaner und Virtuose des Draht- eils. Er ist der einzige, der auf dem chivankenden, schmalen Seil ben Salto rück- wärts unb auch vorwärts auszuführen ver­steht! Eine Oeiftuna, He schlechthin unver-

stündlich erscheint und sich einem bis zum äußersten

wohl nur aus übersteigerten

Gleichgewichtsgefühl und einer nachtwand­lerischen Sicherheit, gepaart mit unvergleich­licher Kühnheit erklären läßt.

Nächst ihm erzielten Tagesgagen von tausend Mark nur die spanische Sängerin und Tänzerin Raquel Meller und der unübertroffene Zauberkünstler E o l d i n. In geringem Abstand folgen die berühmten Brüder Fratellini mit ihren heiteren Späßen und die d r e i welt­bekannten Seelöwen, die unter Lei­tung ihres Dresseurs die angeborene Song» lierfreude zu unvorstellbarer Virtuosität ausgebildet haben.

Das alles sind Künstler von Weltruf, Menschen, die ;n äußerster Zurückgezogen-

Heit, fast ohne Privatleben, ganz nhn» Skandalaffären ausschließlich ihrer schweren Arbeit leben. Ihre Kunst muß als inter­national angesehen werden. Eine Kunst, der sich Deutschland verhältnismäßig spät erschloß. Die Geschichte des modernen deut­schen Varietes datiert nämlich erst aus den neunziger Jahren des vorigen Jahrhun­derts. Vorher gab es wohl Freiluftauffüh-

rungen bei Jahr­märkten, doch wurde

das erste geschlossene Theater für Va- rietzzwecke erst um die Jahrhundert­wende erbaut es war das Th e ater Mellini in Hannover. Später folgten dann die Berliner Reichshallen, das Apollo-Theater in Düsseldorf, das Zentraltheater in Dresden und ähnliche Stätten für Varietskunst in anderen Städten.

Die ausländisch klingenden Namen der Artisten lassen häufig die Annahme zu, es gebe keine eigentlich deutschen Künstler des Varietes. Dagegen sprechen allerdings Namen wie Schu­mann, Renz und B l um e nfel d, die Weltbedeutung haben. Sylvester Schäffer Artiz, einer der größten Kunstradfahrer Sandwina, die stärkste Frau der Welt Clermont, der Dressurclown, sie alle sind Deutsche!

Und für alle die, die da behaupten, ein höherer Stand der Varietekunst, stärkere und gefährlichere Darbietungen ließen sich nicht mehr erzielen, und die damit das Ende der Artistik vorhersagen, seien einige berühmte Tricks erwähnt, die aus alter Zeit stammen und bisher nicht wieder erreicht wurden: da war ein englischer Seiltänzer, der im Jahre 1750 ein Drahtseil von der Erde zur Kirchturmspitze spannte, daran emporkletterte, um sich oben ein dünnes Brett mit Mittelkerbe vor die Brust zu schnallen, und so, auf dem Seil liegend, das Gleichgewicht haltend und Pistolen ab­feuernd, in Sekundengeschwindigkeit zu Boden glitt aufgefangen von ein paar Polstern.

Das tollste Ea uk l er ku nst stück aber dürften sich zwei Artisten Ende des 2. Jahrhunderts nach Christi Geburt erdacht haben: ein Knabe wurde von einem Schleu­derbrett abgewippt, indes sein Partner einen Pfeil abschoß, um den herum der Knabe ein Salto mortale drehen mußte! Dieser Trick ist bisher oftmals erprobt und niemals er­folgreich durchgeführt worden.