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Nr. 139

Gchlüchterner Zeitung

3. Blatt.

Englands Abrüsinngs-Vorschsäge

Rückkehr Deutschlands zur Konferenz allgemein gefordert.

Genf, 18. November.

Im Büro der Abrüstungskonferenz hielt Sir John Si­mon die angkündigte Rede über den Standpunkt der eng­lischen Regierung zur Abrüstungsfrage. Simon gab feine Erklärungen ausdrücklich im Namen der englischen Regie­rung ab. Sehr ausführlich beschäftigte sich Simon mit der deutschen Forderung nach Gleichberechtigung. Er erklärt«, daß diese Frage unbedingt geklärt werden müsse, da sie die wichtigste Vorbedingung für die weiteren Arbeiten der Kon­ferenz sei. Man müsse dieses Problem freimütig ins Auge fassen. Er behandelte sodann die Frage unter vier Gesichts­punkten.

Der Anspruch auf Gleichberechtigung.

1. Der Versailler Vertrag sei ein bindendes Dokument. Gleich anderen Verträgen könne er nicht durch einseitige Handlungen beiseite geschoben werden. Er könne nur

mit gegenseitiger Zustimmung geändert werden.

Hier bemerkte Simon, der französische Plan, den er heute nicht diskutieren wolle, enthalte in der Tat einen Vorschlag für die Rekrutierungsmethode der Kontinental-Armee, der eine Aenderung der Bestimmungen des 5. Teils des Versail­ler Vertrages mit sich bringe, und der auf eine Anwendung des Prinzips der Gleichberechtigung Hinziele.

2. Aus der Präambel zum Teil 5 des Vertrages und Mmenceaus gleichzeitiger Erklärung im Namen der Alli­ierten ergebe sich ohne Zweifel,

daß die Deutschland auferlegte Abrüstung zu dem Zweck beabsichtigt und ausgesprochen wurde, um ein wesent­liches Maß der allgemeinen Abrüstung einzuleiten.

3. Ohne gewisse Abrüstungsmaßnahmen anderer Staa­ten unterschätzen zu wollen, bleibe die Tatsache bestehen, daß, während Deutschland den Beschränkungen des Friedensver­trages unterworfen ist, andere Nationen der Welt noch nicht gegenseitigen bindenden Verpflichtungen zur Begrenzung und Herabsetzung ihrer Rüstungen unterstehen, abgesehen von den Flottenverträgen von Washington und London.

Eine weitere Tatsache sei, daß andere Nationen sich noch diejenigen Waffen erlaubten, die durch den Frie­densvertrag Deutschland verboten seien.

4. Inzwischen sei Deutschland ein vollberechtigtes Mit­glied des Völkerbundes geworden, und es habe das unbe­streitbare Recht erlangt, eine aleicke Stellung eintunebmeu.

Englands Anerkenntnis.

Der englische Außenminister wiederholte sodann die Er­klärungen, die er bereits im Unterhaus abgegeben hat. Wenn die Gleichheit des Status gewährt werden solle, so müsse das Prinzip der qualitativen Gleichheit anerkannt werden

und die englische Regierung erkläre ihre Bereitwillig­keit, in Zusammenarbeit mit den anderen Staaten der Abrüstungskonferenz dieses Prinzip in die neue kon- V ____... eeulioö.aufmiKlunen--------

Es ist wesentlich, daß Deutschland daran teilnimmt.

1 Sir John Simon erklärte sodann, die englische Regierung ! lege Nachdruck auf zwei Punkte:

Erstens sei es die Aufgabe der Abrüstungskonferenz, ein M Maximum positiver Abrüstung unter allgemeiner Iuftim- I mung zu erreichen, nicht unter Berufung auf die Gleichheit U die Rüstungen zu erhöhen. Zweitens könne die praktische Verwirklichung des Prinzips der Gleichberechtigung nicht auf einmal erreicht werden.

! I Zum Schluß legte der englische Außenminister dem Büro ) I der Abrüstungskonferenz Vorschläge der englischen Regierung I vor. Diese Vorschläge sollen in der ersten Etappe nach de>' Ansicht der englischen Regierung verwirklicht werden.

Seerüstung.

«I Sie seien unter dem Gesichtspunkt der Berücksichtigung der deutschen Gleichberechtigung aufgestellt.

M Die englische Regierung sei augenblicklich im Begriff, zu M einem Uebereinkommen mit den Hauptseemächten über eine M wesentliche Herabsetzung der Größe der Linienschiffe zu ge- 1 I langen. Jeder Schiffsbau, den Deutschland unternehme, dürfe aber nicht die Gesamttonnage in irgendeiner der ihm zu- I gestandenen Kategorien erhöhen. England sei bereit, seine Kreuzer auf die Grenze herabzusetzen, die Deutschland er- laubt sei. England sei ferner zu einer vollständigen Ab- 1 Ichaffung der Unterseeboote bereit, die Deutschland ja auch | verboten seien. Dies sei der beste Weg, um in diesen Waffen-

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kategorien den Anspruch Deutschlands auf Gleichberechtigung zu erfüllen.

Landrüstung.

Auf dem Gebiete der Landrüstungen schlage England die Abschaffung der schweren Tanks über einer bestimm­ten Grenze vor.

Die Zulassung des Grundsatzes gleicher Behandlung mache es unmöglich, im Prinzip Deutschland das Recht zum Besitz einer beschränkten Anzahl solcher Tanks abzusprechen, bie allgemein zugelassen werden sollen.

Um auf dem Gebiete der schweren Artillerie der deutschen Gleichberechligungsforderung entgegenzukommen, sei es am besten, die Herabsetzung der Kaliber aus das Deutsch­land gewährte Maß zu erstreben.

Wenn man sich durch ein internationales Abkommen für die Zukunft auf ein Kaliber von 105 Millimetern einige ;o würde dadurch sichergestellt werden, daß die Neuanschaffung und Neukonstruktion von Kanonen künftig in die 105-Milli- meter-Grenze falle.

Luftrüstung.

Auf dem Gebiete der Luftrüstung wäre England zu einer Abschaffung der Militär-, See- und Bombenflug­zeuge und gleichzeitig zu einer internationalen Kontrolle der Zivilluftfahrt bereit.

Ausgeschlossen von dem Verbot der Bombenflugzeuge sollten lediglich solche Maschinen sein, die für Polizeizwecke in ent­fernteren Gegenden gebraucht werden. Die Schwierigkeiten aber für ein solches Programm seien offenbar sehr groß. England schlage deshaw vor:

1. die sofortige Herabsetzung der Luftstreitkräfte der Haupt­mächte auf das Niveau der englischen Lustmacht:

2. nachdem dies geschehen ist, eine Herabsetzung des Niveaus um ein Drittel mit Einschluß Englands;

3. Begrenzung des Leergewichts der Militärflugzeuge auf eine möglichst niedrige Grenze. Die englische Regierung sei der Meinung, daß Deutschland während der Verhandlungen hierüber keine Forderung nach Militär- und Seeflugjeugen erheben soll. Auf dem Gebiet der quantitativen Rüstungen dürsten die Forderungen Deutschlands nicht zu einem Konflikt mit den Grundsätzen der Herabsetzung und Beschränkung der Rüstungen führen. Eine Reorganisation der deutschen Streit­kräfte dürfe jedenfalls nicht eine Erhöhung der deutschen Angriffskräfte mit sich bringen.

Nach der Rede Simons, die im Büro der Abrüstungs­konferenz nicht mehr diskutiert wurde, ergriffen mehrere Redner das Wort.

Uebereinstimmend wurde von ihnen der Hoffnung und dem Wunsch nach Rückkehr Deutschlands zur Abrüstungs- konserenz Ausdruck gegeben. Henderson erklärte, daß es unmöglich sei, ohne Deutschland zu Ergebnissen zu ge­langen.

Seine baldmögliche Teilnahme werde die Verhandlun­gen sehr erleichtern. Der italienische Vertreter R o s s o wies

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der Gleichberechtigungsfrage und schloß sich den von Hen- derson ausgesprochenen Hoffnungen an. Als Vertreter der Vereinigten Staaten wies Norman D a v i s auf die große Bedeutung der Abrüstung für die Weltwirtschaftskonferenz hin. Auch er gab der Hoffnung auf Rückkehr Deutschlands in warmen Worten Ausdruck.

Deutschland auf der Äölkerbundstagung

Reichsauhenminifter Freiherr von Neurath wird am Sonnabend zu der außerordentlichen Ratstagung des Völ­kerbundes nach Genf fahren. In feiner Begleitung befinden sich der Gesandte Freiherr von Weizsäcker, Ministerialdirek­tor Meyer, der Leiter der Offabteilung des Auswärtigen Amtes und eine Reihe von Sackreferenten, für die Presfe- abteilung der Reichsregierung die Legationsräte Dr. Kahen- berger und v. Saucken.

An dieser Zusammensetzung der deutschen Delegation für Genf würde sich auch nichts ändern, falls inzwischen das Reichskabinett zurücktreten sollte. Die Hauptaufgabe des Ministers ist ja, zu dem mandschurischen Konflikt Stellung zu nehmen, und das kann er auch als geschäftsführender Minister. In der Abrüstungsfrage ist jedoch die Auffassung des ganzen deutschen Volkes so einheitlich und geschlossen, daß auch ein anderer Minister diesen Standpunkt nicht an­ders darlegen könnt» als Herr v. Neurath.

Bunter Wochenspiegel

Nach den Feiern. Ernste Gedanken. Kultur und Zivilisation. Der Schnelligkeitskaumel. Auch eine

Krankheit der Zeit. Arznei der Seele.

Die Feiern zu Gerhart Hauptmanns Geburts­tag sind glücklich überstanden. Es war wirklich überall recht stimmungsvoll, und wenn mar. sich so in den Zeitungen und Zeitschriften umsteht, so scheinen die Pressephotographen ein ausgezeichnetes Geschäft gemacht zu haben. Das schönste an den ganzen Hauptmann-Feiern ist es nach unserer und auch Gerhart Hauptmanns Ansicht, daß das Reich unter dem Namen Gerhart Hauptmanns eine Stiftung begründete, aus der jungen, emporstrebenden Dichtern Stipendien gewährt werden sollen. Hoffentlich ist dieser Fonds nicht zu karg bemessen, denn leider ist ja die Tatsache nicht hinwegzuleug- nen, daß man heutzutage eher geneigt ist, für S ch m e l i n g s Faust eine höhere Börse zu zahlen als etwa für Goethes Faust", um einmal bildhaft die Dissonanz in der Kultur der Gegenwart aufzuzeigen.

Die vergangenen Tage haben uns sowieso etwas ernster gestimmt. Bußtag und Totensonntag, das sind Feste, die nicht nur den einzelnen mahnen sollen, das sind Feste, die nicht nur zu religiösen Betrachtungen Anlaß geben. Nein, dieses Bußetun, dieses sich von Grund auf Aendern- müssen tut uns in allen Lebensbeziehungen not, und es ist ohne Zweifel nicht mehr zu bestreiten, daß unsere kulturellen Grundlagen erneuert und vertieft werden müssen. Der Durchschnittsmensch ist nur allzu leicht bereit, die Begriffe Kultur" undZivilisation" zu vermengen. Aber gerade darauf kommt es an, daß wir uns dieses Begriffs­unterschiedes bewußt bleiben. All unsere technischen und wissenschaftlichen Errungenschaften des letzten Jahrhunderts sind Errungenschaften der Zivilisation. Es kommt aber dar­auf an, wie wir diese Errungenschaften ausnutzen, ob wir nur unser Lebenstempo dadurch steigern und mit allen Mit­teln der Technik den Lebenskampf zu einer erbarmungslosen Hetzjagd gestalten, oder ob wir den Zeitgewinn, den uns fast alle technischen Errungenschaften bieten, dazu benutzen, für die Pflege wahrer Kultur mehr Zeit zu haben, dem Willen der Seele mehr Geltung zu verschaffen.

Wer will es noch leugnen, daß wir viel eher Sklaven der Zivilisation geworden sind als ihre Herren? Wir schwim­men alle auf einer erregten Oberfläche, aber nur wenige bringen in die Tiefe. Der gehetzte Mensch erlebt die Kultur seiner Zeit nur noch in Zeitungsnotizen; die Sorge um den Erwerb läßt zum Genuß eines guten Buches kaum noch Zeit. Wenn man Glück hat, hört man während des Essen- rinmal im Radio etwas gute Musik. Wer gar einmal die . Möglichkeit hat, sich mit Lebensanschauungsfragen, mit philo­sophischen Problemen privatim eingehend zu beschäftigen, der gehört zu den Glückskindern unserer Zeit.

Wir sind dem Schnelligkeitstaumel verfallen.

wir warten in fiebernder Spannung darauf, daß uns dem­nächst ein Stratosphärenflugzeug in wenigen Stunden über den Atlantik schießen soll. Anstatt nun durch die gewalrige

chaftlichen und politischen Konflikte, die unser Dasein er- chweren. Wir unterschätzen die Güter der Kultur, wir unter» chätzen die Segnungen der Kunst in all ihren Formen, wir

unterschätzen die abgeklärte Lebensweisheit der Philosophen, die wissen, daß alle Güter der Welt nicht das Glück aufwiegen können, einmal in die Tiefe der Dinge geblickt zu haben, sich der kulturellen Zusammenhänge unseres Daseins bewußt ge­worden zu sein. Ein solches Bewußtsein rundet Und festigt erst den Charakter, macht uns zu Herren der Zivilisation und nicht zu ihren Sklaven.

Das sind so Gedanken, die im Anschluß an die ernsten Tage um Bußtag und Totensonntag herum in uns auf- steigen. Warum waren unsere Eltern und Großeltern viel­leicht glücklicher als wir in der Fülle zivilisatorischer Errun­genschaften? Nun, sie kümmerten sich mehr um die Pflege der Kultur, sie hatten mehr Muße, den Dingen des Lebens auch in Gedanken nachzuspüren. Man versuche es nur ein» mal, wieder mehr Zusammenhang mit den Kul­turgütern unseres Volkes-zu bekommen, man raube sich einmal eine solche klug ausgefüllte Mußestunde, und man wird den Umgang mit der Kunst, mit der Wissenschaft und Philosophie als Arznei der Seele empfinden. Jörg.

Klepper-Untersuchungsausschuß vertagt. Der Klepper-Unter­suchungsausschuß des Preußischen Landtags beschloß, angesichts der Auszuges der Nationalsozialisten und des deutschnationalen Abge­ordneten Steuer die Verhandlungen vorläufig abzubrechen. Di« nächste Sitzung soll erst am 25. Januar stattfinden.