Sud tat baiaefa!"
„Alles wird rot sein!“
75 Jahre Revolution in Indien - 300 Millionen von 30 000 unterdrückt!
Gandhi, der große Führer der indischen Befreiungsbewegung, hat mit seinem Hungerstreik einen doppelten Sieg erfochten: sein durch strenge Kasten- grenzen zerrissenes Volk konnte in einigen Hauptfragen zu einer Einigung gelangen. Und angesichts dieser Einheitsfront von 300 Millionen Indern sah sich die britische Regierung gezwungen, durch Anerkennung des Wahlrechts für die Paria, die rechtloseste Kaste Indiens, Gandhi vor dem Märtyrertod zu bewahren. Ein ungeheurer Sieg, der doppelt zu werten ist, wenn man bedenkt daß dieser' Kampf ohne Blutvergießen durchgeführt wurde, allein durch waffenlosen Widerstand eines einzigen Menschen, Mahatma Gandhi!
Am 10. Mai 1857 brach der offene Ausstand in Indien aus. Nach Jahrzehnten der Unterdrückung, der Bevormundung in religiösen Fragen — ein besonders heikles Gebiet für die Inder — und nach Dutzenden von rasch niedergeschlagenen kleinen „Ünbot- mäßigkeiten", deren Ausgang, soweit sie nicht auch Todesopfer aus den Reihen der britischen Truppen forderten, gar nicht erst nach London gemeldet wurde---
Heute stehen etwa 60 000 englische Soldaten auf indischen Boden zum Schutz der britischen Flagge. Damals waren es nur
Und man verließ sich aus die
30 000.
200000
Mann der
indischen
Armee, die in britischen Kasernen ihre Ausbildung genossen hatten. Man verließ 'ich zu Unrecht auf sie —
Indes man in den Regierungsvierteln der großen Städte die „Freuden der Saison" genießt — jenen beschränkten Verkehr innerhalb der weißen Kolonien, wandern heimlich in den Dörfern seltsame Brotlaibe von Hand zu Hand. „E u b l a l h o j a e g a" steht
darauf zu lesen
.alles wird rot
nonenfutter. Robert
C l i v e. der
Gandhi im Kreii »einer Schüler
wieder ganz Offizier. Der Sechsundzwanzig- jährige nimmt durch einen tollkühnen Hand- Meich die Festung Arcot. Und am 23. Juni 1^57 schlägt ' ~
bündeten N ।
Die erste „Kaiserin von Indien“ Victoria von England
sein!" Das indische Volk schöpft aus diesen geheimnisvollen Worten, deren Herkunft niemand kennt noch erklären will, Hoffnung und die Sicherheit: es wird bald etwas geschehen!
Am 10. Mai ist die große Truppenparade auf dem Uebungsfeld vor Alahabad. Plötzlich knallen Schüsse. Die anscheinend so treu ergebenen Sepoys, die indischen Soldaten britischer Erziehung, durchlöchern mit -iünfzfg Kugeln den Oberst Wie eine Flamme greift der Aufruhr über auf das ganze Land. In völliger Auflösung vermengen sich die indischen Truppen mit den Eingeborenen. — Die Reste der britischen Cruppen retten sich in das Fort von Alahabad und verteidigen ihr Leben länger als einen Monat gegen die fanatische Wut des Volkes. Dann kommt Hilfe. Man braucht Pochen, um Truppen zu verschieben. Denn Lahnen gibt es noch nicht in Indien, und die Straßen sind von Meuterern belagert.
Der Aufstand von Alahabad wird niedergeschlagen — nachdem Frauen und Kinder und Greise genau wie die Soldaten von beiden Seiten niedergemetzelt wurden. Aber Die Flamme der Empörung ist nur unterdrückt, um an anderer Stelle wieder auf- ! zulodern.
30 000 disziplinierte, organisierte Truppen stehen 300 Millionen fanatisch erregten Menschen gegenüber. Der Kampf ist ungleich — von beiden Seiten gesehen!
Vier Männer sind es, die den Verzweif- lungskampf mit dem indischen Volk aufneh- men: General Neill, Havelock, Nicolson und Lawrence. Als rücksichtslose Rächer durchjagen sie das Land — in Eilmärschen hetzen sie ihre Getreuen über die glutheißen Wege Indiens — ihre Reihen werden dezimiert durch Fieber und Tod — und dennoch gelingt es ihnen, was niemand
für möglich hielt: vierMännerunter- drücken den Aufstand von 3 0 0 Millionen! Aber wie?
Nana Sahib heißt der ärgste Feind, der Radscha und blutgierigste Empörer. Wheeler, den britischen Kommandanten von Caw- spone, vertreibt er aus der Stadt, verheißt freien Abzug, und indes die Flüchtlinge sich in Booten zu retten versuchen, läßt er alles, was noch lebt, in Brand schießen . . . Wer sich an Land rettet, wird in einen tiefen Brünneii geworfen!
In Dehli hat sich die Empörung bis zum Siedepunkt erhitzt, als General Lawrence die Skat mit 10 000 Mann belagert. Ein britischer Leutnant hat mit acht Mann und übermenschlichen Kräften das Pulvermagazin gehalten, bevor er es mit allen Getreuen in die Luft sprengte. Jetzt ist Dehli nichts anderes als das Zentrum der indischen Re-
Die Frau des Mahatma Gandhi
volution. Es dauert nicht lange, da haben die Truppen der Stadt den Belagerer ein- geschlossen. Und was noch heute jedem Inder unfaßlich scheint: bei einem Durchbruch atls dieser Einkreisung gelingt es den britischen Truppen, die Stadt einzunehmen — wenngleich dabei N i c o l s o n den Tod findet — und über die Wälle, durch die Panik der überfüllten Straßen vorzudringen bis zu dem letzten Mogul, dem Haupt der Empörung, dem König, der in einem befestigten Grabmal^ verborgen sitzt. Man nimmt ihn gefangen, mit ihm drei Prinzen, die erschossen werden, obwohl 7000 indische Soldaten zu ihrem Schutze aufgestellt sind!
Ohne Führer, ohne Leitung, die abergläubische Furcht vor der Ueber- legenheit der Unterdrücker im Herzen,
Gandhi begrüßt seine Anhänger
zieht sich das indische Volk zurück. Der Aufstand verflackert.
Die Empörung ist die gleiche geblieben. Verstärkt vielleicht durch den unheimlichen Haß, den jene Kämpfe erzeugt haben. — „Ruhe in Indien" melden die Gouverneure und rechnen nicht die täglichen kleinen Aufstände, wenn nicht gerade Todesopfer aus den Reihen britischer Truppen zu beklagen sind.
Denn seit fünfundsiebzig Jahren brennt der große indische Aufstand weiter!
R. S.
Das indische Kaiserreich und seine Gründer: Clive — Hastings — Disraeli
Jn den vierziger Jahren des 18. Jahrhunderts verläßt ein junger Tunichtgut — moderne Pädagogen würden ihn einen „schwer E r z i e h b a r e n" nennen — seine englische Heimat. Er besitzt kein Geld, er besitzt keine Beziehungen, aber die britische Ostindische Kompagnie hat einen andauernden Bedarf an billigem K a -
Halbwüchsige, schifft sich nach dem sagenhaften Reich Indien ein. Die paar Werbetaler hat er sofort verspielt. Ohne einen P e n n y kommt er in dem neuen Lande an.
In jener Zeit herrscht der heftigste und mit allen, auch kriminellen Mitteln geführte Konkurrenzkampf zwischen den verschiedenen Ostindischen Kompagnien der Franzosen, Engländer, Holländer und Portugiesen. Clive, der junge Rowdy, erlangt im Alter von 19 Jahren das britische Offizierspatent. Er bewährt sich nicht bloß als Soldat. Doch bei Ausbruch des englisch-französischen Kriegs ist Robert Clive
, , it er den mit den Franzosen verbündeten Rawab von Bengalen bei Plassey entstheidend. Lord Clive of Plassey — das ist später der Name des Mannes, der in seiner Jugend nicht einmal zum Gläse r l«h r l t n a getaugt hatt«. Die drei
Jahre nach diesem Sieg benützt Clive, ut für seine Kompagnie, seine Freunde um Verbündeten und nicht zuletzt für sich selb Millionen und Millionen w Rupien zu erpressen, zu stehlen und zu erben. Clive rottet die geschäftliche und politisch Konkurrenz Englands und seiner ostindiW Kompagnie ohne Erbarmen aus. & führt dabei ein Leben, prachtvolle: und verschwenderischer als das bei einheimischen Fürsten. Als er wegen sein» zerrütteten Gesundheit nach England zuriit kehrt, wird ihm von einigen unverbei serlichen Idealisten des Parlaments der Prozeß gemacht — wegen Korruption Anstiftung zum Mord, Erpressung, Amtsich brauchs und dergleichen Delikten. Aber d« Parlament spricht Lord Robert Clive frei, im Hinblick auf die „großen u n d wich' tigen Dien st e", die er England geleistet hat. Wenn der Lord, 49 Jahre alt, dm« Selbstmord endet, so ist bloß eine quälet und unheilbare Krankheit daran schuld. -
Warren Hastings, der erste $ neralgouverneur von Indien, ist von d« gleichen Schlag wie sein Vorgänger O Auch er stammt aus kleinsten Verhältniß auch er dient von der Pike auf in der N indien-Kompagnie. Hastings ist ein eben!' großer und ebenso skrupellose! Staatsmann — und er versteht in d« gleichen Weise für seine eigene Tasche/ sorgen. Doch zum Unterschied von Cli« kann Hastings sich an seinem Lebensabend über Undank des Vaterlandes klagen. Der Parlamentsprozeß gegen P dauert von 1787 bis 1795, acht Jahre lang Es handelt sich um dieselben AnschuldigE gen (und Tatsachen) wie bei Clive. W Hastings wird endlich freigesprochen. M er muß die ungeheuren Prozeß' k o st e n bezahlen. Hastings stirbt als e« ruinierter Mann. —
Der junge Sisraelt dilettiert M in der Politik. Nach vielen Jahren Wartens dringt er endlich politisch W Die Königin Victoria, die urspruR ttch die Idee, mit Disraeli als ihrem, N mster zusammenzuarbeiten, voll EntscW abgelehnt hat, gewinnt in ihm ihm b e st e n und e r f o l g r e i ch st e n D i e n und selten hat es so herzliche und vornehm Beziehungen zwischen einem StaatsniE und einem Souverän gegeben! Der Punkt der britischen Indien-Politik « jener Neujahrstag 1877, wo der MzekoM Lord Lytton auf Betreiben Disraem damals schon L o r d B e a co n sf ielb»' die Königin Victoria zur „Kaiser-' H i N d", zur Kaiserin von In die' ausrirf . . .