Sport des Sonntags
Die deutschen Olympiafahrer wieder in der Heimat. Ueberall wurden unsere Olympioniken bei ihrer Rückkehr mit größter Herzlichkeit empfangen. In Berlin glich die Abfahrt der siegreichen Ruderer des BRC. vom Lehrter Bahnhof durch die menschengefüll- ten 'Straßen Berlins nach dem Clubhaus am Wannsee einer Triumphfahrt. Den Berliner Ruderern Neumann, Spremberg, Meyer, Hoek und Eller wurde die Staatsplakette vom preußischen Ministerium überreicht. — Auch Frankfurt a. M., M a n n - heim und München bereiteten ihren heimkehrenden Teilnehmern herzliche Empfänge.
Der Kölner Richter wurde Amateur-Weltmeister. Bei den in Rom ausgetragenen Radweltmeisterschaften für Amateure gewann der Kölner Richter den Endlauf gegen den Italiener Mozzo, während der zweite Deutsche, Frach-Breslau, den dritten Platz belegen konnte. Ein großer Erfolg unserer Amateure!
Indiens Olympiasieger im Hockey schlugen im Amsterdamer Stadion eine holländische Ländermannschaft mit 9 :1 (5 :0). Die Inder waren in glänzender Spiellaune und siegten, wie sie wollten. Ihre nächsten Spiele werden sie in Deutschland austragen, und man wird gespannt sein, wie sich die Berliner Hockeymannschaft gegen die Inder halten wird.
Schluß in Baden-Baden. — Auch im „Preis der Stadt Baden- deutscher Sieg. Die Baden-Vadener Internationale Rennwoche im schönen Tal der Dos ist beendet. Der letzte Tag hat auf der ganzen Linie einen vollen Erfolg gebracht und auch den französischen Ställen zum «chluß zwei kleinere Erfolge. Das Hauptereignis, der Preis der Stadt Baden,^wurde von Tantris unter Vinzenz vor der Siegerin vom vorigen Sonntag, Oftermädel, gewonnen. Das einleitende und das dritte Rennen gewannen französische Pferde.
Das Oppenheim-Rennen, eine Zweijährigenprüfung über 1200 Meter, wurde in Hoppegarten gelaufen. Diese Prüfung sollte das beste Pferd des jüngsten Jahrganges feststellen, von denen Cassius, Grollenur und Janitor bisher als die besten galten. Grollenur versagte vollständig und endete weitab geschlagen als dritte. Sieger wurde der dem jungen E. v. Oppenheim gehörende Cassius vor dem Weinberger Janitor. Tot. Sieg: 41:10.
Berlin schlug Hamburg 5 : 3 (1:0) im Iußball- Städlekampf. Vor einer nach Tausenden zählenden Zuschauermenge standen sich auf dem Hertha-BSC.-Platz am Gesundbrunnen in Berlin die Auswahl-Fußballmannschaften von Hamburg und Berlin gegenüber. Der Verlauf des Spieles zeigte eine größere Ueberlegenheit der Berliner nach Halbzeit, wo die Hamburger merklich nachließen. Leider endete das Treffen durch einen Mißklang, für den jedoch keiner _ber Spieler verantwortlich gemacht werden kann. Der Berliner Torwächter Gehlhaar wurde bei Abwehr eines Hamburger Angriffs am Boden liegend durch einen Spieler so unglücklich am Kopfe verletzt, daß er eine klaffende Wunde erlitt und sofort ins Krankenhaus geschafft werden mußte. Sonstige Berliner Fußballspiele: Gr. A- Adlershofer BC.—Wedding 2 :2, Spandauer SV. gegen DfB Hermsdorf 3 :1; Gr. B: Bewag—VfB. Pankow 2 :2, Spandauer BC.—Südstern 3 :2; Gesellschaftsspiel: BV. Lucken- walde—Union-Oberschöneweide 2 : 2.
3n der Vorschlußrunde um die Deutsche Wasserball-Meisler- schaft im Seebad Mariendorf bei Berlin siegte die Berliner Mann- schast Weißensee 96 über den Bremischen Schwimmverband in beiden Spielen mit 6 :3 und 3 :1.
Süddeutschland schlägt Mitteldeutschland im Handball. Vor etwa 3000 Zuschauern konnte die süddeutsche Handball-Repräsen- tativmannschaft in Darmstadt Revanche an Mitteldeutschland für die in Weißenfels erlittene Niederlage nehmen und mit 9 : 6 (3 : 3) siegen. Beide Mannschaften lieferten sich einen schönen bis zum Schluß spannenden Kampf.
Bei den Steher-Radrennen auf der Oerlikoner Bahn bei Zürich siegte im Stundenfahren Paillard-Frankreich mit 68,625 Kilometer vor Ruegg-Schweiz, Krewer-Deptschland und Thollembeek-Belgien. Im Rennen über 30 Kilometer siegte Krewer-Deutschland in 26:58,4 vor Paillard-Frankreich, Ruegg-Schweiz und Thollembeek-Belgien.
Das Straßenrennen „Rund um Hannover" über 200 Kilometer wurde von Ahrentz-Köln im Endspurt gewonnen vor Siebel= Hof-Dortmund und Munk-Mainz. Zeit des Siegers 6:04:09.
Schluß der Motorrad-Sechstagefahrt. Mit der Zurücklegung der sechsten Etappe von Meran über den Gavia-Paß und das Stilfser Joch ist die internationale Sechstagefahrt der Motorräder beendet. Die letzte Etappe brächte noch einige Ausfälle auch deutscher Teilnehmer. Durch das Ausscheiden Mittenzweis wurde auch das letzte ADAC-Clubteam aufgelöst, v. Krohn (Zundapp) erlitt gleichfalls einen Unfall, konnte aber trotz einiger Verletzungen weiterfahren. Von den insgesamt 128 Gestarteten haben 99 die Fahrt beendet, davon 7 strafpunktfrei. Im Wettbewerb um die Internationale Trophäe sind die beiden Nationalmannschaften von England und Italien strafpunktfrei geblieben, ebenso im Wettbewerb um die silberne Vase die beiden italienischen Mannschaften und die englische A-Mannschaft. Im Wettbewerb um die goldene Medaille haben 7 Fabrikmannschaften die Fahrt ohne Strafpunkte beendet.
Gewinnauszug
5. Klasse 39. Preußisch-Süddeutsche Staats-Lotterie.
Ohne Gewähr Nachdruck verboten
Auf jede gezogene Nummer sind zwei gleich hohe Gewinne gefallen, und zwar je einer aus die Lose gleicher Stummer in den beiden Abteilungen I und II
22. Ziehungstag 2. September 1932
In der heutigen Vormittagsziehung wurden Gewinne über 400 M. gezogen
4 ©etoinne »u 10000 M. 70559 286629
2 Gewinne zu 5000 W. 231112
14 Gewinne zu 3000 M. 70836 133130 176595 240731 248286 250388 255766 46 Gewinne ,u 2000 M. 10939 12060 13684 22906 27218 42360 185600 202512 203222 235935 243988 249316 263421 275019 281574 ; 300050 302998 307169 324132 345301 368526 368735 379077
i 104 Gewinne zu 1000 M. 7031 13785 19038 19980 46402 47711
I 49203 56869 63014 71878 75651 76460 77236 79875 89910 103786 131510 134505 135654 139639 147157 165659 169002 173832 176577 186552 193170 195270 205872 239484 .245688 249528 258728 263223 I 282027 285217 294246 301482 301646 308733 310056 324002 330309 336290 336856 342765 343394 348609 353062 389051 393782 398340 214 Gewinne m 500 M. 1356 4599 5912 10034 11240 12988 19950 20017 23859 25005 31013 33095 39621 41813 46345 54126 60679 68283 75023 76786 78770 81842 85834 88447 95067 98028 99476 109862 117296 121631 122988 126268 128465 131007 131394 134104 135595 143604 149373 149459 151661 154597 157568 161242 165234 176734 180328 194052 197379 202314 213473 214296 215414 218279 225939 228654 240712 242092 242311 244400 246074 250848 252672 254106 258880 265896 266810 276252 277408 277618 279766 289692 291628 297212 297352 306372 312152 313678 316254 319866 320961 328221 328814 330637 334959 337197 343659 344903 345665 347429 348496 348518 353104 356587 359837 366322 368472 369451 375004 376802 380527 383807 386156 388640 395092 397683 398565
In der heutigen Nachmittagsziehung wurden Gewinne über 400 M. gezogen
2 Gewinne zu 25000 M. 192984
2 Gewinne zu 10000 M. 259253
4 Gewinne zu 5000 42637 31 7251
12 Gewinne zu 3000 M. 6543 61818 221907 246559 257141 304427 54 Gewinne zu 2000 M. 1279 26164 27510 33810 60696 63243 64730 86330 91056 94125 95835 99414 107220 137219 157133 179322 179603 215167 228399 254104 267524 299275 311727 336415 374020 384558395456
74 Gewinne zu 1000 M. 31248 44538 45248 47965 66704 74317 82453 82528 124327 129111 139172 144821 185143 188069 192695 194594 212659 215259 231886 235324 235398 239917 258904 296628 301318 304363 305104 308915 311553 317318 334572 337912 342218 367077 376734 379487 381635
138 Gewinne zn 500 W. 2035 13819 14897 16195 19521 24975 28346 45844 55260 60948 73643 74643 86279 88946 101002 102784 105310 116454 119654 121850 131080 137952 141145 160192 161060 166425 169687 170257 173301 187331 191432 194241 195325 200417 201261 213664 221339 221840 234002 239862 243277 255312 257603 262728 264314 267682 268751 275217 284891 284921 292561 294175 313661 314677 327795 333088 337733 340656 341055 342703 346760 351302 359645 360363 361542 361905 377560 391118 398850
Im Gewinnrade verblieben: 2 Prämien je zu 500000, 100 Schlußprämien zu je 3000, 2 Gewinne zu je 75000, 2 zu je 50000, 8 zu je 25000, 32 zu je 10000, 130 zu je 5000, 234 zu je 3000, 652 zu je 2000, 1366 zu je 1000, 2324 zu je 500, 7012 zu ie äÖO M.
23. Ziehungstag^., 3. September 1932 ; ön der heutigen Vormittagsziehung wurden Gewinne über 400 M. i gezogen
4 Gewinnez» 5000 M. 24440 294373 ' 14 Gewinne au 3000 W. 43554 150460 165398 182929 199315 216462 266824 58 Gewinne ,u 2000 M. 2964 16305 23971 43649 49033 58247 69117 63060 82354 105682 108305 113700 118291 121375 136341 153823 164445 182839 210429 228456 228844 239525 256867 258261 271160 295673 318074 377285 380336
114 Gewinne,u 1000 M. 10363 12154 12698 23764 27693 30394 43898 50578 52992 61200 68166 74664 74805 79754 82026 82375 83495 89674 97316 103430 114699 123172 123493 127896 133733 134971 137794 148238 148676 160902 168675 174026 179700191595 204920 205187 207953 210933 212452 219884 220773 239417 240880 241311 253814 254458 263351 269120 270305 270911 273515 278402 285751 311812 318606 377617 397019
200 Gewinne ju 500 M. 837 6967 12910 16532 19649 22043 26972 30081 32227 35162 36487 37960 43966 48273 51822 53436 59625 66658 71837 71843 73760 74736 78979 88411 96955 97707 99590 102907 104231 104234 111936 122591 127330 129895 135873 142566 143067 149570 153437 163894 167374 174587 175641 175973182741 184524 188663 193320 193947 195554 196305 200017 201954 202499 203513 204435 209641 210084 212395 214668 225466 226515 228468 229710 234570 237268 237871 249595 251868 253596 254014 259907 267690 270417 272523 280541 285860 288846 289301 302159 306692 312556 315205 322625 325362 329047 331074 337543 338040 349608 353701 356995 362865 36470(1 365644 371579 376360 382939 390604 391983
In der heutigen Nachmittagsziehung wurden Gewinne über 193 M. gezogen
2 Gewinne zu 10000 M. 1 30806 .
4 Gewinne zu 5000 M. 1 78079 1 92099 10 Gewinne zu 3000 M. 201888 208055 263779 317867 338981
36 Gewinne,n 2000 M. 4761 13512 38714 45441 97974 102729 121390 206652 239321 239699 250744 255317 265029 305846 328078 332833 383564 39941 7
112 Gewinne zu 1000 M. 1501 4100 11146 11303 11987 19024 38874 51082 54181 60355 66643 69334 72921 77030 98486 101998 103618 111633 114887 120123 120746 129091 129369 135145 149131 155246 157141 184654 187493 190119 206761 209900 211823 215843 250171 251205 254139 266282 269985 273956 274287 303098 321292 323513 327575 349701 351418 354172 354842 362986 363050 364540 372794 373227 376649 388948
168 Gewinne zu 500 M. 291 867 2232 5318 5610 5643 14421 23422 24667 25293 37773 37809 47471 47891 50131 52593 59680 65270 65599 74249 86512 89822 101022 115148 130685 133511 134820 140719 144905 147487 148052 154614 155297 162451162868 166878 168280 168424 173398 188194 188915 196541 196818 198384 199671 203034 213063 215077 215109 220886 228427 230669 231387 235833 258166 258374 259250 261453 262266 269278 282982 284325 286991 288476 296617 296991 300485 309019 313273 318397 318418 324967 328277 346641 347702 351299 351755 366477 369126 376306 381249 387331 388725 391387
Im Gewinnrade verblieben: 2 Prämien je zu 500000, 100 Schlußprämien zu je 3000, 2 Gewinne zu je 75000, 2 zu je 50000, 8 zu je 25000, 30 zu je 10000, 122 zu je 5000, 210 zu je 3000, 558 zu je 2000, 1140 zu je 1000, 1956 zu je 500, 5008 „, ie 400 M.
° D3H.-Jahrweiser 1933. Wiederum liegen die beliebten Jahrweiser und Kalender des Reichsverbandes für Deutsche Jugendherbergen für 1933 vor. Der Jahrweiser „Deutsches Wandern" vermittelt in Bild und Textwort die Kenntnis deutschen Landes und feiner Schönheit. Die Druckausführung ist mustergültig und der Preis (1,80 MM) wohlfeil. Zu den Jahrbüchlein „Freudenborn" für das junge Volk vom zwölften Jahre an, „Ränzlein" für Acht- bis Zwölfjährige ist noch ein drittes lustiges Vorlefebüchlein „Heinzel- mann" für die Fünfjährigen hinzugekommen. Die besondere Aufgabe der schmucken Jahrbüchlein (Preis je 10 Pfennig) ist es, auch ban Kampf gegen billige Schundhefte aufzu- nehmen. . .
MAGGP
Würze
Wenige Tropfen genügen
rauenschicksale
Roman von
Ida Boy- Ed
| Copyright by Romandienst „Digo", Berlin-Schmargendorf
(Fortsetzung 1)
„Nein, nein. Papa hat es auch einmal ausdrücklich gesagt. Mama war eben ein Genie im Rechnen und Sparen. Wir beide verstehen es nicht. Wir verstehen überhaupt nichts, gar nichts!" rief Ebba, in Tränen ausbrechend.
„Das ist nicht unsere Schuld," sagte die andere sehr ruhig. „Du wolltest dein Lehrerinnenexamen machen; nachher wolltest du dein Abiturium machen und studieren. Und ich wollte malen, bloß kunstgewerblich, aber doch regelrecht ausgebildet — und immer sagte dein Papa: Kinder, das kostet zu viel; Kinder, Mama bat mich auch, euch nie den Gefahren des Lebenskampfes auszusetzen; Kinder, wenn ich erst mein Buch fertig habe, werde ich mit einem Schlag berühmt. Siehst du, sosind wir zweiundzwanzig und dreiundzwayzig Jahre geworden und sind uns und dem allen Mann eine Last"
„D nein," rief Ebba, „das gewiß nicht. Was follle er ohne uns machen! Das weißt du ja auch recht gut. Und schließlich: wir |mb ja nicht arm, wir haben keine Schulden Nur — nur--"
„Nur, daß es ein qualvoll ängstliches Gefühl ist, fein kleines Kapital amzueffen, und daß es ein qualvoll demütigendes Gefühl ist, den Hausrat hier zusammenbrechen zu sehen und ihn nicht erneuern zu können. Nur, daß wir unsere Jugend verpassen und verlieren und alle Aussichten auf ein bißchen Glück," sprach Helene. Es schien keine Bitterkeit in ihr, nur eine gleichmäßige sanfte Trauer.
Während Ebba die Tränen trocknete, fuhr die andere fort: ^Es ist mir nicht um mich. Was soll nach mir viel kommen! Vielleicht, wenn ich in große Verhältnisse käme... ich kann nicht von Bratwurst und Suppenfleisch leben. Ich brauch' -^re:bHauspflege. Ach was — egal--Aber du! So viel Kraft und Gaben und besonders: so viel Sehnsucht. Mach dir dem Schicksal! Du kannst es!"
Daß „du" war so schwer betont, daß Ebba sagte: „Tue nicht & n'cht oon mir, nicht vor dir selbst. Glücklich sein will jeder Mensch."
„Hm ja, sprach Helene, nachdenklich vor sich hinnickend, „wenn es zu mir kommen wollte, das Glück, wurde ich's nicht in falschem Pathos wegweisen. Nur mir's erkämpfen kann ich nicht. Ich kann es bloß ein bißchen auf mich aufmerksam machen, ^ch kann am Wege stehen und zeigen: Hier bin ich. Aber es kommt doch nichts
„Es? Das heißt, der reiche Mann."
. -'Resth, — blos; reich? Nur mit ein paar Geldsäcken neben
^E! Außerdem soll er mich lieben, lieben bis zum Wahnsinn. Machen will ich aus ihm, was mir gefällt. Wachs so" er sein in meiner Hand. Die Leidenschaft 'soll ihn blind machen für alles, außer mir. Ja, so was Großes, Ganzes wünsche ich mir!"
Es zeigte sich förmlich so etwas wie Leben auf ihrem
meisten, stillen Gesicht, und das Auge glänzte auf einmal und sah in unbestimmte Fernen mit einem stolzen Blick.
„Wie kannst du glauben, daß dir das je begegnet," sprach Ebba und fing an, die unglücklichen Tücher zusammen,zu- nehmen, „du, die selbst nicht lieben kann oder sich einbildet, es nicht zu können?"
„Vielleicht gerade darum," sagte Helene halblaut, mit einem geheimnisvollen Lächeln.
»Aus sich selbst etwas machen, ist besser, als auf den Mann warten, der etwas aus uns machen soll. Ich fühle mich stark genug, nach jedem Ziel zu ringen."
„Und wärst doch glücklich, wenn Doktor Alteneck sich endlich erklärte..."
„Helene!"
„Fahre nicht auf! Ach, Schatz, wie sind wir arm! Eigentlich haben wir nichts, wie ein paar ferne blasse Hoffnungen."
„Im Ernstfalle würdest du Herrn von Kunowsky ja gar nicht nehmen," sagte Ebba und fing an, aus dem Spiegel- schrank Tischtuch, Servietten und Bestecke herauszunehmen.
Sie deckten zusammen den Tisch vor dem Sofa, denn die Wohnstube diente zugleich als Speisezimmer.
„Da Herr von Kunowsky doch niemals Ernst macht, kann ich es ja sagen: natürlich würde ich ihn nehmen, denn, wenn er sich entschlösse, wäre es doch eben der Beweis, daß er die große Liebe hat," sagte Helene und legte die Servietten auf falsche Plätze, was Ebba unter ihren Händen soqleich verbesserte.
„Es wäre doch wie ein Verkauf," sprach sie.
„Verkauf?" rief Helene und schlug ihre Hände zusammen, „Verkauf? Wenn ich mich herablasse, einen Mann zu nehmen, der mich rasend liebt? Ich bin ein Weib! Es ist mir überhaupt schon manchmal so vorgekommen, als wenn du gar nicht stark genug das königliche Bewußtsein davon hast, was es heißt: Weib sein!"
„Hab mal ’n königliches Bewußtsein, wenn du Essen auf Pump holen lassen mußt," bemerkte Ebba bitter.
»Ach — ja: das Essen! Was soll die Vossen holen?"
„Na: Drc P rüimen vom Hoppelmannschen bürgerlichen Mittagstisch," sagte Ebba.
„Wenn wir wenigstens Sekt und Trüffelpüree auf Pump । holten! Das wäre noch genial. Aber Kohl und Wurst! Du sollst i sehen, es gibt Kohl! Ich kann ihn nicht riechen. Alles, was aufdringlich riecht, ist mir ein Greuel!
Gleich darauf sah man die Vossen denn auch unten über die Straße gehen, sie hatte vor ihr graues Lüsterkleid eine saubere weißeSchürze gebunden. Am Arme trug sie einen Satz weißer Schüsseln, die von einem schwarzem Lederriemen zu- sammengehalten wurden. Die jungen Mädchen sahen ihr nach.
„Wir wollen mal ernsthaft mit Papa sprechen, irgend eine Form muß gefunden werden . . ."
„Du kannst mit Onkel ernsthaft über die Gesetzessammlung des Manu sprechen, aber doch nicht über unsere Wäsche! Er weiß mit der Kultur vor dreitausend Jahren bei den Indern besser Bescheid als mit dem, was modernen Mädchen not tut."
„Tue mir die Liebe und laß mich nachher allein reden."
„Aber mit Wonne! Du weißt, ich bin immer mehr für's Zugucken als für's Handeln."
Eine Viertelstunde später saßen sie um den Tisch. Es gab heute wirklich keinen Kohl, aber gebratene Schweinskoteletts und dazu Linsen und Pflaumen, gegen welche Zusammenstellung Helene einen unüberwindlichen Widerwillen zu haben erklärte. Sie aß fast nichts. Ebba machte ihr Vorwürfe.
„Ich trinke nachher ein Glas Milch," versprach Helene.
Ebba ließ ihren Vater in Ruhe essen. Er hatte sich fast gewaltsam herunterholen lassen und war noch in Gedanken verbohrt. Die Mädchen kannten das. Er erwachte erst allmählich; im Maße, wie sich sein Magen füllte, wurde fein Geist träger, und man konnte ihm dann ein wenig Teilnahme an alltäglichen Dingen abgewinnen.
Der Professor saß auf dem Sofa, Ebba rechts am runden Tisch im vollen Licht, das mit lachender Sonne hereinkam, Helene links mit dem Rücken gegen das Fenster. So hatte ihre ganze dunkle Silhouette einen kleinen schimmernden Glanzrand um sich.
„Papa," begann Ebba, als Frau Voß die Speisereste, die ihr zufielen hinausgetragen hatte, „Papa, ich muß ernsthaft mit dir reden!"
Helene faltete sogleich ihre langen, dünnen, weißen Finger auf dem Tischtuch und nahm die Haltung eines Zuschauers an, der eine spannende Komödie kritisch verfolgen will.
„Wegen des Geldes? Ich gehe gleich eine Aktie verkaufen," jagte der Professor, sich unruhig bewegend. Wenn die Kinder ernsthaft etwas sprechen wollten, lief es stets auf eine störende Unbequemlichkeit hinaus, und ändern ließ sich doch nichts.
„Es kommt jetzt alle Vierteljahre einmal vor, daß du ein Papier verkaufst. Auf diese Weise zehren wir vom Kapital, und es wird eines Tages alle sein."
„O — lange nicht. Bis dahin ist mein Buch fertig . . . oder wenn nicht ... ich nehme eine Professur an . . ." sprach der alte Herr mit der Miene eines schmollenden Kindes.
Ebba und Helene wechselten einen Blick. Woher sollte dem alten Manne eine Professur kommen? Welche Universität ihn berufen? Ihn, der ganz außer allen akademischen Beziehungen stand! Selbst sein Professortitel war eine Auszeichnung, die ihm honoris caufa verliehen wurde; wofür, warum? das war der gegenwärtigen Generation entschwunden. Es hieß, 5er' lingen habe einmal ein bemerkenswertes Buch über die End wicklungsunfähigkeit der Moralphilosophie geschrieben und bei dieser Gelegenheit bekam Herlingen, der als Privatgelehrter in einer kleinen Universitätstadt lebte, einen Titel. Gleich nach dem Tode seiner Frau zog er nach Lünstedt, weil er eine Verwandte hier wußte, von der er hoffte, sie würde sich seiner Mädchen annehmen. Nun war sein Dasein völlig wie begraben, denn hier galt nur Handel und Industrie. Und vielleicht war seine Tätigkeit auch ganz unfruchtbar. Ebba und Helene hatten darüber kein festes Urteil, aber sie besprachen es oft miteinander, ob der alte Herr wohl wirklich ein fdjöpr rischer Geist fei und ob er nicht vielmehr nur eine Art unfruchtbare Gier nach Wissen habe.
IZortsetzung folgt.)