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Nr. 10t

Gchlüchtemer Zeitung

2. Blatt.

Der Appell desStahlhelm"

Ueber 180 000 Mann, etwa 6000 Fahnen.

Berlin, 5. September.

Die Reichshauptstadt stand am Sonntagvormittag ganz im Zeichen desStahlhelm". Schon in den frühen Morgen­stunden fetzte der Anmarsch zum Tempelhofer Feld ein, wo der große Appell stattfinden sollte. Weit über die gemeldete Zahl, etwa 180 000 Mann mit etwa 6000 Fahnen, waren dem Rufe gefolgt und hatten in vier großen Treffen nach den 23 Landesverbänden und Gauen Aufstellung genommen. An einer Ehrenstelle, in der Nähe des Rednerpultes, standen die Abordnungen der Saarländer, der Südtiroler und der Danziger.

Den Auftakt zum 13. Reichsfrontsoldatentag bildete die Ehrenpflicht der Bundesleitung, am Ehrenmal einen Kranz niederzulegen. Sämtliche Bundesführer, begleitet von einer Ehrenkompagnie und der Bundesstandarte, legten am Ehrenmal Unter den Linden, am Denkmal Friedrichs des Großen und am Nationaldenkmal vor dem Schloß Kränze nieder.

Bei dem Appell auf dem Tempelhofer Felde sah man unter den zahlreichen Ehrengästen die beiden Reichs­minister des Innern und Aeußern, den Reichswehrminifter, den Reichsernährungsminister, den Reichsfinanzminister, ferner Dr. Bracht, den Berliner Polizeipräsidenten, zahlreiche Abgeordnete, den ehemaligen Kronprinzen und die Kron­prinzessin. Prinz Waldemar von Preußen, Herzog Adolf Friedrich zu Mecklenburg, Fürst von Hohenzollerm Major Pabst, Fürst Starhemberg, sowie viele Offiziere der alten Armee und Marine.

Beim Erscheinen der Bundesleitung ging die Bundes­flagge hoch. Damit begann der eigentliche 13. Reichsfront­soldatentag. Die Bundesleitung fuhr im Kraftwagen unter den Klängen des Präfentiermarsches und des Deutschland­liedes die Front ab. Ihnen folgte, begeistert begrüßt, der greife Generalfeldmarschall von Macken sen in der Traditionsuniform der Totenkopfhusaren. Noch während die Bundesleitung die Fronten abfuhr, betrat Reichs­kanzler von'Papen den Ehrenplatz und wurde be­geistert empfangen. Die Ovationen für den Kanzler setzten sich noch weiter fort, als er in Begleitung von Staatssekretär Planck an den Tribünen vorbeiging.

Nach, einer kurzen Begrüßungsansprache durch den Lan­desführer von Stephanie sprach der Gründer und

Bundesführer Geldte

Franz Selclte.

der Gründer und Erste Bundesführer des Stahlhelm, B. d. F.

Der Redner betonte einleitend, daß heute soldatisches Denken und soldatische Haltung in Deutschland verständlich werden; er dankte allen für die opferfreudige Arbeit und für die Einsatzbereitschaft.

DerStahlhelm" sümpft nicht für sich, sondern für Deutschland. Er will nicht die Gewalt, sondern das Gesetz. Er fordert nicht die staatliche Macht, sondern den machtvollen ötaat, unter dem das ganze Deutschland in freier, friedlicher arbeit einer neuen, besseren Zeit und Zukunft entgegengehtzn kann.

In seiner Programmrede, so erklärte Seldte, habe er die Hoffnung ausgesprochen, daß der Wille zur Einigkeit größer sein möge als das Erbübel des Haders. Fast gleich­zeitig habe eine Parteibewegung in Berlin versucht, Zwie­tracht unter die Stahlhelmkameraden zu säen. Keine Partei, reine Klasse, keine Interessengruppe, das ganze Deutschland oll es sein, dem wir dienen, für das wir weiter kämpfen weiter uns opfern wollen.

Der Bundesführer nahm dann den Versammelten das «elöbnis des Gehorsams, der Mannestreue, Waffentreue aus s<ot und Tod, treuer Kameradschaft gegen die Feinde des Unterlandes und des Bundes der Frontsoldaten ab. Das ^tsegelöbnis klang aus in der ersten und vierten Strophe «es Deutschland-Liedes.

Dann gedachte der Redner der Gefallenen im Weltkriege 0er Opfer in Oberschlesien und im Ruhrgebiet. Mit dem ehrung^' ^"^' ^n*" Kameraden" schloß die kurze Helden­

SS neue Fahnen werden geweiht

R Hin Anschluß an die Rede des ersten Bundesführers elote weihte der zweite Bundesführer Oberstleutnant E^bsterberg 55 Fahnen. Nach einem Rückblick auf i/oan.und einem Hinweis auf die Grundlagen der deut- <M Einigung, die Bebau gegeben hat, und auf die vier Mre, die der Frontsoldat während des Weltkrieges für Uni r*lnat gekämpft hat, führte Duefterberg weiter aus: l«r selbstloser, schwerer Kampf war nicht vergebens. Die .^nntnis der Notwendigkeit, über alle sachlichen und per- l nuchen Gegensätze hinweg sich wieder in gemeinsamer J7S ?u Volk, Heimat und Vaterland zusammenzufinden, ist sichtbaren, Wachsen.

Im Namen des Bundes weihe ich die neuen Fckhnen. Mögen sie den Ortsgruppen voranflattern und sie mahnen an das unvergeßliche Heldentum, das unter diesen Farben von den deutschen Soldaten auf dem Lande, in der Luft und zur See in allen Erdteilen bewiesen ist, getreu bis in den Tod. Ich gebe allen Fahnen den gemeinsamen Spruch: Seid einig im Stahlhelmgeist.

Mit dem gemeinsam gesungenen LiedIch hab mich ergeben" wurde die Ansprache abgeschlossen.

Der Vorbeimarsch

Im Anschluß hieran begann der Vorbeimarsch an der Bundesführung und den Ehrengästen, der sich mehrere Stun­den lang bis in die späten Nachmittagsstunden ausdehnte. Die einzelnen Marschkolonnen zogen mit klingendem Spiel und flatternden Fahnen in ihre Quartiere bzw. sofort nach den einzelnen Bahnhöfen ab.

Trotz des bedeckten Himmels und der Regengefahr in den ersten Vormittagsstunden hatte sich eine nach vielen Zehntausenden zählende Menschenmenge auf dem Flughafen und auf den Anmarschstraßen zum Tempelhofer Feld einge­funden, die die Marschkolonnen des Stahlhelm mit stürmi­schen Front-Heil-Rufen begrüßte.

Der Wehrsportabend

Am Vorabend fand im Stadion ein Wehrsportabend statt, an dem annähernd 100 000 Personen teilnahmen. In der Hhrenloge hatten der Reichskanzler und mehrere Mit­glieder des Reichskabinetts Platz genommen, ferner der Kronprinz, die Kronprinzessin und Generalfeldmarschall v. Mackensen. Nach einem Gruß Seldtes an die Reichswehr wurden zahlreiche militärische Uebungen vorgeführt. 600 Musik- und Spielmannszüge spielten alte militärische Weisen. Den Höhepunkt bildete der Einmarsch der Fahnen, die sich vor den Bundesführern und den Ehrengästen dreimal senk­ten. Mit dem Großen Zapfenstreich schloß die Veranstaltung.

Die Ziele des Stahlhelm

Die Rede Seldkes im Berliner Sportpalast

Jm Rahmen des Berliner Stahlhelmtages fand im Sportpalast eine große Kundgebung statt, bei der der erste Bundesführer FranzSeldte über die Ziele des Bundes sprach. Er führte dabei u. a. folgendes aus:

Mitten in den Wirren der Revolution, am 13. No­vember 1918, haben wir den Stahlhelm, Bund der Front­soldaten, als deutsche Freiheitsbewegung gegründet. Von damals bis heute kämpften mir für die innere und äußere Freiheit Deutschlands, und wir werden diesen Kampf nicht aufgeben, bis Deutschland aus allen Gebieten in unserem Sinne frei ist

Jetzt ist es so weit,

daß von der Führung des Deutschen Reiches das erkannt und ausgesprochen und zum Regierungsprinzip gemacht wer­den soll dasselbe, was die Frontgeneration durch den Stahlhelm formulierte, was längst Tat und Wirklichkeit hätte werden können in Deutschland, wenn man diese opferbereite und opferwillige Männerschicht der Frontgeneration heran­gelassen hätte.

Wenn wir uns fragen, ob wir auf dem von Anfang an angezeigten Wege des Stahlhelm unsere Ziele schon erreicht haben, so antworte ich klar:Nein, das haben wir noch nicht." Das konnten wir auch noch nicht in einem Volke, das noch in einer geistigen Revolution, einer Umstellung, in einer Gärung begriffen ist.

Eine Stufe jedoch, und eine der wichtigsten, haben wir durch die Arbeit des Stahlhelm erreicht. Es ist keinem inne­ren und äußeren Feinde gelungen, in dem deutschen Volke den Wehrgedanken und den soldatischen Gedanken zu unterdrücken oder auszurotten.

Diese eine Tatsache, diese eine Stufe, daß die Nation nicht entmannte, daß der Wehrwille bis heute in dem deut­schen Volke nicht erstürben ist, das haben wir, das hat der Stahlhelm erreicht.

Dir können uns aber mit dem Erreichten nicht zufrie­den geben. Wenn wir starke nationale Regierungen fordern, so wollen wir in unserem Stahlhelmsinne weiter arbeiten, bis das deutsche Volk die ihm so notwendige a41 g e m e i n e Dienstpflicht, diese große Volksschule, wieder einge­führt hat.

Aber auch dann kann der Stahlhelm noch nicht abtreten; denn dann geht es um die dritte Stufe, um die Erreichung der höchsten geistigen Werte in Deutschland. Dann geht es darum, daß eine bewußte nationale Führerschicht vorhanden ist, die Bismarcks Werk erfüllt.

Wir wollen die Eigenschaften der Frontsoldaten: Zä­higkeit, Tapferkeit und Du rchhalkenkönnen nicht in einem Kriege anwenden, denn wir kennen die Schrecken des Krieges und ersehnen ihn darum nicht son­dern wir wollen diese Eigenschaften anfetzen in freier friedlicher Arbeit zum Aufbau derNation.

Mit dem System von Weimar oder mit den Möglich­keiten von Versailles oder mit einer Kombination von beiden ist nichts zu erreichen Im Gegenteil, wir müssen diese beiden Systeme auflockern, sprengen, wenn wir zur inneren und äußeren Freiheit kommen wollen.

Die deutsche Zukunft steht nicht bei den Parteien. Die deutsche Zukunft steht nicht bei der Mechanik irgendeiner Wirtschaftstheorie. Die deutsche Zukunft steht nicht allein bei den starken Bataillonen, sondern die deutsche Zukunft steht da, wo jener deutsche Geist sein Panier erhebt, für das ich keine stärkere Ausdrucksform bisher in Deutschland kenne, als den Geist der alten Frontsoldaten, als den Geist des Stahlhelm."

Todesurteil in Rybnik (Ostoberschlesien). Die Rybniker Strafkammer verhängte als Standgericht, nachdem es erst vor kurzem den Sexualmörder Gawliczek zum Tode verur­teilt hatte, das zweite Todesurteil. Das Gericht verurteilte den 28 Jahre alten Arbeiter Joseph Ziemski aus Gottartowitz bei Rybnik, der am 28, Juli den Polizeibeamten Ziszek so schwer angeschossen hatte, daß dieser lange in Lebensgefahr geschwebt hatte und in einer Bahre in den Gerichtssaal zur Vernehmung als Zeuge getragen werden mußte, zum Tode. Ziemski wurde bereits am frühen Morgen hingerichtet. Die Ablehnung seines Gnadengesuches war ihm am späten Abend mitgeteilt worden.

Stahlhelm-Kundgebung im Sportpalast.

Tinmarsch der Fahnen während der Stahlhelm-Kundgebung im Berliner Sportpalast.

Kontingente veschiossen

Der Reichskanzler an Dr. Hugenberg.

Berlin, 5. September.

Im Zusammenhang mit der Rede des Kanzlers in Münster hat der deutschnationale Parteiführer Dr. H u g e n- b e r g in einem Schreiben an Dr. 0. Papen die beschleunigte Durchführung des Kontingentsystems gefordert. In der Antwort des Kanzlers heißt es u. a.:

Schon unter dem Gesichtspunkt der deutschen Devisen- lage ist eine Entlastung des deutschen Marktes von über­mäßiger landwirtschaftlicher Einfuhr unerläßlich. 3m Grund­satz hat sich daher die Reichsregierung für die Anwendung von Kontingenten entschieden, soweit die Verhandlungslage das zuläßt.

Ich darf andererseits mitteilen, daß über das zunächst beabsichtigte Maß hinaus die Reichsregierung beschlossen hat. dem Herrn Reichspräsidenten eine Entlastung von der Grund st euer durch Steuergutscheine in Höhe von 40 0. H. des Steuerbetruges v 0 rzuschla - gen. Ich bitte, überzeugt zu sein, daß im übrigen die er­forderlichen Maßnahmen mit äußerster Beschleunigung zu Ende geführt werden sollen. Das Reichskabinett ist sich völlig klar darüber, daß die Rettung der Landwirtschaft eine beut« iche Lebenssrage ist.

Es wird Sache der Reichsregierung fein, unter Wahrung der Interessen der gesamten deutschen Wirtschaft die Reihe der schon durchgeführten einschneidenden Hilfsmaßnahmen für die Landwirtschaft zu einem ausreichend wirksamen Ge­samtwerk zu vervollständigen.

Urteile her Sondergerichie

ist Hagen ...

Das Hagener Sondergericht verhandelte gegen die Kom­munisten Roos, Hoefer, Runte, Über, Wilhelm Körte, Roedel- bronn und Steinbach, die wegen Landfriedensbruchs, ver­suchten Totschlags an SA.-Leuten und Vergehens gegen die Waffenbestimmungen angeklagt waren. Das Urteil lautete: Runte, Über, Wilhelm Körte und Roedelbronn werden we­gen versuchten Totschlags zu je zwei Jahren Zuchthaus ver­urteilt. Roedelbronn erhält außerdem wegen Bedrohung noch sechs Monate und Über wegen Waffenmißbrauchs noch drei Monate Zuchthaus. Hoefer., Steinbach und Roos wur­den freigesprochen.

in Liegnitz . . .

Das Liegnitzer Sondergertcht verurteilte in seiner ersten Sitzung den Russen Wassilij Baranoff, der in der Nacht zum 7. August auf das SA.-Heim in Bunzlau mehrere Schüsse abgegeben und kurz darauf auf zwei SA.-Männer geschossen und einen in den Hals getroffen hatte, wegen Totschlags­versuchs, Begehung von Gewalttaten mit Waffen und un­befugter Waffenführung zu acht Jahren Zuchthaus und acht Jahren Ehrenrechtsverlust.

in Hirschberg. . .

Vor dem Hirschberger Sondergericht wurde in dem Pro­zeß wegen der Schmiedeberger Zusammenstöße vom 8. Juli das Urteil verkündet. Es wurden verurteilt der Arbeiter Max Hitfchel aus Schmiedeberg, der als Überfahrt gilt, den Nationalsozialisten Köhler durch Messerstiche lebensgefährlich verletzt zu haben, wegen schweren Landfriedensbruchs zu zwei Jahren Zuchthaus und drei Jahren Ehrverlust; der sozialdemokratische Stadtverordnete und Gewerkschastssekre- tär Robert Exner aus Hirschberg, der sozialdemokratische Abgeordnete Leder aus Schmiedeberg und der Melker Hans Basan aus Schmiedeberg zu je eineinhalb Jahren Gefäng­nis; der Maurer Hermann Haselbach aus Schmiedeberg zu sechs Monaten Gefängnis; der Arbeiter Oswald Pätzold aus Schmiedeberg zu drei Monaten Gefängnis. Zwei Angeklagte wurden wegen unbefugten Waffentragens zu je einem Mo­nat Gefängnis verurteilt, ein Angeklagter wegen Werfens mit Steinen zu zwei Wochen Haft. Der nationalsozialistische Angeklagte Schenk wurde wegen Körperverletzung aus poli­tischen Beweggründen zu drei Monaten Gefängnis verurteilt. Vier Angeklagte wurden freigesprochen.

in Flensburg . . .

Das Flensburger Sondergericht verurteilte den 26jäh- rigen Melker Thode aus Wees wegen vorsätzlicher Brand­stiftung zu zwei Jahren Gefängnis. Der Angeklagte hatte aus Wut darüber, daß ihm wegen feiner nachlässigen Arbeit gekündigt worden war, die umfangreichen Btallungen seines Arbeitgebers in Brand gesteckt und dadurch einen Schaden von 7000 RM verursacht.