Nr. 94
Schlüchterner Zeitung
3. Blatt.
SÄM«
Einigung durch Schiedsrichter?
-rür friedliche Regelung der Gran-Lhaco-Skreitfrage.
Genf, 5. August.
Die Regierung Paraguays hat im Konflikt mit Boli- oien dem Präsidenten des Völkerbundsrates telegraphisch eine Note übermittelt, in der Bolivien beschuldigt wird, durch einen Angriffskrieg die Bestimmungen des Völkerbunds- vaktes gebrochen zu haben. Die Note enthält jedoch keinen Borschlag, auf welchem Wege ein« Regelung des Konfliktes herbeigeführt werden kann.
Da inzwischen auch Deutschland, England, Frankreich, Italien und Spanien diplomatisch bei den streitenden Par- teien vorstellig geworden sind, erhofft man in Gens jetzt eine Regelung auf schiedsrichterlichem Wege.
Die Regierungen des amerikanischen Erdteils betonen in einer gemeinsamen Erklärung, daß sie keine Grenzver- Änderungen im Gran Lhaco anerkennen werden. Diese Erklärung ist auch von den Vereinigten Staaten abgegeben worden. Argentinien hat 20 Bataillone Infanterie und ein Bataillon Pioniere an die bolivianische Grenze zum Schuh der Neutralität beordert.
Ltnerhörie Dreistigkeit potent
Unbegründeter Protest wegen der Warschauer Vorgänge.
Berlin, 5. August.
Im Berliner Auswärtigen Amt ist eine polnische Note wegen der Warschauer Vorgänge eingegangen. Ls handelt sich um den Flaggenzwischenfall anläßlich des „Seefestes" in Thingen. Der deutsche Geschäftsträger hatte auf dem zu seiner Wohnung gehörenden Grundstück zweimal eine polnische Flagge angebracht gefunden, die er unter Berufung ' auf das Recht der Exterritorialität entfernen ließ. Daß Polen es unternimmt, die Verletzung des Rechts noch durch eine Note zu unterstreichen, kann wahrhaftig als Dreistigkeit be- s zeichnet werden.
Di« Not«, in d«r die polnische Regierung, ohn« auf Einzelheiten einzugehen, ihren Protest zum Ausdruck bringt, wird von der Reichsregierung unverzüglich beanstandet werden, und zwar in demselben Sinne, den der Reichsaußen- : minister dem polnischen Gesandten gegenüber bereits zum Ausdruck gebracht hatte, daß nämlich der Sachverhalt bereits geprüft sei und das Verhalten des deutschen Geschäftsträgers von Rintelen durchaus der internationalen Uebung entsprochen habe. Aus diesem Grunde müsse der Protest der polnischen Regierung zurückgewiesen -werden.
Im übrigen ist auch der polnische Gesandte in Berlin wegen der erwähnten Vorgänge beim Außenmini ster vorstellig geworden.
Das gleiche Mchi aus Sicherheit
Der französische Sozialistenführer über Abrüstung.
. ——; Paris, 5. Auguste
Leon Blum befaßt sich im „Populaire" mit der Ab- rüstungsfrage unter besonderer Berücksichtigung der deutschen Forderung auf Gleichberechtigung. Er schreibt u. a., daß ein Scheitern der Genfer Abrüstungskonferenz der Reichsregierung die Mittel in die Hand gebe, vor aller Oeffentlichkeit die Reorganisierung des Heeres durchzu- führen und Deutschland als von den Wilitärktawein des Versailler Vertrages für entbunden zu halten.
Die große Pariser Presse habe gelegentlich der letzten Erklärungen des Generals o. Schleicher ganz zu Unrecht gegen diese Ausführungen Front gemacht, denn der Standpunkt des Reichswehrministers sei absolut logisch gewesen. Der Versailler Vertrag verpflichte Deutschland zur Ab- riistung. Er mache diese einseitige Verpflichtung aber gleichzeitig zum Auftakt einer internationalen Abrüstung.
Wenn sich 13 Jahre nach Friedensschluß jede Aussicht auf Abrüstung jedoch als irrig erweise, so würden die Verpflichtungen Deutschlands hinfällig.
Der französische Grundsatz, daß die Notwendigkeit der Sicherheit eine Abrüstung unmöglich mache, sei ein zweischneidiges Schwert, da alle Staaten gleiches Recht auf Sicherheit hätten, hieraus ergebe sich die unbedingt« Notwendig- keit zur Abrüstung, wenn man Deutschland nicht die Möglichkeit geben wolle, im Versailler Vertrag selbst die juristische und politische Rechtfertigung für die Aufrüstung zu suchen.
Deutsche Ingenieure beim französischen Marineminister
Marmeminister Leygues empfing zwei deutsche Ingenieure Rücker-Elbing und Müller-Hamburg. Die beiden Ingenieure un- lerbreiteten dem Marineminister eine Reihe von Plänen für den eines besonderen Schiffes zur Hebung von Unterseebooten. Der Marineminister benutzte die Gelegenheit, um die deutschen Jn- geneure nach ihrem Urteil über die Hebung des vor einigen Wochen gesunkenen U-Bootes „Promöthöe" zu befragen. Beide schlössen sich der Ansicht der englischen und französischen Techniker an und erklärten, daß ihnen der Versuch von vornherein aussichtslos «scheine.
Borah wirbt für Schuldenrevision und Abrüstung.
In der Universität in Neapolis im Staat Minnesota hielt Senator Borah eine neue große politische Rede, die inhaltlich mit "« vom 24. Juli übereinstimmt. Borah macht damit seine früher ^gegebene Erklärung wahr, daß er eine systematische Aufklärung amerikanischen Volkes über die Notwendigkeit der Schulden- "vision im Zusammenhang mit der Abrüstung versuchen werde.
Kleine politische Meldungen
. Einfuhrverbot für Steinkohlen und Koks in Oesterreich. Durch Verordnung mit Genehmigung des Hauptausschusses des Ra- '"Nalrates wurden nun auch Steinkohlen, Steinkohlenbriketts und dem Einfuhrverbot unterworfen.
, Das Ende des Veleranenmarfche«. Wie aus Iohnstown (Penn- Wanien) gemeldet wird, haben die Veteranen nach dringender ^•iforberung durch ihre Führer beschlossen, in ihre Helmut zuriick- iuiehren.
>. General Ma lebt. Zu den Gerüchten über den angeblichen des Generals Ma wird von japanischer amtlicher Stelle er- M daß die Leiche des in der Frontlinie gefundenen Generals «ustiziert und festgestellt wurde, daß es sich bei dem Toten nicht General Ma handelt.
Die Waffensuche in Hofgeismar
Ein armierter Lastwagen beschlagnahmt.
Kassel, 4. August.
In Hofgeismar wurden durch Beamte der Landjägerei bei Angehörigen der NSDAP. Haussuchungen nach Waffen vorgenommen, da nach einer der Polizei zugegangenen Mitteilung im Orte eine Anzahl von Maschinengewehren und ein Panzerwagen versteckt gehalten sein sollten. Die Nachforschungen hatten das Ergebnis, daß der sogenannte Panzerwagen aufgefunden werden konnte; dagegen wurden Maschinengewehre nicht gefunden. Lediglich ein Revolver konnte beschlagnahmt werden. Bei dem „Panzerwagen" handelt es sich nur um ein großes Lastauto, das mit einer doppelwandigen Stahlblechhaube mit Schießscharten versehen ist; die Zwischenwände der Stahlhaub« sind mit Sägemehl ausgefüllt. Der Wagen wurde von der Polizei beschlagnahmt und nach Kassel gebracht. '
Eine amtliche Erklärung
Zu der Waffensuche in hofgeismar gibt die Pressestelle der Regierung eine Mitteilung heraus, die besagt, daß ein alter Lastkraftwagen beschlagnahmt wurde, der nach Angaben der Beteiligten auf Anordnung der Kreisleitung der NSDAP. in den letzten Nächten mit 5 Millimeter starkem Schmiedeblech gepanzert worden war.
Die Panzerung ist nach allen Seifen durchgeführt und nur durch Sehlöcher und auf beiden Flanken durch einen Schlitz unterbrochen.
Der hierzu vernommene Führer der örtlichen SA.-An- gehörigen erklärte, daß der Wagen zum ungefährdeten Transport von SA.-Angehörigen bestimmt sei. Die Durchsuchung nach angeblich vorhandenen weiteren Waffen ist erfolglos geblieben.
Die letzte Entscheidung über die Durchführung eines etwaigen Strafverfahrens und über den Verbleib des Wagens auf Grund des Kriegsgeräkegefetzes vom 27. Juli 1927 ist Sache der ordentlichen Gerechte. Der Wagen wurde einstweilen auf der Polizeiunterkunft sichergestellt.
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Zu der Mitteilung d«r Regierung, und insbesondere zu der Feststellung von feiten der Regierung, daß die Bepanze- rung des Kraftwagens auf Anordnung der Kreisleitung der NSDAP. erfolgt fei, erklärt die Gaupressestelle der NSDAP., Gau Hessen-Nassau-Nord, daß damit versucht werde, die politische Leitung der NSDAP. unter Entstellung der Wahrheit in diesen Fall mit hineinzuziehen. Es sei nicht wahr, daß irgendein politischer Leiter, weder der Ortsgruppenführer noch der Kreisleiter noch der Bezirksleiter noch die Gauleitung eine Anordnung getroffen oder ihr Einverständnis gegeben habe, daß ein alter Lastkraftwagen mit Schmiedeblech oder sonstwie bepanzert werden solle.
Die Aukobeschlagnahme in Hofgeismar.
Der neue Vertrag zwischen Holland, Belgien und Luxemburg.
Haag, 5. August.
Der mit Spannung erwartete Vertrag des in Lausanne zwischen den Regierungen Hollands, Belgiens u. Luxemburgs abgeschlossenen Zollsenkungsabkommens wird nunmehr der Oeffentlichkeit übergeben. Das Abkommen besteht aus einer Präambel, dem eigentlichen Vertrag und einem Protokoll, das Erläuterungen zu dem Vertrage enthält.
In dem Vertrag verpflichten sich die Parteien gegenseitig, keine Erhöhung der im Augenblick des Vertragsabschlusses geltenen Zölle vorzunehmen, vielmehr eine Sen- kung der Zollsätze um etwa 10 v. h. vorzunehmen. bis nach vier Jahren eine Zollsenkung von 50 v. h. erreicht ist. Die Parteien verpflichten sich ferner gegenseitig, keine neuen Ein- oder Ausfuhrverbote und Beschränkungen noch Reglementierungen durchzuführen außer in bestimmte« Fällen.
Gemacht werden neue Vorbehalte, u. a. für den Handel mit Waffen, Munition und Kriegsmaterial, ferner für Gold, Silber, Papiergeld und Wertpapiere, Maßnahmen aus dem Gebiete der Devisenkontrolle werden jedoch ausgeschlossen. Ferner verpflichten sich die vertragschließenden Parteien zur Abschaffung bestehender Verbote oder Einschränkungen sowie Reglementierungen. Weiter sieht der Vertrag vor, daß die vertragschließenden Parteien sich gegenseitig Meistbegünstigung gewähren.
Interessant ist, daß die Kündigung des Vertrages durch Mitteilung an die holländische Regierung erfolgen soll. Daraus geht die Bedeutung hervor, die der holländischen Regierung bei dem ganzen Vertragsabschluß zukommt.
Jeder dritte Staat hat die Möglichkeit, dem Vertrage auf der Grundlageder Gleichberechtigung mit den vertragschließenden Parteien beizutreten. Mitteilungen über den Wunsch zum Beitritt zum Vertrage sollen ebenfalls an die niederländisch« Regierung erfolgen.
Chronik der Krawatte
Das 18. Todesopfer der Altonaer Unruhen.
Im Krankenhaus zu Mona ist der 72jährige Pensionär Emil Fühler aus Hamburg gestorben, der bei den Altonaer Unruhen am 17. Juli eine schwere Schußverletzung erlitten hatte. Damit hat sich die Zahl der Todesopfer des 17. Juli auf 18 erhöht.
Politische Ueberfälle in Ostpreußen.
Auf den nationalsozialistischen Obermelker Otto Delnitz in Wickerau wurde in seiner Wohnung ein Anschlag verübt. Nachts wurde diese von einer Schar politischer Gegner buchstäblich belagert und Delnitz wurde aufgefordert, herauszu- kommen. Als statt feiner der Untermelker Bernand ans Fenster trat, wurde von draußen eine gefüllte Flasche gegen ihn geschleudert, die ihn am Kopf traf und schwer verletzte. — Von dem Kommunisten Czyper wurden auf der Straße in Drengfurt die der NSDAP. angehörende Frau Bastigkeit und der ebenfalls zur NSDAP. gehörende Schachtmeister Wiester durch Schüsse aus einem Tesching schwer verletzt.
Brandbombenanschlag in Ortelsburg.
In der Nacht wurde in das Kaufhaus Robert Neumann aus einem vorüberfahrenden Kraftwagen eine Brandbombe geworfen. Die Auslagen fingen zu brennen an. Durch Splitter wurde auch eine Schaufensterscheibe des gegenüberliegenden Kaufhauses Mendel zertrümmert.
Zwei Polizeibeamte angeschossen.
Zwei Polizeibeamte, die Streife gingen, wurden aus der Steigerstraße in Sosnitza von einem Motorrad aus durch den Soziusfahrer beschossen. Ein Beamter erlitt einen Beinschuß, der andere einen schweren Bauchschuß. Bei letzterem besteht Lebensgefahr. Zwei Personen sind unter dem dringenden Tatverdacht festgenommen worden. Einer der Verhafteten hat bereits ein Geständnis abgelegt. Beide gehören, wie der Polizeibericht meldet, der NSDAP an. Das Befinden des durch einen Bauchschuß verletzten Beamten ist nach wie vor ernst. Die Polizei beschlagnahmte kn SA- Unterkunftsräumen fünf Pistolen und Revolver mit Munition, ferner 253 Schuß S-Munition, 97 Schuß Munition für Armeepistolen 08, weiter lose Revolvermunition, Ersatz- und Zubehörteile zu Maschinenpistolen und Revolvern, einen Schlagring und einen Gummiknüppel. Von Polizeiwaffen befanden sich zwei im Besitz von SA-Leuten. Diese SA- Leute wurden verhaftet. Sie werden dem Schnellrichter vorgeführt.
Zwei Sprengstoffanschläge in Oberschlesien.
In Rosenberg wurden zwei Sprengstoffanschläge verübt. Unbekannte Täter warfen eine Eierhandgranate durch die Glasscheiben der Ladentür der Zentrumszeitung „Kurier", wodurch erheblicher Sachschaden angerichtet wurde. Zu derselben Zeit wurde am Hotel Baginsky, dessen Inhaber Jude ist, eine Stielhandgranate zur Explosion gebracht. Die Haustür und zahlreiche Fensterscheiben sind zertrümmert.
Vereitelter Kafsenbotenüberfatt
Gefährliche Verbrecherjagd in Stettin.
Stettin, 5. August.
Beamte der Stettiner Reichsbank beobachteten einen Mann, der mehrere Kassenboten von Stettiner Firmen, die Geld abgehoben hatten, auf die Straße verfolgte.
Als ein Polizeibeamter den Mann festnahm, um seine Personalien festzustellen, riß dieser sich tos und gab einen Schuß auf den Beamten ab, der eine« Fußgänger schwer verletzte.
Der Verbrecher flüchtete in die benachbarte Ortskrankenkasse, von wo aus er über den Hof in eine andere Straße gelangte. Dort hielt er eine Kraftdroschke an und zwang den Schofför mit dem Revolver, ihn zum Bahnhof zu fahren. Inzwischen nahm das Ueberfallkommando in einem Kraftwagen die Verfolgung der Kraftwagendroschke auf, wobei es den Verbrecher beschoß. Dieser erwiderte das Feuer und verletzte einen Polizeibeamten schwer. Erst als der Verbrecher mehrmals getroffen war, hielt der Schofför an.
Zur großen Ueberraschung der Polizeibeamten fand man in der Kraftdrosche noch eine Dame aus Stettin, die zum Dampfschisssbollwerk fahren wollte, als der Verbrecher die Droschke anhielt. Wahrscheinlich um sich das Reisegeld zu beschaffen, hat der Verbrecher während der Fahrt von der Dame mit dem Revolver die Herausgabe von 200 Mk. erzwungen. Glücklicherweise blieb die Dame bei der Schreckensfahrt unverletzt. Gleich nach seiner Einlieferung ins Krankenhaus ist der Verbrecher seinen Verletzung«« erlegen.
Explosionsunglück bei Hannover. In Misburg bei Hannover auf dem Grundstück der Erdöl-Raffinierie „Deurag" entstand eine Oel-Gasexplosion, bei der sieben Personen schwer verletzt wurden.
Durch Blitzschläge fünf Menschen getötet. Warschau und Umgebung wurden von einem außerordentlich heftigen Gewitter heimgesucht, das besonders im Bezirk Lukow wütete. Durch Blitzschläge fanden insgesamt fünf Menschen den Tod, und weitere zwölf haben zum Teil sehr schwere Verletzungen davongetragen.
700 deutsch« Schüler in Paris. 700 deutsche Schüler und Schülerinnen trafen in Paris ein, die ihre Ferien zusammen mit französischen Altersgenossen in der internationalen Ferienkolonie Draveil verbringen werden. Es handelt sich ausschließlich um Kinder von Arbeitslosen, die durch Vermittlung deutscher Linksorganisationen nach Frankreich geschickt worden sind. In Paris schlössen sich ihnen etwa 300 französische Schulkinder an, worauf die tausendköpfige Gruppe die Reise fortsetzte.
von Gronau über die Einführung eines Europa-Amerika- Flugdienstes. Der Ozeanflieger von GroNau äußerte sich in Chicago über die Möglichkeit der Einführung eines regelmäßigen Flugdienstes zwischen Europa und Amerika. Die Einrichtung eines solchen Dienstes würde 5 Millionen Dollar erfordern. Als europäischer Flughafen komme entweder ein Platz in Nordirland oder einer in Schottland in Frage. Zwischenlandeplätze müßten auf Island, Grönland und Labrador errichtet werden. Als amerifanifd)en Flughafen nannte von Gronau Montreal. — Gronau will nach Mil- wauke« weiterfliegen. Er gab zu, die Absicht zu haben, auch Japan mit feinem Dorni«r-Wal au besuchen.