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Dchluchtemer Leitung

Nr. 93 (1. Blatt)Donnerstag, den 4. August 1932 84. Jahr«.

Amtliche Bekanntmachungen.

MreisaussUuß«

J.-Nr. 3287 K. A.

An sämtliche Herren Schulleiter und Lehrer deö Kreises.

Gelegentlich einer Besichtigung des Kreisobstgartens (der Kreiöbaumschule) in Schlüchtern durch den Kreisausschuß hat letzterer einmütig die Auffassung vertreten, daß sehr em­pfehlenswert sei, den Schulkindern, insbesondere denjenigen der Oberklassen, die Anlage des Kreisobstgartens zu zeigen. Die immer wieder vorkommenden Beschädigungen an den Obstbäumen der Landwege des Kreises bestätigen, daß beim Publikum und namentlich auch bei der Schuljugend noch nicht allgemein das nötige Verständnis für den Wert und die Be­deutung des Obstbaues für unser Wirtschaftsleben besteht. Es darf daher keine Gelegenheit versäumt werden, die Jugend hierauf hinzuweisen. Den Herren Schulleitern und Lehrern empfehle ich deshalb, bei gelegentlichen Ausflügen mit den Oberklassen den Kreisobstgarten in Schlüchtern zu besichtigen. Die Zeit vor der Ernte ist dafür am besten geeignet. Herr Kreisobergärtner Holstein ist gerne bereit, bei solchen Besich­tigungen aufklärende, für die Kinder verständliche Verträge über Obst- und Gartenbau zu halten. Was die Kinder bei der Besichtigung sehen und lernen, kann ihnen für ihr spä­teres Leben nur von Vorteil sein.

Es empfiehlt sich, den Kreisobergärtner vorher von der Besichtigung zu verständigen, damit er in der Kreisbaum­schule anwesend ist.

Schlüchtern, den 30. Juli 1932.

Der Vorsitzende des Kreisausschusses: Dr. Müller-

Stadt Schlüchtern«

Bekanntmachung

Die Liste über diejenigen Personen der Stabs Schlüchtern, die zum Kmte eines Schöffen oder Geschworenen berufen Eden können, liegt in der Zeit vom 6. bis emschl. 13. August d. 3s. von vormittags 812 Uhr im Rathaus Zimmer Nr. 3 zur Einsichtnahme aus.

Schlüchtern, den 2. August 1932.

Der Magistrat: Fenner.

Vollsitzung des Reichsrats

Einsprüche mehrerer Länderregierungen.

Berlin, 3. August.

Im Reichsrat teilte Reichsinnenminister Freiherr von Zayl mit, die Reichsregierung habe von den früheren Er­klärungen der Länder über die Rechtsverhältnisse im Reichs- rat Kenntnis genommen und erhoffe ein weiteres reibungs- ' loses Zusammenarbeiten. Zu dieser Hoffnung sei die Reichs- regierung um so mehr berechtigt, als die Gewähr gegeben sei, daß die Rechtsfragen durch eine Entscheidung des Staats» gsrichtshofes einer baldigen Klärung entgegengeführt werden.

Der Vertreter der Bayerischen Staatsregierung erklärte, die neue Zusammensetzung des Reichsrats entspricht nicht der Reichsverfassung; der Reichsrat sei nicht in der Lage, die ihm nach der Verfassung zukommenden Rechte auszuüben. Bayern behalte sich alle Schritte vor und sei nur unter diesem Vorbehalt in der Lage, sich an den Verhandlungen zu beteiligen. Die Vertreter Württembergs. Badens, Hessens. Hamburgs, Lübecks, Bremens, Lippes und Schaumburg-Lip- pes gaben ähnliche Erklärungen ab. Die Vertreter der preu­ßischen Provinzen behielten sich eine Nachprüfung der Rechtmäßigkeit vor.

, Die sachlichen Verhandlungen des Reichsrats betrafen kleinere Vorlagen, wie überhaupt in den nächsten Wochen Beratungsgegenstände von größerer Bedeutung dem Reichs- tQf nicht zugehen werden.

, Zu Beginn der Sitzung hatte Reichsinnenminister Frei­herr von Gayl noch der Opfer derRiobe"-katastrophe ge- dacht.

Die nationalsozialistische ZeitungFrankfurter volks- matt^ gibt «ine Erklärung ab, daß sie sich davon über^ Mgt habe, daß die gegen die hessische Regierung erhobe­nen Vorwürfe pflichtwidriger Duldung kommunistischer Um- sturzpläne völlig unbegründet sind, ausgrunddessen die Zei­tung wieder erscheint.

~~ Wegen Verbrechens und Vergehens gegen die Devisen- ^rordnung wurde in Düsseldorf der Bankkommissionär Mdschmidt zu 15 Monaten Zuchthaus, rd. 40000 RM. ^ldstrase und fünf Jahren Ehrverlust verurteilt. (Es ist der erste Fall, daß in Deutschland Zuchthaus gegen einen Devisenschieber verhängt worden ist.

Der deu tsche Atlantikflieger von Gronau flog. am ; L>«iistag von Detroit nach (Ibicago und landete dort glatt auf dem Michigansee. I

" Nach Meldungen aus Berlin, will derAngriff" wis-

daß in anbetracht der letzten Terrorakte die Reid]^ Nietung sich mit dem Gedanken trage, erneut den Aus= Mmejuftanb zu verhängen.

Ruhe - erste Bürgerpflicht:

Dr. Bracht warnt vor Gewalttaten.

Berlin, 2. August.

Der mit der Wahrnehmung der Führung der Geschäfte des preußischen Innenministeriums beauftragte Bevollmäch­tigte des Reichskommissars für Preußen, Dr. Bracht, erläßt folgenden Aufruf:

Die Wahl ist vorbei. Das Volk hat gesprochen. Die völlige Wiederherstellung des inneren Friedens ist jetzt oberstes Gebot. Die Heiligkeit des Menschenlebens darf nicht weiter angetastet werden. Ich warne zum letzten Mal! Die Staatsregierung wird selbst drakonische Maßnahmen nicht scheuen, um ihre Pflicht gegenüber dem friedlichen Staatsbürger restlos zu erfüllen und den Burgfrieden zu wahren, den unser Land braucht! Ich warne auch alle Organisationen wie jeden einzelnen, weiter zu blutigem Terror zu hetzen. Die Presse hat sich jeder Aufpeitschung der Leidenschaften auch durch un­richtige Berichterstattung zu enthalten, andernfalls hat sie schwerste Eingriffe in ihre Freiheit zu gewärtigen.

Schafft Arbeit und Brot!

^rbeitsbeschaffungsprogramm des Landgemeindeverbandes.

Berlin, 3. August.

Der Vorstand des Verbandes der Preußischen Landge­meinden hat sich in der Frage der Arbeitsbeschaffung mit den von dem Präsidenten des Verbandes, Landrat a. D. Dr. Gereke-Pressel, aufgestellten nachfolgenden Richtlinien einhellig einverstanden erklärt:

1. Reich, Länder, Gemeinden und die anderen öffentlich- rechtlichen Körperschaften und verbände heben zur Belebung des Arbeitsmarktes volkswirtschaftlich wichtige Arbeiten vor- mnehmen, um dadurch eine möglichst hohe Zahl von Ar­beitslosen wieder in Arbeit zu bringen.

2. Die Arbeiten sind planmäßig zu betreiben. Der Plan ist noch volksm-rtschostlichen, mrkehrs- und bevölkerungspoli­tischen Gesichtspunkten auf Jahre hinaus einheitlich unter Mitwirkung der Selbstverwaltungskörperschaften aufzustellen und durchzuführen.

3. Grundsätzlich sollen die Arbeiten zu vollem Lohn der Arbeiter und unter Heranziehung der freien Wirtschaft er- foläen, damit dadurch die Wirtschaft eine) weitere Belebung erfährt, und die Steuerkraft der öffentlichen Hand gestärkt wird.

4. Die Finanzierung erfolgt durch eine in beschränkten Grenzen gehaltene zinslose Kreditgewährung auf der Grund­lage des Hoheitsrechles der öffentlichen Hand in Zusammen­arbeit mit den öffentlich-rechtlichen Kreditanstallen.

Der bargeldlose Verkehr ist im Interesse der Finanzie­rung der Aufbauarbeiten durch Ausbau des Giroverkehrs und durch Verschärfung des Scheckgesetzes zu erweitern. Die Kredite sind in ihrer Laufzeit entsprechend dem verwendeten Zweck zu begrenzen. Die Kreditbereitstellung ist von den Aufsichtsbehörden im Einvernehmen mit den Kreditaus­schüssen zu überwachen.

Kirche und Staat

Der evangelische Religionsunterricht in Preußen.

Berlin, 3. August.

Amtlich wird mitgeteilt: Im Laufe des letzten Winters ist die Frage, in welcher Form die Interessen der evange­lischen Landeskirchen Preußens an der Erteilung des Re­ligionsunterrichts im Rahmen des Art 149 Abs. 1 der Reichsverfassung gewahrt werden sollten, erneut lebhaft er­örtert worden Die Verhandlungen hierüber waren in wie­derholten gemeinsamen Beratungen zwischen dem Unter­richtsministerium, den Vertretern des Evangelischen Ober- kirchenrats lzuglekch namens der der altpreußischen Union nicht angehörigen preußischen Landeskirchen) und den haupt­sächlichsten evangelischen Lehrerverbänden vor den letzten Wahlen zum preußischen Landtag soweit gefördert worden, daß die Veröffentlichung des Ergebnisses schon damals all­gemein erwarte: wurde.

Nach abermaliger Prüfung der gesamten Lage hak sich die Staatsregierung nunmehr zur unveränderten Bekannt­gabe der damals festgestellten Grundsätze entschlossen. Für den Bereich der öffentlichen und privaten Volks- und mitt­leren Schulen wird danach den preußischen evangelischen Landeskirchen die Möglichkeit geboten, durch Beauftragte, in der Regel staatliche Schulaufsichtsbeamte, ausnahmsweise Leiter oder Lehrer öffentlicher Schulen, die das Vertrauen der Lehrerschaft genießen, den Religionsunterricht besuchen zu lassen.

Die Neuregelung läßt die Rechte der staatlichen Schul- aufsicht unberührt.

Verfassungsfeier im Reichstag wie gewöhnlich.

Die Verfassnngsfeicr im Reichstag am 11. August findet im gewohnten Rahmen statt. Der Reichspräsident wird persönlich daran teilnehmen. Die Feier wird sich folgendermaßen abspielen: Zunächst bringt das Philharmonische Orchester die Ouvertüre zu Cgmont" von Beethoven zu Gehör. Darauf spricht Reichsinnen, minister Freiherr von Gayl. Nach einem weiteren Vortrag des Berliner Philharmonischen Orchesters (3. Satz der Symphonie Nr. 4 in E-moll von Johannes Brahms) wird der Reichskanzler eine Ansprache halten. Die Feier wird beendet mit dem gemein­samen Gesang der Deutschlandlieder.

Neues Kanzler-Interview Gegen Herrschaft der Parteien.

Berlin, 3. August.

Der Vertreter bet amerikanischen Nachrichtenagentur Associated Preß" hatte eine Unterredung mit dem Reichs­kanzler, in welcher von Papen zunächst rundweg und unzwei­deutig erklärte,

seine Regierung beabsichtige keinesfalls, sich um die Bildung einer Koalition im Reichstage zu bemühen, die zur Unterstützung der Reichsregierung auf die Par­teien angewiesen ist, aus denen sie sich zusammensetzt.

Er sagte dann weiter:Wenn die Wahl überhaupt etne besondere Bedeutung gehabt hat, dann besteht diese darin, daß das deutsche Volk das Bestreben der Regierung gutgeheißen hat, das Land von der Parteikontrolle zu be­freien. Was wir verlangen, ist, daß unser Bemühen, Deutschland von seinen Schwierigkeiten zu befreien, ge­duldet werde.

Unterstützung des Zentrums?

Meine Kollegen und ich wollen mit unserem Programm vor den Reichstag treten und seine Mitglieder vor die Ent­scheidung stellen, ob sie uns angesichts des dringenden Be. dürfnisses nach objektiver, unparteilicher Arbeit aus dem Sattel zu werfen wagen".

von Papen hoffe, daß die Zentrumspartei nicht das Odium auf sich laben würde, eine Kabinettskrise hervorzu- rufen. Hinsichtlich Adolf Hitler sei er der Ueberzeugung, daß der Augenblick gekommen sei, da die nationalsoziali­stische Bewegung am Wiederaufbau des Vaterlandes tätifl mithelfen müsse. Der Reichskanzler erklärte weiter,

Die Staatsform.

Die Frage der Staatsform steht nicht im geringsten zur Debatte. Das stand auch bei der Wahl nicht zur Debatte. Das ganze deutsche Volk ist darum besorgt, sein Haus in Ordnung zu bringen, und wir haben keine Zeit, an bte Sfgafsform zu denken".

Schließlich machte der Vertreter bet amerikanischen Agentur den Reichskanzler darauf aufmerksam, daß die Linkspresse der Regierung zum Vorwurf mache, daß sie ge­gen kommunistische Ausschreitungen Stellung nehme, aber nichts sage, wenn Nationalsozialisten sich Gesetzesübertretun­gen zuschulden kommen ließen.

Gegen jeglichen Terror.

Der Reichskanzler erwiderte darauf unverzüglich und bestimmt:Wer auch immer nachgewiesenermaßen für Zwischenfälle verantwortlich ist, wie für die bedauerlichen Ereignisse in Königsberg, wird erfahren, daß wir entschlossen sind, rasch und summarisch mit ihm zu verfahren". Der Reichskanzler verneinte, daß die Absicht bestände, die Kom­munistische Partei für außer des Gesetzes stehend zu er- klären.

Als der amerikanisch« Journalist fragte, was der Reichs­kanzler mit feiner Anspielung auf einemögliche Verfas- sungsrevision" in seiner letzten Rundfunkansprache gemeint habe, antwortete der Kanzler:

Wahlreform.

Ich bin der Auffassung, daß Deutschland ein Oberhaus braucht.

Eine andere Sache, bie berichtigt werden müßte, ist unser sogenanntes Listenjystem, nach dem jede Partei eine Liste von Kandidaten aufstellt, von denen für je 60 000 erhaltene Stimmen einer als gewählt erklärt wird. Ich hoffe, daß unser Wahlsystem in dem Sinne revidiert wird, daß die persönliche Verantwortung des Reichstagsmitgliedes wieder- hergestellt wird.

Verfasiungsreform.

Der Reichskanzler bemerkte, daß in jedem Lager poli­tische Führer von Verwaltungsreformen gesprochen hätten, aber niemand habe gehandelt.Binnen wenigen Tagen nach meiner Ernennung zum Reichskommissar für Preußen verschmolzen mir 58 Kreise mit größeren Kreisen und ver­einfachten die Verwaltung durch Aufhebung von 60 Land- ratsstellen. In derselben Richtung beabsichtigen mir weitere Verwaltung»- und Finanzreformen zu verwirklichen, die so­wohl im Reich als auch in Preußen einer Lösung dringend bedürfen."

Illifctrauensantrag gegen die österreichische Regierung ml " Stimmengleichheit abgelehnt.

Wien, 3. August.

Der österreichische Nationalrat lehnte den Mißtrauens­antrag der Großdeutschen gegen die Regierung mck 81 gegen 81 Stimmen, also mit Stimmengleichheit ab. Die Regie­rungsmehrheit hatt« alle Kranken zur Sitzung herangezogen. Auch für den verstorbenen Dr. Seipel war bereits ein Er­satzmann anwesend.

Elendslod Wareks.

Wien. S. August. Emil Marek der Wiener Ingenieur und Erfinder, der durch feinen sensationellen Bersicherungs- vrozeß vor fünf Jahren eine Weltberuhmtheit war, ist, §8 §ahr« alt, in einem Spital in tiefster Armut gestorben Seine Frau mit den zwei kleinen Kindern steht dem Nichts gegenüber«