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Nr. 82

Gchlüchterner Zeitung

2. Blatt

Die Taktik -er Kompromisse

Ein neuer Vermittlungsvorschlag WacDonalds

Lausanne, 7. Juli.

Neue Schwierigkeiten sind durch die Besprechung der französisch-englischen Schuldenregelung entstanden. In der Unterredung zwischen MacDonald und Herriot, die bereits vor 9 Uhr früh begann, sind die Abänderungen des Chur- chill-Caillaux-Abkommens beraten worden, da nach diesem Abkommen bereits am 15. Juli die französische Regierung einen Betrag von 1% Millionen Pfund an England zu zahlen hat. Am gleichen Datum ist ein Schuldenbetrag der italienischen Regierung an England fällig. Auch über die englisch-italienische Schuldenregelung sind Besprechungen zwischen MacDonald, Grandi und dem italienichen Finanz­sachverständigen Pirelli im Gange. Die französischen und italienischen Rückzahlungen an England sind vorläufig durch die große Moratoriumserklärung der Mächte auf der Lau- sanner Konferenz vom 16. Juni aufgeschoben, werden jedoch mit dem Abschluß der Konferenz fällig.

In der Unterredung zwischen MacDonald und Herriot ist setzt auf englischer Seite zum Ausdruck gekommen, daß die englische Regierung zu einem Entgegenkommen in der englisch-französischen Schuldenfrage bereit sei, falls die fran­zösische Regierung ihrerseits in der Regelung der deutschen Tributfrage Entgegenkommen zeige.

Weiter wird von englischer Seite mitgeteilt, daß Herriot die großen Schwierigkeiten der Stellung der fran­zösischen Regierung auf der Konferenz zum Ausdruck ge­bracht habe, die auf der einen Seite in den innerpolitischen Angriffen auf das Herriot-Kabinett liegen, andererseits in der völligen Ungeklärtheit der interalliierten Schuldenrege­lung und der jetzt fälligen französischen Schuldenzahlungen an England.

Die französische Regierung sei hierdurch in die Zwangs, läge verseht, eine Generalregelung unter allen Um­ständen herbeizuführen.

Auf englischer Seite wird offen erklärt, daß demgegenüber die taktische Lage Deutschlands außerordentlich günstig sei. Die englische Regierung müsse auf einen baldigen positiven Abschluß der Konferenz drängen, da ein Zusammenbruch sowohl der Genfer Abrüstungskonferenz als auch der Lau- sanner Reparationskonferenz für die englische Regierung auch aus Prestigegründen völlig untragbar sei. In einer ähnlichen Lage befindet sich die französische Regierung. z

Lediglich die deutsche Regierung zeige nicht die geringste Eile und befinde sich in der glücklichen Lage, im Falle eines erfolglosen Ausganges der Lausanner Konferenz ruhig die weitere Entwicklung abwarten zu können, da in diesem Falle automatisch eine Verlängerung des damit vorläufig von weiteren Zahlungen befreit fei.

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^^E^wird jetzt ein Vorschlag erwogen, die von Deutsch- 'and geforderte Streichung des gesamten Teiles VIII des , ierfailler Vertrages (Tribute und Kriegsschuldlüge) dadurch zu regeln, daß in der Schlußerklärung der Konferenz be­stimmt wird, das neue Abkommen trete an die Stelle des

Teiles VIII des Versailler Vertrages.

Eine derartige Formulierung soll der französischen Re­gierung die Annahme der deutschen Forderungen erleich­tern, damit der Kriegsschuldparagraph nicht ausdrücklich aus der Welt geschafft, sondern lediglich der gesamte Teil VIII einschließlich des § 231 durch das neue Abkommen erseht würde.

Im französischen Lager sollen nach französischen Mit- ; teilungen gewisse Gegensätze entstanden sein, da Finanz­minister Germain-Martin an der Bier-Milliarden-Ziffer festhalte, während Herriot weniger Bedeutung der Ziffern- - frage als den politischen Forderungen beimißt, jedoch soll

vollständige Uebereinstimmung

darüber herrschen, daß Frankreich Garantien für die ge- meinsame Regelung der interalliierten Schulden und der Tributfrage erhalten müsse und keine politischen Zugeständ­nisse an Deutschland gemacht werden dürfen.

Fünf Milliarden an Herriotgezahlt"

Herriot hat zu seinem 60. Geburtstag von unbekannter Seite einen Fünfmilliardenmarkschein aus der Inflationszeit

erhalten mit dem Vermerk:Zur Verrechnung auf Repara­tionskonto."

Es muß jedoch bedauerlicherweise als fraglich erschei­nen, ob die französische Regierung diese von unbekannter Seite erfolgteAbschlußzahlung Deutschlands" als eine end­gültige Regelung der Tributfrage annehmen wird.

Abreise des Reichspräsidenten nach Neudeck.

Reichspräsident von Hindenburg verließ Berlin, um einen mehrwöchigen Aufenthalt auf Gut Neudeck zu nehmen.

Keine Ernieverschleuderung

Maßnahmen der Reichsregierung.

Um eine Verschleuderung der neuen Ernte zu verhin­dern, was um so notwendiger ist, als Deutschlands Brot- getreidebedarf im neuen Jahr zum ersten Male aus eige­ner Scholle gedeckt werden kann, hat die Reichsregie­rung umfangreiche Maßnahmen getroffen. Zweck dieser Maßnahmen ist einmal, den Ange'botsdruck zu vermindern und zu verteilen, zum andern, den Markt aufnahmefähig zu machen.

Die corundzüge der neuen Maßnahmen zur Verhinde­rung der Ernteverschleuderung zeichnete

Reichsernährungsminister Freiherr von Braun in einer Rundfunkrede. Einleitend verwies der Minister auf den Erfolg der Umstellungspropagan^a, getreide mehr haben.

Die wichtigsten Nahrungsmittel, Brot, Kartoffeln, Fleisch und Fett stünden uns aus eigener Erzeugung in ausreichendem Waste zur Verfügung, so dah uns niemand mehr durch Hunger auf die Knie zwingen könne.

Zu Gunsten des Roggen marktes wird eine Er­höhung des Roggenverbrauches um mehrere 100 000 Ton­nen durch Aufhebung der im letzten Frühjahr zur Streckung der Roggenvorräte 'eingeführten Festsetzung der Ausmah- lungsgrenze von 70 v. H. erreicht werden. Die noch im Besitz der Deutschen Getreide-Handels-Gesellschaft befind­lichen Mengen an Russenroggen werden nicht am Getreide­markt, sondern verkoppelt mit deutscher Gerste zur Stützung des Gerstenmarktes abgesetzt werden.

Der Geflügelhaltern wird in stark erweiterten Ausmaß und unter der Bedingung, die Eier zu standardisie­ren, verbilligter Mais zur Verfügung gestellt werden.

Kolonial-Chrenmal eingeweiht

Kundgebung des Reichspräsidenten.

Bremen, 7. Juli.

Das dem Gedächtnis der in den Kolonialkämpfen ge­fallenen deutschen Helden gewidmete Kolonial-Ehrenmal, das in Bremen feinen Platz gefunden hat und das die Gestalt eines über einer Krypta errichteten zehn Meter hohen, aus Klinkern ausgeführten Elefanten darstellt, wurde im Bei­sein der Reichs-, Staats- und konfessionellen Behörden sowie der Vertreter der Vaterländischen Verbände, des Stahlhelms,

der Kolonial- und Marinevereine usw. feierlichst eingeweiht. Die Begrüßungsworte des Vorsitzenden der Abteilung Bre­men der Deutschen Kolonial-Gesellschaft, E. Achelis, gipfelten in dem Hinweis:

Vordringlich bleibt die erste, unabweisbare Forderung, besiegelt mit dem Blute und durch den Heldentod unserer Schutztruppenkrieger, bestehen: Unverzügliche Rückgabe unseres eigenen Landest

Anschließend übergab der Redner das Ehrenmal dem Schutze der Hansestadt, für die Bürgermeister Dr. Spitta das Wort nahm und u. a. sagte, Bremen nehme das Denkmal als Sachwalter Deutschlands in seinen Schutz. Namens der Deutschen Kolonial-Gesellschaft hielt anschließend deren Prä­sident von L i n d e q u i st eine Ansprache, in der er gleich­falls die Forderung nach Rückgabe der unsdurch den größ­ten Betrug der Weltgeschichte geraubten Kolonien" erhob. Anschließend verlas er folgend«

Am heutigen Tage, an dem in Bremen das deutsche Kolonial- Ehrenmal für die im Weltkriege gefallenen Kolonialkrieger ein- geweiht wird, neige ich mich in Ehrfurcht vor dem Andenken unserer deutschen Brüder, die, im Weltkriege in den deutschen Schutzgebieten aus verzweifelten Posten kämpfend, ihre Treue zum Vaterland mit dem Tode besiegelt haben. Wöge auch ihr Beispiel uns stets eine Wohnung sein, den Geist, der Deutschland in seinem großen Der- teidigungskampse für Ehre und Leben beseelt Hot, auch in Zukunft wachzuhalten. Allen Teilnehmern an der Feier, der ich einen guten verlaus wünsche, sende ich herzliche Grüße und den Ausdruck treuen Gedenkens."

Alsdann nahm General von Lettow-Vorbeck das Wort zu der Rede auf die Gefallenen. Seine Ausführungen waren ein packendes kurzes Heldenlied auf jene Männer, die seiner Führung in unseren ehemaligen Schutzgebieten anvertraut waren und deren Taten, so sagt« er, fortwirkten und zu neuem Leben drängten. Entblößten Hauptes sang die ergriffene Menge dann das Lied vom guten Kameraden, dem die vaterländische Rede von Lettow-Vorbecks mit ihrer Forderung nach Macht und Einheit als Voraussetzung neuer kolonialer Betätigung Deutschlands folgte. Mit der Weihe der Krypta, die das Ehrenbuch der deutschen Kolonialkrieger enthält, und der Niederlegung der Kränze klang die würdige Feierstunde aus-

^Preußischer Landtag. Vorwärts"-Verbot abgelehnt.

Berlin, 6. Juli.

Präsident Kerrl eröffnet die erste Sitzung der Juli- Tagung des Preußischen Landtages 13>1 Uhr. Die Sitzung bietet ein ausgesprochenes sommerliches Bild; zahlreiche Ab­geordnete und Tribünenbefucher sind wegen der großen Hitze in Hemdsärmeln erschienen.

Vor Eintritt in die Tagesordnung beantragt Abg. pieck (komm.) sofortige Abstimmung über einen Antrag der kommunistischen Fraktion, durch den das Skaatsmini- sterium beauftragt werden soll, das Verbot desVorwärts" und derkölnischen Volkszeitung" aufzuheben sowie all­gemein Zeitungen oder Organisationen weder von sich aus noch im Aufträge der Reichsregierung zu verbieten.

Abg. Dr. Hamburger (Soz.) bringt hierzu einen Aenderungsantrag feiner Fraktion ein, wonach, das Staats­ministerium ersucht werden soll, nochmals auf das Ernst­hafteste wegen sofortiger Aufhebung des Verbots desVor­wärts" und derKölnischen Volkszeitung" bei der Reichs­regierung vorstellig zu werden. Abg. Kube (Nat.-Soz.) nennt den sozialdemokratischen Antrag faulen Zauber und wirft der sozialdemokratischen Fraktion vor, daß ihr Antrag nicht ehrlich gemeint sei.

Darauf wird der sozialdemokratische Aenderungsantrag gegen die Antragsteller und das Zentrum abgelehnt.

Der Antrag der kommunistischen Fraktion wird mit 197 Stimmen der Kommunisten und Nationalsozialisten gegen 28 Stimmen der Deutschnationalen und der Deutschen Volkspartei bei einer Enthaltung angenommen.

Das Haus wendet sich dann der gemeinsamen Beratung zahlreicher Bergwerksanträge zu. Es handelt sich dabei u. a. um die Stillegung von Werken, Arbeiterentlassungen, das Grubenunglück auf der Schachtanlage Dorstfeld, Maß­nahmen zur Erhaltung des Metallerzbergbaues usw.

Srotzfeuer in der Bucht von Rio de Janeiro. Nach einer Meldung aus Rio de Janeiro hat ein Großfeuer die See­kadettenschule auf der Insel Enchadas in der Bucht von Rio vernichtet. Die gesamte Feuerwehr von Rio bekämpfte er­folglos den Riesenbrand. Die Ursache des Feuers ist un­bekannt. Einzelheiten fehlen noch.

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