Kreis-KmtsblatL * Myememes amtlich er ^nyiyn? für tm Kreis -Echt
Nr. 19 (1. Blatt)
Samstag, den 2. Juli 1932
84. Jahr«.
Die letzte Wache
In Lausanne hat man die Nacht zum Tag gemacht. Die Krise drängte nach" Ausweg und Entscheidung. Noch immer sind Konferenzen damit gerettet worden, daß man zu Ausschüssen die Zuflucht nahm. Zum ordnungsgemäßen Ablauf einer Konferenz gehört nun seit Jahr und Tag nachgerade die Zuspitzung, die Krise, der Ausschuß. Dann gibt es schließlich doch so etwas wie eine Lösung. In der Nacht vom Mittwoch auf Donnerstag hat unter Vorsitz MacDonalds der ' Reparations-Ausschuß getagt. Gleichzeitig war unter Vorsitz von Hymans der Handelsausschuß versammelt. Es war lange nach Mitternacht, als die verschlossenen Türen sich auf- taten. Aber die Delegierten, die die Zimmer verließen, ließen das Geheimnis zurück, auf dessen Enthüllung die Welt spannt. Immer wieder geht es um Formeln, um Begriffe, die die Brücke bilden sollen. Von den Reparationen, die Europas Wirtschaft lahmgelegt haben, zu jenem „Fonds commun", aus dem der Wiederaufbau dieses zugrunde gerichteten Europas finanziert werden soll. Das ist das Problem für den Reparations-Ausschuß. Die Frage für den Handelsausschuß lautet, wie am besten die Lausanner Konferenz in die große Weltfriedenskonferenz übergeleitet werden soll, die im Herbst, im Spätherbst wohl, in London starten soll. So nimmt die kompliziert vorbereitete, so oft vertagte, so ängstlich gemiedene, so bang erwarreie Lausanner Konferenz Kurs auf London. Worum es jetzt noch ging und geht, ist die Frage, „wie sagen wir's den Völkern". Denselben Völkern, denen neue Regierungen eine neue Zukunft verheißen haben. Denselben Völkern, die nicht mehr wissen wollen von Schuldenzahlungen aus einem Konto, das sie getilgt sehen wollen, und an dessen Tilgung sie selbst schwer genug zu tragen haben. MacDonald, der unter allen Umständen ein sichtbares Scheitern von Lausanne verhindert wissen will, bemüht sich aufs eifrigste um die Brücke, um die Brücke, die nach London führt. So sieht er das, worüber man einig ist, addiert es, vermeidet sorgsam eine Addition barübet, was eben noch offen war, ungeklärter Streit ist. Hebt nur hervor, denn das ist wichtig genug, daß der Schlußstrich untzL dieses wirtschaftmordende Kapitel „Reparationen" nur gemeinsam mit Amerika gezogen werden kann. Aber bieRs Amerika wiederum unterstreicht, daß Lausanne oüjr<»-i^»««Wch,e Lösung London illusorisch machen würde. sind wiran^ MW überein JayrMnt lang ein Leerlauf war, nicht heraus. Nur soweit sind wir, daß alle Welt begriffen hat, es geht nicht mehr weiter.
Nun hat die Parteikonvention der amerikanischen Demokraten, die in Chicago tagt, den Alkohol zur Wahlparole für den Präsidentschaftskampf erhoben. Das Parteiprogramm, das für diesen Kampf jetzt aufgestellt wird, fordert den grundsätzlichen und völligen Widerruf, die Aufhebung der Prohibition. Das amerikanische Volk soll sofort darüber abstimmen, ob die Verfassungsbestimmung, durch die das Al- kohölverbot für die Vereinigten Staaten bindendes Gesetz wurde, aufrechterhalten oder ob sie beseitigt werden soll. Ja, man geht noch weiter. Bis zur Durchführung, bis zur gesetzlichen Inkraftsetzung dieser Verfassungsänderung soll mit sofortiger Wirkung die Herstellung eines leichten Bieres gestattet werden. Damit ist die Alkoholsrage, die seit der Einführung der Prohibition die amerikansche Oeffentlichkeit immer wieder bewegt, zur Grundlage des Parteikampfes um die Präsidentschaft gemacht worden. Vor wenigen Wochen erst haben die Republikaner gleichfalls mit dieser Frage sich beschäftigen müssen, aber der Kongreß der Republikaner hat Hoo- ver als Präsidentschaftskandidaten nominiert, ohne grundsätzlich und abschließend zur Abschaffung der Prohibition Stellung zu nehmen. Nicht, als man ob sich für Beibehaltung Iausgesprochen hätte, das hat man nicht gewagt. Damit er= gibt sich übrigens das Kuriofum, daß keine Partei mehr in Amerika sich für die Beibehaltung der Prohibition offen einsetzen kann, die Bewegung für den Alkohol ist zu stark geworden. Aber die Republikaner haben geglaubt, auch weiter wie bisher noch lavieren zu können und haben also diese Frage offengelassen. Nun zwingt der Kongreß der Demo- kraten zu einer Entscheidung. Indem die Demokraten sich auf die Seite der Nassen geschlagen haben, werden die Republikaner, wenn sie Hoovers Kandidatur nicht auf einem Risiko aufbauen wollen, zu einer ähnlichen Entscheidung kommen müssen. Das aber würde praktisch den ersten Schritt zur gesetzgeberischen Abschaffung der Prohibition bedeuten, würde allerdings auch den Alkohol als Wahlkampfgrundlage rasch wieder entthronen, ihn dafür aber um so höher rangieren, ja, man kann geradezu sagen, daß in diesem Wahl- rampf der einzig sichere Kandidat für die Präsidentschaft der Alkohol geworden ist. Daran ändert nichts die Tatsache, daß den Staaten, die für ihren eigenen Bezirk die Prohibition oerbehalten wollen, Washingtons Schutz zugesichert werden oll, daran ändert auch nichts die Tatsache, daß die Abschaf- ung der Prohibition mit dem „leichten Bier" schmackhaft ^gemacht wird. Die Wahlen zur Präsidentschaft in Amerika mb verbunden worden mit einem Generalangriff, den der Alkohol führt. Und dieser Angriff wird nach dem grundsätzlichen Beschluß des Demokratischen Kongresses Erfolg haben.
*
I Das gegenwärtige jugoslawische Kabinett hat eine Nie- oerlage erlitten. Eine Parlamentsmehrheit hat verschiedenen Ministern das Mißtrauen ausgesprochen. Ministerpräsident Marinkowitsch hat daraufhin sofort den König Alexander aufgesucht Es ist klar, daß die Regierung demissioniert.
Aber es ist nicht ausgeschlossen, daß Marinkowitsch auch mit der Bildung des neuen Kabinetts beauftragt werden wird. Allerdings hat er einen Konkurrenten in dem bisherigen Handelsminister Krämer, den Führer der slowenischen Demokraten, der sich bei der Ausrufung der Diktatur sofort dem König zur Verfügung stellte. Ob diese Kabinettskrise nicht wieder zu einer stärkeren Betonung der Diktatur führen wird, wird abzuwarten sein.
preußische SmchsühnMsbestimmungen
zur Zweiten Verordnung gegen politische Ausschreitungen.
Berlin, 1. Juli.
Der preußische Minister des Innern hat zur Zweiten Verordnung des Reichspräsidenten gegen politische Ausschreitungen und zur Verordnung des Reichsministers des Innern über VerfaMnlungen und Aufzüge Verordnungen erlassen, die die Zuständigkeit für das Verbot öffentlicher politischer Versammlungen und für die Beschlagnahme und Einziehung von Plakaten usw. regelt.
Zuständig für das Verbot öffentlicher politischer Versammlungen und von Versammlung und Aufzügen unter freiem Himmel sowie für die Genehmigung solcher Veranstaltungen unter Auflagen statt eines Verbots nach § 1 bet Verordnung des Reichsministers des Innern über Versammlungen und Aufzüge vom 28. Juni 1932 (RGBL. I $. 339) sind in Stadtkreisen und Orten mit staatlicher Polizeiverwaltung die Ortspolizeibehörden, im übrigen die Landräte. Zuständig zur polizeilichen Beschlagnahme und Einziehung von Plakaten, Flugblättern und Flugschriften gemäß § 3 der Verordnung sind außer den Ortspolizeibehörden auch die Landräte und der Polizeipräsident — Landeskriminalpol?, ynfteile ' — in Berlin.
Aus Deutschlands Hohen Schulen...
Wegen Schlägereien Universität Berlin geschlossen.
Berlin, 1. Juli.
In her ilsltSr-iRnnfe kam es roieher tm Rustikal her Müverstiul zu ZujawmMwßen .Misten rechts- und Qnt:- stehenden Studenten. Rufe wie „Deutschland erwache". „Juda verrecke", „Juden raus", „Hitler verrecke" und ander« ertönten. Lieder wurden gesungen.
Während der Verhandlungen des Rektors, die eineinhalb Stunden dauerten, kam es zu Schlägereien mit Spa- zierstöcken, Riemen, Koppelschlössern, wodurch mehrere Anwesende blutig verletzt wurden. Die rechtsstehenden, meist nationalsozialistischen Studenten, verlangten, daß die Juden das Gebäude vor ihnen verlassen müßten. Schließlich verfügte der Rektor die Schließung der Universität.
Mit Hilfe von Professoven gelang es schließlich, die linksstehenden Studenten zu veranlassen, die Vorhalle zu verlassen. Darauf zogen die rechtsstehenden Studenten aus dem entgegengesetzten Ausgang ab. Nach der Schließung der Universität und dem Auszug der beiden feindlichen Gruppen kam es vor der Universität und in den Nebenstraßen zu starken Ansammlungen, in deren Verlauf sich weitere Zusammenstöße ereigneten. Die Polizei sah sich genötigt, einzugreifen und mehrere Bereitschaften einzusetzen, die zunächst die Universitätstraße räumten und dann Unter den Linden die Ansammlungen zerstreuten.
Attentatsversuch auf Wiener Rektor
Wien, 1. Juli.
Während der Enthüllung einer Gedenktafel für Professor Dr. Wettstein den Aelteren auf dem Wiener Zentral- friedhof wurde auf den neugewählten Rektor der Wiener Universität, Dr. Othenio Abel, ein Attentat verübt, bei dem der Rektor jedoch unverletzt blieb.
Professor Dr. Abel hielt gerade die Gedenkrede, als aus dem Zuhörerkreis der außerordentliche Professor der Zoologie, D. Karl Lamillo Schneider, vorsprang und einen Schuß auf deu Rektor abgab. Er wollte noch einen zweiten Schuß abfeuern, als der Bürgermeister von Wien, Abgeordneter Seih, ihm die Hand niederschlug. Dr. Schneider wurde sofort verhaftet. Bei seiner Vernehmung erklärte er, über seine Gründe sich erst vor dem Gericht aussprechen zu wollen.
Professor Schneider wird als ein schrullenhafter Mensch geschildert. Er hatte in der letzten Zeit Pamphlete gegen eine angeblich an der Universität herrschende Clique verfaßt und fühlte sich anscheinend unterdrückt.
Große Gullossuusen in GstoKerfchlestc«.
Hatt o w i t-, 30. 6. Die fürstlich pleß'sche Generaldirektion in Pleß und Lergwerksdirektion in Kattowitz haben sämtlichen Beamten und den tariflichen und außertariflichen Angestellten gekündigt. Der Demobilmad}ung$konmüffar bestätigte heute eine große Anzahl von Kündigungen. Die Angestellten fast aller Verwaltungen zahlreicher mittlerer und kleinerer industrieller und kaufmännischer Betriebe werden entlassen. Am 1. Juli kann man mit der Entlassung von 1000 1200 Angestellten rechnen.
Ein Flugzeug der Essener Flugzeuggesellschaft stürzte Donnerstag abend über dem Flughafen von Gelsenkirchen aus einer Höhe von 80 Metern ab. Leide Insassen wurden schwer verletzt unter den (Trümmern geborgen.
Deutschland lehnt ab
Lausanne, 1. Juli.
Die verschiedenen Vorschläge, die im Laufe des Donnerstag von der Gegenseite der deutschen Delegation unterbreitet worden sind, waren nach Mitteilung von deutscher Seite nicht geeignet, das von Deutschland auf dieser Konferenz angestrebte Ziel der endgültigen Regelung der Tributsrage zu erreichen. Diese Vorschläge würden lediglich die gegenwärtig in der Welt bestehende Unklarheit und Unsicherheit verewigen und in keiner Weise zu der jetzt so dringenden Wiederherstellung des Vertrauens führen. Die deutsche Delegation war daher nicht in der Lage, sich auf die Linie dieser Vorschläge zu stellen.
Die Gläubigermächte waren am Donnerstagabend von neuem zu einer internen Besprechung zusammengetreten, mit der Absicht, über einen einheitlichen, gemeinsamen Vorschlag zu verhandeln. Diesen beabsichtigen die Gläubigermächte der deutschen Delegation vorzulegen, falls unter ihnen eine Einigung zustande kommen sollte.
Die Gerüchte, nach denen von deutscher Seite ein Angebot oder ein Vorschlag erfolgt sei, werden aus deutscher Seite auf das Entschiedenste dementiert. Ueber die Abreise des Reichskanzlers ist noch keinerlei Entscheidung gefallen, jedoch wird er, falls er überhaupt einige Tage nach Berlin fahren sollte, nicht vor Sonnabend abend abreisen.
Unmögliches Gchlußangebot
Die französische Regierung soll nach Mitteilungen von französischer Seite auf der Tributkonferenz folgendes Schluß- angebot gemacht haben:
Die deutsche Regierung verpflichtet sich zu zwei Zahlungen. Die erste Zahlung erfolgt als Beitrag Deutschlands zu der vorgesehenen gemeinsamen Kasse sämtlicher Möchte für den Wiederaufbau Europas; die zweite Zahlung gilt als Restzahlung Deutschlands für die Tribute und wird bei der Basler BJZ. hinterlegt. Auf der Grundlage dieser «weit*« 'ritt die englische und frav-
.iUfiiu/i 'k. .ag an die amerikanische Regierung mit dem Vorschlag heran, diesen Betrag als die Abschlußzahlung England und Frankreichs für die gesamten interalliierten Schulden anzusehen. Die amerikanische Regierung würde damit im Falle der Annahme dieses Vorschlages ihre Forderungen an die englische und französische Regierung als erledigt betrachten.
Hernot beim Kanzler
Während einer Unterbrechung der Sitzung des Lau- fanner Büros erschien der französische Ministerpräsident Herriot überraschend in Begleitung seines Kabinettschefs im Hotel Savoy zu einer Unterredung mit dem Reichskanzler und den deutschen Ministern. Dieser unvorhergesehene Besuch wird allgemein dahin ausgelegt, daß aus englischen Vorschlag jetzt die letzten Versuche unternommen werden, eine direkte Einigung zwischen der deutschen und französischen Regierung herbeizuführen. Der Besuch dauerte etwa 40 Minuten.
Unruhige Nacht in Frankfurt a Main.
Frankfurt a. M., 30. 6. Bis tief in die Nacht hinein herrschte heute in der Frankfurter Innenstadt Krisen» [timmung. Zwischen Nationalsozialisten, Kommunisten und Angehörigen der Eisernen Front kam es fortgesetzt zu Reibereien und auch zu gelegentlichen Schlägereien, sodaß die Polizei die ganze Nacht nicht zur Ruhr kam. Besondere Unruheherde waren die obere Lergerstraße, die Gegend um die Hauptwache und der Gpernplatz. Die Nationalsozialisten hielten in verschiedenen Lokalen Versammlungen ab, vor denen dann singend politisch anders Eingestellte vorüber- zogen. Die Nationalsozialisten kamen dann jedesmal aus den Lokalen heraus, und schon war der Spektakel imgange. Größere Dimensionen nahmen die Schlägereien nie an, einmal weil die Polizei immer rasch zur Stelle war und die Ruhe wieder herstellte, zum anderen wichen sich die Gegner, wenn sie in größeren (Trupps auftraten, aus. Die Eiserne Front trat mehrfach in größeren Trupps auf, aber sie ging Zusammenstößen mit dem politischen Gegner aus dem Wege. Vor den, Opernhaus allerdings mußte die Polizei auch gegen die Eiserne Front einschreiten und mehrere Verhaftungen vornehmen. Noch lange nach Schluß der politischen Versammlungen war in manchen Gegenden das Stra- ßenbild noch sehr bewegt.
Schüsse auf natkonalsorialistlfche Lokale, ueun Nerlekte.
WTL. Berlin, 1. 7. Kurz nach Mitternacht wurden hier zwei nationalsozialistische Verkehrslokale aus mit Kommunisten besetzten Autos beschossen. Acht Nationalsozialisten wurden verletzt, einer von ihnen schwer. Außerdem wurde eine Frau durch einen Schuß leicht verletzt. Die Täter sind entkommen.
— In Bombay kam es auch am Donnerstag wieder zu schweren Zusammenstößen zwischen Hindus und Mohamme- danern. Der Tag kostete wieder 13 Todesopfer.