WWemer Zeitung
Kreis Kntsttatt * M-emeiner amtlicherKazeitzerfür den Kreis Schlüchtero
Nr. 77
0. Blatt)
Dienstag den 28. Juni 1932
84. Jahrs
Amtliche Bekanntmachungen.
Landratsamt.
Dom 28. 6. bis zum 24. 7. 1932 bin ich beurlaubt unb aus Gelnhaufeu abwesend. In eiligen klngelegenheiten wsrde ich vertteten vom Herrn Kreisarzt in Hanau a. M. Der nächste Sprechtag in Schlüchtern nach meinem Urlaub findet am Dienstag, den 26. 7. in der üblichen Weise statt. Gelnhausen, den 24. 6. 1932.
Der Kreisarzt.
Nr. 2096. Diejenigen Herren Bürgermeister, welche mit meiner Verfügung vom 18. Mai 1932 — Kreisblatt Nr. 62 —, betr. Vorlage der Anträge auf (Erlangung von 6taatsbeihilfen für die ländlichen Fortbildungsschulen noch im Rückstände sind, werden an deren sofortige Erledigung erinnert.
Zchlüchtern, den 24. 3uni 1932.
Der Landrat. 3. v.: Duwe.
Der Landwirt Johannes (Euler und der Kaufmann Johannes Zeber beide in Weichersbach sind als Schiedsmann dezw. Lchiedsmannsstellvertreter gewählt und bestätigt i worden.
Zchlüchtern, den 24. Iuni 1932.
Der Landrat. 3. v.: Duwe.
Die Herren Fleischbeschauer und Trichinenschauer werden an die pünktliche Einsendung der Vierteljahresnachweisun- gen (Postkarten) an den Herrn Veterinärrat erinnert. Zchlüchtern, den 21. 3uni 1932.
Der Landrat. 3. V.: Duwe.
Die inneren Ltnruhen
Zusammenstöße in verschiedenen. Teilx^ Berlins
An verschiedenen Stellen Berlins ereigneten sich wiederum Zusammenstöße zwischen pstitischen Gegnern, die jedoch durchweg leichteren Charakter trugen. So entstand in Charlottendurg in der Spree- Ecke Wallstraße eine Schlägerei zwischen Nationalsozialisten und Kommunisten, bei der auch Schüsse gewechselt wurden. Ein Nationalsozialist erlitt eine leichte Kopfverletzung, ein Kommunist einen Schulter- schuß. Beide Verletzte wurden in das Krankenhaus Westend übergeführt. Fünf Kommunisten wurden durch die Polizei verhaftet. Kleine Reibereien gab es auch noch an anderen Stellen der Stadt, jedoch kam es in allen Fällen nicht zu ernstlichen Verletzungen. Allgemein kann eine gewisse Beruhigung verzeichnet werden.
Ausschreitungen bei einer Beerdigung in Duisburg.
Die Beerdigung des Kommunisten Bischof, der einer bei politischen Auseinandersetzungen erlittenen Stichverletzung erlegen war, versuchten die Kommunisten zu einem großen Propagandazug zu gestalten. Aus allen umliegenden Städten waren Parteianhänger in Duisburg zusammengeströmt. Man schützte die Menge auf 10 000 bis 12 000 Personen, darunter viele Frauen und Kinder. Die Polizei begleitete die Züge auf 30 Ueberfallwagen. Schon zu Beginn ivar es im Stadtteil Ruhrort zu Zusammenstößen mit der Polizei gekommen, die das Entfalten der roten Fahnen beanstandet hatte. Die Beamten mußten den Gummiknüppel gebrauchen, wobei mehrere Personen verletzt wurden. Angesichts der be- । drohlichen Haltung der riesigen Menschenmenge griffen die Beamten zu den Karabinern. Zwei Demonstranten erlitten s Schußverletzungen.
Polizeibeamte in Kassel angegriffen.
Im Anschluß an eine kommunistische Versammlung in der Königstraße kam es zu Tumulten, in deren Verlauf zwei Kommunisten festgenommen wurden. Als die Polizei die Berhafteten abführen wollte, wurde sie von der Menge tät- üch angegriffen. Die Beamten mußten von ihren Gummi- knüppeln Gebrauch machen und schließlich mit der Schuß- Waffe die Menge in Schqch halten. Die beiden Verhafteten wurden dem Schnellrichter vorgeführt, der sie zu je sechs Monaten Gefängnis verurteilte und sofortige Jnhaftnahme | anordnete.
Fünf Schwerverletzte in Magdeburg.
Nachdem es zu kleineren Schlägereien zwischen Reichs- vanuerleuten und Nationalsozialisten auf dem Breiten Wetz gekommen war, bei denen einer der Täter von der Polizei sestgenommen wurde, entstanden später wiederum auf dem Breiten Weg größere Unruhen. In wenigeu Minuten kam ks zu einer regelrechten Strahenschlacht, an der etwa 40 Nationalsozialisten und über 100 Reichsbannerleute beteiligt waren und wobei eine große Anzahl Personen zum Teil schwer verletzt wurde. Fünf Nationalsozialisten mußten mit zahlreichen Messerstichen in Kopf und Rücken dem Krankenhaus zugeführt werden. Das herbeigerufene ileberfallkom- Mando hatte Mühe, die Kämpfenden anseinanderzubringen.
— Bei den schweizerisch-deutschen Wirlschaftsverhandlum 4<n sind am Samstag ernste Schwierigkeiten auf getaucht. Wan hofft aber, daß weittragende Maßnahmen sich ver- kütden küssen werden.
Zusammenstoß vor dem.Vorwörts^-Saus Schlägerei zwischen Nationalsozialisten und Reichsbanner- leulen.
Berlin, 27. Juni.
Vor dem Verlagshaus des sozialdemokratischen „Vorwärts" in Berlin kam es zu einem schweren Zusammenstoß zwischen Nationalsozialisten, die von der Beerdigung eines bei Unruhen ums Leben gekommenen Parteigenossen zurück- kehrten, und Angehörigen des Reichsbanners, bei dem es auf beiden Seiten Verluste gab. Ueber den Vorgang gibt die Polizei folgende Darstellung:
Ein Zeitungsverkäufer des „Alarm" fei von mehreren Nationalsozialisten überfallen worden und habe sich in das „Vorwärts"-Gebäude hineingeflüchtet. Die Nationalsozialisten seien darauf in einem Trupp, dessen Kopfstärke nachträglich nicht festzustellen sei, in das Gebäude eingedrungen und bis zum ersten Hof vorgestoßen. Dort seien sie vom Hausschutz des „Vorwärts" zurückgeworfen worden. Hierbei fei es zu einer Schießerei gekommen. Es habe sich jedoch bisher nicht feststellen lassen, wer geschossen habe. Als das Uebersallkommando der Polizei eingetroffen sei, seien die Nationalsozialisten bereits verschwunden gewesen. Die Polizei habe sofort eine Durchsuchung der Belegschaft des „Vorwärts" vorgenommen, habe aber bei den Arbeitern und Angestellten keinerlei Waffen gefunden. Die Angelegenheit wird von der Polizei weiter untersucht.
Wie weiter verlautet, erhielr ein Nationalsozialist einen Bauchschuß, ein Reichsbannermann einen Beckenschuh und ein anderer einen Streifschuß am Ohr.
100 Komm«nisten in Eis leben festgenommen.
WT6. Eis leben, 26. 6. 3n Hettersleben Kam es in der Nacht zum Sonntag zwischen etwa 400 Kommunisten aus (Eisleben und Stahlhelmleuten zu Zusammenstößen. (Eine klnzahl Beteiligte wurde verletzt. Der Landjäger von Het- tsersleben alarmierte die Eislebener Polizei, da er allein gegenüber den Streitenden machtlos war. Das Eislebener Uebersallkommando stellte auf der Strafte^ nach Hetters- ..kli^^U54ä^ m 4^111 ^iUDa^jmt sich führten. Sie wurden geschlossen über Eisleben nach Halle ins Untersuchungsgefängnis geschafft und werden sich wegen Landfriedensbruchs zu verantworten haben. Gerüchte über zerstörte Telefonleitungen oder Mordanschläge in der Umgebung Eislebens treffen nicht zu.
Znsammenstötze im Bochumer Bezirk.
WEB. Bochum, 26. 6. Zu verschiedenen kleineren politischen Zusammenstößen kam es auch am Samstag und Sonntag in Bochum und seiner Umgebung. 3n Bochum wurden am Sonntag 8 Kommunisten zwangsgestellt. In Wat- tenscheid wurden am Samstag 5 Kommunisten ins Polizeigefängnis eingeliefert. Am Sonntag kam es erneut zu Reibereien zwischen Nationalsozialisten und Kommunisten. Zwei Nationalsozialisten erlitten lebensgefährliche Verletzungen, zwei wurden leicht verletzt. Ein Kommunist wurde feft= 'genommen. In Wanne-Eickel kam es am Samstag auf der Hindenburgstraße zu kommunistischen Ansammlungen, die von der Polizei mit dem Gummiknüppel aufgelöst wurden. In Mitten wurde bei einer Schlägerei zwischen SA= Leuten und Angehörigen der Eisernen Front ein SR-Mann erheblich am Kopf verletzt. Bei einer Schießerei am Sonn- tag, an der sich $A=£eute und Reichsbannerleute bcteilig- ßen, würde ebenfalls ein Nationalsozialist verletzt. Am Samstagabend wurden zwei Kommunisten von etwa 80 Nationalsozialisten verfolgt. Zu einer schweren Schießerei, an der sich auch Frauen beteiligten, kam es Sonntag nachmittag in der Nähe des Schlosses Bladenhorst bei Tastrop- Nauxel, als ein großer Kommunistentrupp eine kleinere nationalsozialistische Abteilung zu umzingeln versuchte, vier Nationalsozialisten wurden schwer verletzt.
— Die außerordentlich große Zahl von Zusammenstößen und blutigen Auseinandersetzungen in den letzten Tagen, so mich am Samstag und Sonntag in allen Teilen des Reiches, hat den Vorstand der SPD. veranlaßt, ein Schreiben an den Reichspräsidenten zu richten, in dem die Aufmerlb sankest des Reichspräsidenten auf diesen Zustand hingelenkt wird. „ .
Der Berliner Gauleiter der RSDAp., Dr. Goebbels, sprach auf einem Deutschen Abc ab im Westen Berlins und wies aufb en unhaltbaren Zustand hin, daß im ganzen Reich SR-Männer ihr Leben lassen müßten, ohne daß selbst von der nationalen Regierung etwas dagegen getan werde. Ein nationalsozialistisches Kabinett würde dem Spuk der roten Bürgerkriegshetzc in vierundzwanzig Stunden ein Ende gemacht haben. ,
Der Berliner Polizeipräsident Grzesmslu hielt am Samstag anläßlich des Reichsarbeitersporttages in INagde- Hurg eine Rede, in der er u. a. aus führte, daß die furchtbare Lage Deutschlands sich im versteckten Bürgerkrieg zeige, der mit politischem Mord und politischer Gewalt auf den Stra- teil ausgetragen werde. Die Verordnungen der Papen-Re- gierung hätten dazu geführt, daß die Gefahr der Rtain= Knie und des Separatismus Drohe.
Die Ziele des Reichskanzlers von Papen gegen französische Presseberichte.
Berlin, 27. Juni.
In der französischen Presse wird über ein Interview berichtet, daß Reichskanzler von Papen dem Vertreter des „Matin" in Lausanne gegeben haben soll. In dem Bericht des „Matin" heißt es. von Papen habe gesagt: „Ich kann Ihnen nur wiederholen, was ich schon Herriot gesagt habe: ich bin der erste, der bereit ist, anzuerkennen, daß bei der sogenannten Liquidation der Reparationen Frankreich ein Anrecht auf eine Kompensation hat." Zu dieser Behauptung, deren Richtigkeit sofort stark angezweifelt werden mußte, hat Reichskanzler von Papen gelegentlich seines kurzen Aufenthaltes in Berlin Stellung genommen und dem Vertreter eines Nachrichtenbüros eine Erklärung abgegeben, in der es u. a. heißt:
In einem Teil der französischen Presse ist der Niederschlag der letzten Unterhaltung vor meiner Abreise aus Lausanne in mißverständlicher Form wiedergegeben worden. Besonders gilt das von dem Passus, der von einem Recht Frankreichs' auf weitere Reparationszahlungen handelt.
Ich habe gegenüber den Vertretern der französischen presse wiederholt betont, daß die Diederaufrichtung der Weltwirtschaft ein Zusammenarbeiten besonders zwischen Deutschland und Frankreich fordere, — eine Zusammenarbeit, aus der für Frankreich bessere und greifbarere Vorteile erwachsen würden als die Fortführung irgendwelcher Reparationszahlungen. Die Leistungsunfähigkeit Deutschlands sei bekanntlich nicht von Deutschland herbeigeführt worden, sondern eine Folge des Runs auf unsere Kapital- reserven, der Verstopfung aller normalen Kreditwege und der Zollmauern, die jedes Land um sich errichtet habe. Denn man also die Weltwirtschaft wieder in Ordnung bringen wolle, dürfe man nicht bei der Beseitigung der politischen Tribute und Zahlungen slehenbleiben, sondern müsse konstruktive Maßnahmen ins Auge fassen. Zu dieser gemeinsamen Anstrengung sei Deutschland bereit, zu seinem Teile nad^ Kräften beizutragen.
jd) bin der Ansicht, daß der Entschluß der europäischen Großmächte, ihre eigenen Angelegenheiten auf solcher Grundlage zu ordnen, den besten Eindruck in den Vereinigten Staaten machen würde, und ich gebe die Hoffnung nicht auf, daß trotz der in Angelegenheiten der Tribute sehr großen deutsch-französischen Meinungsverschiedenheiten der Deg zu einer gemeinsamen Aktion der europäischen Mächte gefunden werden wird.
Italienische Tributdenkschrift
Der italienische Außenminister Grandi hat an den Präsidenten der Tributkonferenz und an alle Abordnungen eine Denkschrift überreicht, deren wesentlicher Inhalt sich folgendermaßen darstellt:
Die italienische Regierung hält an ihrer bisherigen Auffassung fest; daß eine vollständige Streichung der Tribute erforderlich sei, verlangt jedoch, daß die Vorteile und Opfer, die sich aus einer endgültigen Regelung der Schuldenfrage ergeben, gleichmäßig auf sämtliche Staaten verteilt werden.
Die Gegensätze dauern an •
Zwischen den Finanzsachverständigen der französischen und der deutschen Abordnung haben fortlaufend vertrauliche Besprechungen stattgefunden, an denen auch Der Reichsfinanzminister Graf Schwerin-Krosigk teilnahm. Diese Beratungen dienten dazu, eine Klärung des französischen Standpunktes herbeizuführen. Sie sollen die am Montagnachmittag beginnenden neuen Verhandlungen zwischen der deutschen und französischen Regierung vorbereiten. Man erwartet in Konferenzkreisen, daß sofort nach der Rückkehr des Reichskanzlers und des französischen Ministerpräsidenten die entscheidenden Verhandlungen wiederbeginnen werden, ob überhaupt in der Tributsrage eine gemeinsame Verhand- lungsgrundlage gefunden werden kann, die eine Weiterfüh- rung Der Konferenz ermöglicht.
Die Lage hat sich nicht weiter geändert. Der deutsch- französische Gegensatz besteht unvermindert fort. Die Vermittlungsversuche der englischen Regierung, die an irgendeinem praktischen Ergebnis selbst weitgehendst interessiert ist, sind bisher erfolglos geblieben. Der deutsche Standpunkt hat eine neue Unterstützung durch die italienische Tributdenkschrift erfahren.
Papen vor dem Kabinett
Die Haltung der Delegierten in Lausanne wurde gebilligt.
Berlin, 27. Juni.
Wenige Stunden nach der Rückkehr des Reichskanzlers nach Berlin über das Wochenende fand eine mehrstündige Kabinettssitzung statt, «über die folgender amtlicher Bericht ausgegeben wurde:
Der Reichskanzler berichtete in der Kabinettsitzung über die von der deutschen Delegation in Lausanne geführten Verhandlungen. Die bisherige Haltung der Delegation fand die Billigung des Kabinetts. Auch den vom Reichskanzler vor- aeschlagcnen weiteren Absichten der deutschen Delegation stimmte das Reichskabinett einmütig zu.
3m Anschluß hieran erstattest der Reichsminister des Innern Bericht über feine Verhandlungen mit den Länder- regierungen.