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Revolver, Bomben, Geheimbericht — und Verrat
Geheimgesellschasten unserer Zeit und ihr Wirken
die Verschwörung -es koku honsha
Koku Honsha — der japanische Eeheim- dund des Schwarzen Drachens hat den Ministerpräsidenten Jnukai, Führer der Senukai (Konservativen Partei), durch eine Reihe von Schüssen ermordet. Der Staatsmann Harte von der Lebensgefahr gewußt, in der er seit Monaten schwebte, und trug einen kugelsicheren Panzer am Leib. Aber die Verschwörer, junge Offiziere und Mi- litärschüler, wußten das; sie zielten auf den Kopf des alten Mannes.
Patrioten, Wirrköpfe, Verbrecher? Der Wahnsinn jedenfalls wäre ganz konsequent und hätte Methode, denn seit Jahr und Tag greift Koku Honsha durch politischen Mord in die Geschichte Japans ein. Das erste Opfer war der liberale Minister- präsident Hamagutschi. Dann, im Februar dieses Jahres, mußte der Finanzminister Baron Jnouye für eine unerwünschte, weil vorsichtige Politik mit dem Leben büßen. Und Znukai sollte allem Anschein nach nicht das einzige Opfer des Pfingstattentats fein; andere Gruppen der Verschworenen unternahmen Bombenangriffe auf das Außen- ministerium, auf die Nationalbank und das Tokioter Polizeipräsidium. Man muß wiederholen: „Allem Anschein nach" war auf den Kriegsminister Araki selbst ein Anschlag geplant. Aber — Araki steht dem militärischen Geheimbund „Schwarzer Drachen" nicht fern; vielleicht handelt es sich bei dem Artentat auf ihn mehr um ein --- Ablenkungsmanöver?
Ekraßt in MazeSonien
Asien und auch der europäische Osten
waren von jeher die Brutstätten der geheimen Körperschaften und Bewegungen. Seit einem halben Jahrhundert etwa zerfleischen sich die Mazedonier im grauenhaftesten Bruderkrieg, der bisher viele Tausende von Opfern hingerafft hat, und der noch immer weiter geht. Erst vor wenigen Tagen wurde D i m i t e r M i - chailow ermordet, der berühmte und be- m rü-tigte Führer eines bet- maw^wrWffiW Fraktionen, die sich untereinander, trotz dem «r,
scheinbar gemeinsamen Ziel und Schlachtruf: «ne Dummhelt, AI Mazedonien den Mazedoniern!, bis zum äußersten, zu Brandstiftung und Ekrasit- Attentat bekämpfen. Michailow ist gefallen — dcks war die Antwort auf die zahlreichen Morde seiner Parteigänger an den Freunden Protogerows, des andern mazedonischen Freiheitshelden. So daß also binnen kurzem ein Anschlag auf Protogerow fällig ist.
Bei solchem sinnlosen Blutvergießen unter Volksgenossen ist freilich schon nicht mehr abzusehen, wie weit da andere Motive mitspielen — außenpolitische zum Beispiel, von Belgrad her, von Tirana und Rom . . .
,€tna RuFa*
2n der Nacht zum 11. Juni 1903 klirrt eine der Fenstertüren im königlichen Konak von Belgrad, aber die Scherben fallen nicht zur Erde, dick mit Leim bestrichenes Papier hindert sie daran — und dann greift ein
Arm durch die.zerbrochene Scheibe, dreht den Türriegel herum.
Der Weg ist frei. Das heimliche Eindringen in den Palast ist im Grunde nur ein Vorwand, um die mitbeteiligten Wachen zu schützen, wenn der Anschlag doch mißglücken sollte . . .
Führer der Verschworenen, der Anhänger einer Dynastie K a r a d j o r d j e w i t s ch und eines radikal österreichfeindlichen Kurses, ist ein junger serbischer Hauptmann, Dragutin Dimitrijewitsch, mit dem Geheim- namen „Apis" (der schwarze ägptische Götter- stier mit dem weißen Stirndreieck).
Die Königs Mörder, alles Offiziere, junge Kadetten darunter, dringen ungehindert bis an die Gemächer Alexander Obrenowitschs und seiner Gemahlin Draga Maschin vor. Niemand stellt sich ihnen entgegen, im eigenen Haus hat der letzte Obrenowitsch keine Anhänger und Freunde mehr.
Lärm, Stimmengewirr, der König erwacht, will fliehen, will die geliebte Frau schützen — Zu spät! Ein paar Revolverschüsse fallen, Alexander und Draga sinken blutüberströmt zusammen, noch ehe einer der Offiziere das lange Sündenregister des Königs und das Todesurteil über ihn und die verhaßte Draga zu Ende lesen kann. Dieses Urteil hat Apis selbst geschrieben und unterzeichnet — als Gründer und Obmann des Geheimverbands „Erna Ruka" (Die Schwarze Hand).
Im Kampf zwischen den Karadjord- jewitsch und Obrenowitsch, der die serbische Geschichte des letzten Jahrhunderts mit Mord und Verrat und Palastrevolutionen erfüllt, haben wieder einmal die ersteren gesiegt. Aber hinter diesen dynastischen Wirren — sie interessieren ihn im Grunde nicht — steht Apis. Unter Peter Karadjordjewitsch wird Nikola Paschitsch Ministerpräsident; Paschitsch, der kluge, energische Bauer, der Mann der — wenn möglich! — friedlichen Entwicklung. Apis erkennt: mit Oesterreich
wird es einmal Krieg geben Aber mein Paschitsch wollte abwarten, mit Oester- .^auptseind i|t btefer Freund dessen, was reich verhandeln, mit den Ungarn sich qüb rch auch well. Er t|t populär. alle Leute H^ einigen. AnzwischeN gingen die Posten Iteoetripn ein ’Jftentat gegen ihn wäre und Vertrauten Apis' im Kriegsministerium e:ne Dummhe:t. Also müssen nur ihn in von Belgrad aus und ein, ein vorzüglicher Dienst mit Sprengmitteln, Nachrichten und Attentätern über die bosnische Grenze war eingerichtet.
den Krieg treiben . . . .
Sun- -er freunde Hungs
Die letzte chinesische Dynastie der Mandschus verstand es meisterhaft, nationale Bewegungen, die sich ursprünglich gegen sie selbst richteten, gegen die verhaßten mongolischen Barbaren und Usurpatoren, für ihre eigenen Zwecke um,zubiegen und zu verwenden. Seit fünfzehn Jahrhunderten besteht der älteste Geheimbund der Welt in China, der ursprünglich „Bund der Freunde H u n g s " genannt war. Mit dem ^turz der letzten nationalchinesischen Dynastie, der Mings, um die Mitte des sieb- zehnren Jahrhunderts, nahmen die „Freunde Hungs" als „Rote" und „Blaue G e - ! e l l s ch a i t " und in der Wiedervereinigung des „Weißen Lotus" den Kampf gegen ^ie Mandschus auf. Alle Revolutionen, Militäraufstände, Prinzen- und Mandarinen- Verichwörungen "
Im Winter 1916/17 gab es einen Moment, wo die Sache der Alliierten und besonders der Großserben hoffnungslos schien. Generalstabschef Dimitrijewitsch', aus ; ■ . ■ i ~------------ Patriotismus selbst zum Verrat der von
in dreihundert wahren sind ihm eingesetzten Dynastie Karad-
auf den „Weißen Lotus" zurückzuführen, der auch heute noch nicht tot ist.
Später wurde allerdings nicht mehr der Haß gegen die Mandschus, sondern die grausamste Feindschaft allen weißen Teufeln gepredigt. So kam es vor dreißig Jahren zum B o x e r a u f st a n d und zur Intervention der zivilisierten Mächte. Auf der einen Seite war die damalige Kaiserin-Mutter, ein tatkräftiges und brutales Weib, hervorragendes Mitglied und Protektorin der geheimen Bünde, anderseits stand der Revolutionär und Staatsmann Sun-Pat-Sen in der unterirdischen Hierarchie des „Weißen Lotus".
Tschangkaitschek, der christliche Marschall Feng haben so ihren ersten Aufstieg genommen, dann freilich von ihrer Vergangenheit mit Betonung (ob jedoch völlig im Ernst?) Abschied genommen.
Aber Eugen Tschen, ehemals Außenminister der Kuomintang, der „Fuchs von Kanton", rühmt sich noch heute offen der Zugehörigkeit zum Bunde des „Weißen Lotus".
d:e ^weiße Han-"
Serbische Vertraute in Wien und Budapest, ja der serbische Gesandte selbst warnten
vor der Manöverreise des Thronfolgers Franz Ferdinand nach Bosnien und der Herzegovina. In Wien nahm man diese übertriebenen Gerüchte nicht so ernst. Und außerdem, wenn wirklich solche Attentate in der Luft hingen, dann war es Sache der serbischen Behörden, schonungslos durchzugrei- fen. Paschitsch, der alte Ministerpräsident, hatte gegen die „Erna Ruka" seines Feindes Apis eine Gegenorganisation gegründet, die ,,Weiße Hand", Bjela Ruka. Sogar der mächtige Minister war nicht stark genug, ____ offen gegen den Obersten Dimitrijewitsch zu sümpfen; denn das hätte den Bürgerkrieg und das beginnende Chaos in Serbien bedeutet.
Der alte Paschitsch wollte noch immerzu warten — bis am 29. Juni 1914 am serbischen Nationalfeiertag Vidovdan in S a « rajevo zuerst die Bomben, eine Stunde später, mit tätlichem Erfolg, die Revolverschüsse Eavrilo Princips, eines bosnischen Gymnasiasten, knallten . . .
Apis-Dimitrijewitsch. Führer der „Erna Ruka", hatte über Paschitsch und die „Bjela Ruka" gesiegt!
das unrechtmäßige verfahren
■‘•toi
sind
Nächtliche Ueberlälle
in den Straßen mazedonischer Städte keine Seltenheit
jordjewitsch fähig, beschließt einen vollen, bedingungslosen Frontwechsel. Er ist weiter für eine Vereinigung aller Süd. slaven, diesmal jedoch — unter Habsburg, da es anders nicht zu klappen scheint.
Angeblich waren schon die Pläne zur Ermordung Paschitsch? und b e = Prinzregenten Alexander reif - mit der gleichen Kälte ausgearbeitet, wie in den Fällen Alexander und Draga, Franz Ferdinand und Sophie — da kann die Bjela Ruka Paschitschs endlich eingreifen. Das Ve- weismaterial gegen Apis scheint erdrückend. Dennoch wird die Verhandlung des Kriegs- gerichts gegen den mächtigen Mann im Generalsrang ganz schnell und ganz geräuschlos durchgeführt. Die Erschießung dieses gigantischen Verschwörers wird sofort vorgenommen — obwohl der englische Geschäftsträger in Saloniki entschieden „gegen das unrechtmäßige Verfahren" protestiert . . .
die Maffia
In Süditalien und Sizilien konnte sich jahrhundertelang der Geheimbund der Maffia allen behördlichen Verfolgungen zum Trotz am Geben erhalten. Die Maffia - eine sonderbare Mischung aus Haß gegen die
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Bomben — Kugeln — Höllenmaschinen, die Waffen der Geheimgesellschasten
emden, spanischen und bourbonischen Herr- her, der sich zum Teil selbst in regionalem Eigensinn gegen Nord- und Mittelitalien wandte, — aus einem unbezähmbaren Frei- heitswillen und den niedrigsten verbrecherischen Instinkten, rücksichtsloser Gewinngier und Brutalität.
Die Maffia schützte jeden, der in irgendeiner Weise — wenn auch nur als Spender von Geldbeträgen — mit ihr verbunden war. Sie vernichtete jeden, der seine Beziehungen zu ihr abbrechen und verleugnen wollte.
Bis in die obersten Kreise der Pro- vinzialregierungen von Neapel und Palermo waren die Maffisten vertreten. Hub erst vor sechs Jahren gelang dem italienischen Staate der — anscheinend — entscheidende Schlag. Damals mußte der Polizeipräfektim Kerker verschwinden, hohe Beamte des 'Gouvernements folgten ihm nach. Seither hörte man offiziell nicht mehr von der Maffia.
Politische Verschwörungen führen sich oftmals, nach langer Zeit, selbst ad ab- siudum, laufen leer, verlausen im Sande. Aber das ist kein Trost für die Mütter und Väter die Kinder, Verwandten und Freunde aller jener, die solchen Verschwörungen zum Opfer fallen . . . Karl Ilagemann.