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Gchlüchterner Zeitung

2. Blatt

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Katastrophen seit zwei Jahrhunderten

Gefahren der erloschenen Vulkane

„Wenn die Erde zittert

Lissabon, am 1. November 1755

Schon das ganze Jahr vorher war un­ruhig gewesen: Erdstöße in Italien, Per- sien, Grönland, Vulkanausbrüche auf Is­land, Blut-(Lavastaub-)Regen in Frank­reich und der Schweiz. Lissabon stand damals auf der Höhe seines Handelsreichtums — bis an jenem ersten Novembermorgen um

Eingestürzt wie Kartenhäuser — — —

Ein Hotel in Miami (Florida) nach dem großen

Erdbeben im Jahre 1925

halb zehn Uhr drei Erdstöße die Stadt er­schütterten. Der erste dauerte fast eine Viertelstunde lang, es war, „als ob die Erde wie Wasser Wellen würfe" briffe Äoß *M?k?n viel

Minuten lang. Ihre Wirkung war ver­heerend ; jetzt stürzte alles zusammen, was dem ersten Stoß standgehalten hatte. Die Stadt war ein einziger Trümmerhaufen. Kurz darnach kam die ungeheure, 15 Meter hohe Flutwelle des Flusses Tejo, die Kaie und Molen der Hafenanlagen wurden ins Meer gerissen, Dutzende von Schiffen und Barken mit insgesamt etwa tausend See­leuten kamen dabei um. Noch einmal und ein zweites Mal wiederholte sich die Flut­welle, die so gewaltig war, daß sie jedes Mal bei ihrem Zurückweichen das Wasser des Tejo mitriß und so das Flußbett — trocken dalag. Und nachher noch, um allem die Krone aufzusetzen, eine furchtbare Feuersbrunst.

Es fehlen genaue Ziffern; man schätzt die Verluste an Menschenleben in Lissabon auf 80 000. — Zur gleichen Zeit und in den Wochen nachher würden Cadiz und Teres in Spanien, Mogador und Fez in Marokko fast völlig zerstört. In ganz Europa und bis nach Amerika hinüber spürte man die Wir­kung des furchtbaren Erd- und Seebeben

Bis zum 8. Mai 1902

gab es eine blühende Stadt auf der Insel Martinique am Fuße des Mont Pelse, die Hauptstadt St. Pierre mit 30 000 Einwoh­nern. Der Mont Pelee galt als ein erlosche­ner Vulkan, in seiner Krateröffnung hatte sich ein schöner blauer See gebildet. Anfang April 1902 wurde der Kratersee unruhig, das Wasser begann zu kochen, weiße Dampf- wolken stiegen auf. Die Meteorologen und Scientologen beruhigten, sie beruhigten noch nach dem ersten Ausbruch am 5. Mai. Der 8- Mai (Himmelfahrtstag) brach an — ein ungeheurer Lava- und Gasausbruch erfolgte, unter Donnergetöse, Blitzen und Siede­temperatur. — Zehn Minuten später lebten von der gesamten Einwohnerschaft der Stadt nur noch zwei Menschen, wie durch ein Wunder gerettet! ein Schuster und ein Aeger, der wegen Diebstahls im Gefängnis in6 — die übrigen 30 000 waren gleichzeitig verbrannt und vom Gifthauch des Vulkans erstickt.

Eala-Abend der Oper von ban Franzisko

stin 17. April 1906: Caruso singt, alle Mib üonärssamilien des Westens sind im Opern' Mus versammelt.

Im Jahre 1888 versetzte der Vulkan Bantatsan mit einem verheerenden Ausbruch ganz Japan in Schrecken. Seit tausend Jahren galt er als er­loschen. Zu seinen Füßen ja selbst an „ Am nächsten Morgen, nach 5 Uhr, ein den Hängen seines mächtigen Kraters waren fürchterlicher Erdstoß: leichtgebaute und blühende Ortschaften auf fruchtbarem Boden

massive Häuser stürzen über ihren schlafen­den Bewohnern ein, Fabrikschornsteine, die oberen Stockwerke der Wolkenkratzer. Eine Stunde dauern die Stöße und das Beben. Leuchtgasexplosionen, Feuersbrunst, Panik; alle Wasserleitungen sind zerstört, im Hafen reißt eine riesige Flutwelle alle Schiffe ins Meer hinaus. 200 000 Obdachlose, 15 000 Schwerverletzte, 200 Leichen geborgen, Zahl der für immer Verschütteten, Begrabenen unbekannt. Terror von Verbrecherbanden, dagegen der Kriegszustand der Bürger- wehren und Miliz. Ein Schaden von 400 Millionen Dollar. San Franzisko muß völlig neu aufgebaut werden. Aber — in in diesen Stunden des Schreckens wurden in San Franzisko 150 gesunde Kinder ge­boren . . .

Und dann, nach dem Vesuv-Ausbruch und nach der Zerstörung von Messina, brach

am 1. September 1923

über Japan die größte Katastrophe aller Zeiten herein. Einige Minuten nach zwölf

Wolken von Glut und Gas verfinstern die Sonne Der Krakatau vor dem Ausbrudi (Indisdier Archipel)

Uhr mittags; ein einziger Erdstoß von un­vorstellbarer Wucht erschüttert die Stadt Tokio. In wenigen Sekunden liegt alles in Trümmern: Wohn- und Warenhäuser, Bank­paläste, die neuen Wolkenkratzer, Fabrik­gebäude, das gesamte Regierungs- und Bot­schafterviertel. Das Arsenal von Tokio fliegt in die Luft. Nur die Mauern des Kaiser­palastes trotzen dem Erdbeben.

Aber — einige Jahre später waren Tokio, Yokohama und die zerstörten Ort­schaften der Umgegend neu — und schöner — aufgebaut, in dem ewigen Kampf des Menschen gegen die Natur! D. Lohmann

Erloschene Vulkane?

Die Gefahren ihres Wiedererwachens

entstanden, die nun innerhalb weniger Stunden vernichtet wurden. Mit ihnen Tausende von Menschen.

Auch der gefürchtete Vesuv, der nach der Zerstörung von Pompeji, Herkulaneum und Stabiae im Jahre 79 n. Christi Geburt 1500 Jahre nur geringe Zeichen seiner Tätigkeit gegeben hatte, begann sich seit jener Zeit aufs neue bemerkbar zu machen. Eine merkwürdige, unerklärliche Periodizi- tät der Ausbrüche wurde beobachtet. S i e steigern sich von Jahrhundert zu Jahrhundert. Man zählte im 18. Jahrhundert nur sechs größere Erup­tionen, im 19. Jahrhundert zehn und im 20. Jahrhundert, das kaum zu einem Drit­tel erfüllt ist, bereits sechs Ausbrüche!

Der Krakatau, der angeblich seit dem Jahre 1680 seine Tätigkeit eingestellt hatte, vernichtete durch seine furchtbare Explosion im August 1883, deren Detonation fast in der ganzen Welt gehört wurde, die ge­samte Insel. Ganz ähnlich verhielt es sich mit dem Mt. Pölöe auf der Insel Mar­tinique. Seit Jahrhunderten hielt man ihn

eine der

für erloschen, als im Mai 1902 plötzlich Elutwolke aus seinem Krater brach, innerhalb weniger Minuten 30 000 Men­schen zum Opfer fielen.

Solche Fülle sind ungewöhnlich zahlreich. Der Begriff „erloschen" ist also nicht ganz zutreffend, wenn theoretisch und praktisch neue Ausbrüche auch nach jahrhundertelan­ger Pause wieder möglich sind. Die Be­dingung für einen Wiederausbruch ist stän­dig gegeben. Wir sind mit unseren For­schungen über Art und Zusammensetzung der Erdmasie kaum mehr als drei Kilo­meter in die Tiefe der Erdrinde vor­gedrungen. Trotz der verhältnismäßig ge­ringen' Tiefenergebnisse glaubt man mit Sicherheit sagen zu können, daß die Erd­kruste sich noch in ständiger Verwandlung befindet. Diese Verwandlung macht sich vor allem an den „schwachen Punkten" der Erde, an den Gebirgszügen bemerkbar. Oftmals zeigen Vulkane auch im Ruhezustand die geheimnisvollen Vorgänge im Erdinneren an durch sogenannte E x h a l a t i o n e n, Ausströmungen von Wasserdampf und Schwefelwasierstofsdämpfcn, von Salzsäure und anderen Säuredämpfen.

Die größte Gefahr bilden die sogenann­ten erloschenen Vulkane, als Mittel - und Ausgangspunkt für Erdbeben. Die Theorie, die die Vulkan- ausbrüche zu erklären sucht, sagt bekanntlich, daß ein vulkanischer Ausbruch gleichsam eine ungehemmte Ausströmung unterirdischer Kräfte ist, die sonst im Schoß der Erde ge­fangen, schwere Erdstöße und Erdbeben her­vorrufen würden. Ein erloschener Vulkan gleicht also etwa einer eitrigen Wunde, die man verschlossen hält. Daher neigt eine große Anzahl von Wissenschastlern zu der Ansicht, daß gerade erloschene Vulkane eine ständige Gefahr für die Entstehung von Erdbeben in sich bergen. Dafür spricht auch die Beobachtung, dag auf Vulkanausbrüche, die plötzlich aussetzen, in der Regel schwere Erdbeben folgen. H. Kunwaldt

Die 750 „Sicherheits­ventile der Erde"

Zusammenhänge zwischen Erbeben und Vulkanausbrüchen

Wir zählen auf der Erdkugel etwa 750 feuerspeiende Berge. Man hat sie die „Sicherheitsventile" der Erde genannt, denn ihr Ausbruch, so furchtbar und verheerend er sich in seinem näheren Umkreis auch aus­wirken mag, ist dennoch in Wahrheit eine augenblickliche Milderung der ungeheuren Spannungen, die im Inneren der Erde, vielmehr unterhalb der Erdkruste, bestehen. 750 feuerspeiende Berge — und welcher ist der gefährlichste? Die Frage ist schwer zu beantworten. Etwa 4 0 0 dieser Vulkane gelten seit Jahrhun­derten als erloschen, ohne jedoch da­mit die Möglichkeit eines neuen, unvermute­ten Ausbruchs auszuschalten. Von den übrigen 350 feuerspeienden Bergen, die noch heute in Tätigkeit sind, gelten zwanzig Vul­kane als große Gefahr. Sie sind es, die von Zeit zu Zeit durch ihre Eruptionen die Welt in Schrecken versetzen.

Im übrigen richtet sich die Gefährlichkeit der Vulkane nicht nach ihrer Größe, sondern, in ihrer Eigenschaft als „Penlil", nach der Gewalt der inneren Spannun­gen, denen sie eine Entladung ermöglichen. Der größte Vulkan der Erde ist der Popo- catepetl in Mexiko, der „rauchende Berg", wie ihn die Azteken nannten. Er hat einen Fußumfang von 52 Kilometern und einen Kraterdurchmesser von fast einem Kilometer bei einer Höhe von 5420 Metern. Dennoch ist er wenig gefürchtet, denn seine Erup­tionen, die sich seit Jahrhunderten in be­stimmten Grenzen halten, sind nach einem bestimmten, periodischen Gesetz voraus- zusehen.

Halb zerschmettert werden Menschen aus au den Trümmern geborgen Jeden zweiten Tag findet in Japan ein Erd­beben statt

Der kleinste Vulkan der Welt hingegen, der Santorin, der Beherrscher einer Insel im Aegäischen Meer hat als Ventil mäch­tiger unterseeischer Vulkanerscheinungen das Antlitz von ganz Griechenland verändert; durch ihn und seine Tätigkeit entstanden neue Jnselrciche, während andere im Meer versanken.

Zentren vulkanischer Ausbrüche und der meist damit verbundenen Erdbeben sind Java und Japan. Auf Java zählt man noch hundert zum größten Teil tätige Vul­kane, in Japan hat man vierhundert solcher Vulkane zu fürchten. J. Mehring.