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Vchluchtemer Zeitung

Nr. 31

(1. Blatt)

Samstag, den 12. März 1932

84. Jahr«.

Rundfunk Appell Hinöenburgs.

Berlin, 11. März.

Reichspräsident von Hindenburg sprach zur Reichsprä­sidentenwohl im Rundfunk über alle deutschen Sender und führte dabei aus:

Deutsche Männer und Frauen!

Als vor sieben Jahren zum ersten Male die Frage an mich herantrat, mich für Deutschlands höchstes Amt zur Berfügung zu stellen, habe ich es absichtlich vermieden, in parteimäßig aufgezogenen Versammlungen zu reden und deshalb nur einmal im Rundfunk vor dem gesamten deut­schen Volk gesprochen. Jetzt, wo mir zum zweiten Male die Präsidentschaft angetragen worden war, wollte ich mich im Wahlkampf vollkommen zurückhalten. Der Ver­lauf desselben nötigt mich aber, aus meiner Zurückhaltung herauszutreten, um im Rundfunk zu meinem deutschen Boise zv frechen.

Beim alle sollen es aus meinem Wunde hören, warum ich die neue Kandidatur angenommen habe. Zugleich will ich auch durch diese Aussprache dartun, daß ich nicht ge­willt bin, die in der letzten Zeit über mich verbreiteten Un­wahrheiten unwidersprochen zu lassen. Eine politische pro- grammrede will ich also nicht halten, weil ich es auch nicht für nötig halte. Mein Leben und meine Lebensarbeit sa­gen Ihnen von meinem Streben und Wollen mehr, als Torte es tun können.

Hindenburgs Gründe für die Kandidatur.

Wenn ich mich noch ernster Prüfung entschlossen habe, mich zu einer Wiederwahl zur Verfügung zu stellen, so habe ich es nur getan in dem Gefühl, damit eine vaterländische Wicht zu erfüllen, fräste ich mich versagt, so bestand die Gefahr, daß bei der starken Parteizersplitterung, insbe­sondere der Uneinigkeit der Rechten, im zweiten Wahlgang entweder der Kandidat der radikalen Rechten oder ein sol­cher der radikalen Linken zum Präsidenten des Deutschen Deiches gewählt würde. Die Wahl eines Parteimannes, der Vertreter einer einseitigen und extremen politischen Anschauung fein und hierbei die Mehrheit des Deutschen Welkes gegen sich haben würde, hätte aber unser Vaterland 1,1 schwere, nicht absehbare Erschütterungen versetzt. Das zu ""hindern, gebot mir meine Pflicht.

Ich war mir dabei wohl bewußt, daß diese meine Enk- chließung von einem Teil meiner allen Wähler, darunter lkider manchen alten Kameraden, mißverstanden und ich wshatb angefeindet werden würde. Aber ich will lieber ""konnt und persönlich angegriffen werden, als daß ich senden AugP unser Volk, das so viel Schmeres in den Älen anderthalb Jahrzehnten getragen hat, in neue innere »limpfe geraten lasse. Um Deutschland hiervor zu bewah­rn, um ihm eine Zeit der Ruhe zu geben, in der es die

für unsere Zukunft so entscheidenden großen Fragen im Innern und nach außen lösen soll, würde ich mein Amt im Falle meiner Wiederwahl weiterführen.

Gewisse politische Kreise haben meinen Entschluß, wie­der zu kandidieren, anders gedeutet. Auch sind Unrichtig­keiten, wenn nicht gar bewußte Lügen über mich im Um­lauf. Dagegen wende ich mich nun. Es ist behauptet wor­den, ich hätte meine Kandidatur aus den Händen der Linken oder einer Schwarz-Roten Koalition entgegengenommen. Das ist falsch.

Die Kandidatur ist mir aus allen Schichten und allen Kreisen des deutschen Volkes angekragen worden, sowohl von einem großen Teil meiner alten Wähler, als auch von solchen, die 1925 ihre Stimmen anderen Bewerbern gege­ben haben.

Die ersten Ersuchen an mich, wieder zu kandidieren, gingen von Gruppen der Rechten aus, Diesem Vorgehen schlössen sich andere Parteien und Verbände an. Ich selbst habe meine Zustimmung zu meiner Kandidatur erst dann gegeben, nachdem ich mich überzeugt hatte, daß unbeschadet der Parteizugehörigkeit im einzelnen in ganz Deutsch­land weite Schichten den Wunsch haben, daß ich weiter in meinem Amte bleibe. Kandidat einer Partei oder einer Parteiengruppe zu fein, hätte ich abgelehnt, ebenso, wie ich Bedingungen und Verpflichtungen wrückgewiesen habe.

Aber auf überparteilicher Grundlage der Kandidat des deutschen Volkes zu sein und als solcher denen entgegen- zutreten, die nur Kandidaten einer V a r t e i sind, das hielt ich für meine väterländische Pflicht. So werde ich, wenn ich nochmals gewählt werden sollte, nur Gott, meinem Gewissen und dem Vaterlands verpflichtet sein und als der Treuhänder des ganzen deutschen Volkes meines Amtes walten können.

Im Wahlkampf sind aus meiner bisherigen Amtsfüh­rung persönliche Angriffe gegen mich gerichtet worden. Ich greife die schwerwiegendsten heraus: das Urteil über das mir zugefügte Unrecht überlasse ich jedem _ einzelnen: ___,_______ .

In erster Linie wird mir die U is t e r j e i d) n u n g des Voungplans vorgehalten, durch die ich' mich in einen offenen Gegensatz zu der sogenannten nationalen Front gesetzt hätte. Die Unterschrift ist mir wahrlich nicht leicht geworden, aber ich habe sie gegeben,

in der Ueberzeugung, daß auch diese Etappe notwendig war,

um zu unserer nationalen Freiheit zu gelangen und ich glaube, ich habe recht gehandelt. Das Rheinland ist frei, die fremden Aufsichtsbehörden sind verschwunden, der Doungplan mit seinen Voraussetzungen ist durch die tatsäch­liche Entwicklung bereits überholt. Ich glaube nicht, daß wir bei allen Schwierigkeiten der außenpolitischen Lage heute so weit wären, wenn ich damals dem Rat, nicht zu unterschreiben, gefolgt wäre.

Ein weiterer Vorwurf, der in der Agitation gegen mich eine Rolle spielt, ist der, daß ich

die Notverordnungen

unterschrieben habe. Ich weiß wohl, daß ich durch ihren Erlaß dem deutschen Volk schwere Lasten zugemutet und mich der persönlichen Kritik sehr ausgeletzt habe. Wir ftan- den im letzten Sommer vor der Frage, ob mir durch po­litische Unterwerfung unter das Ausland uns finanzielle Erleichterungen erkaufen, oder durch eigene Kraft und schwere Opfer uns als Ration selbst behaupten wollten.

Ich habe nicht gezögert, mich für den letzteren weg zu entscheiden. Da der eigentliche Gesetzgeber, der R e i ch s- kag versagte und nicht imstande war, aus dem nor­malen Wege der Gesetzgebung die erforderlichen Maßnah­men zur Beseitigung unmittelbarer Gefahren für Wirtschaft Staatsfinanzen und Währung zu treffen, mußte i ch ein- springen und im Rahmen der mir durch die Reichsversas- fung gegebenen außerordentlichen Befugnisse selbst han­deln.

Ich habe hierbei an den guten alten militärischen Grundsatz gedacht, daß ein Fehlgreifen in der Wahl der Mittel nicht so schlimm ist, als das Unterlassen jeglichen Handelns.

Es ist durchaus begreiflich, daß über einzelne der getroffenen Maßnahmen Meinungsverschiedenheiten beste­hen, und ich habe mich oft nur schweren Herzens zu ein­zelnen dieser Notverordnungen entschließen können

Ich selbst bin der Ansicht, daß manche der Maßnahmen die in schwieriger, schwer übersehbarer Situation eiligst ae- trosfen werden mußten, verbesscrnngssähig sind. Ich glaube auch nicht, daß all die Belastungen, die sie enthalten, auf die Dauer aufrecht erhalten werden können. 3m Ge­genteil hoffe ich. daß manche Bestimmungen bald aufge- hoben, oder durch andere Regelungen erseht werden können, keiner der Kritiker kann mir zumindesten das Motiv beider Vaterlandsliebe und stärksten Willens für Deutschlands Freiheit und Grundlage meines wollens absprechen, und selbst die lautesten Rufer im Streif gegen das sogenannte System" werden zugeben müssen, daß ich bei diesen schwe­ren Entscheidungen, frei von jeder Bindung, aus eigenster persönlicher Verantwortung gehandelt habe.

Noch stehen wir mitten im Kampf.

Die Entscheidungen auf dem Felde der Außenpolitik stehen noch bevor; wichtige Aufgaben im Innern, insbeson­dere die Linderung der furchtbaren Arbeitslosigkeit, harre« der Lösung. Das große Ziel können wir aber nur et- reichen, wenn wir uns zu einer wahren Volksgemeinschaft zusammenfinden. Ich kann nicht glauben, daß Deutsch­land in innerem Hader und im Bürgerkrieg versinken soll, wo es gilt, im Ringen um die Freiheit und Geltung der deutschen Ration zusammen zu stehen. Ich erinnere an den Geist von 1914 und an die Frontgesinnung, die nach dem Manne fragte, und nicht nach dem Stande oder der Partei. Wie einst im kriege die Rot des Vaterlandes alles Trennende aufhob und die Waffen des Volkes gleich, ob sie der Arbeiterschaft, dem Landvolk oder dem Bürgertum angehörten in gleicher Weise hingebungs­voll ihre Pflicht getan haben, so gebe ich die Hoffnung nicht auf, daß Deutschland sich zu einer neuen Einigkeit im Ge­danken an das Vaterland zusammenfindet.

Wer mich nicht wählen will, der unterlasse es. Eben­so werde ich aber niemanden zurückstoßen, der die Einheit des Deutschen Reiches in meiner Person finden will.

Die Verantwortung, die mich aushalten ließ im Kriege, bis ich das Heer in die Heimat zurückgeführt hatte, die Ver- antwortung, die mir als Reichspräsident alle die entscheiden­den Entschlüsse abrang, diese Verantwortung vor meinem Gewissen zwingt mich, auch jetzt auszuhalten und dem deutschen Volke in Treue zu dienen.

Hierfür meine letzte Kraft herzugeben, habe ich mich erneut zur Verfügung gestellt. Das ist Sinn und Ziel meine Kandidatur!

Nach der Rede des Reichspräsidenten wurde das Deutschlandlied gespielt.

Für Hindenburg im ersten Wahlgong.

te* Reichsarbertsminister Stegerwald sprach am Donners­tag Rbend in der Stadthalle in Mainz daß das Jahr 1932 nicht nur in außenpolitischer Hinsicht ein richtiges Kampf- jähr sein, es werde auch im Innern in finanzieller, wirt­schaftlicher und sozialer Hinsicht ein schweres Jahr werden. Der Minister ist davon überzeug:, daß wir auch das Jahr i ! ^ZL.: verstehen werden, wie wir die Jahre 19141918, die Inflation und das schwere Jahr 1931 überstenden ha­ben. Voraussetzung dafür ist allerdings, daß auch im Jahre 1932 die politische Vernunft die Oberhand behält gegen­über naiven politischen Propheten. Zum Schluß erklärte der Redner: Das Zentrum wählt Hindenburg, weil es in ihm den Garanten für die Rufrechterhaltung der Verfas­sung erblickt. Mir brauchen einen Reichspräsidenten, der ein großes Vertrauensgut nach außen und innen mitbringt und dieses Vertrauensgut für die Gegenwart und Zukunft einsetzt. Wählen wir Hindenburg schon im ersten Wahlgang!

*

Der bayerische Ministerpräsident Dr. Held hat einen Rufruf erlassen, in dem ganz Bayern mit eindringlichen Worten aufgefordert wird, Generalfeldmarschall v. Hin­denburg zu wählen.

Zahlreiche deutsche Historiker haben einen Aufruf zur Hindenburgwahl erlassen, in dem sie sich zu Hindenburg bekennen und zur Sammlung Deutschlands um seinever­traute und mächtige Gestalt" aufrufen.

Zur Rundfunkrede des Reichspräsidenten von Hin­denburg äußert sich ein großes englisches Blatt, daß es die Rede eines echten Führers gewesen sei.

Amerika für eine vernünftige Lösung

veS ReparationSproblemS.

WTB. Washington, 10. 3. Die amerikanische Sek­tion der Internationalen Handelskammer veröffentlichte ihre durch Silas Straton in Paris abgegebene Erklärung gegen Schutzzölle und für baldige Lösung des Reparationsprob- lems" mit dem Zusatz, das amerikanische Volk habe das gleiche Interesse wie die anderen Rationen an einer Wie­derkehr der Prosperität und werde sich zu einer Neurege­lung der Regierungsverbindlichkeiten bereitfinden, sobald Europa das Reparationsproblem vernünftig geregelt habe.

Hochverräterische Vergehen von poNzeibeamkea.

Der Amtliche Preußische Pressedienst teilt mit: Wegen bes dringenden Verdachts, sich des Vergehen» des Hochverrats schuldig gemacht zu haben, wurden in Berlin der Polizeileutnant Kurt Lange, der Polizeiwachtmeister Hans Schulz-Briefen und die Buch­halterin Gertrud Müller festgenommen. Die Angeschuldigten sind überführt, sich Pläne der Polizeiunterkünfte, der Polizeiwachen und -Munitionslager verschafft und an maßgebende Stellen der NSDAP. weitergeleitet zu haben. Eine noch nicht ermittelte Per­sönlichkeit, die der Gauleitung Berlin der NSDAP. angehört, hat die Beschuldigten zu ihrem Vorgehen veranlaßt. Die polizeilichen Ermittlungen werden fortgesetzt.

Die Pressestelle der Reichsleitung der RSDRP. ver­öffentlicht eine Erklärung, in der sie die angeblichen bod}- Verratspläne, wie sie neuerdings der RSDRP vom Ber­liner Polizeipräsidium im Zusammenhang mit der verhaft tung von nicht der RSDRP ««gehörenden Polizeibeamten unterstellt werden, auf das entschiedenste zurückweist.