chlWemer Zeitung
Meis-Kmtsbtatt * M-emeLner cmMicherkHeiger für 5m Kvets HchtüMrvl
(1. Blatt)
Dienstag, den 10. Januar 1932
84. Iahra
Amtliche Bekanntmachungen.
Landratsamt.
In der Gemeinde Döllbach, Landkreis Fulda, ist die Maul- und Klauenseuche sestgestellt worden.
Lchlüchtern, den 15. Januar 1932.
Der Landrat. J. v.: Vuwe.
Stadt Schlüchtern.
Gefunden: 1 Geldbetrag.
Schlächtern, den 16. Januar 1932.
Der Bürgermeister als Grtspolizeibehörde: Gaenßlen.
Auch wirtschaftliche Abrüstung!
Ein neuer Mussolini-Artikel.
In einem ausschließlich im Londoner „Sunday Dls- j patch" erschienenen Artikel beschäftigte sich Mussolini mit I der Wirtschaftskrise und den Möglichkeiten ihrer Bekämpfung. Die Weltkrise, so schreibt der italienische Ministerpräsident, habe nun denjenigen Punkt erreicht, wo die t schnellsten und wirksamsten Heilmittel nötig seien. Halbe ; Maßnahmen hätten keinen Zweck mehr. Die Entschlüsse müßten rasch gefaßt werden, und es dürfe keinerlei Verschiebung mehr zugelassen werden.
Ueberall seien hohe Zollmauern ausgerichtet,
' kein Land wolle mehr Waren hereinlassen, aber soviel als möglich ausführen. Dazu komme die Frage der Kriegs- ■ schulden und Tribute. Frankreich und Amerika seien im ■ Besitz von 75 v. H. des Goldes. Wie könne man erwarten - so sagt Mussolini, daß die Staaten ihre Schulden bezahlen, wenn sie die Zahlungen nur in Gold leisten dürfen, das sie nicht besitzen. Jn Waren zu bezahlen, sei auch unmög- 1 sich, weil, die Zollmauern ihrer Gläubigernationen so hoch । seien, daß keine Waren die Grenzen überschreiten können. Deutschland habe bereits mehr geliehen, als es Tribute ge- | zahlt habe. Die Gläubigerstaaten könnten nunmehr abwar- k ten, welches Schicksal ihren Hoffnungen auf Rückzahlung zuteil werde.
Seit einigen Monaten sei die Welt in einen wirtschaftlichen Kriegszustand getreten. Daher müsse man der Forderung nach militärischer Abrüstung diejenige nach wirtschaftlicher Abrüstung in dem Sinne, daß aller Handel wieder frei über die Grenzen fließen könne, hinzufügen.
Die Zeit sei nun gekommen, so stellt der italienische Mi- r nisterpräsident schließlich fest, daß die Staatsmänner zusam- | menkommen und den Wirtschaftskrieg beendigen. Besonders | die Goldfrage müsse dringlich behandelt werden, denn eine wirkliche Lösung der Wirtschaftskrise sei nicht möglich, solange Frankreich und Amerika das Goldmonopol hätten. I Me Zollmauern müßten heruntergesetzt werden, damit der I Welthandel wieder in Schwung komme.
Ernste Lage der Gemeinbefinanzen.
Eingabe an die Reichsregierung.
Vom Deutschen Landgemeindetag und Ver- ■ band der Preußischen Landgemeinden wird uns mitgeteilt:
Die von einigen Zeitungen verbreitete Meldung, daß das Reichsfinanzministerium eine weitere finanzielle Unter- tz stützung für die Gemeinden und Gemeindeverbände abgelehnt hat, trifft nicht zu. Nachdem die Reichsregierung in ihrer s amtlichen Verlautbarung zur Notverordnung vom 8. De- F Zember 1931 eine Erhöhung der finanziellen Unterstützung ; der Gemeinden und Gemeindeverbände in Aussicht genom= f wen hatte, haben die sämtlichen kommunalen Spitzenoer- . bände in einer gemeinsamen Eingabe der Reichsregierung | einen entsprechenden Antrag unterbreitet.
Dieser gemeinsame Antrag der sämtlichen kommunalen Lpitzenverbände ist bisher von der Reichsregierung noch f nicht beantwortet worden. Irgendwelche gemeinsamen Verhandlungen der an dem Antrag beteiligten kommunalen f Spitzenverbände mit dem Reichsfinanzministerium haben gleichfalls bis heute noch nicht stattgefunden.
I — Anläßlich einer Kundgebung der „Eisernen Front" in Lagebiet (Hamburg), deren Thema lautete: „Das dritte Reid] wird nicht Kommen", teilte der Bundesoorfitzende des | Reichsbanners, Höltermann-Magdeburg, mit, in den näch- • sten Tagen würden 100 000 aktive Arbeiteerfportler in | die Schufo-Abteilungen des Reichsbanners eintreten. Mei- I terc 100 000 könnten im Notfalls auf geboten werden.
Sonntagabend ist der Persommzug Paris-Abbeville um 19,10 Uhr bei 2aint-Iust-en-Thausso entgleist. Soweit I bisher, sestgestellt werden konnte, sind dabei 10 Personen I ums Leben gekommen.
Vor dem obersten Gerichtshof der Sowjetunion be- I ginnt heute der Prozeß wegen eines Zugzufammenstoßes, der sich am 2. ds. Ults. bei Moskau ereignet hat. Das 3ug» I personal eines Zuges, der anhalten mußte, weil sich ein ' Betrunkener auf die Schienen geworfen hatte, unterließ | es, Warnungssignale aufzuslecken, sodaß der nachfolgende v ^ug mit 70 Klm. Geschwindigkeit auf den ersten sug auf- fuhr. Die Katastrophe kostete 65 Menschen das Leben, I 131 wurden mehr oder weniger schwer verletzt. Elf Personen werden in dein Prozeß zur Verantwortung gezogen.
Konferenzgespräche Lavals.
Paris meldet: „Die Verschiebung von Lausanne wird Tatsache."
Paris, 18. Januar.
In seiner Eigenschaft als französischer Außenminister hat Laval am Sonnabend den deutschen Botschafter von Hoesch, den Botschafter Edge und den Generalsekretär des Außenministeriums Berthelot empfangen. Anschließend fand eine Besprechung Lavals mit Finanzminister Flandin statt.
Wie verlautet, hat der deutsche Botschafter dem französischen Regierungschef aus Grund der letzten in Berlin erhaltenen Instruktionen noch einmal den Standpunkt der Reichsregierung zur Tribukfrage dargelegt, da Laval ine einzelne gehende Grundlagen für seine Kammerrede haben wollte. Irgendwelche Entscheidungen sollen bei dieser Gelegenheit nicht gefallen sein. Laval will sein Kabinett zunächst dem Parlament vorstellen, ehe die Regierung Beschlüsse in bezug auf die Lausanner Konferenz zu fassen gedenkt.
Im Gegensatz hierzu behauptet die „Liberte", daß man jetzt fest mit einer Verschiebung der Lausanner Konferenz auf unbestimmte Zeit rechnen dürfe. In kurzer Zeit würde die Verschiebung zur Tatsache werden. Auch das „Journal des Debüts" will aus zuverlässiger Quelle erfahren haben, daß zwischen den verschiedenen Regierungen Perhandlungen über die Verschiem.ng der Repa- rationskonferenz im Gange seien. Das Blatt fügt hinzu, daß die Besprechungen, die Ministerpräsident Laval irrt den Botschaftern Englands, Deutschlands und Amerikas sowie mit Finanzminister Flandin und dem Generalsekretär Berthelot führte, nur dieser Frage gegolten hätten.
Von amtlicher französischer Seite war zu diesen Gerüchten vorläufig nichts zu erfahren.
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Die Unterredung Laval—Edge.
Ueber die Unterredung des französischen Ministerpräsidenten mit dem amerikanischen Botschafter Edge verlautet '"-gut ut; Laval habe
müsse sich zum mindesten darüber klar sein, worüber man in Lausanne verhandeln wolle und wieweit die einzelnen Vertreter der Regierungen Verpflichtungen übernehmen könnten. Die Dauer des Moratoriums und die Frage, was nach diesem Moratorium geschehen solle, seien Fragen, die zum großen Teil von den Absichten der amerikanischen Regierung abhängig gemacht werden müßten. Frankreich werde einem Moratorium zustimmen, aber die Verantwortung für die Auswirkungen ablehnen müssen, die eine solche Haltung auf die auswärtigen Verpflichtungen der französischen Regierung haben könnte.
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Die englisch-italienischen Besprechungen abgeschlossen.
Der italienische Sachverständige B e n e d u c e hat seine Besprechungen mit dem englischen Schatzministerium beendet und London wieder verlassen. Sir Frederic Leith Roß erklärte Pressevertretern gegenüber, es werde sich, wie er glaube, herausstellen, daß die Ansichten der englischen und italienischen Regierung sehr eng miteinander übereinstim- men. Zu dem Besuch Beneduces verlautet ferner, anscheinend hätten die Italiener den.Gedanken einer kurzfristigen Verlängerung des Tributmoratoriums mit der Aussicht auf spätere Verhandlungen über eine endgültige Lösung der Tributfrage günstig ausgenommen. Der Meinungsaustausch solle fortgesetzt werden.
— Die Zahl der Dohlfahrtserwerbslosen, d. h. der Arbeitslosen, die noch nicht ober nicht mehr von der Ar- beitsloscnversicherung oder der Krisenfürsorge unterstützt werden und daher den Gemeindehaushalt belasten, ist nach Mitteilung des Deutschen Stäbtetages im Dezember um 120 000 gestiegen, sodaß Ende Dezember in der öffentlichen Fürsorge insgesamt rund 1650 000 (Erwerbslose betreut wurden.
Jn Kaderthal bei Köln erschoß Sonntag früh ein 50jähriger Sd] reiner seinen im Bette schlafend liegenden 23jährigen Lohn mit einer Armeepistole. Der Vater wollte sich darauf gleich selbst erschießen, doch ging der 5chuß daneben, worauf er sich selbst der Polizei stellte.
Als am Sonntag in Küstrin ein Nationalsozialist wegen verbotenen Waffenbesitzes verhaftet werden sollte, richtete er die Waffe gegen sich und schoß sich eine Kugel in die Brust. Er war sofort tot.
Jn Bilbao in Spanien kam es Sonntag nachmittag zu schweren Zusammenstößen zwischen Tradinöncklen und rcepuiMkanern, wooer die ersteren von ihren Waffen Ge- orauch maasten. Vier junge Leute wurden getötet und eine ganze Anzahl schwer verletzr. Die Gendarmerie nc^m zahlreiche Verhaftungen vor. Jn der Stadt herrschte große Aufregung.
Die im Zusammenhang mit den großen Sprengstoff* und Waffenfunden in Hagen i. W. verhafteten vier Personen werben Montag dem Richter vorgeführt werden. (Einer der Verhafteten hat einen Selbstmordversuch unternommen, ein anderer Ijat bereits ein Geständnis abgelegt.
Der Tag der Reichsgründung
Die Mahnung des 18. Januar.
Als am 9. November 1918 die Revolutionswelle über das deutsche Land dahinbrauste, da glaubten viele, nun sei mit der Monarchie auch die deutsche Einheit vernichtet. War doch die Zertrümmerung des Deutschen Reiches von Anfang an das Ziel unseres französischen Gegners. Nun, es sind seitdem wieder 13 Jahre ins Land gegangen, Not und Elend suchen uns heim, — aber das Reich steht noch. Es steht fester denn je, und alle Mühe, die man sich diesseits und jenseits des Rheines gibt, das Werk Bismarcks wieder zu zerschlagen, ist vergebens.
In den sechs Jahrzehnten, die jenem denkwürdigen 18. Januar folgten, da Wilhelm I. inmitten seiner Paladine und der Abordnungen des siegreichen deutschen Heeres im Spiegelsaal zu Versailles die deutsche Kaiserkrone entgegen- nahm, hat das Deutsche Reich nach einem beispiellosen Aufstieg zu Macht und Wohlstand eine Kraftprobe zu überstehen gehabt, wie sie noch nie einem Volke der Erde. zuge- mutet ward. 4^ Jahre trotzte das deutsche Heer einer Welt von Feinden und erst nachdem der Hunger ihm die Waffe aus der Hand geschlagen, mußte es den feindlichen Truppen den Weg in deutsches Land freigebe». Der Krieg war damit nicht beendet: er wird mit anderen Waffen weitergekämpft, und noch immer steht das Reich im Kampf um sein Dafc" Es wird auch diesen beispiellosen Kampf überdauern und ebenso wie aus dem Chaos des Weltkrieges aus dem Elend der Weltwirtschaftskrise unzerbrochen hervorgehen, wenn das deutsche Volk über den Hader der Parteien hinweg sich zu nationaler Einigkeit zusammenschließt.
Wer die tausendjährige Geschichte des deutschen Volkes kennt, weiß, daß es oft schon in Ohnmacht darniederlag Aber immer wieder hat es einen Aufstieg gegeben. Das erste Deutsche Reich zerbrach an feiner inneren Zerrissenheit, und durch Jahrhunderte blieb das deutsche Volk am Boden, geknechtet von landfremden Tyrannen, sich selbst zerfleischend vw .. Btup und bild) ging es wieder aufkvsits, als »cy der Deutsche auf iein Deutschtum besann Das zweite deutsche Kaiserreich war die Krönung dieses Werkes der deutschen Einigung, an dem die Besten des Volkes gearbeitet, für das taufende deutscher Söhne geblutet. Auch aus unserer heutigen Not wird es einen Aufstieg geben.
Es ist ein dorniger Weg, den das deutsche Volk unter dem Diktat von Versailles zu gehen hat Aber unser Weg führt aufwärts, solange wir uns das Gut Bismarcks bewahren und in nationaler Geschlossenheit dem Willen der anderen trotzen. Aus der politischen Ohnmacht und der Not unserer Zeit wird das deutsche Volk wieder emporfteigen zu staatlichem Ansehen und wirtschaftlicher Kraft, wenn es über allem Elend nicht den Zusammenhalt verliert, wenn es sich über den Hader der Parteien hinweg zu wirklicher Einigkeit findet. Dies ist die Mahnung des 18. Januar: Nicht in innerer Selbstzerfleischung oder verzagender Resignation dürfen wir unserer Not gegenüberstehen, sondern über alles Trennende hinweg müssen wir uns die Hände reichen zu gemeinsamer Arbeit, zu gemeinsamem Kampf für das Bestehen des deutschen Volkes und unseres gemeinsamen f a- terlandes.
Für Erhöhung des Buiierzolls.
Gegen eine Schlachksteuer.
Berlin, 17. Januar.
Der Reichslandbund hat an den Reichskanzler folgendes Telegramm gesandt:
„Durch fortgesetzt fallende Futterpreise beutjdjc Milcherzeugung schwerstens gefährdet. Sofortige Erhöhung des Butterzolls auf mindestens 250 RM je Doppelzentner angesichts der handelsrechtlichen Bestimmungen unumgänglich. Gleichzeitig fordern mir energisches Anpacken der Margarine und ihrer Grundstoffe durch Zollschutz und Ausgleichssteuer. Zeder Tag Zeitverlust verschärft landwirtschaftliche Katastrophe."
An das preußische Landwirtschaflsministerium wurde folgende Drahtung gerichtet:
„Wie wir hören, besteht erneut die Sesahr, daß zur Deckung des preußischen Etatsdesizits eine Schlachtsteuer eingcsührl wird. Angesichts der Tatsache, daß die bäuerlichen veredlungsprodukte, die von dieser Steuer getroffen würden, am meisten notleidend sind und außerdem noch durch die kürzlich oorgenommenc Erhöhung der Umsatzsteuer in ihrer Preisbildung schwer geschädigt werden, bitten wir dringend, der auch in Anbetracht der allgemeinen wirtschastsverhältoissc, insbesondere der z.sammengebeoche- nen Massenkaustraft untragbaren Reubelastung schärfsten Wider- stand entgegenzusetzen."
Das Mitteldeutsche Braunkohlensyndikat zustande gekommen. Die Deutsche Erdöl-A -G., die bisher als einziger Werksoefiger dem Syndikat noch nicht angehörte, ist dem Mitteldeutschen Braun- kohlen-Syndikat beigetreten.
Sechs Wochen Gejängnte für Frau Gandhi. Die Frau Gandhis ist zu itrhs Wochen (Mangnis verurteilt worden. — Die Tochter Patels erhielt dreieinhalb Monate schwere Gefängnisstrafe.
Die amerikanische wiederausbem-Anleihe angenommen. Das amerikanische Repräsentantenhaus nahm 3;.i Gesetz über die 2-MilIiarden-Dollar-Anleihe zum Wiederaufbau 0?r Wirtschaft an.