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Gchlüchterner Zeitung

2. Blatt

Kein Streikerfolg im Ruhrgebiet.

Planmäßige Terrorakte. Polizei Herr der Lage.

Essen, 5. Januar.

Im Essener Gebiet sind nur auf drei Zechen Teile der Belegschaft der Arbeit ferngeblieben. Auf der ZecheMo- nopol-Grillo" in Kamen streiken von 672 Bergleuten 168. Auf der ZecheWesterholt" streiken von 1008 Mann 516 und auf der Zeche Diergardt in Hoch-Emmerich von 637 Mann 234.

Trotz des offensichtlichen Mißerfolges setzen KPD. und RGO. Streikhehe und Terrorakte planmäßig fort, offenbar mit dem Zweck, Unsicherheit und Unruhe in die Bevölkerung zu tragen.

Schon in den frühesten Morgenstunden sah man in den Straßen, die zur Kruppschen Fabrik führen, überall Streik­posten, die auf die zur Arbeit gehenden Arbeiter warteten, um sie zum Streik aufzufordern. Auch die zum Dienst ge­henden Straßenbahner wurden von den Streikhetzern ange- halten und zum Streik aufgefordert.

Am Montag früh wurde an einer Straßenecke das Straßenpflaster aufgerissen. Im Stadtteil Borbeck wurde ein Straßenbahnzug von unbekannten Tätern beschossen und mit Steinen beworfen. Personen wurden nicht verletzt. Meh­rere Weichen der Straßenbahn wurden unbrauchbar gemacht und die Schienen verkeilt. Hierdurch wurde ein Straßen­bahnzug zum Entgleisen gebracht. Die Polizei hat jetzt be­sondere Maßnahmen getroffen, um einen störungsfreien Verkehr zu gewährleisten. Auf den meisten Straßenbahn­wagen sind Kriminal- oder Schutzpolizeibeamte postiert.

Im Stadtteil Essen-Borbeck errichteten unbe­kannte Täter in der Bocholter Straße einen Drahtverhau. In Bottrop wurden zahlreiche Fensterscheiben in Ge­schäftshäusern zertrümmert.

Auch in Recklinghausen ist der Streikparole, ab­gesehen von der Zeche Westerholt, wo von 730 Mann 516 der Morgenschicht fernblieben, keine Folge geleistet worden. Aus der Zeche Bergmannsglück in B u e r ist die Belegschaft am Montag wieder vollzählig eingefahren. In Herten wurden in der Nacht zum Montag mehrere Bäume quer über die Straße gelegt. Das Hindernis konnte jedoch bald beseitigt werden.

3m genannten Industriegebiet wurden bisher rund 300 Personen festgenommen, die zum größten Teil dem Schnell- richier vorgesührl werden dürften.

In Köln versuchte die RGO. besonders die Straßenbahn lahmzulegen. Gegen 9 Uhr konnte jedoch der Straßenbahnbetrieb, nachdem ein Streikhetzer, ein Straßenbahnfahrer, verhaftet war, wieder in vollem Umfang ausgenommen werden. Vor größeren Privatbetrieben kam es zu Ansammlungen kom­munistischer Elemente, die die Arbeiter von der Arbeit fern­zuhalten versuchten.

3n der Reichshauptstadt ist die von kommunistischer Seite ausgegebene Streikxarole _ für Hie Berliner Metallindustrie bis Montag ohne ^wesent­lichen Erfolg geblieben. Nur bei fünf kleineren Firmen, die insgesamt nur einige hundert Arbeiter beschäftigten, wird ganz oder teilweise gestreikt. Bei der AEG. in Hen­ningsdorf bei Berlin streiten ebenfalls einige hundert Ar­beiter.

Vorbereitende Arbeiten.

Die deutschen Delegationen.

Berlin, 5. Januar

Nachdem Reichskanzler Dr. Brüning und die übrigen Reichsminister aus ihrem Weihnachtsurlaub zurückgekehrt sind, ist das Kabinett wieder vollzählig in Berlin versam­melt. Die Reichsregierung wird in den nächsten Wochen mit den deutschen Vertretern für die Tribut- und die Abrüstungs­konferenz die letzten Vorbereitungen für diese Tagungen durchberaten.

Auf der Tributkonferenz in Lausanne wird der Reichs­kanzler die deutsche Abordnung führen. Ferner werden Reichsfinanzminister Dr. Dietrich und voraussichtlich auch Reichswirtschaftsminister Warmbotd Deutschland in Lausanne vertreten.

Letzteres ist als bestimmt anzunehmen, da auch auf den beiden Haager Konferenzen die Wirtschaftsminister (Dr. Curtius^rnd Robert Schmidt) anwesend waren.

Die deutsche Vertretung für die Abrüstungskonferenz in Genf besteht aus dem Kanzler, Reichswehrminister Groener, Staatssekretär von Bülow sowie den Bot­schaftern Radolny und Graf Welczek.

Falls sich die beiden Konferenzen überschneiden sollten, wird der Reichswehrminister den Kanzler in Genf vertreten. Jedoch ist anzunehmen, daß auch der Kanzler, wenigstens zeitweise, an der Abrüstungskonferenz teilnehmen wird. Es steht auch noch nicht fest, ob Staatssekretär von Bülow, der Deutschland auf der Völkerbundsratssitzung vertritt, an der Lausanner oder der Genfer Konferenz teilnehmen wird.

AmenkasPanjerBoffchafter in Berlin

Undurchsichtiger Zweck der Reise.

Berlin, 6. Januar

Der amerikanische Botschafter in Paris, Edge, ist in , Berlin zu einem mehrtägigen Besuch eingetrossen.

Der Besuch wird amtlich als reine Privatangelegenheit bezeichnet, doch ist anzunehmen, daß der Botschafter die Ge­legenheit seines Aufenthaltes in Berlin wahrnehmen wird, um auch mit den deutschen Amtsstellen Fühlung zu neh­men; denn es wäre sonst kaum erklärlich, aus welchem Grunde Botschafter Edge angesichts der schwebenden eng­lisch-französischen Verhandlungen Paris verläßt. Die ame­rikanische Regierung legt, wie man ohne weiteres anneh­men darf, jedenfalls Wert auf genaueste linterrichtung aus Paris. Es bleibt infolgedessen nur der Schluß übrig, daß zwingendere Gründe die Reise des Botschafters Edge nach Berlin veranlaßt haben, wo Botschafter Sackett, Amerikas offizieller Vertreter, die Interessen seines Landes mit gro­ßem Geschick vertritt.

Die japanische Machtstellung.

Ein Bündnis mit der Mandschurei?

Moskau, 5. Januar

Nach Meldungen aus Tokio bezeichnet der japanische Kriegsminister die Besetzung Kintschaus als das bedeu­tungsvollste politische und militärische Ereignis in dem ja­panischen Feldzug. Damit habe Japan die Säuberungsak- tion in der Mandschurei beendet. Es werde nun alle Maß­nahmen treffen, um eine enge Verbindung zwischen der Mongolei und der Mandschurei herzustellen.

General Tschangtinghui, der die Unabhängigkeit der Mandschurischen Republik ausgerufen hat, erklärt, die Mandschurei sei bereit, mit Japan ein wirtschaftliches und politisches Bündnis abzuschließen.

Aus anderer Quelle stammende Meldungen lassen aller­dings erkennen, daß das japanische Vorgehen durchaus noch nicht abgeschlossen ist. So haben die in Kintschau eingerück­ten japanischen Truppen einen Panzerzug nach Schanhaik- wan geschickt, angeblich weil dort durch Ansammlung chine­sischer Truppen in nächster Nähe der Stadt eine gefährliche Lage entstanden sei. Die britischen amtlichen Stellen in Schanhaikwan beabsichtigen, die Garnison von Schanhaik- wan durch englische Truppen aus Tientsin verstärken zu lassen.

Der amerikanisch-japanische Zwischenfall.

Räch amtlichen Mitteilungen ist wegen eines lleber- falles auf den amerikanischen Vizekonsul in Mukden eine Untersuchung eingeleitet worden. In der Meldung heißt es, die Soldaten seien betrunken gewesen und hätten nicht ge- wußt, daß es sich um den amerikanischen Vizekonsul han- delte. Das japanische Oberkommando hak dem amerikani­schen Konsul sein Bedauern ausgesprochen.

China appelliert an den Rat.

Die chinesische Regierung hat dem Präsidenten des Völ­kerbundsrates Vriand eine neue Denkschrift übermittelt, in der in ungewöhnlich scharfem Ton schwere Vorwürfe gegen Japan erhoben werden. Dir japanische Armee habe unter dem Vorwande der Bekämpfung des Bandenwesens weite Gebiete der Südmandschurei besetzt Damit liege eine offene Verletzung der Hoheitsrechte Chinas und ein Bruch des In­ternationalen Rechts, des Völkerbundsvertrages, des Kellogtzpaktes und des Neunmächtevertryges vor. Durch die fortgesetzte Verstärkung der japanischen Truppen sei eine außerordentlich ernste Lage geschaffen.

Die Denkschrift gipfelt in der Forderung, im Hinblick aus die letzten militärischen Ereignisse in der Mandschurei den Völkerbundsrat unverzüglich zu einer neuen außeror dentlichen Tagung einzuberufen.

Ein Herrscher für die Mandschurei.

Amerikas Protest an Japan.

Tokio, 6. Januar

In politischen Kreisen rechnet man mit der Möglichkeit, daß die Mandschurei ein selbständiger Staat wird, der durch _MM Llusschuß regiert werderr sollten dem China, die Mon­golei, die Mandschurei selbst und Japan vertreten sind.

Wenn dieser Plan durchgeführt wird, würde ein Herr­scher an die Spitze des neuen Staates gestellt werden.

Zu den Besprechungen zwischen dem japanischen Außenmi­nister Joschisawa und dem Außenkommissar Litwinow über die Lage in der Mandschurei verlautet, daß sie keine posi­tiven Ergebnisse gebracht haben. Von einer politischen Eini­gung zwischen Moskau und Tokio könne nicht gesprochen werden.

Wegen der Zwischenfälle in Mukden hat Amerika der japanischen Regierung eine Protestnote überreichen lassen. Der japanische Botschafter in Washington ist angewiesen, der amerikanischen Regierung fein Bedauern auszusprechen.

Der Tagungsort der Internationalen Reparationskonferenz.

Zum Tagungsort der großen Internationalen Reparations- konferenz ist nun endgültig Lausanne am Genfer See be­stimmt morden. Es liegt für diesen Zweck sehr günstig, da es nur X Stunden von Genf entfernt liegt.

Regierungswechsel in Südflawien.

Das neue Kabinett Zivkowitsch.

Belgrad, 6. Januar

Das Ministerium Zivkowitsch ist zurückgetreten und im Laufe des Dienstags durch ein neues Kabinett erseht wor­den.

Das neue Kabinett weist mehrere Veränderungen auf: General Zivkowitsch hat das Ministerpräsidium beibehalten, aber das Innenministerium an den ehemaligen Vizekanzler Srskitsch abgegeben. Der Unterrichtsminister Marimowitsch übernahm das Justizministerium, während der Iustizmini- ster Kostitsch Unterrichtsminister wurde. Das Handelsmi­nisterium erhielt der Slowene Dr. Krämer. Der ehemalige .Handelsminister Dr. Kumanudi ist aus dem Kabinett aus- geschieden. Ferner sind sämtliche Minister ohne Porte­feuille zurückgetreten.

Grubenunglück bei Beuchen.

14 Bergknappen eingeschlossen.

Beulhen, 6. Januar

Ein heftiger Gebirgsschlag, der in der 774 Meter-Sohle eine Vorrichtungsstrecke und zwei benachbarte Abbauslrek- ken in Mitleidenschaft zog und einen größeren Bruch verur­sachte, durch den 15 Bergleute abgeschnitten wurden, ereig­nete sich aus der Karsien-Zentrum-Grube bei Beuthen. Die sofort unter Mitwirkung der Bergbehörde einsehenden Ret- lungsarbeiten konnten nach kurzer Zeit einen Fördermann unverletzt bergen. Etwa zwei Stunden später erfolgte ein zweiter Gebirgsschlag, der die Rettungsarbeiten stark ge­fährdete. Während der ganzen Rocht wurden die Rettungs­arbeiten fortgesetzt. Unter Führung der zuständigen Beam­ten sind die Rettungsmannschaften fieberhaft bemüht, zu den eingeschlossenen 14 Kameraden vorzudringen. Das Bergungswerk gestaltet sich außerordentlich schwierig, da große Gesteinsmassen zu Bruch gegangen sind.

Das Oberbergamt Breslau teilt mit:Auf der Karsten- Zentrum-Grube, die von dem schweren Gebirgsschlag be­troffen worden ist, gehen die Rettungsarbeiten nur sehr langsam vorwärts. Das Gebirge befindet sich noch immer in Bewegung.

Mit den verschütteten 14 Bergleuten konnte noch keine Verbindung ausgenommen werden. Es muß damit ge- rechnet werden, daß sie tot sind. Die Rettungsarbeiten werden mit allem Nachdruck fortgesetzt.

Die Nachricht von dem schweren Unglück auf der Karsten- Zentrum-Grube rief allgemeine Bestürzung hervor. Zahl­reiche Einwohner hatten zwar die heftigen Erdstöße ver­spürt, durch die der Streckeneinsturz auf der Grube hervor­gerufen worden ist, doch war von dem Unglück selbst zunächst nichts bekannt geworden. Erderschütterungen ähnlicher Art haben sich im oberschlesischen Industriegebiet in der letzten Zeit mehrfach ereignet; über ihre Ursachen besteht noch keine völlige Klarheit.

Die Karsten-Zentrum-Grube liegt ziemlich weit außer­halb der Stadt in dem früher selbständigen Vorort Kars. Die ein gestürzte Strecke befindet sich abseits des Grubenzen- trums; auf ihr arbeiteten glücklicherweise nur verhältnis­mäßig wenig Leute, der Haupttell der Grubenbelegschaft wurde nicht gefährdet. Die Stelle, an der die 14 Bergleute verschüttet worden sind, ist genau bekannt. Trotzdem blieben alle Versuche, dorthin vorzudringen, bisher erfolglos. Un­geheure Gesteinsmassen erschweren den Rettungskolonnen den Weg, und es ist nicht abzusehen, wann das Geröll be­seitigt sein wird. Dazu kommt, daß die Bergungsmannschaf- ten selbst in ständiger Gefahr sind, ebenfalls von nachstür­zendem Gestein verschüttet zu werden. Vor dem Gruben- tor haben sich zahlreiche Personen eingefunden, vor allem die Angehörigen der Vermißten, die immer noch auf eine Rettung der 14 Mann hoffen. Leider muß aber nach mensch­lichem Ermessen damit gerechnet werden, daß sich diese Hoffnungen nicht erfüllen.

Alle 14 verschütteten Bergleute verloren

Beulhen, 6. Januar.

Die in der karstenZenkrums-Grube verschütteten 14 Bergleute sind nunmehr aufgegeben worden. Auf Klopf­zeichen, die in der Nähe der Unglücksstelle abgegeben wur­den, kam gleichfalls keine Antwort mehr. Die Rettungs­arbeiten gingen trotz aller Aufopferung seitens der Hilfs- mannschaften nur langsam vorwärts. Die Unglücksstelle ist nahezu vier Meter hoch durch zusammengestürztes Gestein ausgefüllt. Die meisten der verschütteten Bergleute sind Fa­milienväter aus der näheren Umgebung Beuthens. Als Ursache des Einsturzes nimmt man jetzt ein tektonisches Beben an.

Ein amtlicher Bericht über den Verlauf der Rettungs­arbeiten besagt:

Die Rettungsarbeiten sind weiter im Gange. Es wurde hierk^j sestgestellt, daß die Streckenbetriebe, in denen die verschütteten Bergleute arbeiteten, vollkommen zerbrochen sind. Die Aufräumungsarbeiken werden sich voraussichtlich noch mehrere Tage hinziehen. Es steht fest, daß keiner der Verschütteten mehr am Leben ist.

Englands Abrüstungsprogramm

Deutscher Antrag: U-Doot-Bau.

London, 6. Januar.

Für die Abrüstung zur See enthält das englische Pro­gramm für Genf u. a. die Forderung auf Herabsetzung der Linienschiffsgröße auf 25 000 Tonnen, Begrenzung der Kreuzergröße auf 8000 Tonnen und Abschaffung der U» Boote. England werdr in Gemeinschaft mit anderen Län­dern, die sich für kleinere Linienschiffe einsetzen, nachweisen, daß die Größe von 25 000 Tonnen genüge, um alle ame­rikanischen Forderungen auf Geschwindigkeit und Aktions­radius zu erfüllen. England werde ferner auf einer Erörte­rung der U-Bootfrage bestehen.

Man erwarte hier, daß Deutschland den Antrag auf Abänderung der Paragraphen des Versailler Vertrages stellen wird, die ihm den Ban von U-Booten verbieten, und zwar unter Hinweis darauf, daß die Nachkriegsentwicklung bei allen Seemächten die Lage gegenüber den in Versailles gemachten Versprechungen der Alliierten auf völlige Ab­schaffung der U-Boote grundlegend verändert habe.

Kleine politische Meldungen.

Die kommunistische Streikbewegung gescheitert. Die kommu- nistische Streikbewegung ist auch in Köln, im Aachener Bergrevier und im rheinischen Braunkohlenrevier vollkommen gescheitert.

Das Hauptblatt der württembergischen Sozioldcmokratcn be­schlagnahmt. Auf Grund der vierten Notverordnung des Reichs­präsidenten ist dieSchwäbische Tagwacht", das Zentralorgan der Sozialdemokraten Württembergs, durch das Polizeipräsidium be­schlagnahmt worden.

Der König von Italien erhält den Lhriskurorden. Der Papst hat dem König von Italien und dem Kronprinzen den Christus- orden verliehen.

Belagerungszustand über Honduras. Infolge revolutionärer Umtriebe im Nordweften von Honduras, besonders in der Nähe der Grenze von Guatemala, hat die Regierung von Honduras den Belagerungszustand erklärt.