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Nr. 2

Schlüchterner Zeitung

2. Blatt

Kritik an Hindenburg.

Ablehnung der Rundfunkrede in Frankreich.

Paris, 3. Januar.

Hindenburgs Neujahrsbotschaft findet in der franzö­sischen Presse scharfe Kritik.

DasJournal"

erklärt, daß der Reichspräsident bei seiner Forderung auf Abschaffung der Reparationen den Bericht der Baseler Sach­verständigen Übergängen habe, in dem ausdrücklich fest­gelegt sei, daß die deutschen Reparationszahlungen nur etwa 12 Prozent des Reichshaushalts darstellten. Wenn er die Militärklausel des Versailler Vertrages im Namen der Gleichheit und der Sicherheit angreife, so müsse man sich fragen, ob die Störung der Sicherheit von denjenigen aus- gehe, die die Aufrechterhaltung der geschaffenen Ordnung verlangten, oder von denjenigen, die unaufhörlich gegen diese Ordnung Einspruch erhöben.

Der sozialistischePopulaire" bezeichnet die Neujahrsrede des Reichspräsidenten als sehr folgenschwer. Sie sei nicht geeignet, den Kampf um die Abrüstung zu fördern, und diene auch nicht dem Frieden. Sie mache im Gegenteil die allgemeine Lage schwieriger. Man könne nicht gleichzeitig von der wirtschaftlichen und finanziellen Notlage des Reiches sprechen und Forderungen aufstellen, deren Verwirklichung finanzielle Mittel erfordere, über die das Reich nicht verfüge.

Günstige Aufnahme in London . ..

London, 3. Januar

Die englische Presse bringt die Neujahrsansprache Hin- denburgs in großer Aufmachung und würdigen sie einge­hend. Bemerkenswert ist der Kommentar derNews Chro- nicle", in dem es heißt: Hindenburgs Neujahrsansprache war die Rede eines mutigen Patrioten. Während aller Schwierigkeiten der Nachkriegszeit ist dieser hochbetagte Mann für die Ausländer ebenso wie für seine Landsleute das Symbol der Beharrlichkeit, der Standhaftigkeit und der Entschlossenheit gewesen, das Symbol eines alten standhaf­ten Geistes in einer Welt neuer Schwierigkeiten. Sein Auf­ruf, keine unerträglichen Lasten auf Deutschland zu legen, kann im Ausland nicht unbeachtet gelassen werden. Es liegt im eigenen Interesse Europas, daß Deutschland sich rette. Die einzigartige Gestalt des Präsidenten aber sammelt die Kräfte, die allein diese Rettung bringen können.

... und in Neuyork.

Neuyork, 3. Januar

Die Neujahrsansprache Hindenburgs findet in allen amerikanischen Zeitungen ihren Platz an hervorragender Stelle, und die Sätze der Rede, die sich gegen die Zumutung unmöglicher Leistungen wenden und Deutschlands Anspruch auf Sicherheit betonen, werden in den Ueberschriften beson- ders hervorgehoben. Die Herausgeber der deu pracyrgen Neuyorker Staatszeitung" undNeuyorker Herold" bekun­den ihre Zustimmung zu der Rede außerdem durch ein Tele­gramm an den Reichspräsidenten, in dem es heißt:

Es war für alle Kinder Germanias in dieser unserer neuen Heimat ein unvergeßliches Erlebnis, die kraftvollen, mahnenden Worte hören zu können, die nicht nur Deutsch­land, sondern die ganze Welt an das schwere deutsche Schick­sal erinnern. Mögen die Silvesterglocken für das Reich und damit die Welt den Anbruch einer Neuzeit künden, die unser altes Vaterland in Freiheit und neuer Kraft dem Fortschritt und dem Glücke der Kulturwelt dienen sieht."

Weiter verdient das Telegramm des bekannten amerika­nischen Senators Lafollelte hervorgehoben zu werden. Es lautet:Ihre ausgezeichnete Rundfunkansprache wandle sich an die Herzen unseres Volkes. Ich bin davon überzeugt, daß ich die Gefühle der amerikanischen Bevölkerung wieder- gebe, wenn ich Ihnen die wärmsten und besten Wünsche und Reujahrsgrühe übermittele."

Das politische Neujahr.

Hindenburgs Rundfunkrede und der Empfang des Diplomatischen Korps.

Berlin, 3. Januar.

Stärker als je zuvor hat bei diesem Jahreswechsel Reichspräsident von Hindenburg seine Persönlichkeit in die politische Auseinandersetzung und in den Kreis der Kund­gebungen eingesetzt, die um die Jahreswende üblich sind. Eigentlich zum ersten Male hat er den Rundfunk dazu be­nutzt, persönlich die Gesamtheit des deutschen Volkes, soweit sie über diesen Weg zu erreichen ist, anzusprechen und ihr die Gefühle und Wünsche zu übermitteln, um ihm, den Repräsentanten des deutschen Staates und den schon zu fast legendärer Größe gewachsenen Führer mitempfinden zu lassen. Die schlichte Art und die knappe Zusammenfassung seiner Gedanken, Empfindungen und Worte hat allenthalben im deutschen Vaterlande und weit über dessen Grenzen hin­aus tiefen Eindruck gemacht, den der kindische Versuch einer kommunistischen Störung nicht zu trüben vermochte.

Es ist ein Zeichen der Verwilderung politischer Silken und der Ziellosigkeit radikaler Methoden, daß die Beauf­tragten Moskaus glauben, auf solche Weise für ihre Sache und gegen die Parole der deutschen Sammlung und des , deutschen Zusammenhalts wirken zu können, und jedes ein- zelne Wort der Neujahrsbotschast des Reichspräsidenten wirkt hundertfach stärker als dieses törichte Zwischenspiel.

Was der Reichspräsident am Silvesterabend ^u seinen Volksgenossen in herzlicher und volkstümlicher Form ge­sprochen hat, das hat er am Neujahrstage bei den großen Empfängen in seinem Palais wiederholt, in der Form dem besonderen Anlaß angepaßt, im Sinn und in der Zielsetzung durchaus gleichgerichtet. Der Austausch von Änspracl)en zwischen dem päpstlichen Nuntius als Wortführer des diplo­matischen Korps und dem Reichspräsidenten hat diesem Gelegenheit gegeben, vor den beglaubigten Vertretern der anderen Staaten die berechtigten Ansprüche und die Lebens- notrvendigkeitcn Deutschlands in besonders eindringlicher- Weise zu formulieren, und auch bei der Begrüßung der

Reichsregierung sind dieselben Gedanken noch einmal zum Ausdruck gekommen.

So haben die Neujahrsempfänge über ihre formale Be­deutung hinaus das Gesicht politisier Aktionen bekommen, die namentlich durch die Begrüßungsansprache des Nuntius und durch die Antwort des Reichspräsidenten nach außen hin nicht minder starke Wirkung haben werden, als sie der Sil­vesteransprache Hindenburgs nach dem Echo aus dem Aus­lande zuteil geworden ist.

Es handelt sich im Grunde um Gedankengänge, die uns allen geläufig sind, es handelt sich um Hinweise auf bevor­stehende Entscheidungen, über deren Tragweite für Deutsch­land, für Europa und für die ganze Welt sich niemand im Zweifel ist, aber man weiß, wie stark der Eindruck solcher Kundgebungen von dem Gewicht der hinter ihnen stehenden Persönlichkeit und von der Aufgeschlossenheit der Hörer und Leser abhängig ist, und in der Tatsache, daß sich um die besonders geartete Stunde des Jahreswechsels eine Persön­lichkeit von der weltgeschichtlichen Bedeutung des deutschen Reichspräsidenten in so eindringlicher Weise für diese Pro­bleme eingesetzt hat, sollte dafür bürgen, daß diese Kund­gebungen weithin in der Welt nicht nur offene Ohren, son­dern auch Verständnis und die Bereitschaft zu den erlösen­den Handlungen finden werden.

Die frostfressende Dampfmaschine.

<Kn ganz neuartiges Feuerwehrgerät zur Auftauung einge- frormer Wasserhydranten wurde jetzt bei der Wiener Feuer­rohr eingefütirt. Die Maschine wird durch ein Lötlampen- ß«er geheizt und ist das einzige Spezialgerät dieser Art auf der Welt.

Folge der Exportausgleichsteuer in Polem

Ende des deutsch-polnischen Handelsvertrages.

Berlin, 3. Januar.

Vor einigen Monakenhaben im Auswärtigen Amt Ver- lungen stattgefunden, die sich mit der Notifizierung des deutsch-polnischen Handelsvertrages beschäftigt haben. 2Hü dieser Ratifizierung ist nunmehr aber keineswegs zu rech­nen. nachdem Polen die Export-Ausgleichssteuer eingeführt hat.

Im Vertrage selbst befand sich eine Klausel, wonach Deutschland das Recht habe, den Handelsvertrag mit drei­monatlicher Frist zu kündigen, falls Polen eine solche Steuer einführen sollte. Da der Vertrag bisher nicht in Kraft getreten ist, ist es zu einer Kündigung überhaupt nicht gekommen, sondern die polnischen Maßnahmen haben eine Ratifizierung auf diese Weise vollends verhindert.

Streikaktion zusammengebrochen.

Kein Kommunistenerfolg im Ruhrgebiet.

Essen, 3. Januar.

3m ganzen Industriegebiet ist bisher von der groß angekündigten kommunistischen Aktion kaum etwas zu spü­ren. In keinem Betriebe wird der Parole der Kommu­nisten, geschlossen der Arbeit fernzubleiben, Folge geleistet. Lediglich auf der ZecheBergmaunsglück" in Buer ist über die Hälfte der Belegschaft am Sonnabend nicht eingefahren, von 630 Mann der Belegschaft befinden sich 374 im Aus- stand.

In West erholt forderten mehrere Bergarbeiter m den Waschkauen zum Streik auf. Sie wurden fristlos ent­lassen. Dasselbe geschah in Marl auf der Zeche Brassert. In G l a d b eck sind die Zugangsstraßen zu den Zechen mit Glasscherben bestreut worden, anscheinend um die Bereifung der Fahrräder der arbeitswilligen Bergleute zu beschädigen. Auf den Straßen in B u e r bildeten sich verschiedene Sprech- chöre die zum Streik aufforderten. Beim Erscheinen der Polizei flüchteten jedoch die Kommunisten.

Waffenlager ausgehoben.

Kommunisten unter sich.

Torgau, 3. Januar

Nach längeren Durchsuchungen gelang es der Polizei, in Torgau das waffenlager auszufinden, das die Kommu­nisten hier verborgen hielten. Man grub auf einer Wiese ein Maschinengewehr, mehrere Gewehre und Munition aus. Ein Kommunist wurde verhaftet. Einen üblen Ausgang nahm in der Silvesternacht eine tätliche Auseinandersetzung zwischen Kommunisten und Personen, die infolge früherer Waffenfunde aus der KPD ausgetreten waren. Die Strei­tenden gingen mit Messern aufeinander los. Mehrere Per­sonen wurden so schwer verletzt, daß sie ins Krankenhaus gebracht werden mußten.

Erleichterungen bei Stundungszinsen.

In Verhandlungen mit dem Reichsfinanzminister hat der Hansabmid für Handel, Gewerbe und Industrie darüber Klage geführt, daß von den Finanzämtern die Stundungszinsen un» gleichmäßig hoch festgesetzt würden, wodurch sich die betroffenen Steuerpflichtigen mit Recht benachteiligt fühlten. Der Reichs- sinanzminister hat erwidert, bn& die Finanzämter wiederholt dar­auf hingewiesen worden sind, Anträge auf Stundung nach wirt­schaftlichen Gesichtspunkten unter Berücksichtigung der individuel­len Verhältnisse der Antragsteller zu behandeln. An diesen Be­stimmungen habe sich grundsätzlich nichts geändert.

Endlösung verlangt.

London, 3. Januar

3n verschiedenen Veröffentlichungen der Presse wird die Forderung nach einer endgültigen Lösung der Tribut- unb Schuldenfrage erneut stark unterschrieben.

«News Ehronicle"

sagt, lange vor Ablauf des dreijährigen Zahlungsaufschubs werde Europa zusammengebrochen sein. England sollte un­ter allen Umständen erklären, daß es keine Reparationen mehr empfangen wolle. Es solle Amerika dahin verständi­gen, daß es nur so viel zahlen werde, wie es von seinen frü­heren Verbündeten selbst erhalte.

LaykonsEconomisi"

beschäftigt sich eingehend mit den Nachteilen eines Zahlungs­aufschubs für die wirtschaftliche, politische und währungspo- litische Lage in der Welt. Es schreibt, die Separationen dürften auf keinen Fall mehr als eine alleinstehende Frage behandelt werden, sondern seien, wie der Baseler Bericht zeige, ein Teil einer viel größeren Frage. Die endgültige Regelung sei zum Wiederaufbau der Wirtschaft unerläßlich. Damit sei nicht gesagt, daß die Reparationszahlungen nie­mals wieder ausgenommen werden könnten. Vielmehr werd« nach entsprechender Erholung Deutschland wieder in gerin­gerem Umfange zahlen können. Jedoch müsse sichergestellt werden, daß die Zahlungen sich stets von selbst den Verän­derungen im Wirtschaftsleben Deutschlands anpahten.

Investors Ehronicle"

betont, daß auf eine Hebung des Welthandels und auf eine Besierung der Lage an den Effektenbörsen nicht gehofft werden dürfe, solange die Reparationsfrage nicht wirklich ernstlich in Angriff genommen sei.

Der Monatsbericht der National City-B ant von New Zork bezeichnet es für die Vereinigten Staaten als am vorteil­haftesten, wenn sie sich zu einer vernünftigen Zusammenar­beit bekennten, da unzweifelhaft die Separationen einen sehr stark niederiSückenden Einfluß auf das Gejchäftslebsn hätten. Die Reich^etzierung, die versuchen sollte, wieder Se­parationen zu zcchlen, werde keine Neuwahl überleben. Eine Anpassung der Separationen und Schuldenzahlungen an die Lage der einzelnen Länder sei notwendig.

Vizekönig und Mahatma.

Zuspitzung der Lage in Indien.

Bombay, 3. Januar

In seinem Antwortbriefe auf das Ultimatum Gandhis klärt der Vizekönig, daß er grundsätzlich zu einer Unter- ..dung bereit sei, jedoch keine Erörterung der neuesten Au- kiterrormaßnahmen wünsche. Mahatma Gandhi erwiderte hierauf, er betrachte die Antwort des Vizekönigs als unbe­friedigend unb als Zurückweifung feines Vorichlages. Er wiederholt dann feine Bitte um eine bedingungslose Unter­redung.

In maßgebenden Bombayer Kreisen erwartet man für die nächsten Tage den Erlaß einer Anttterrorverordnung, die die Verhaftung wichtiger Kongrehführer, möglicherweise auch Gandhis, vorsehen soll. In einer Versammlung er­klärte Gandhi, daß er nur noch einige Tage Freiheit vor sich habe.

Kintschau beseht.

Russische Befürchtungen.

Moskau, 3. Januar

Die Vorhut der japanischen Truppen hat am Sonn- abend kintschau erreicht und die Vorstadt beseht. Der Bür­germeister wurde von General Honjo aufgefordert, die Ab­lieferung all* in chinesischem Besitz befindlichen Waffen zu veranlassen. Die Ausländer haben fast alle die Stadt ver- lasien und sind nach Peking übergesiedelt. Wie verlautet, beabsichtigen die Japaner, nunmehr eine neue mandschurische Regierung unter japanischer Kontrolle einzusehen.

In Peking befürchtet man, daß die japanischen Truppen jetzt weiter nach Schanheikwan vorrücken werden. Die eng­lische Regierung hat auf alle Fälle Truppenverstärkungen nach Schanhaikwan entsandt, um dort die englischen Inter- effen zu schützen: außerdem sind zwei englische Zerstörer nach Jukau ausgelaufen.

In Moskau wird der Besetzung Kintschaus große poli- Ssche Bedeutung beigemessen, da Japan nunmehr in der Lage ist, das wirtschaftliche und politische Leben der Mand- sihurei vollkommen zu beherrschen. Man befürchtet, daß die Japaner auch in der nördlichen Mandschurei vorgehen cmd so die russischen Interessen verletzen könnten.

Keine Arbeitsstörung im Hamburger Hafen.

Die in der letzten Zeit von linksradikalen Elementen betrie­bene Streikhetze im Hamburger Hafen hat sich als völlig wirkungs­los erwiesen. Am ersten Arbeitstag im neuen Jahre wurde in allen Betrieben des Hamburger Hafens voll gearbeitet. Der ver­stärkte Polizeischutz brauchte nirgends in Tätigkeit zu treten, da sich die Arbeitsvermittlung und die Beförderung zu den Betrieben überall reibungslos vollzog. Der Hamburger Hafen bot in jeder Beziehung das gewohnte Bild.

Die steuerfreie Reichsbahn-Anleihe.

Die nach den bisherigen Bestimmungen mit dem 31. Dezem­ber 1931 abgelaufene Frist für die Abgabe der Zeichnungserklä- rungen für die steuerfreie Reichsbahnanleihe wird bis zum 1. Februar 1932 einschließlich verlängert. Bei Zeichnungen nach dem 31. Dezember 1931 ist sogleich die erste Einzahlung von 10 Prozent zu entrichten. Die übrigen Teilbeträge und Zahlungs- zeiten je 30 Prozent am 15. Februar, 16. Mai und 15. August 1932 bleiben unberührt. Größere Teilzahlungen vor den ge­nannten Terminen und jederzeitige Dollzablungen sind nach mie vor zulässig.

Kalinin fordert Qualitätsarbeit.

Kalini empfing eine Gruppe russischer Ingenieure. Dabei wies er daraus hin, daß es nicht genüge, Fabriken und neue Un­ternehmungen zu schaffen. Die wickstigste Aufgabe sei, die Erzeug- nisse der neuen sowjetrussischen Industrie qualitativ zu verbessern und dadurch weitere Ersparnisse für die Volkswirtschaft zu er­zielen. Kalinin betonte, daß die Verbesserung der Qualität heute die Hauptfrage bei der Ausführung des Fünsiahresplanr fei.