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chlüchtemer Zeitung

Kttts-Amtsbtatt * Allgemeiner amUtcherKrHriHee für öen Kreis Schlüchtern

Nr. 155

(1. Matt)

Dienstag, den 29. Dezember 1931

83. Jahr«

Amtliche Bekanntmachungen.

Sand rat samt.

ilm Sonnabend, den 2. Januar 1932 bleiben die Dienst säume des Landratsamts und der Kreisverwaltung ge- Än.

Schlüchtern, den 22. Dezember 1931,

Der Landrat. Dr. Müller.

Nr. 1484 v. Ruf Grund des § 160 R. D. (I). wird vom I Januar 1 9 3 2 der Wert der Sachbezüge für volle Der= Pflegling und Wohnung einschließlich Heizung und Be­leuchtung für den Tag für sämtliche versicherte gleichmäßig auf 1,40 KM. f estgesetzt.

hiervon entfallen auf: freie Wohnung ohne Natural­bezüge ein Zehntel, das erste und zweite Frühstück ein fünftel, das Mittagessen zwei Fünftel, das Rbendefsen drei Zehntel. Hat auch die Familie des Arbeitnehmers freie Wohnung und Verpflegung, so erhöht sich der Wert der Sachbezüge für die Ehefrau und jedes Kind über 16 lehre um zwei Drittel, für jedes Kind unter 16 Jahren um ein Drittel.

Diese Festsetzung ist für den ganzen Bereich der Reichs- versicherungsordnung (Krankem, Invaliden- und Unfallver­sicherung) und der Rngestelltenversicherung bis auf weiteres maßgebend.

Sofern der wirkliche Wert der Sachbezüge von den vor­stehenden Sätzen erheblich abweicht, bleibt eine besondere Festsetzung durch das Versicherungsamt vorbehalten. Ebenso bleibt eine besondere Festsetzung vorbehalten für die Fälle, die durch vorstehende Festsetzung nicht geregelt sind.

Die Bekanntmachung vom 16. Dezember 1925 Rr. 1266 D. Schlüchterner Seitun^ Rr. 152 tritt mit dem 31. Dezember 1931 außer Kraft.

Schlüchtern, den 22. Dezember 1931.

Der Vorsitzende des Versicherungsamts, Dr. Müller.

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Gebührenordnung für die Reinigung der Schornsteine im Kreise Schlüchtern.

Nr. 7185. Auf Grund des § 77 der Reichsgewerbeord- nung und gemäß § 41 der Bestimmungen über die Zustel­lung und Pflichten der Bezirksschornsteinfegermeister vom 20. Dezember 1930 (Sonderbeilage zu Rr. 4 des Regie- mngsamtsblattes von 1931) werden hiermit die Gebühren für die Schornsteinreinigung'mit Wirkung vom 1. Januar 1932 ab, wie folgt, festgesetzt: ,

1. Für Reinigen eines befteigbaren oder eines unbesterg- haten Schornsteines für das 1. Stockwerk 0,22 RMk.

für jedes weitere Stockwerk 0,10 RMK. für befteigbare Schornsteine, die das Rormalmaß von 50 mal 50 Ttm. Lichtweite überschreiten und für unbesteig- bare Schornsteine, die ein Lichtmaß von 27 ttm. über« schreiten, außerdem für jedes weitere Stockwerk 0,05 RMK. " 2. Für das Reinigen eines zu gewerblichen Zwecken dienenden oder eines Zentralheizungsschornsteins die dop­pelten Sätze von Ziffer 1. . .

3. Für Ausbrennen Und das daran anschließende Reim«

An eines unbesteigbaren Schornsteins für jedes Stockwerk 0,27 RMK.

4. Für Reinigen eines Schornsteinaufsatzes, bellen Rei= nipung besondere Anforberungen an den Schornsternreger fielst, einen Mindestbetrag von 0,15 RMK.

5i. In Häusern, die mehr als 500 Meter von den geschlossenen Ortschaften entfernt liegen, ist geben den Kei- NMngsgelmhren ein Wegegeld von _ 0,10 RMK. für jede Reinigung der Schornsteine zu entrichten. _

6. Muß die Reinigung von Schornsteinen zu außerge- wohnlicker Zeit oder auf besondere Anorbnung oder Bestel­lung erfolgen, ober ist die bestimmungsgemäß angemeb ^ete Reinigung verhindert bezw. unmöglich gemacht mm = den, so ist im Ort des Wohnsitzes des^veurksschornstein- feaers zu vorstehenden Gebühren ein Zuschlag von min­destens 0,30 RMK. außerhalb seines Wohnortes ein Zuschlag je nach Zeit­aufwand zu entrichten. 3m Streitfälle wird dieser su- Waa von dein Unterzeichneten festgesetzt.

Reben diesen Gebühren können die Schornsteinfeger die Amtliche Umsatzsteuer in Rechnung stellen.

Die bisherige' Gebührensestsekuna wird aufgehoben Die Ortspolizeibehörden ersuche ich, dies in ortsüblicher Weise bekannt zu machen.

Schlüchtern, den 22. Dezember 1931.

Der Landrat: Dr. Müller.

Stadt Schlüchtern.

Derbllligung von Lebensmitteln

.. Die Inhaber der hiesigen Kolonialrvarengeschäfte haben sich bereit erklärt, den Inhabern von behördlich abge- stempelten Warenb e zugssche inen auf die m ihren weschas- kn gehäuften Kolonialwaren einen Preisnachlaß von 7,%

neben dem allgemein üblichen Rabatt von 3°o (zusammen also lOo/o) zu gewähren.

Der Konsumverein gewährt seinen Illitglieder'n, die einen solchen Bezugsschein ausgestellt erhalten haben,, einen Nach­laß von 71/2°/o neben dem üblichen allgemeinen Rabatt. Die Bezugsscheine werden im Rathaus Zimmer Nr.

3 ausgegeben.

Schlüchtern, den 24. Dezember 1931.

Der Magistrat: Gaenßlen.

Boischaft Brünings an die Welt.

«Gerechtigkeit und Gleichberechtigung für alle."

Berlin, 28. Dezember.

Reichskanzler Dr. Brüning übergab dem Chefredakteur des Transozean-Nachrichtenbüros eine Botschaft, in der es 11. a. heißt:

Die Sturmflut der Krise hat die Völker der ganzen Welt erfaßt. Die Verwirrung, in die Krieg und Nachkriegs­zeit sie gestürzt haben, hatten im zu Ende gehenden Jahr die wirtschaftliche, finanzielle und soziale Not überall sehr bedrohlich anwachsen lassen.

Allzuhoch ist schließlich der preis geworden, den die Völker für den Irrglauben zahlen müssen, daß jeder für sich allein die Krise lösen könnte. Aber immer stärker setzt sich jetzt die Erkenntnis durch, daß kein Land durch den Nieder­gang des andern gewinnen kann, und daß eine Rettung aus dem drohenden Zufammenbruch aller in der Aufrich­tung einer Interessengemeinschaft M erblicken ist. An Stelle isolierter Betrachtung muß der Blick gerichtet werden aus das gemeinsame Welkproblem.

Dazu gehört der Wille zu internationaler Zusammen­arbeit, die Bereitschaft zu weitschauender Friedens- und

Verständigungspolitik.

Die

Groß ist die Verantwortung der Staatsführung, wenn historische Augenblicke nicht benutzt werden. Augenblicke, in denen Möglichkeiten gegeben sind, dem weiter rennenden Unheil halt zu gebieten und Enro«--- die Welt wieder der Gesundung und dem Frieden entgegenzuführen.

Ueberwindung und Ausrottung des internationalen Miß- oerstehens und Mißtrauens, Gerechtigkeit und Gleichberech­tigung für alle sind Voraussetzung für die Erreichung dieses

Deutschland ist seit Jahren diesen Weg gegangen. Es hat im Interesse dieses Ziels die schmerzlichsten Opfer auf sich genommen. Glaube, Liebe und Hoffnung, die Inbegriffe des weihnachtlichen Festes, müssen erst in die Herzen der Völker zurückfinden, wenn uns die Erfüllung seiner Verheißung zuteil werden soll."

Ansprache des Papstes.

Solidarität gemeinsamer Leiden."

In einer Ansprache an das Kardinalskollegium streifte der Papst auch die Abrüstungsfrage, wobei er ausführte, fein Wort sei das der Engel in der Geburtsstunde Gottes vom wehrlosen König des Friedens, von der waffenlosen Allmacht Gottes, nicht nur vom Frieden der Herzen, sondern auch vom äußeren Frieden,dessen Rüstzeug nicht aus Waffen bestehen könne, sondern aus Werkzeugen des Guten und des Wohlstandes". Heute gebe es nur die Solidarität gemeinsamer Leiden. Darüber hinaus sehe man den Wett- lauf der Isolierung und der gegenseitigen Ausschließung, das Wettrennen des Mißtrauens, wenn nicht gar der Ein­schüchterung.

Macdonald für baldige Konferenz.

Zusammentritt der Minister am 18. Januar im Haag?

London, 28. Dezember.

Der englische Ministerpräsident Macdonald erklärte in einer Unterredung, die er einem Journalisten in seiner schottischen Heimat Lossiemouth gewährte, der Bericht der Sachverständigen, in Basel beweise die dringende Notwen­digkeit, daß die Regierungen, ohne auch nur einen Tag zu verlieren, zu der internationalen Konferenz zusammenkom­men müssen. Die englische Regierung sei bereit, sofort zu der Konferenz zu gehen, wörtlich sagte Macdonald:Um Himmels willen, laßt uns sofort zusammenkommen."

Aus Paris liegt eine Meldung vor, nach der die Re- gierungskonferenz über die Reparationen am 18. Januar im Haag beginnen und vor der Eröffnung der Abrüstungs­konferenz, etwa am 2. Februar, beendet sein soll.

Reparatkonsvorbesprechungen Macbonalb-Laoal?

W(EB. Paris, 27. 12. Havas will erfahren haben, daß der englische Premierminister Nlacdonald den fran­zösischen Ministerpräsidenten Lava! eingeladen habe, ^dem­nächst mit ihm zusammenzukonunen, um vor der Regie» rungskonferenz, die in der zweiten Januarhälfte im Haag zusammentreten solle, eine Verständigung über ihre Politik in der Reparafionsfrage herbeizuführen.

Der Buchhalter der Filiale der Bank von Frank- reich in Thiers ist verhaftet worden. weil er nach und nach vier Millionen Francs unterschlagen hat.

Krisenjahr

Gchicksalejahr?

Wirtschaftsrückblick aus 1931.

Von jeher haben Kleinmut und Eitelkeit die Menschen veranlaßt, die Widerwärtigkeiten der Epoche ins Große zu projizieren und sich einzureden, als erlebten sie gerade das heroischste oder fortschrittlichste oder das revolutionärste Zeitalter. Die^Geschichtsschreibung, die wesentliche Dinge im Leben der Staaten und der Völker, deren Entwicklung und Abwandlung abstrahierend zusammenfaßt, unterstützt diesen Glauben. In Wirklichkeit gibt es fast nirgend» re­volutionäre oder heroische oder fortschrittliche Epochen, zum mindesten merkt man im Leben des einzelnen davon fast nichts. Es ist möglich, daß das, was die Menschheit in diesem Jahr und was besonders Deutschland durchgemacht hat, von den Geschichtsschreibern späterer Zeiten kaum als erwähnenswert betrachtet wird. Wir reden uns aber ein, daß ungeheure Dinge sich vollziehen, daß die bürgerliche Ordnung, die kapitalistische Welt, erschüttert sei, daß die Menschheit nach neuen Formen in Gesellschaft, Wirtschaft und Staat suche und was die Feuilletonisten der Polit'' und der Wirtschaft sonst noch alles wissen wollen. W

haben haben Honen

einen großen Krieg gehabt, Millionen von Mensch an der Zerstörung wertvoller Dinge gearbeitet, Mil- von Menschenleben sind zerstört worden und dann

haben die Menschen sich nicht mehr zurechtgefunden. Pier Jahre lang hat man die Vernichtung bürgerlich-kapilaststi- scher Staaten wechselseitig gepredigt, vier Jahre lang bat man die internationale Vertragstreue mit Hohn von sich gewiesen und dann sollte man ausbauen und war doch wieder darauf angewiesen, die bürgerlich-kapitalistische Welt als ein Ganzes anzusehen, Verträge zu machen, Verträge zu halten und das ist den Menschen natürlich sehr schwer gefallen. Ueberall war Krise, weil die Umstellung notwen­digerweise Krisenerscheinungen hervorrufen mußte, und überall waren geschäftstüchtige Politiker bereit, den leiden­den Völkern die Ueberwindung der Symptome dieser Kri­senerscheinung zu versprechen.

Die Arbeit an den Dingen, die das Leben der Men­schen wirklich entscheidend beeinflussen ging Inzwischen ruhig rm^er, Produktionen wurden organisiert, die Technik ar­beitete, die Wissenschaft und die revolutionäre Bewegung des Krieges und des Zusammenbruchs staatlicher Machlge- bilde wurden abgelöft durch die revolutionäre Entwicklung der Maschinen, der technischen Methoden, der wissenschaft­lichen Erkenntnis, sowie schon im 19. Jahrhundert der große Tamtam der napoleonischen Kriege abgelöst wurde durch die wirkliche Revolution der Dampfmaschine, des Hochofens und des dynamoelektrischen Prinzips. Auch darin haben sich die heutigen Menschen sehr schwer zurechtgefunden und haben versucht, gegen die Wirkung dieser Dinge Dämme aufzurichten, statt sich ihr anzupassen und anzuvertrauen Die Politiker haben weiter Dummheiten gemacht, haben die Völker auseinandermanövriert, mehr wirtschaftlich als po­litisch, unvernünftige internationale Zahlungsoerpflicktun- gen wurden aufgestellt, revidiert, wieder revidiert, Zölle wurden errichtet, erhöht, noch einmal erhöht, politische Un­ruhen und politisches Mißtrauen verteuerten und erschüt­terten die Verteilung der Kapitalien und so hat man von der Oberfläche her der heutigen Menschheit den Eindruck verschafft, als lebten wir in einer Zeit des Umsturzes, während wir in Wirklichkeit in einer Zeit leben, in der die gesunde und segensreiche Entwicklung von Wirtschaft und Technik im kapitalistischen System durch tausend Ein­griffe und Torheiten zu unnötigen Reibungen mit den Men­schen und den Einrichtungen verurteilt wird Aus der Summe der Einzelschicksale, die das betrifft, schließt man dann auf den revolutionären Gehalt. In dem vergange­nen Jahr war es besonders schlimm, weil sich die auf die Spitze getriebenen Maßnahmen gegen Wirtschaft und Ver­nunft nun endlich einmal voll auswirkten. Dieses Jahr erscheint deshalb vielen von uns als eine besonders harte Prüfung des Schicksals, während es uns in Wirklichkeit eine Quittung präsentiert hat, die uns eine Mahnung sein sollte, von den Dummheiten nun endlich abzulassen, dem Leben in Wirtschaft und Technik seinen natürlichen Lauf zu lassen

Nachdem es über 100 Jahre darauf gewarte' hat, daß die nicht-englische Welt dem Freihandelsbeispiel folgt, hat sich Großbritannien in diesem Jahre entschlossen, Schutzzölle einzuführen. Vielleicht wird die Welt jetzt anfangen, sich für den Freihandel zu interessieren, denn sie wird allmäh­lich doch erkennen müssen, daß die Absperrung keinen Zweck mehr hat, wenn sich alle absperren sie bringt dann näm­lich auch keinen Profit mehr für diejenigen, die die Ab- sperrung von jeher als ein gutes Geschäft betrachtet haben und das gibt die tröstliche Aussicht, daß vielleicht erst mit dem Uebergang Englands zum Schutz der Abbau der Schutz­zölle beginnen wird. Es kommt natürlich sehr viel darauf an, was im nächsten Jahr geschieht, denn lehr vieles muß repariert werden innerhalb der Staaten und zwischen den Staaten. Die Politiker haben darüber zu entscheiden, ob das System funktioniert oder nicht, darüber aber, daß e» unter allen Umständen in seiner Zwangsläufigkeit, In sein inneren Gesetzmäßigkeit bleibt, haben sie nicht zu enlsch- den, und das'ist ein gewisser Trost. Und wenn wir hoffe, dürfen, daß sie aus der Krise des Jahres 1931 etwas ge­lernt haben, dann haben wir keine Ursache, zu befürchten, daß das Jahr 1932 eine revolutionäre Wandlung in Wirt­schaft und Gesellschaft bringen wird.