Würbterner Zeitung
Kreis-Amtsblatt * Allgemeiner amULcherKazettzerMr 0m Kreis Schlüchtav
Nr. 150
(1. Blatt)
Dienstag, den 1S. Dezember 1931
83. Iahrg
Amtliche Bekanntmachungen Kreisausschuß.
Preissenkung.
Verbilligung des Levensbedarfs für Arbeitslose und Unterstützungsempfänger.
I.-Nr. 23772 $. Die zunehmende Verschärfung der Wirtschaftslage und das andauernde Anwachsen der Zahl der hilfsbedürftigen zwingen zu weiteren Maßnahmen, um die mit der Krisis verbundenen schweren Gefahren für den einzelnen und die Volksgesamtheit abzuwenden. Es ist daher erforderlich, den Rahmen der Winterhilfsaktion, die durch Einführung von Haussammlungen usw. bereits eingel- . tet worden ist, dergestalt zu erweitern, daß die Notlage der Arbeitslosen und Unterstützungsempfänger durch verbilli- gung des Lebensbedarfs gelindert wird. Zu diesem Zwecke wurde kürzlich mit Vertretern der Industrie, des Handels ünb Gewerbes und der Landwirtschaft verhandelt, die ausnahmslos ihre Mitwirkung zugesagt haben.
Mehrere Wirtschaftsgruppen, so u. a. der Kohlenhan- del und das Bäcker- und Fleischergewerbe, haben bereits einer fühlbaren verbilligung zugestimmt.
Für die Durchführung der verbilligung kommen verschiedene Wege in Frage. Ursprünglich war beabsichtigt, dem Unterstützungsempfänger unter Anrechnung aus die Barun- terstützung Gutscheine über Waren, die der Art und Menge nach bestimmt sind, auszuhändigen, die dann von den einzelnen Verkaufsstellen in Zahlung genommen werden sollten. Aus verschiedenen Gründen ist von der Einführung dieses Verfahrens vorerst abgesehen worden. Sie kann aber unter der Voraussetzung noch in Erwägung gezogen werden, daß die damit verbundene Zahlungsgarantie zu einer weiteren wesentlchen Preisherabsetzung durch einzelne Verkäufergruppen Anlaß geben würde.
Zunächst ist dem Gutscheinsystem das V ezug schein - verfahre^ vo.gezogen worden. Lei diesem gibst s.^„ Ärsorgeträger dem Unterstützten die Möglichkeit, Bezugscheine über bestimmte Arten und Mengen von Waren in (Empfang zu nehmen, die ihn berechtigen, die Waren zu einem von ihm selbst der Verkaufsstelle zu zahlenden ermäßigten Preis zu beziehen. Dieses Verfahren hat gegenüber dem Gutscheinsnstem den Vorteil, daß Fälschunaen kaum zu befürchten sind, die Einzelverkaufsstelle bei der Abgabe der Ware sofort Bezahlung verlangen kann und für den Fürsoraeträger die Abrecknunosarbeit weafäHt.
Die Preisvergünstigungen, welche Großhandel und Erzeugung gewähren, werden in der Regel nur inber Weise aus- genutzt werden könnest, daß der Einzelverkäufer bei Abgabe der Ware die gesamte Verbilligung (einschließlich der Anteile des Großhändlers und des Erzeugers) am Kaufpreis nachläkt und dafür vön seinem Lieferanten und gegebenenfalls dieser vom Erzeuger Ersak erhält. Wenn Bezugscheine verwendet werden, kann der Absatz an verbillioter Ware dem Lieferanten durch die Bezugscheine im einzelnen nacb- gewiesen werden. Bei der Verwendung allgemeiner Bescheinigungen über die Arbeitslostakeit wäre ein genauer Nachweis nicht zu erbringen. vielleicht wird es aber möglich fein, auf eine Einzelabrecknung der Preisnachlässe des G^on- bändlers und Erzeugers überhaupt zu verzickten und diese Nachlässe den Beziebern auf Grund von Schätzungen ihres Hbfaßes an Arbeitslose in Pauschalbeträgen zu vergüten.
Es sind fürs erste folgende Bezugscheine vorgesehen:
A. für verbilligtes Brot.
1. für 1 Laib Mischbrot zu 2000 Gr.
2. für 1 Laib Roggenbrot zu 2500 Gr.
B. für den Bezug von Waren.
a) im Werte von 1. RITD,
b) im Werte von 2.— RHD
t) !m Werte von 3.— NM.,
b) im Werte von 5.— NM.
Die Bezugscheine werden bei Auszalhluna^ der llntei- Kükimgen an die Empfänger (Klein- und Sozialrentner, N)ohlfahrtserwerbslose, Tlnterstükungsempfänaer der allgemeinen Lürsorae) durch die Gemeindeverwaltung aus- geaeben. Die Aushändiguna d->r Scheine erfolgt nach Maßgabe des im eigenen Haushalt für den jeweiligen Unter- ßübungszeitraum vorlmaenden B^barfs. lieber du fes May hinaus können Bezunscheine nicht verabfolgt werden, da andernfalls Mißbrauch getrieben werden könnte durch Abgabe von Bezuasscheinen an Unberechtigte.
Der Bezugschein muß in jednn Lalle mit dem Amts- iiegcl der Gemeinde verleben fein. Wenn ein Bezugschein l'as Gemeindesiegel nicht trägt, ist er ungültig.
Die Verkäufer in den einzelnen Gemeinden des Kre'ses werden bierdurck geboten, den Käufern dB iiü durch Wr- keiauna eines bebördlich abaestemvestcn B-ruascheines Hiebe vorstehend) als Arb-itslose oder llnterstükungsem-
pfänger ausweisen, einen fühlbaren Preisnachlaß zu gewähren. Die Höhe des Preisnachlasses bitte ich der Gemeindeverwaltung mitzuteilen, damit diese dadurch in die Lage versetzt wird, die Unterstützungsempfänger von der Mögstch- keit des verbilligten Warenbezugs in Kenntnis zu setzen.
Bei dem Ernst der Lage muß alles versucht werden, um die Not des Winters zu Überdrücken. Ich zweifle nicht daran, daß alle beteiligten Stellen tatkräftig daran mitarbeiten werden, daß dieses Ziel erreicht wird.
Schlüchtern, den 11. Dezember 1931.
Kreiswohlfahrtsamt: Dr. Müller.
I.-Nr. 5821 K. 6. Nachdem die Stanbesregifter und Formulare für das Kalenderjahr 1932 hier eingegangen
;, die karren Ltandesbeamten des Kreises
sind, ersuche ich, die Herren Standesbeamten des Kreises dieselben umgehend im Kreisausschußbüro hierselbst ab- holen zu lassen. Bei der Abholung sind gleichzeitig die
0.90 RM.
Neuengronau .
. 1,40 RM.
0^80
Oberkalbach . .
. 0,60
y
0,60
Oberzell . . . .
. 1,20
y
0,90
Romsthal. . .
. 0,70
„
0,60
Sannerz. . . .
. 0,60
1,05
Schwarzenfels
. 1,05
0,60
Sterbfritz . . .
. 0,70
„
1,05
Ulmbach. . . .
. 0,70
0,60
ff
Uttrichshaufen.
. 0,60
0,60
Vollmer; . . .
. 0,60
1,45
ei
Wallroth . . .
• 0,70
0,70
Aünlersbach . .
. 0,60
Kosten für die alphabetischen Register an die Kreiskom- munalkasse hierselbst einzuzahlen. Dieselben betragen für:
Schlüchtern Salmünfter . Bad Soden. Steinau . . . Elm . . . . Gundhelm. . Heubach . . Hintersteinau Hohenzell . . Hütten.... Marjoß . . Mottgerö . .
Die Kosten fallen den Gemeinden des betreffenden Stan-
Schlüchtern, den 14. Dezember 1951.
Der Vorsitzende des Kreisausschusses: Dr. Müller.
Stadt Steinau.—
B e k a n n t m a ch u n g.
Die Stadt Steinau schreibt hiermit die noch nicht verkauften Gebäudeteile der Domäne Diehhos mit davorliegen- bem Hofraum zum freihändigen Verkäufe aus.
Die Zeichnung kann auf dem Rotläufe eingesessen werden. Angebote von Reflektanten wollen innerhalb 8 Tagen eingereicht werden.
Steinau, den 1K Dezember 1931.
Der Magistrat. Dr. Kraft.
Die Gewerkschaften bei Brüning.
Vorstellungen wegen der Notverordnung.
Berlin, 14. Dezember.
Die
gewerkschaftlichen Spitzenverbände einschließlich der Beamlenbünde. haben beschlossen, am heutigen Montag gemeinsam nochmals beim Reichskanzler und Arbeitsminister vorstellig zu werden, um ihre Aussassung über die 'Auswirkungen der Notverordnung darzulegen.
Am Sonnabend Hai bereits eine Aussprache der drei gewerkschaftlichen Spitzenverbände mir dem Reichsarbeits- minister Dr. Stegerwald über den sozialpolitischen Teil der Notverordnung und über die Frage der Senkung der Warenpreise stattgefunden Die Gewerkschaften vertraten die Auffassung, daß der Termin des 10. Januar 1927 nicht als unabänderliche Zwangsvorschrift betrachtet werden könne, daß die Notverordnung vielmehr so gelesen werden müsse, daß es ungeachtet dieses Termins Arbeitgebern und Arbeitnehmern erlaubt fein müsse, sich durch freie Vereinbarung über ein höheres Niveau zu einigen. Der Schlichter müsse den ihm auch schon in der Verordnung selbst gelassenen Spielraum jedenfalls ausnutzen, um Härten zu beseitigen.
Der Reichsminister des Innern hat an die beteiligen Reichsressorts, die Ländcrrcgierungcn und die Rundfunk- stellen in Ausführung der Notverordnung des Reichspräsi- denten über den Weihnachtsfrieden ein Schreiben gerichtet worin darauf hingewiesen wird, daß zur Zeit der Geltung des Weihnachtsfriedens auch im Rundfunk politische Vor- trüge nicht gehalten werden sollen.
Der VölKerbundsausschuß für Kunst und Literatur wird anläßlich der Goethe-Jahrhundertfeier vom 12. bis 14. Mai in Frankfurt a. M. tagen.
Der bekannte und berühmte Jongleur Kasteist ist am Samstag in seinem Wohnort Bergamo in Gberitalien an einer Gehirnblutung plötzlich gestorben.
Zu schweren Zusammenstößen kam es Sonntag abend am Weihnachtsmarkt am Hamburger Dom zwischen einen von Kommunisten geführten Demonstrationszug unb einem Polizeiposten. Die Polizisten wurden von der Menge tätlich angegriffen und feuerten nach einigen Schreckschüssen scharf, wobei ein Mann getötet, wier Personen schwer und eine Anzahl leichter verletzt 'wurden.
Brüning an Amerika.
Der Kanzler appelliert an die Solidarität der Welt. — Die unhaltbaren Vorwürfe gegen die deutsche Anleihepolitik.
Das Jahresbankett der amerikanischen Handelskammer bot der Reichsregierung willkommenen Anlaß, den im Aus- land vielfach verbreiteten falschen Anschauungen über die deutsche Anleihepolitik entgegenzutreten. Für den Dur* eine Unpäßlichkeit verhinderten Reichskanzler brach Reichswirtschaftsminister Dr. Warmbold eine Rede 7 Brünings zur Verlesung, in der einleitend auf die äußersten Anstrengungen hingewiesen wird, die Deutschland in den letzten Jahren gemacht hat, um im eigenen Land Ordnung zu schaffen. Ein Land sei heute aber so sehr von dem an- deren abhängig, daß alle Anstrengungen vergeblich seien, wenn die anderen Länder sich in der jetzigen Not nicht soll- darisch fühlen.
Von einer solchen Solidarität sei heute leider noch nichts zu spüren. 3m Gegenteil, der Wirtschaftskampf werde immer heftiger.
Nach diesen Feststellungen erinnert der Kanzler daran, daß alle Einsichtigen sich darüber einig seien, daß es n u r ein Mittel gebe, um Schulden an das Ausland zu bezahlen, nämlich den wirtschaftlichen Ueberschuß. Aber bis zum Jahre 1929 hätten die Auslandskredite die wirkliche Sachlage verschleiert. Als dieser Schleier gefallen ist, so fuhr Dr. Brüning fort, und die Auslandskredite ausgeblieben sind, hat der harre Zwang der wirtschaftlichen Notwendigkeit zu einem Ausfuhrüberschuß geführt, wie wir ihn in der deutschen Wirtschaftsgeschichte noch nicht erlebt haben.
Es erfüllt mich mit der größten Sorge, und es ist ein völliger Widersinn, daß jetzt fast alle Länder um Deutschland herum und am meisten gerade die Länder, die von Deutschland Schuldenzahlungen erwarten, mit allen Mitteln sich zum Kampfe gegen die deutsche Ausfuhr rüsten.
Unb doch muß die deutsche Wirtschaft, gerade um als ehrlicher Schuldner die aufgenommenen Kredite zurückzahlen zu können, in Zukunft die deutsche Ausfuhr noch in i . i e . ffe i g e r h. Äuf diesem Wege wird die Welt nicht in Ordnung kommen. Man muß sich entscheiden: Entwe er man läßt uns exportieren, dann können wir bezahlen, ooer man verhindert unseren Export, dann macht man uns die Zahlungen politischer Schulden selbst unmöglich.
Die Zeit der Illusionen ist vorbei.
In seinen weiteren Ausführungen wandle sich der Kanzler gegen gewisse in letzter Zeit in der amerikanischen Oeffent- lichkeit laut gewordene Ansichten, Deren Verbreitung geeignet sei, das gegenseitige Verstehen der beiden großen Völker zu erschweren. Es handle sich um den gegen Deutsch- land erhobenen Borwurf, daß es eine leichtfertige 21 n = leihepolitik betrieben und die ihm aus dem Ausland zur Verfügung gestellten Anleihen unsachgemäß und verschwenderisch verwendet hätte. Es droht, erklärt der Kanzler, nachgerade ein Schlagworr zu werden, als feien die' nach Deutschland geflossenen amerikanischen Anleihen in der Hauptsache zu städtischen Luxusbauten verwendet worden. Was hier etwa gefehlt worden ist, soll nicht beschönigt werden. Ganz falsch wäre es aber, wenn man dies verallgemeinern wollte. Die Länder und G e m e i n den find an Dem Gesamtbetrag der Ausländsanleihen die seit 1924 im Ausland ausgenommen worden sind, nur mit etwa 12 Prozent beteiligt.
Insgesamt sind von der deutschen öffentlichen Hand während der Iahre 1924'30 18S Milliarden Mark Anleihen (Inlands- und Ausländsanleihen zusammen) ausgenommen worden.
Aus diesen Anleihen sind in den sieben Jahren von 1924 36 nur insgesamt 265,2 Millionen Mark für Zwecke ausgegeben, die man bei weiter Auslegung vielleicht als Luxusausgaben ansprechen könnte, nämlich für Kunst und Wissenschaft, Ladeanstalten, Leibesübungen und Sport, Jugendwohlfahrt. Garten- und Parkanlagen und für die Pflege von Kurorten. In Der toumme von 265.2 Millionen Mark sind allerdings Ausgaben von W o h r n g s b a u t e n nicht mit einberechnet, denn das würde zweifellos über Das Ziel hinausgehen, wenn man auch sie zu Den Luxusaufwendungen hinzuzählen wollte. Uebrigens ist in allen Fälle» der Hergabe von Anleihen an deutsche Länder und Gemei den deren Verwendungszweck den Anleihegebern vorher l kannt gewesen. Ebenso ist der gelegentlich erhobene Vor wurf, daß deutsche Stellen leichtfertig Anleihen aufgenom men haben, ohne sich darüber klar zu sein, wie die Rückzahlung erfolgen soll, unberechtigt.
Die deutschen Anleihcnehmer sind ihren Verpflichtungen in jeder Weise nachgekommen, selbst als im Frühjahr dieses Iahres die unerwarteten Kündigungen der kurzfristigen Kredite einsetzten.
Die Kreditkrise dieses Sommers hätte nicht die besonnter, gewaltigen Ausmaße agnehmen können, wenn man auch auf der Gläubigerseile die Nerven behalten hätte. Die deutschen Schuldner haben in Der Zeit der Kreditkrise vor dem Stillhalteabkommen und nach dem Stillhalteabkommen den Beweis erbracht, daß sie willens sind, alles zu tun, was in ihren Kräften steht, um ihre Gläubiger zu befriedigen.
Zu den gegenwärtigen Besprechungen in Berlin über die kurzfristigen Kredite
unb ihre weitere Behandlung, erklärte Dr. Brüning, bis zum Jahre 1SÄ fand die Umwandlung der kurzfristigen Kredite