ßrris-Kmtsbtatt * MyemeLner amtlicherKn-eigerfür 6m KveLs -chlücht
* 4 I
SK. 147
(1. Blatt) Dienstag, den s. Dezember 1931
83. Jahrs.
Amtliche Bekanntmachungen zandratsamt.
3n der Gemeinde Rerzell, Landkreis Fulda, ist die Mul- und Klauenseuche ausgebrochen.
Schlächtern, den 4. Dezember 1931.
Der Landrat. 3. D.: Vuwe.
J.Mr. 6996. Nach einer Mitteilung des Instituts der Ilahrungsmittelkunde der Tierärztlichen Hochschule zu Berlin geht das für Unterrichtszwecke benötigte trichinöse Schweinefleisch nur noch in sehr geringen Mengen ein. Zch nehme deshalb Veranlassung, den Erlaß des Herrn IRinifters für Landwirtschaft, Domänen und Forsten vom 27. 12. 1931 veröffentlicht in Nr. 12 der Schlüchterner Zeitung in Erinnerung zu bringen.
Den Grtspolizeibehörden mache ich die genaue Beach- iung der Bestimmungen dieses Erlasses zur Pflicht. Schlüchtern, den 3. Dezember 1931.
Der Landrat. 3. V.: Duwe.
MMMMMMgMmMBgagBBMMlili.UBMBM^L^.aB^JBI^m™
Staatsbürgerliche Verantwortung.
Reichsminister Groener im Rundfunk.
Ueber alle deutschen Rundfunksender sprach Reichsminister Groener über das Staatsbürgertum und seine Verantwortung. Als die wichtigste Funktion des Staatsbürgers bezeichnete der Minister das Wahlrecht. Alle Gewalt gehe com Volke aus. Es solle keine Zersplitterung sondern eine Konzentration des Willens angestrebt werden. Das Bürgertum aber befinde sich in einem krankhaften Zustand. Wie könne dem begegnet werden?
Die Verantwortung des Einzelnen müsse gestärkt werden. Die Verantwortlichkeit der Parteien darf nicht beim Einzelfall Haltmachen, sondern müsse das Gesamtwohl um- sassen und die Verantwortung der Regierung müsse alle Volksgenossen umfassen. —
Der Strom der Verantwortung müsse vom Volk bis in die Spitzen der Regierung fließen und wieder zurück. Die Regierung dürfe sich nicht vom Volksbürger lösen, sie müsse auch im entscheidenden Augenblick eingreifen.
Die Regierung werde die Flinte nicht ins Korn wer- ßn, sondern das Volk aus dem Engpaß herausführen. Die« iis Volk könne aber nicht ohne Hilfe des Staatsbürgers gelingen.
3n den nächsten Tagen werde eine Notverordnung be- kaniilgegeben werden. Sie fei von dem Verantwortungsgefühl der Regierung getragen und scheue nicht die Kritik, aber auch die Kritik müsse verantwortungsbewußt sein.
Wie oft hört man den Ruf: hätten wir nur eine andere Regierung! Wie würden aber diejenigen bald ent- läuscht sein von einer anderen Regierung nach ihrem Herzenswunsch.
Der Minister wandte sich gegen die Entartung des Bürgertums durch Verunglimpfung der Führer, über deren Persönlichkeit den Verleumdern oft nichts bekannt wäre, und
gegen die Verrohung der politischen Sitten überhaupt. Reichsminister Groener beendete seinen Vortag mit den Worten:
Staatsbürgerlich« Gesinnung ist das Lebensprinzip des Maates. Ich schließe mit dem Wunsche, daß dieses Prinzip wieder Allgemeingut des deutschen Volkes werden !?üge. Nur in diesem Zeichen werde das Volk die Not verwinden.
Verdoppelung der nationalsozialistischen Stimmen
Stuttgart, 6. 12. Nach dem Ergebnis der heutigen Stuttgarter Gemeinderatswahlen ist festzustellen, daß. sich w nationalsozialistischen Stimmen gegenüber der Reichs- iogrwahl mehr als verdoppelt haben, während die Parteien
Einheitsliste, Demokraten, v. v. p., Volksrechtspartei uub Nationale Volksgemeinschaft, um mehr als die Hälfte Mammengeschmolzen sind. Die Sozialdemokraten haben ich als die stärkste Partei behauptet, aber ihre Stimmen |inb um nahezu 9000 zurückgegangen, während die Romanisten einfchl. der kommunMschen Opposition ihre Stirn« Anzahl um 5 700 ut erhöben vermochten.
Vernehmung Dr. Desto
Darmstadt. 6. 12. Durch den beauftragten Unter« ^chungzrichter des Gberreichsanwalts, Reichsgerichtsrat Eier, fanden am Sreitag und Samstag im hiesigen Ober« ^udesgericht eine Reihe von Vernehmungen wegen der ovxheimer Zffäre statt. U. a. ist auch Dr. Best vernommen worden. Ueber die Vernehniungen wird strengstes blillschweigen bewahrt.
.. Bei einem Angriff japanischer Flugzeuge auf Ban« ^"en im Südwesten von Mukden sind 300 Thinesen getötet worden.
In Langkok (Siam) ist ein holländisches Postflug, ^ug abgestürzt. 5ünf Europäer, darunter zwei Passagiere, ^amen ums Leben. Zwei weitere Personen wurden verletzt.
„An der Schwelle der Macht."
Ein Auslands-Jnlerview mit Hitler.
London, 5. Dezember.
Ueber eine Unterredung, die Adolf Hitler in Berlin den Vertretern der englischen und amerikanischen Presse ge« währte, berichtet die gesamte Londoner Presse in großer Aufmachung.
Hitler betonte hierbei, daß er gar nicht daran denke, in letzter Minute die Grundsö^e der Legalität über Bord zu werfen. Dies sei auch gar nicht nötig, denn es unterliege keinem Zweifel, daß die Partei bald — vielleicht in den nächsten Tagen, vielleicht übers Jahr — zur Macht kommen werde. Das Hessendokument erkläre sich allein aus der kommunistischen Gefahr, von deren Ungeheuerlichkeit die meisten Menschen noch nicht die geringste Vorstellung hätten.
Er könne den einzelnen Mitgliedern der Partei nicht verbieten, über diese kommunistische Gefahr nachzudenken, aber es sei eine Unverschämtheit, diese Gedanken in Form eines Dokumentes niederzulegen.
In der Partei fei nur fein Mille allein maßgebend. Die Erbitterung und Kampfentschlossenheit der Nationalsozialisten sei aus dem fortgesetzten Kleinkrieg mit den Kommunisten leicht zu erklären, hätten sie doch in diesem Jahre viele Tote und über 5000 Verwundete zu beklagen.
Die Entscheidungsschlacht gegen den Bolschewismus werde in Deutschland ausgetragen werden, und die Nationalsozialisten würden diesen Kampf für die Welt gewinnen.
Zur Gchuldeufrage. erklärte Hitler, Deutschland könne nicht die politischen uno die wirtschaftlichen Schulden bezahlen, ohne die Weltwirtschaft ins Chaos zu stürzen.
Die Nationalsozialisten würden die Privalschulden an- erkennen, aber sie weigerten sich ganz entschieden, sich politischen (Erpressungen zu unterwerfen.
Wenn die Welt von Deutschland die Fortsetzung der Zahlungen für die politischen Erpressungen Frankreichs in der Form von Tributen fordere, so müsse sie sich darauf gefaßt machen, einen vollständigen Zusammenbruch Deutschlands zu erleben.
Die Welt werde um der politischen Forderungen Frankreichs willen zu Grunde gerichtet.
Sie müsse sich entscheiden, ob Frankreich mit feinem großen Heer weiter der politische Steuereintreiber Europas bleiben solle oder ob sie Frieden und Wohlfahrt haben wolle. Die kommende Abrüstungskonferenz werde der Prüfstein für den gesunden Menschenverstand der ganzen Welt sein.
Hitler wies dann daraus hin, daß seine Partei eine neue Generation darstelle. Sie sei nicht verantwortlich für den Friedensvertrag von Versailles, und sie würde auch keine Verträge anerkennen, die Deutschland nicht erfüllen könne. Er werde nicht einen Vertrag um 11 Uhr unterzeichnen. um 11.45 Uhr mit Klagen anzusangen, daß er ihn nicht ausführen könne. Er schloß mit dem Sah: Deutschland ist nicht Earthago, und Frankreich ist nicht Rom?
Rosenbergs Mission.
Auch der nationalsozialistische Abgeordnete Rosenberg, der sich augenblicklich in England aufhält, äußerte sich den Vertretern der englischen Presse gegenüber zur Repara- tions- und Schuldenfrage. Er erklärte, die Nationalsozialisten würden mit dem Völkerbund solange Zusammenarbeiten, wie er bereit sei, seine eigenen Grundsätze in die Tat umzusetzen.
Dabei würden sie besonders aus den Grundsatz der Gleichberechtigung der Völker Hinweisen, die man Deutschland abgesprochen habe. Die Nationalsozialisten könnten nicht anerkennen, daß Frankreich eine dauernde Vorherrschaft in Europa ausübe. Auch die polnische Frage sei reif zur Erörterung.
Weiter erklärte Rosenberg, daß auch das nationaljoua« listische Deutschland ehrlich seine wirtschaftlichen Schulden bezahlen wolle. Ein politisches und wirtschaftliches llnglücf könne aber nicht vermieden werden, wenn nicht alle Reparationen gestrichen würden.
Der Eindruck in USA.
Das Interview Hitlers bat in den Vereinigten Staaten größtes Aufsehen erregt. Die Erklärung, daß auch die Nationalsozialisten die privaten Auslandsschulden anerkennen und nur die Tributzahlungen ablehnen, hat stärkste Beachtung gefunden.
Welche Bedeutung Amerika den Erklärungen Hitlers beimißt, geht daraus hervor, daß der Inhalt feiner Ausführungen von der gesamten Presse an hervorragender Stelle veröffentlicht wird.
Das ReicksKabinett hielt auch Sonntag nachmittag eine kurze Sitzung ab, um in feinen Beratungen über die neue Notverordnung fortzufahren. Montag vormittag sollen diese Beratungen nunmehr abgeschlossen werden. Daraufhin wird der Reichskanzler vom Reichspräsidenten zum Vor- ] trag empfangen werden. I
Boykott ausländischer Waren?
Die handelspolitischen Maßnahmen Englands, die mit dem „Schutz der nationalen Arbeit" begründet werden und die in ihrer Wirkung sich mehr und mehr zum Boykott aus«' ländischer Waren entwickeln, haben verschiedentlich auch in deutschen Verbraucherkreisen die Frage aufwerfen lassen, weshalb nicht in Deutschland Gleiches mit Gleichem vergolten wird. Auch das französische Vorgehen der Einfuhrkontrolle nimmt in der Praxis mehr und mehr die Wirkung an, die Einfuhr ausländischer Waren zu drosseln. In andern Ländern beginnt unter den Wirkungen der Pfundkrise sich eine ähnliche Bewegung geltend zu machen. Wie soll sich Deutschland dazu verhalten? Die der Reichsregierung soeben durch Notverordnung erteilte Ermächtigung, gegebenenfalls zweiseitige Handelsverträge abzuschließen, deutet bereits an, daß man nicht daran denkt, die deutschen Grenzen gegen ausländische Waren überhaupt abzuschließen Ganz abgesehen davon, daß es unmöglich ist, ohne gewisse Rohstoffe die deutsche Wirtschaft aufrecht zu erhalten, müßte ein Boykott ausländischer Waren schließlich zu einer völligen Abstockung des deutschen Auslandsgeschäftes führen.
Die Frage ist berechtigt, wie sich eine solche Maßnahme, wenn sie praktisch überhaupt durchgeführt werden könnte, sich für die deutsche Volkswirtschaft und insbesondere für den deutschen Arbeitsmarkt auswirken müßte. Er ist nicht so, daß die vom Ausland eingeführte Ware vom ausländischen Verkäufer gleichsam dem deutschen Bezieher oder Käufer handgerecht in den Betrieb oder aus den Arbeitstisch gelegt wird. In der Regel ist die Leistung des ausländischen Verkäufers mit der Anlieferung der Ware bis zum nächsten Versandhafen erledigt. Von diesem Auslands- Hafen aus jetzt bereits deutsche Arbeit, d. h. also deutsche Volkswirtschaft ein. Dabei ist es gleichgültig, ab es sich um ausländisches Getreide, um Kolonialwaren, um Rohstoffe aller Art uff. handelt. In den meisten Fällen werden in dem Preis einer Auslandsware, wie er vom deutschen Käufer aufgewendet werden muß, 50, 60, selbst 70 Prozent deutschen Arbeitswertes stecken. Das wird ohne weiteres verständlich, wenn man beispielsweise einen Bananentrans- po unnimmt: Deutsche Seeleute bringen ihn von Uever see zum deutschen Ankunstshafen. Rund 600 Arbeitskräfte find nötig, um einen solchen Dampfer zu löschen. Vom Dampfer werden die Bananen in etwa 100 Waggons c die verschiedenen Absatzmärkte geführt. Um sie in brau« barem Zustand anzurollen, sind zum Verpacken der Wu wöchentlich etwa 25 Tonnen Stroh notwendig. In de^ kalten Jahreszeit müssen die Spezialwaggons durch beson- deres Heizmaterial auf die notwendige Temperatur gebracht werden. Von der Uebernahme der Ware bis zum letzten Verbraucher sind also Tausende von Arbeitskräften direkt oder indirekt beschäftigt. Dabei ist es gleichgültig, um welche Ware es sich handelt.
Eine volkswirtschaftliche Notwendigkeit ist es aber, fest- Pastellen, wo wir unsere Ware beziehen, hat ein Land kein Interesse an deutscher Ware, dann sollte kein deutscher Kaufmann dort Warenbestellungen vornehmen. Ferner wird man zu berücksichtigen haben, was wir in Deutschland selbst herstellen und erbauen können. Je mehr deutsche Arbeiter mit einer Ware beschäftigt werden, um so größer ist das volkswirtschaftliche Aufkommen. Kartoffeln, Obst, Getreide, Gemüse, Fleisch, Kohle, Eisen usw. sind Produkte, die auf deutschem Boden und in deutscher Erde gewonnen werden und dem deutschen Arbeiter Lobn und Brot geben. Soweit wir hier unseren eigenen Bedarf in ausreichendem Maße decken, können, können wir ruhig auf Auslandsware verzichten. Unter diesem Gesichtspunkt gewinnt die burdj« aus dankenswerte Bewegung, Deutscher, kauf' deutsche Warel eine richtige und volkswirtschaftlich zu begrüßende Entwicklung.
Es wäre aber, wie aus dem vorstehenden hervorgeht, das Verkehrteste, wollte man diese gesunde Bewegung zu einer ausgesprochenen Boykottbewegung gegen alle äu limbischen Waren gestalten. Wir würden uns wirtschafte, ins eigene Fleisch schneiden Es ist bekannt wie sich feint « zeit von Holland aus eine Bewegung gegen deutsche Waren entwickelte, als die deutsche Regierung sich gezwungen sah. mit Rücksicht auf den Schutz der einheimischen landwirt- schaftlichen Produktion gewisse Zollmaßnahmen zu ergrei- fen, die es ermöglichen sollten, die Erzeugung bestimmter landwinschaftlicher Produkte rentabel zu machen. Es setzte damals in Holland und in einzelnen nordischen Ländern, dann aber auch in der Schweiz eine Abwehrbewegung gegen deutsche Waren ein, die nur auf Grund diplomatische- Verhandlungen wieder abgeebbt werden konnte. Es kann keinem deutschen Wirtschaftszweig daran etwas liegen, wegen einzelner Vorteile für bestimmte WirtschaflsrichtlM- gen die andern zum Schaden des Volksganzen verkümmern zu lassen. Deshalb muß die Parole zum Schutz der d«M- schen Ware lauten: Was wir selbst erzeugen können, sollte* mir nicht aus dem Ausland beziehen. Wareneinfuhr rm übrigen nur dort, wo sich ein notwendiger Ausgleich durch Abnahme deutscher Waren herbeiführen läßt. .
Auf dem Unnaer Postamt explodierte am Samstag ein Paket, wobei ein Mädchen so schwere Brandwunden erlitt, daß es ins Krankenhaus gebracht werben mußte. Das Publikum stürzte panikartig aus dem Raum. Man nimmt an, daß bei der durch die Explosion entstandenen Verwirrung ein Raubüberfall ausgeführt werden sollte.