Nächtlicher Heimwehrputsch.
Einige Qrfe In der
beseht. — In Wien Ruhe
Wien, 14. September.
In den obersteierischen Ortschaften Druck, Kahenberg, Judenburg und Schladning erschien um 2 Uhr früh bewaffnete Heimwehr und versuchte, die Städte militärisch zu besehen. Der Bundesführer der Heimwehr, Dr. Pfriemer, versammelte um 2.30 Uhr früh in Judenburg die Unterführer um sich. Auf seine Weisung wurden in einigen Ortschaften Plakate angeschlagen, in denen es heißt, daß alle Gendarmerie- und Heeresbeamken ihres Dienstes enthoben seien. Die Heimwehr übernehme die Staatsgewalt.
Polizei, Gendarmerie und Bundesheer sind in den betreffenden Gebieten in Bereitschaftszustand gesetzt worden. In Kirchdorf in Oberösterreich batte der örtliche Heimatschutz die Bezirkshauptmannschaft besetzt; diese wurde jedoch von Gendarmerie aus Linz und Bundesmilitär sofort geräumt. Dabei wurden zwei Führer des Heimatschutzes verhaftet. Die Bundesregierung hat im eigenen Wirkungskreis und durch die Landesregierungen sofort Gegenmaßnahmen eingeleitet. Im übrigen Bundesgebiet und in der Hauptstadt herrscht Ruhe.
Militär gegen die Putschisten.
Die am Putsch beteiligten Heimwehrabteilungen werden zwischen Leoben und Iudenburg zusammengedrängt. Infanterieabteilungen sind im Anmarsch. Truppen der Garnison Graz stehen in Bruck an der Mur, das bereits, von heimwehren gesäubert ist, und bei Kapfenberg. Zwischen Leoben und Donawitz haben sich etwa 1000 Heimwehrleute angesammelt. Das Militär ist mit Maschinengewehren und Handgranaten ausgerüstet, auch Artillerie ist an der Aktion beteiligt.
Als die Gendarmerie in Kapfenberg den Platz vor dem Arbeiterheim von Heimwehrleuten säuberte, gab die Heimwehr bei ihrem Rückzug mehrere Schüsse gegen das Arbeiter- Heim ab, wobei ein Mann gelötet und einer schwer verwundet wurde.
Eine größere Anzahl von Heimwehrleuten in Zivil hat sich auf verschiedenen Wegen von Wien nach Klosterneu- burg begeben, wo sich eine Gruppe von etwa 600 Mann feldmäßig lagerte. Alarmabteilungen der Polizei und des Heeres sind nach Klosterneuburg entsandt worden.
Ein Aufruf zur Besonnenheit.
Mahnung der Sozial^ ste n.
Die „Wiener Arbeiterzeitung" verbreitete die Meldung von dem Putsch in einem Extrablatt gleichzeitig mit einer Mahnung zur Besonnenheit. In dem Aufruf heißt es:
Gewissenlose Abenteurer haben in der Zeit schwerster wirtschaftlicher Not und wichtigster Krisenverhandlungen einen Tollhausstreich gegen die Republik und die Demokratie gewagt. Der obersteierische Irrsinn wird in wenigen Stunden zusammenbrechen. Die Arbeiterschaft und ihr Schutzbund sind in Bereitschaft. Sie werden, wenn es notwendig ist, die Republik und die Demokratie zu schützen wissen. Zunächst aber hat die Staatsgewalt gegen die frechen Ge- setzesbrecher einzuschreiten. In das Zuchthaus mit den Putschisten, wo sie schon lange hingehören! Arbeiter, Repu- blikaner. eiserne Disziplin und eiserner Wille ist in dieser Stunde das Wichtigste! Keine selbständigen Aktionen! haltet euch bereit, wenn die Sozialdemokratie euch ruft!
Maßnahmen gegen die am Putsch beteiligten österreichischen Kramte».
WTB. Wien, 13. 9. Die Bundesregierung hat verfügt, daß alle Bundesministerien und Landeshauptmänner angewiesen werden, die vorläufige Luspendierung aller jener Beamten, die sich an dem heutigen klnschlage 7>es Heimatschutzes irgendwie beteiligt haben, ungesäumt zu verfügen. Gegen die Schuldtragenden wird auf dssziplinar- oder straf- gerichtlichem Wege vorgegangen werden.
Starhemberg und Kanter verhaftet.
Die Ruhe ist in ganz Oesterreich an Keiner einzigen Stelle mehr gestört worden. Wie aus Linz gemeldet wird, sind die Unterführer des Heimatschutzes Stahrenberg und Gutsbesitzer Tareth verhaftet und dem Gericht eingelis- fert worden. Die Verhaftung der Generäle Puchmaper und Tnglisch-Parparic wird bestätigt. Aus Graz wird berichtet, daß Stabsleiter Rauter dort in seiner Wohnung verhaftet und dem Landesgericht eingeliefert wurde.
Die Nationalsozialisten gegen den Putsch.
Die Landeszeitung der Nationalsozialistischen Arbeiterpartei (Hitlerbewegung) erklärt, daß sie mit der Aktion der Heimwehr in keinerlei Verbindung steht und diese auch ablehne.
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Die Diener Volizei hat sämtliche Bundesgebäude befetzi. Die Sozialdemokraten und die Gewerkschaften haben in einem Ultimatum vom Bundeskanzler sofortige Gegenmaßnahmen verlangt, andernfalls sie zur Selbsthilfe schreiten würden. Die Bundesregierung hat sofort
eine Reih« von Haftbefehlen erlassen, u. a. auch gegen Dr. Pfriemer. Wie verlautet, soll Heimwehrführer Skarhemberg die Linzer Garnison aufgefordert haben, sich ihm anzuschließen, wurde aber abgewiesen.
Poststugzeug verbrannt.
Drei Personen umgekommen.
Wie die Deutsche Luft Hansa mitteilt, ist das brasilianische Postflugzeug „Bala", als es zu einem Sonderflug von Natal nach Rio starten wollte, beim Rollen auf dem Wasser mit einem unter Wasser liegenden Wrack zusammen- gestoßen und in Brand geraten, hierbei kamen drei Mitglieder der Besatzung ums Leben. Die Post konnte größtenteils geborgen werden.
— Die deutschen Flieger Johannsen und Rody sind,heute in Lissabonn zum Fluge nach NewyorK gestartet.
— Nach den am Freitag gepflogenen Verhandlungen wird das gesamte Werk des Phönix in Nachrodt (Westfalen) spätestens am 1. Oktober stillgelegt. Dadurch werden etwa 400 Arbeiter und Angestellte brotlos.
Die Ausgaben der Reichsregierung.
Dr. Stegerwald über die wirlschafts- und sozialpolitische Lage.
Auf dem Rheinischen Handwerkertag in Neuenahr sprach Reichsarbeitsminister Dr. Stegerwald über die wirtschafts- und sozialpolitische Lage und kennzeichnete die ungeheuren Aufgaben der Reichsregierung in der nächsten Zeit. Der Minister wandte sich gegen jede Illusion und ging dann auf die Folgen der Tribute ein.
Politische Tribute an das Ausland ohne Gegenleistungen feien ein weltwirtschaftlich zersetzendes Element, das sich um so stärker auswirke, je größer diese Tribute seien. Da nur ein Teil der Staaten abgerüstel habe, könnte sich kein Vertrauensverhältnis in Europa entwickeln. Das habe zur Folge, daß langfristiges Kapital dort, wo es fehlt, nicht erhältlich sei, während es in anderen Ländern brachliege. In diese Dinge müsse im verlause des kommenden Jahres nachdrücklichst Ordnung zu bringen versucht werden.
Wir stehen vor der Aufgabe, in kurzer Zeit 6 bis 8 Milliarden RM kurzfristige Auslandsschulden der Privatwirtschaft und 1 bis 1,5 Milliarden RM kurzfristige Schulden der Gemeinden in langfristige umzuwandeln. Wir müssen schließlich nachdrücklichst Vorkehrungen treffen für die ausreichende Versorgung der Arbeitslosen im Winter. Ferner müssen wir zu einer
Auflockerung der Wirtschaft
und zu einer tieferen Preislage kommen, um mit den Nachbarn konkurrieren zu können. Die Regelung der Zinsfrage fei dringend notwendig und die Einschränkung bei den öffentlichen und privaten Verwaltungsapparaten. Dann sprach der Minister über die Sozialversicherung.
Einschließlich der Krisensteuer werden gegenwärtig schon rund 22 Prozent des Grundlohnes an Beiträgen zur Sozialversicherung aufgebracht. Wesentliche Beitragskürzungen sind, solange die gegenwärtige gewaltige Arbeitslosigkeit an- dauert, nicht möglich.
Kritik an Curtius.
Der „Matin" ist unzufrieden.
Der Genfer Sonderberichterstatter des „Malm" befaßt sich mit der Rede von Dr. Curtius im Völkerbund und behauptet, daß sie weder ihrer Form noch ihrem Inhalt nach geeignet fei, eine günstige Atmosphäre für den französischen Ministerbesuch in Berlin vorzubereiten. Während Briand streng im Geiste des Völkerbundes geblieben sei, habe Dr. Curtius die öffentliche Meinung Frankreichs in keiner Weise geschont.
Dr. Curtius habe in der Zahlung der politischen Schulden die Hauptursache für die finanzielle Krise des Reiches finben wollen, während Deutschland in mehreren Monaten dreimal so viel Geld erhalten habe, wie es bezahlt habe. Die Sprache, die Dr. Curtius geführt habe, sei nicht die, die ein Reichsaußenminister in der gegenwärtigen Lage Deutschlands und der Welt führen formte und durfte.
Dagegen meint „Journal", Dr. Curtius hätte sich wohl versucht sehen können, bei dieser Gelegenheit einen Eklat herbeizuführen um sich gegenüber den Nationalisten zu rehabilitieren. Er habe weise gehandelt, ihn zu vermeiden mit Rücksicht darauf, daß Hilfe für Deutschland unerläßlich sei. In feiner gemäßigten Form hat Dr. Curtius fategorijä) die Frage der Vertragsrevision und die der militärischen Klauseln des Versailler Vertrages aufgerollt.
Amerikas zweite Rate.
16 Millionen Dollar an deutsche Reedereien.
Washington, 14. September.
Sobald die Schwierigkeiten, die bisher der Auszahlung der zweiten Rate der amerikanischen Entschädigung an die deutschen Reedereien entgerenslanden, endgültig bereinigt sind, werden der Norddeutsche Llond 6 284 000 Dollar und die Hapag 9 656 000 Dollar erhalten.
Außerdem werden an die früheren Eigentümer deutscher Patente sowie der Funkstation Sayville insgesamt etwa 6 Millionen Dollar gezahlt werden.
Einberufung des sozialdemokratischen Parleiausschusses.
Berlin, 14. September. Der sozialdemokratische Par- teioorstand hat den Parteiausschuß zu einer Sitzung für Dienstag, den 22. September, einberufen.
Gandhis Ankunft in Europa.
Mahatma Gandhi (Vierter von unten) begibt sich in Marseille an Land. Ganz unten sieht man feine SekretäWi, Miß Slade, die Tochter des englischen Admirals Slade, die sich der Gandhischen Bewegung angeschlossen hat.
Der Weg zum indischen Reich
Zum zweiten Mal am Runden Tisch. — Gouverneure, Fürsten, Hindus und Mohammedaner.
London, 13. September.
Die indischen Delegierten versammeln sich wieder in London. Man kann die Verhandlungen der zweiten Round Table-Konferenz zwar erst dann richtig in Gang setzen, wen« Gandhi angekommen sein wird, der als Führer der stärkste« indischen Partei, der stark nationalistischen Kongreßpartei zum ersten Male mit englischen Vertretern über die Zukuns! des indischen Reiches sprechen wird.
Man kann erst nach feiner Ankunft die Aussichten diese, Konferenz beurteilen, aber schon jetzt läßt sich erkennen, das sie viel größere Schwierigkeiten haben wird als mehrmona figer Versuch, eine Einigung zwischen England und 3nbien herbeizuführen.
Auf der ersten Round-Table-Konferenz handelte es sich nur darum, Grundsätze der englisch-indischen Einigung fest zustellen, und man mußte deshalb auseinandergehen, nach dem der überraschende Vorschlag der indischen Fürsten de« Weg freigemacht hatte zu einem indischen Bundesstaat, her ' in loser Abhängigkeit zu England stehen sollte. Jetzt handell es sich darum, im einzelnen festzusetzen, wie dieser indisch Bundesstaat eingerichtet werden soll und dabei werden sich । Interessengegensätze viel schärfer herausarbeiten, gleichviel, ] ob es sich um religiöse oder um materielle Gegensätze । handelt. I
Die erste Round-Table-Konferenz war ein Erfolg, weil sie j überhaupt die Linien für eine Befriedigung des indischen ' Nationalismus' im Rahmen des britischen Reiches zeigte. ( Der Erfolg der zweiten Konferenz wird davon abhängen, I ob man ein Kompromiß finden kann, das den Indern in t ihren eigenen Angelegenheiten Unabhängigkeit gibt, ohne E doch die britische Obergewalt allzusehr zu schwächen. i j
Die innere Einrichtung eines solchen indischen Staates fi macht schon wegen der Verschiedenartigkeit der jetzigen staat- n lichen Verhältnisse große Schwierigkeiten. Im indischen c Reich existieren 15 Gouverneursprovinzen, von denen wie- ' derum nur neun ein Parlament haben, neben 700 Fürsten- tümern. Die Gouverneursprovinzen werden direkt von Eng- c land regiert. Die Fürstentümer genießen mehr oder we- li niger große Abhängigkeiten. In den Gouverneursprovinze« - H leben 247 Millionen Menschen, in den Fürstentümern 71 1 Millionen.
Dazu kommt das Minderheitenproblem, dessen Schwierigkeiten sich daraus ergibt, daß 216 Millionen Hindus neben 68 Millionen Mohammedanern leben, so daß man bei der Einführung rein politischer Wahlmethoden zu der Ausschaltung der Mohammedaner gelangen würde.
Dazu kommt weiter der Anspruch Englands auf Sonderrechte in Armee, auswärtige Angelegenheiten, Finanzen und Sicherung der englischen Geschäftsinteressen und zu alledem kommt schließlich noch, daß die Verhandlungspartner aus beiden Seiten wesentlich größere Ansprüche stellen werden, denn im englischen Lager verhandelt jetzt statt der Arbeiterpartei die Konservative und im indischen Lager ist dmch Gandhis Teilnahme das Element der unbedingten indischen Unabhängigkeit zu den Verhandlung«, hinzugezogen worden.
Freiheit für Indien.
Gandhi über seine Mission.
Kurz nach Gandhis Ankunft in London fand eine Begrüßung statt, bei der Gandhi erklärte: „Ich bin vom Panindischen Kongreß hierher gesandt worden, um volle Freiheit für Millionen stummer und halbverhungerter Inder zu erlangen. Meine Freunde und ich sind gekommen, um eine Friedensmission zu erfüllen, und ich hoffe, daß man, wenn unsere Aufgabe beendet fein wird, nicht sagen wird, daß wir die britische Gastfreundschaft mißbraucht haben." Gandhi gab erneut seinem Glauben an die Politik eines nichtgewaltsamen Vorgehens Ausdruck. y
MacDonald, Baldwin und Henderson, die zu der Versammlung eingeladen waren, hatten Absagen gesandt.
London, 13. 9. Gandhi, der heute abend von seinem gegenwärtigen Wohnsitz im Osten Londons eine Rede für den amerikanischen Rundfunk halten sollte, ließ seine ame rikanischen Hörer zehn Minuten am Apparat warten, wei er sein Nachtmahl noch nicht beendet hatte. Obwohl anscheinend gänzlich unvorbereitet, sprach er fast eine halbe Stunbe. Er begann mit dem Hinweis, daß der indische Kampf in seinem Problem nicht nur Indien, vielmehr die ganze Welt betreffe. Im weiteren sprach er über die von den Indern im Kampfe um ihre Unabhängigkeit angewendeten 'Methoden der Gewaltlosigkeit und schloß mit der Bemerkung, daß die Welt einen Weg aus der gegenwärtigen Schwierigkeit suche, und daß er den Glauben habe, daß es vielleicht der alten Rasse Indiens vorbehalten JA der hungernden Welt den Busweg zu zeigen.
Die Katastrophe in Belize.
Kein Haus unversehrt, mehrere Schiffe gesunken.
In dem vom Tropensturm heimgesuchten Belize (Britisch-Honduras) ist der Belagerungszustand verhängt worden, um Plünderungen zu verhindern.
Mehrere Schiffe, die sich im Hafen bzw. in der Nähe des Hafens befanden, gingen bei der Sturmflut mit Mann und Maus unter. Kein einziges Gebäude in Belize ist unversehrt geblieben.
Aus den Trümmern werden immer noch Leichen geborgen. Man hat eine öffentliche Lebensmittelversorgung ins Leben gerufen. Da alle Sammelbecken der Wasserleitung zerstört sind, gibt es kein Süßwasser in der Stadt, so daß man auf Regenwasser angewiesen ist.
Se<dte schwer erkrankt.
Bremerhaven, 14. September.
d" Lgpdesverbandstagung des Verbandes Nieder- wch!«n des Stahlhelm machte der als Vertreter des ersten Aundesführers Franz Seldte erschienene Landesführ- -" ^ß'Verlin, Major a. D. von Stephani, die Mitteilung, ernsthaft erkrankt fei und für ihn die Gefahr bestehe, auch noch den rechten Arm zu verlieren.
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