chlüchtemer Zeitung
Kreis-Kmtsbtatt * KllHemeLnev amULcherKuKeiyev für den Kreis Schtüchtern
Nr. gr
st. Blatt) Donnerstag, den 13. August 1931
83. Iahrg.
Amtliche Bekanntmachungen.
Kreisausschuß.
I--Nr. 3962 K. A. Die Wahl des August Schreiber in Marjoß zum Beigeordneten der Gemeinde Marjoß habe ich heute auf Grund des § 55 Abs. 1 der Landgemeindeordnung für die Provinz Hessen-Nassau vom 4. August 1897 bestätigt.
Schlächtern, den 11. August 1931.
Der Landrat: Dr. Müller.
J.-Nr. 3914 K. 21. Dem Vorarbeiter Philipp Deuker in Schlächtern ist aus Anlaß seiner 25jährigen ununterbrochenen Tätigkeit bei der Firnia Viktor Wolf in Steinau eine Prämie von 25 RMk. aus Kreismitteln bewilligt worden.
Schlächtern, den 8. August 1931.
Der Vorsitzende des Krcioauoschuffcs.
J. V.: Radke, Kreisdeputierter
Stadt Schlüchtern.
Abladen von Schutt und dergleichen detr.
Es ist mehrfach festgestellt worden, daß Schutt und dergleichen auf öffentliche Wege, Straßen und Plätze sowie sonstige städtische Grundstücke abgeladen worden ist. Insbesondere ist dies in letzter Seit auch an dem blinden Ende des Weges im Sandgarten geschehen.
Als öffentlicher Platz zum Abladen von Schutt und dergleichen ist allein die Rote-Rains-Dalle an der Ahlersbacher- straße bestimmt. Das Schuttabladen usw. ist dortselbst mit der Maßgabe gestattet, daß die Ichuttmassen nicht am Rande der Vertiefung angehäuft werden dürfen, sondern in die Vertiefung selbst hineingebracht werden müssen.
Wer an Stellen, wo dies nicht gestattet ist, Schutt und bergt ablädt, macht sich nach § 366 Ziff. 7, 8, 9 Str. G. B. und § 23 Ziff. 1 Feld- und Forstpolizeigefetzes strafbar sGeldstrafe bis 60 RM. bezw. 150 RITT, oder Haft bis zu
14 Tagen). Außerdem ist er zur Beseitigung der unbefugt abgeladenen Schuttmassen und zum Ersatz etwa dadurch verursachter sonstiger Schäden verpflichtet.
Gegen Zuwiderhandelnde wird in Zukunft mit aller Schärfe eingeschritten werden.
Die Polizei- und Feldschutzorgane sind angewiesen, jede Zuwiderhandlung unnachsichtlich zur Anzeige zu bringen.
Schlüchtern, den 30. Juli 1931.
Die Polizeiverwaltung: Gaenßlen-
Die Nachforschungen nach -enD-Zug-Uerbrechern.
ENB- Berlin, 12. 8. fEhgene Meldung) Die Untersu- chungskommission im Kloster Zinna, die sich bemüht, den rätselhaften Anschlag auf den Berlin-Frankfurte D-Zug auf- zuklüren, ist, den Blättern zufolge, im Laufe des gestrigen Tages in ibien Besitz von Spuren gelangt, die innerhalb kurzer Zeit zu der Verhaftung oder zumindest zu der Feststellung der Täter führen dürften.
Man kennt bereits den Personenkreis, in dem diese zu verkehren pflegen, man weiß, daß sie sich im Berliner Ilorden verborgen halten, und es ist die Aufmerksamkeit von zwei verschiedenen Seiten, die von einander völlig unabhängig sind, auf einen russischen Staatsangehörigen hinge- wiesen worden, der sich erst seit kurzer Zeit in Berlin aufhalten soll.
In Potsdam ist heute nachmittag sogar eine Festnahme erfolgt, doch ist es noch sehr zweifelhaft, ob die Person, die vorläufig in Gewahrsam gehalten wird, mit dem Attentatt atsächlich etwas zu tun hat. Der Festgenommene beftreitet selbstverständlich, und die Potsdamer Kri= minalpolizei ist jetzt bemüht, zu ermitteln, ob der Betreffende zu der Zeit der Anschlags in Kloster Jinna gewesen sein kann.
^tnbrnbnre kommt nach rra,,er».
Nötchspräsident von Hindenburg hat in einem sehr herzlich gehaltenen Schreiben der Schloßherrin von Dietramsjell, Stau von Schilcher, mitgeteilt, daß er am Donnerstag, den 13. August, vormittags gegen 11 Uhr mit dem Kraftwagen zu. seinem Erholungsurlaub in Vietramszell eintreffen werde. Der Reichspräsident verläßt am Abend vorher mit dem fahrplanmäßigen Schnellzug die Reichshauptstadt und trifft am Donnerstag um 9 Uhr in München ein, von wo ihn wieder ein Kraftwagen der Landespolizei nach Dietrams» Zell bringen wird. Der Aufenthalt des Reichspräsidenten wird sich voraussichtlich auf etwa drei Wochen erstrecken.
Ueber eine Besprechung zwischen Mae Donald und dem amerikanischen Staatssekretär Stimfon, wonach eine 59 projentige Nriegsschuldenermäßigung eintreten solle, will Man in Washington nichts vernommen haben.
In Bilbao in Spanien haben Kommunisten ein von Socialisten besetztes Lokal Überfällen und drei Personen gc« tötet. Die Täter sind entkommen.
„Sie Bildung zum Staatsbürger"
" Verfassungsfeier im Reichstag.
Berlin, 12. August.
Zur Feier des Verfassungstages hatten in der Reichshauptstadt die Reichs-, Staats- und städtischen Behörden die Verkehrsanstalten und die Fahrzeuge wie üblich geflaggt. Dem Ernst der Zeit entsprechend, war der Reichstagssitzungssaal würdig, aber sehr einfach geschmückt. Ring- um den Saal, in dem die Feier der Reichsregierung stast- fand, zogen sich schwarz-rot-goldene Fahnentücher; über dem Platz des Redners war ein. großer Reichsadler angebracht. Darunter stand auf dem Präsidentenpult eine Bronzebüste des Freiherr» vom Stein von Blumen umgeben. Von der Brüstung der Präsidentenloge hing die Flagge des Reichspräsidenten herab. Das Reichstagsgebäude war durch ein großes Polizeiaufgebot gesichert. Pünktlich um 12 Uhr nahm Reichspräsident von Hindenburg, von der Versammlung durch Erheben von den Plätzen geehrt, in der Loge Platz Hierauf setzte der Chor ein, mit der Motette von Johann Sebastian Bach: „Der Geist hilft". Der Stellvertreter des Reichskanzlers,
Reichsfinanzminister Dr. Dietrich
ergriff sodann das Wort zur Festansprache. Er führte u. 0. aus: Vor acht Jahren hat an dieser Stelle Professor Dr. Anschütz davon gesprochen, daß die Regierung in trüber Zeit eingeladen habe zu einer vaterländischen Feierstunde. Eine Periode des Aufstiegs hat sich an jenes furchtbare Jahr angeschlossen. Aber der Stoß des Weltkrieges und ses Zufammenbruches ist noch nicht überwunden. Gerade setzt erheben sich die Wellen von neuem und drohen der geleisteten Aufbauarbeit den Untergang zu bereiten. Doch die Ursache unserer, erneuten Krise liegt tiefer.
Die Unruhe und das Mißtrauen in der Welt sind letzten Endes auf politische Gründe zurückzuführen. Es ist nicht eine Krise der Wirtschaft allein, sondern es ist die Krise der Friedensverträge, die an uns rüttelt.
Die Ruhe, mit der .Las .Pult die -Sorgen der letzte Wochen trug und die Einsicht, mit der es sich den harten Maßnahmen der Regierung fügte, war imponierend. Der deutsche Staatsbürger hat keine lange Geschichte. Gemeinhin geht man davon aus, daß Freiherr vom Stein ihn geschaffen hat. Als Preußen zerbrochen war, hat der große Staatsmann die Vorbedingungen der Erhebung Preußens geschaffen, indem er einen neuen Staatsbürger schuf.
Die Gedanken Steins gingen dahin, über alle Territorialgewalten hinweg das Reich der Deutschen wieder zu einem machtvollen Gemeinwesen zusammenzu- bringen.
Die Aufhebung der Leibeigenschaft in Preußen, die Ber- wandlung der Domänenbauer in freie Eigentümer, die Bildung städtischer Gemeinden durch die Städteordnung von 1808, wußte die Liebe zur Gemeinde und Teilnahme an Gemeindeangelegenheiten zu erwecken. Heute haben wir das freiefte Bürgerecht in Gemeinde und Reich, trotzdem befinden wir uns in einer Krise, die auch daher kommt, daß das mündige deutsche Volk an Gemeinden und Reich Ansprüche erhebt, denen diese nicht gewachsen sind. Der Aufbau unserer Wirtschaft hat sich vielleicht auch nach falschen Richtungen bewegt. Es wäre besser gewesen, das platte Land mehr zu entwickeln, als die großen Städte ständig anwachsen zu lassen.
Wir befinden uns mitten in einer- großen wirtschaftlichen Umwälzung. Das Verhalten unseres Volkes in den letzten Monaten hat gezeigt, daß es in seiner Mehrheit willens ist, auf dem bisherigen Wirtschaftssystem weiterzu- bauen Es müssen aber auch neue Wege betreten werden. Auch in der Verwaltung des Reiches, der Länder und der Gemeinden find Fehler begangen worden.
Man hat die Aufgabe des Staates übersteigert und sich einen Apparat geschaffen, den angemessen zu bezahlen eine dauernde Sorge ist. Es kommt darauf an, Aufgaben und Zuständigkeiten zwischen Reich, Ländern und Gemeinden richtig zu verteilen und damit die Verwaltuilgsmaschine zu entlasten.
Das Fundament, das die Weimarer Verfassung dem deutschen Volk gegeben hat, ist durchaus gesund.
Die Grundgedanken müssen bleiben. Aber auch eine Neuorganisation der Gemeinden ist notwendig. Ihre Finanzen sind zerrüttet und die Dorwürfe gegen ihre Finanzwirtschaft sind heftig.
Der Einzelne muß an die Spitze seiner politisch-wirtschaftlichen Vetätigung den Gedanken an das Reich und an bas deutsche Volk stellen. Erst wenn die Rotwendigkeit den Staat zu verteidigen i?# üb^n’^genden Schichten unseres Volkes beherrscht, werden wir im wahren Sinne d:< Wortes eine Ration sein. Deswegen ist die Bildung des Staatsbürgers das große probiern* Wir sind stolz aus unser Volk und seine glänzende Geschichte und wir verbinden heute mit der Achtung vor der Vergangenheit, den Glauben an Deutschlands Zukunft.
Nach der Rede Dietrichs trug der Chor die Hymne Schaubs „Saemann Deutschland" vor. Darauf erklärte
Der Ruf zur Einigkeit.
Das Ergebnis des Volksentscheids, der besonders in den letzten Tagen die politischen Wogen nicht nur in Preußen, sondern in ganz Deutschland außerordentlich hoch gehen ließ, dessen Wellenschlag in der ganzen Welt sich stark bemerkbar machte, ist mit den rund 9,8 Millionen Ia-Stimmen hinter dem der letzten Reichstagswahl für die für ihn ein- tretenden Parteien erheblich zurückgeblieben, da am 14- September 12,4 Millionen Wähler in Preußen allein für sie votiert hatten. Andererseits stellt sich das Ergebnis beträchtlich höher, wenn man bsdenkt, daß beim Volksbegehren 5,955 Millionen Stimmen abgegeben worden waren, wobei allerdings zu beachten ist, daß bei dem Volksentscheid einige Parteien mehr sich für die Auflösung des preußischen Landtages ausgesprochen haben. Es ist selbstverständlich, daß dieses Fazit darauf zurückzuführen ist, daß abgesehen von den Deutschnationalen und den Nationalsozialisten wohl keine der übrigen Parteien der Parole ihrer Führer restlos gefolgt ist. vor allen Dingen haben- die Kommunisten es 3um großen Teil abgelehnt, der Parole Folge zu leisten. Jm allgemeinen kann gesagt werden, daß während im preußischen Osten vor allem die ländliche Bevölkerung weitgehend für den Volksentscheid eingetreten ist, im Westen und hier vor allem in den größeren Städten, die Beteiligung" als nur gering bezeichnet werden kann- Es wäre unseres Trachtens auch falsch, aus dem Ergebnis des preußischen Volksentscheides nun politische Rückschlüsse auf kommende Wahlen folgern zu lassen.
Aber eines muß dieser Wahlsonntag erbringen! Es muß nun endgültig Schluß sein mit dem innerdeutschen Hader, da diese innerdeutsche Angelegenheit erledigt ist- Es muß energisch der weg zur Aufbauarbeit nach außen und nach innen beschriften werden. Reichskanzler Brüning hat, da außenpolitische Wirkungen dieser Abstimmung nicht abzusprechen find und infolgedessen die Vertrauenskrise eine bedeutende Minderung erfahren hat, jetzt freie Bahn für seine Politik befunden Andererseits ist der preußischen Staatsregierung die Möglichkeit gegeben, noch bis zum natürlichen Ende des preußischen Landtages eine ganze Reihe Arbeiten zu leisten, die vor allem als Reformarbeiten wichtig und überaus wertvoll find. Hierzu gehört in erster Linie, daß Preußen die Initiative zur Neichsreform ergreift, 'deren Anfang eine energische Verwaltungsreform fein muß. Es muß dabei beachtet werden, daß der preußische Innennri- nister bei der Derfaffungsfeier des Reichsbanners in Noblenz in seiner versöhnlichen Rede 'die Hand zum Frieden unb zur Ueberbrückung der politischen Gegensätze geboten bat Die Not der Seit verlangt, daß die parteipolitischen Zersplitterungen Dcr|if winden, und daß in der Einigkeit aller für alle die Grundlage zur Wohlfahrt des Volkes gefunden wird. In diesem Sinne begrüßen wir auch die Schlußworte Seocrings: „wir kennen nur ein Vaterland, und das heißt Deutschland" und hoffen, daß jeder an,feinem Platze mit daren arbeitet, daß dieses einig, mächtig und groß werde wie zuvor.
Reichskanzler Dr. Brüning
u a. folgendes: Die Feier des Verfassungstages fällt in eine Zeit wirtschaftlicher Not. Die Bedrängnis der Gegenwart findet ihre greifbare Parallele in den Jahren, in denen der große Staatsmann Freiherr vom Stein lebte, der Wegbereiter deutscher Einheit und Freiheit, der Führer zum volkhaften Staat. Nach Stein sollten die Bürger des geeinten deutschen Volkes die mündigen Träger eines freien Staates fein. In der Linie seines Zukunftswollens liegt die Reichsverfassung vom 11. August 1919 als bedeutsame, wenn auch nicht in allem, vollendete Erfüllung.
Die Erinnerung an diesen großen Deutschen soll uns Mahnung fein,* alle ausbaufähigen Kräfte einzusetzen zur Ueberwindung der Röte und Gefahren dieser Tage.
Die in der Reichsverfassung gegebene Freiheit und Mündigkeit muß uns allen ein Appell sein, uns der Bürgerpflichten zu erinnern, die diesen Bürgerrechten entsprechen. Der Verfassunzstag ist ein Besitz des ganzen deutschen Volkes. Dieses Sich-Besinnen auf das Einende muß auf dem Gebiet des politischen Handelns zu fruchtbaren Ergebnissen führen.
Auf die Zeit der Rot, in die Steins Schaffen fiel, folgte der Ausstieg. So soll uns auch jetzt die Zuversicht erfüllen auf eine bessere Zukunst und den Wiederaufstieg unseres Vaterlandes. In diesem Sinne bitte ich Sie. mit mir einzustimmen in den Ruf: Das in der Republik geeinte deutsche Volk, es lebe hoch!
Vor dem Reichstag
Nach der Feier begab sich der Reichspräsident in Begleitung des Kanzlers und des Reichsmgspräfidenten vor das Hauptportal des Reichstages, wo er von einer zahlreichen Menge mit lebhaften Hochrufen begrüßt wurde. Unter den Klängen des Prüsentiermarfckes schritt der Reichspräsident, begleitet vom Reichswehrminister, General