Nr. 96(1. Blatt)Dienstag, den 11. August 1931
83. Jahr«.
Amtliche Bekanntmachungen.
Landratsamt.
Volksentscheid „Kandtagsauflösung".
Um für den Volksentscheid „Xanbtagsauflöfung" eine möglichst beschleunigte Erstattung der Kosten zu sichern, haben die Herren Bürgermeister mir bis spätestens 12. 8. 1931 anzuzeigen, wie hoch die Zahl der durch ihre Ab= stimmungsverzeichnisse nach Ablauf der Ruslegungsfrist für die Abstimmung am 9. August 1931 nachgewiesenen Stimmberechtigten cinschl. derjenigen gewesen ist, die einen Stimm- schein erhalten haben.
Bei Gemeinden, die die rechtzeitige Meldung unterlassen, wird angenommen, daß sie auf Kostenerstattung verzichten: falls sie diese später doch anstreben, haben sie es sich selbst zuzuschreiben, wenn sie verspätet in den Besitz der ihnen zustehenden Vergütungen gelangen.
Schlächtern, den 9- August 1931.
Der Landrat. 3. D.: Duwe-
Jagdverordnung
• 3m Regierungsbezirk Rassel wird für das Iahr 1931 bie Schonzeit für männliche Rehkälber auf das ganze Iahr und für weibliche Rehkälber auf den Monat November ausgedehnt.
Diese Unordnung gilt jedoch hinsichtlich der weiblichen Rehkälber nicht für nachbezeichnete Bezirke:
Mottgers-Nord für die Distrikte 99 193.
Mottgers-Süd für die Distrikte 1 32.
Marjaß für den gesamten Staatswald.
Salmünster für den gesamten Staatswald.
Rassel, den 17. Juli 1931.
Der Bezirksausschuß.
Unter Bezugnahme auf meine Verfügung vom 1. Juni d- 3s. — Schlüchterner Zeitung Nr. 68 mache ich die Herren Bürgermeister nochmals darauf aufmerksam, daß die Schöffenlisten nach vorheriger vorschriftsmäßiger Aus= legung bis zum 1. September d, 3s. an das zuständige Amtsgericht einzureichen sind.
Schlüchtern, den 5. August 1931.
Der Landrat. 3. v.: Radke, Kreisbeputierter.
Diejenigen Ortspolizeibehörden, die mit der Beantwortung meiner Verfügung vom 31. 3uli d. 3s. - Nr. 6624 — (Schüchterner Zeitung Nr. 92), betr. Prüfung der Obstbäume nach dem-Vorhandensein von Blutläusen usw., noch im Rückstände sind, werden nochmals an die alsbalbige Erledigung erinnert.
Schlüchtern, den 4- August 1931.
Der Landrat. 3. V.: Radke, Kreisbeputierter.
Die Aufnahme des Volksentscheids in Kasel.
MTV. Basel, 9. 8. Wie aus Kreisen der Bank für den internationalen Zahlungsausgleich verlautet, hat das in den späten Abenbftunben in Basel bekanntgewordene Ab= stimmungsresultat in Preußen, das einen Mißerfolg der radikalen Parteien darstellt, einen sehr günstigen Eindruck ausgelöst, nicht zuletzt im Hinblick auf die gegenwärtig am Sitz der Bank tagende Finanzsachverstän^igenkommission, deren Mitglieder das Ergebnis der Abstimmung mit ziemli- licher Spannung erwartet hatten. Man erblickt in diesem Abftimmungsrefultat ein Anzeichen dafür, daß in Preußen und darüber hinaus der Wille der Volksmehrheit, auf dem Wege über die internationale Verständigung die bestehenden Schwierigkeiten zu lösen, erneut stark an Boden aewonneu bat.
Blutige Ereignisse
In Berlin kam es am Sonntag abend zu blutigen Ausschreitungen der Kommunisten. Am Bülow-Platz in der Nähe des Gebäudes der „Roten Fahne" unternahmen kommunistische Elemente einen regelrechten SeuerüberfaK auf Polizeibeamte. Zwei Polizeihauptleute und ein Zivilist wurden getötet, ein Polizeibeamter und zahlreiche Zivilisten schwer verletzt. Die Polizei besetzte und durchsuchte mit einem gewaltigen Aufgebot die ganze Gegend. Nach Illit= ternacht war die Ruhe wiederhergestellt. Zahlreiche Verhaftungen wurden vorgenommen.
In Köln wurde der Gaugeschäftsführer des Stahl Helms Albert Heister von Kommunisten erschossen.
Die beiden Berliner Vertreter der Londoner Zeitung „Daily Erpreß" wurden am Sonntag auf der Straße von Kommunisten zu Boden geschlagen und verletzt, als sie Pholographische Aufnahmen vor einem Abstimmungslokal Wachen wollten-
Auch beim Reichsbannertag in Koblenz am Sonntag kam es zu blutigen Zwischenfällen. 32 Personen wurden verletzt, in der Hauptsache Reichsbannerleuch, die durch Schüsse von Stahlhelmen! getroffen wurden.
Der Volksentscheid in Hessen-Nassau
Die jeweilige 1. Zahl hinter Mahlkreis, Reg.-Bez. und Kreise bezieht sich auf Stimmberechtigte, die 2- Zahl auf abgegebene Ia-Stimmen, die 3. Zahl auf Rein-Stimmen, die 4. Zahl auf ungültige Stimmen.
Wahlkr. 19 Hess.-Nass. 1 720 210, 554 557,"11 788, 10289; Reg.-Bez. Wiesbaden 973 849, 280 089, 5 876, 4 538;
Reg.-Bez. Rassel 698 683, 257 642, 5 575, 5 422;
Frankfurt Stadt 429 609, 94 518, 2 332, 1 829;
Wiesbaden St. u. L. 117 899, 39 334, 641, 465;
Rassel Stadt 128 680, 37 511, 722, 707;
Rassel Land 39 826, 10 806, 244, 248;
Fulda Stadt 17 636, 2 353, 43, 27;
Fulda Land 14 959, 2 793, 76, 54;
Hanau Stadt 28 855, 10 940, 250, 377;
hanau Land 37 625, 15 428, 498, 514;
Marburg Stadt 17 898, 8 500, 160, 120;
Marburg Land 23 993, 12 282, 141, 117;
Gelnhausen 34 385, 12115, 329, 278;
Gersfeld 14 484, 4 127, 62, 44;
Hersfeld 28 227, 10 802, 259, 317;
Hünfeld 14 959, 2 793, 76, 54;
Schlüchtern 19 978, 6 741, 126, 71.
1
/
1
Gesamtergebnisse: 7 1
Stimmkreise: V f
Ostpreußen 1 398 328 628'053 37 480 19 514
Groß-Berlin 3 378 515 1 043 929 33 650 18 682
Potsdam II 1 326 982 415 949 14 384 1 6 805
Frankfurt (Oder) 1 071 890 519140 23 460 18 774
Pommern 1 232 093 659 351 30 284 20 864
Oppeln 880 309 290 595 — —
Magdeburg (Bez.) 877 446 373 691 15 656 13 055
Halle-Merseburg 963 345 528 369 20122 12 518
Erfurt oh. Thür.) 425 805 179 644 4 311 , 4 094
Schleswiq-Holst. 1 040 000 494 433 15 078 11 343
Weser-Ems 457 525 164 621 4 606 3 287
Ost-Hannover 684 000 348 293 12 370 —
Westfalen-Nord 1 476 235 400 773 14 926 9 628
Hessen-Nassau 1 720 210 554 557 11 788 10 289
Köln-Aachen 1 519 883 245 442 8 595 3 965
Düsseldorf-Ost 1 481 873 531 055 14 350 ' 7 734
In den drei Stimmkreisen Erfurt, Halle-Mersieburg und Magdeburg betrug die Beteiligung:
Erfurt 42,2 Halle-Merseburg 54,4, Magdeburg -42,5 %.
* d
Ort: Stimmber.: Ja: Nein: Ungült.:
Eisleben (Stadt) 16 314 9 310 334 218
Merseburg (Stadt) 20 366 8 931 255 . 113
Quedlinburg (Land) 31 700 13 472 546 ; 518
*
Düsseldorf (Stadt) 365 565 91 476 1 981 1 013
Duisbg.-Hamborn 269 539 106 721 3 635 2 855
Frankfurt/M. 429 609 94 472 2 328 1 848
Herne (Stadt) 59 474 23174 1 203 754
Kolberg (Stadt) 22 990 10 098 323 259
Köln (Stadt) 542 021 74 158 1 812 662
Köln (Land) 62 607 9 173 36S 170
Stettin (Stadt) 109 000 33 827 514 457
Mieder Ruhe in Berlin.
ERB. Berlin, 10. 8. (Eigene Meldung). Um
Mitter-
nacht war es in sämtlichen Stadtteilen in Berlin ruhige Die große Polizeiaktion am Bülow-Platz war im großen und ganzen beendet.
Bis um 23,30 Uhr wurden 88 Sistierungen vorgcnom- Platzes und der anliegenden Straßen fanden die Beamten in einem Hause einen Schwerverletzten auf, der als Polizeigefangener ins Polizeikrankenhaus eingeliefert wurde. In zwei kommunistischen Parteilokalen wurden geheime Versammlungen ausgehoben, in denen weitere Demonstrationen beraten werden sollten.
Nach den bisherigen Feststellungen ist zu erkennen, daß die Unruhen von kommunistischer Seite planmäßig geleitet und durchgeführt wurden.
— Für die Ergreifung der Verbrecher, die die Polizei- Hauptleute Lenk und Anlauf in heimtückischer Weise erschossen haben, hat der Polizeipräsident von Berlin 3000 Mk. Belohnung ausgesetzt.
— Reichskanzler Dr. Brüning und Reichsaußenminister Dr. Turtius trafen auf der Rückreise von Rom am Sonntag abend in München ein und reiften um 20,40 Uhr nach Berlin weiter.
— Bei einem Flugunfall in Cincinnati wurden sechs
Personen getötet.
— Ein schweres < werkskörperfabrik in Göteborg forderte sieben Schunverletzte, von denen drei kaum mit dem Leben davonkommen
Explosionsunglück in einer Heuer-
dürften.
Das Flugboot Do X wird bis zum Eintreffen eines Ersatznwtors in para bleiben.
Volksentscheid gescheitert!
9,8 Millionen 3a-Stimmen, also 37,1 Prozent.
Gegen Sonntagmitternacht lag, von unbedeutenden Einzelergebnissen abgesehen, das Gesamtergebnis über den Volksentscheid in Preußen vor. Von 26,4 Millionen Wahlberechtigten hatten etwa 9 800 000 Wähler mit „Ja", also für Auflösung des Preußischen Landtages entschieden. Aus den vor Feststellung des Gesamtergebnisses eingegangenen Einzelergebnissen konnte man schon mit großer Wahrscheinlichkeit schließen, daß mit einem Durchkommen des Volksent- < scheids wohl nicht zu rechnen war., Der Prozentsatz der „Ja"- Stimmen war im allgemeinen recht unterschiedlich. Er schwankte in den verschiedenen Städten zwischen unter 30 bis zu 80 Prozent, wobei die hohen Prozenlziffern sehr stark in Mitteldeutschland vertreten waren.
Ein Tag größter politischer Bedeutung ist vorbei. Wohl kaum hat eine Wahl die Gemüter mehr erregt als der Volksentscheid vom 9. August, fiel der Wahlakt doch in eine Zeit, in der das deutsche Volk in einem wirtschaftlichen Existenzkampf steht, dessen Schwere jedem einzelnen bewußt war Die Auswirkungen des Ergebnisses werden wir abwarten müssen.
In allen Städten Preußens und des Reiches hatten sich große Mengen Neugieriger vor den Gebäuden der Zeitungen angesammelt, um die Ergebnisse der Zählungen zu erfahren, meist harrte man geduldig aus bis zur Bekanntgabe des endgültigen Resultates, das dann zu lebhaften Diskussionen führte.
Im allgemeinen ist der Wahlakt ruhig verlaufen, von blutigen Ausschreitungen in Berlin und einigen anderen Großstädten abgesehen. So kam es in der Reichshauptstadt nach 8 Uhr abends vor dem Gebäude der kommunistischen „Roten Fahne" zu schweren Zusammenstößen. Dort hatte ftrii eine^roße Menschenmenge angemmmeit, um-d:e Wahl- ergebnisse zu erfahren. Die Polizei hatte starke Patrouillen uasgesandt. Plötzlich fielen mehrere Schüsse, durch die zwei Polizeihauptleute auf der Stelle getötet wurden. Die Schutzpolizei säuberte darauf mit blanker Waffe den Bülow-Platz und suchte die Häuserblocks der dortigen Gegend systematisch ab. Die Bevölkerung durfte die Häuser nur mit erhobenen Händen betreten und wurde beim Verlassen derselben aufs strengste nach Waffen durchsucht. Mehrere Zivilisten wurden tödlich verletzt.
In Altona kam es ebenfalls zu Zusammenstößen zwischen Polizei und Demonstranten. — Ein bedauerlicher Zwi- schenfall ereignete sich am Nachmitag in Berlin, wo zwei englische Journalisten, die vor einem Abstimungslokal fotografieren wollten, von Kommunisten angegriffen und zu Boden geschlagen wurden, Sie trugen einige Verletzungen davon.
Ruhiger Abstimmungstag
in Preutzisch-Thüringen
Der Volksentscheid-Sonntag in den preußischen Bezirken Großthüringens ist, wie im Reiche, im wesentlichen ruhig verlaufen. Die Stimmbeteiligung schwankte je nach den Abstimmungsorten erheblich. In Erfurt wurden etwa 46 bis 47 Prozent erreicht. Im Landkreis Mühlhaufen gingen nur etwa 31 Prozent der Wahlberechtigten zur Urne, in Sömmerda 30 Prozent. Dagegen kamen Schleusingen und -suhl auf etwa 50 Prozent, Roßleben auf 65 Prozent und Langensalza (Land) sogar auf 80 Prozent.
Zu Unruhen kam es nicht. Nach außen hin war in den Städten von der Wahlhandlung nicht viel zu merken. Nur die Zettelverteiler betäligten sich ziemlich eifrig.
Ort: 4
stimmber.
: Ja:
Nein:
Ungült.: %
Erfurt
102 340
47 609
11 040
891
46,2
Erfurt (Land)
18 733
11 233
259
223
60,4
Grafschaft Hohenstein 34 889
12 859
329
349
31
Sömmerda
5100
1 608
77
38
30
Ariern
3 827
2 032
81
89
53
Wiehe
1 318
950
27
14
72
Roßleben a. d. II.
2 034
1 403
43
47
65
Heldrungen
1759
1 349
24
17
77
Sangerhausen (Kr.)
48 673
21 186
808
—
49
Mansf. Geh.-Kr.
40 398
19 909
1184
—
49
Nordhausen (Stadt)
9 371
8 874
218
216
93
Weißensee
18 717
10 469
322
217
52
Langensalza (etabt)
8 219
4172
104
168
50
Langensalza (Land)
18 276
13 204
164
188
80
Mühlhausen
26 014
12 017
263
171
48
Mühlhaufen (Ldkry
26 260
8 222
164
136
35
.Heiligenstadt
29 074
2 578
98
42
9
Worbis (Kreis)
29 910
4 276
166
185
13
Z«.'genrück (Kreis)
13 908
7 986
300
307
57
Ranis
1 552
586
19
29
33
Schleusingen (Kr.)
40 546
19 415
382
464
48
Suhl (Stadt)
11318
5 408
96
—
49,6
Schmalkalden
32 611
16 730
276
537
50,5