Nr. 15t
Gchlüchterner Zeitung
2. Blatt
Sie Kanzlerfahrt zum Offen.
Eine Notwendigkeit und eine Demonstration. — Es geht an die Ostgrenzfragel
Berlin, 30. Dezember.
Die Reichspolitik hat zehn Jahre und länger zwangsläufig ihre ganzen Kräfte nach Westen konzentrieren müssen Darüber ist manches im deutschen bften versäumt worden, . was heute, unter erschwerten Umständen, nachgeholt werden muß wenn das innerdeutsche Gleichgewicht auf die Dauer nicht in Gefahr geraten soll. Seit Abschluß der Haager Konferenz liegt das Blickfeld der deutschen Politik im Osten. Nicht einseitig. Denn wir sind nach Westen hin in jene Krise ver- strikt, die nach und nach die gesamte Weltwirtschaft ergriffen hat. Diese Tatsache sorgt allein schon dafür, daß die notwendige Fühlung mit dem Westen nicht abreißt.
Aber der deutsche Osten hat Anspruch barauf, daß die Männer am Steuer der Reichspolitik heute ihren Kurs^ davon abhängig machen, daß die nach Osten gelegene Seite des deutschen Staatsschiffes nicht leck wird. Die Vorgänge in Polnisch-Schlefien, die ganz besonders während der letzten „Wahlen" hervorgetreten sind, haben blitzartig die Lage beleuchtet.
Wenn jetzt der deutsche Reichskanzler eine ganze Woche seiner bedrängten Zeit dem Studium der Lage der deutschen Grenzmarken im Osten widmet, — und nicht nur allein, son dern mit ihm in Gemeinschaft die Ostkommissare, der Reichsbankpräsident und der Generaldirektor her Reichsbahn — dann bedeutet das eine Demonstration des Gesamtkabinetls, das damit zum Ausdruck bring will, daß die Regierung die Ostprobleme als die dringlichsten Fragen der nächsten politischen Zukunft ansieht.
Wer an die polnische Grenze fährt, der kann die Dinge, die er dort sieht, nicht betrachten, ohne sie sofort in ihrer ganzen Abhängigkeit von dem Ostproblem überhaupt zu sehen.
Es ist kein Wunder daher, daß die Polen das wachsende Interesse des ganzen Reiches am deutschen Osten mit wachsender Besorgnis verfolgen.
Und es kann nicht auffallen, daß just in diesem Augenblick in der polnischen Presse die Gefährlichkeit der Revisionser- örterungen betont wird, die nach polnischer Auffassung in letzter Zeit zu intensiv spürbar gewesen ist.
Der Wsg Kurch Sas Grenzen»)
Der Weg des Kanzlers und seiner Begleiter führt zunächst nach Pommern, dann weiter durch den Korridor nach Westpreußen und Ostpreußen, wieder zurück durch den Korridor an der polnischen Grenze entlang nach Deutsch-Lder- und Riederschlesien. Eine volle Woche ist dieser Mission vorbehalten.
Aus dem genauen R e i s e p r o g r a m m, das in ab - len Einzelheiten nunmehr vorliegt, ist zu erwähnen:
Die Abfahrt von Berlin erfolgt am Sonntag, den 4. Januar, abends, die Ankunft in Lauen bürg Montag vormittag.
- ii>>«<iMMie nach Rummelsdurg, unterwegs Besprechun
- dentWWMm'Der ostpommerschen Streik- Dann werbe
sucht: Schlochau, Schneidemühl, Königsberg (Dienstag früh), Tilsit, Justerburg, Treuburg-Lyck (Mittwoch) Johan- nisburg, Ortelsburg, Neidenburg, Deutjch-Eylau (Donnerstag), Marienwerder. Von hier wird eine Fahrt an der Weichselgrenze entlang nach Marienburg im —Kraftwagen unternommen. Freitag Ankunft in Oppeln, nach einer Besprechung Weiterfahrt im Kraftwagen nach Beuchen, Gleiwitz, Ratibor. Samstag Kraftwagenfahrt nach Neisse, Neurode, Waldenburg und B r e s l a u. Am Sonntag werden Kreuzburg und Grünberg besucht. Die Rückreise nach Berlin wird am Sonntag abend angetreten.
Eine französische Glosse zur Kanzlerretse.
Pangermanische Propaganda.
Paris, 30. Dez. Das „Echo de Paris" beschäftigt sich mit der bevorstehenden Reise des Reichskanzlers Brüning nach dem Osten. Der Berliner Berichterstatter des Blattes erklärt, daß man deutscherseits die Reise des Kanzlers zwar als eine Studienreise Hinstelle, daß es sich aber in Wirklichkeit um nichts anderes handele als um eine Propagandareise mit dem Ziel, die Landbevölkerung zur pangermanistischen Propaganda anzufeuern. Brüning und Curtius wüßten nach den Ergebnissen der polnischen Wahlen sehr wohl, daß die Zeit in Oberschlesien, im Korridor und selbst in Ostpreußen gegen sie arbeite (I). Nach den schönen Worten und leeeren Versprechungen für Steuerermäßigungen halte die Reichsre- gierung die Zeit für gekommen, endlich eine aktivePo- l i t i k einzuleiten.
Unter dem Vorwand landwirtschaftlicher Beihilfe werde sie nunmehr beträchtliche Summen zur Verfügung derjenigen Elemente stellen, die in hartnäckigem und zähem Kampf gegen den polnischen Gedanken kämpsten. Die Reise Brünhigs bedeute daher den Beginn einer Propaganda großen Stils zugunsten der Germanismus in den Grenzprovinzen des Ostens.
Ministerbesuch auch iensetts der Grenze
Der Pole sucht Gegenmakerial.
Kattowitz, 30. Dez Seit Sonntag weilt Innenminister Skladkowski in bet Wojwodschaft etlichen, um in Begleitung des Wojwoduhastsra's Salon! und der zus'ändlgen Laubräte diejenigen Ortjüaftev zu besuchen, in denen während der letzten Wahlen Terrorakte verübt wmoen Der Minister verhandelt nicht nur not den zuständigen Ortsbehörden, sondern läßt sich auch von den Geschädigten selbst unterrichten. Wie die „Polska Zachoduie" benreuki, so! der Besuch des Ministers dazu dienen, geeignetes Gegenmaterial gegen die deutschen Anschuldigungen znsaminenzustellen.
Die Anfaabe des polniMeti Gesandten
Und wie die Polen sie „erleichtern".
Warschau, 30. Dez. Der nationaldemokratische „Kurjer Warszawski" widmet d
__________ jem neuen polnischen G e > sandten in Berlin, Wysocki, einige warme Abschieds-
Worte. Berlin sei augenblicklich d e r s ch w i e r i g st e P o - sien für einen polnischen Diplomaten. Ueber die Schwierig- reiten der Berliner Vertretung schreibt das.Blatt:
Wenn man sich vergegenwärtige, daß die Grundaufgabe ,, jeder diplomatischen Vertretung die Herbeiführung nach - Möglichkeit der besten Beziehungen zwischen dem ein n :> und dem fremden Staat sei, könne man sofort die Schwere der Aufgabe des Gesandten Wysocki verstehen. Sich in einet Zeit, wo in Deutschland Vernunft, Ueberlegung und Nüchternheit auf der Börse der nationalen Eigenschaften üO Prozent eingebüßt hätten, auf Ueberlegung und Interesse zu ; berufen, entspreche ganz einem Unternehmen des Don Quijote.
In einer Atmosphäre, die von Leidenschaften erfüllt sei, die überdies ganz direkt gegen Polen gerichtet seien, bedürfe ; es ganz außerordentlicher persönlicher Begabung, um gute : Verhältnisse mit einer Regierung herbeizufuhren, deren Mir- glieder mit dem Programm der
Revision der deutsch-polnischen Grenze offen hervortreten. Das Blatt kommt zu dem Schluß, daß es in diesem Augenblick kaum möglich sei durch den guten Willen von polnischer Seite irgendetwas Positives zur Entspannung der deutsch-polnischen Verhältnisse bÄzutragen.
Nationalsozialisten unb
NegiernnasbeSeiligurg
Erst Auflösung des Reichstags und des Preußenlandtags.
Berlin, 30. Dez. Zu der von der „DAZ." angeschnittenen Frage einer etwaigen Regierungsbeteiligung Hitlers äußert sich nunmehr der „Völkische Beobachter" grundsätzlich. Das Blatt schreibt hierzu:
In verschiedenen Gemächern herrscht eine immer heftigere Aufregung, da man die kommende unvermeidliche Abrechnung deutlich herannahen sieht. Daher jetzt verschiedene Bemühungen, die „Hitler-Partei" „einzufügen", etwa in die sogenannte „nationale Front" (so als zweitletzte) oder sie vernunftgemäß zu leiten und was dergleichen Ausdrücke für die Bemühungen, uns unschädlich zu machen, mehr sind Da wir unbefangen sind das Wohl der deutschen Gesamtheit im Auge zu haben, so werden wir jeden Ratschlag prüfen, jeden guten Rat beherzigen, gleich von welcher deutschen Persönlichkeit er stammt Aber mit dem „Tinfü- gen" und mit dem „Beteiligen" ist es vorüber Diesen sagen wir, Druckfehler zu korrigieren ist nicht eine Sendung der der RSDAP., denn diese Herren müssen garnicht regieren, vielmehr sind sie schon lange abbaureif, ja mehr als das. Deshalb kommt auch eine Koalition auf Grund des jetzigen Reichstags nicht mehr in Frage. Die Herren wollten im Herbst nicht, in der Hoffnung, die „nationalsozialistische Fieberkurve" würde wieder zurückgehen. Das Gegenteil ist der Fall. Die nationalsozialistische Gesundungskurve ist weiter im Ansteigen. Wir fordern deshalb als erste Tat des Jahres 1931 die Auflösung des Reichstages und des Preußischen Landtages.
Der Reichskanzler zur IahreswenSe.
Berlin, 80. Dez. Wie die „Germania" meldet, hat der Reichskanzler einer dem Zentrum nahestehenden Korrespondenz eine Zuschrift zugehen lassen, in der es heißt:
Auch Dieses Jahres Ende trifft das deutsche Volk bei der Erkenntnis, daß es schwere Monate durchzumachen hat. Die Weltwirtschaftskrise, die alle Staaten erfaßt hat, trifft es nach den Entbehrungen der Kriegs-und Jnflationsjahre besonders hart. Aber mutiger Wille, Selbstzucht und Bereitschaft zum gemeinsamen Tragen können und werden uns helfen. Wenn wir die schlimme Zeit benutzen um Mißbrauche abzustelllen, die sich in unser gesellschaftliches, soziales und politisches Leben ein- : geschlichen hatten, wenn wir nötige Reformen heute unter dem Druck der Not kraftvoll vorantreiben, dann ziehen wir die rechten Lehren. Und wenn wir jetzt, wo uns ge- meinfames Schicksal die engste Verbundenheit aller Schichten und Stände deutlich beweist uns als ein V o l f fühlen lernen, dann werden zugleich die seelischen Kräfte lebendig, die die besten Bürgen einer schöneren Zukunft sind.
Zran Koilonta»
ist von ihrem Posten als Somjetgesandtin in Stockholm a b b e rufe n worden. Die Abberufung der Frau Kollvutau soll auf eine Beschwerde der schwedischen Kommunisten zurückzuführen sein. Die .schwedischen Linksradikalen werfen ihr außer ihrer eleganten Kleidung und ihrer „allzu bürgerlichen" Lebensweise vor, daß sie einer Einladung zur Gründungsfeier des schwedischen Rotfrontverbandes nicht gefolgt sei.
Die Sowjetgcsaadtiii vor dem Koutrollausschuh.
Die Svwjctgesandtin Frau Alexandra Koloutay erstattete in Moskau dem Außenkommissar Litwivow einen ein- gehenden Bericht über ihre Tätigkeit in Schweden. Außerdem wurde Frau Kolontay von der Kontrollkommission.über die gegen sie erhobenen Beschuldigungen verhSrt. daß sie auf Kosten bei Staates in Stockholm ein luxuriöses Leben geführt habe.
Anbau von Wintergetreibe.
Umstellung auf Weizenanbau.
Seit einigen Safyren wird in Verbindung mit der Zaatenstandsberichterstattung zu Anfang Dezember im ganzen Deutschen Reich auch eine Schätzung der Veränderungen im Wintergetreideanbau gegenüber dem Vorjahre durchgeführt.
Nach Mitteilung des Statistischen Reichsamts läßt die diesjährige Schätzung bereits deutlich eine Umstellung des Roggenanbaues auf Weizenanbau erkennen. Während sich beim Winterroggen für das Reich im ganzen eine Verringerung der Anbaufläche um 9,6 v. H. ergibt, weist der Anbau von Winterweizen eine Zunahme von 6,9 v. H. gegenüber der vorjährigen Einsaatfläche auf. Ja unbedeutendem Maße hat sich auch der Anbau bei Wintergerste (um 1,6 v. H.) erhöht.
Inwieweit die Einschränkung des Roig manbaus anderen Kulturarten zugute gekommen ist, läßt sich erst bei der Frühjahrserhebung seststcllen. Unter Zugrundelegung der prozentualen Schätzungen über die Su- und Abnahme der Wintergetreideeinsaat würde sich eine Abnahme des Winterroggenanbaus von rund 450 000 Hektar, dagegen eine Zunahme bei Winterweizen um rund 110 000 Hektar und bei Wintergerste um rund 3000 Hektar ergeben.
Dementsprechend wäre — nach dem Stand zu Anfang Dezember — ein Gesamtanbau an Winterroggen von etwa 4,2 Millionen Hektar, an Winterweizen von 1,75 Millionen Hektar und an Wintergerste von 200 000 Hektar an= zunehmen.
— Das hat er davon. In Varis hat ein reicher Mann dem Hauslehrer feines Sohnes gekündigt und ihn auf 10 000 Franken Schadenersatz verklagt, weil der Lehrer dem Rinde den Glauben an den Weihnachtsmann ausge- redet hat. Damit Hai er nach Ansicht des Vaters seine Lehrerrechte überschritten. Man darf auf die Tn.scheidung des Gerichts in dieser kuriosen Affäre mit Recht gespannt sein.
— „Graf Zeppelin" fliegt nicht zum Nordpol. Nach einer Meldung aus Friedrichshafen trifft die aus Moskau stammende Nachricht, daß das Luftschiff,,Graf Zeppelin" im kommenden Juli eine Nordpolfahrt unternehmen wird, an der auch Professor Samoilovitsch, der sich durch seine Hilfe bei der Rettung der Nobile-Expedition einen Namen gemacht hat, teilnehmen soll, nicht zu. Der Luftschiffbau Seppelin denkt nicht daran, mit dem Luftschiff nach dem Nordpol zu fahren. Man hat in Friedrichshafen lediglich Interesse an einer Fahrt in die Vor- zone der Arktis um dort Vorstudien für eine etwaige Fahrt nach Alaska zu machen. Das Schicksal der beiden Fahrten hängt aber allein, von der Finanzierung des Unternehmens ab.
— Dom Rheingold-Erpreß zermalmt. Auf dem alten Düsseldorfer Bahnhof Derendorf kam Montag vormittag die 21jährige Stütze Plankert aus Düsseldorf auf tragische Weise ums Leben. Sie hatte sich auf dem Bahnsteig von ihrem Bräutigam verabschiedet. AIs dieser kurz darauf die Derendorfer Brücke betrat, die über den Bahnkörper führt, winkte ihm feine Braut oom Bahnsteig aus noch einmal zu. In diesem Augenblick brauste der Rhein- gold-Expreß heran. Er erfaßte die Winkende und Überfuhr sie. Entsetzlich zugerichtet konnte sie nur als Leiche geborgen werden.
— Jm selbst gebauten Segelflugzeugab- ge stürzt. Der 20'ährige Pilot Mät-g- der Segelflieger- gruppe Eisenach unternahm an den Hängen des großen Hörselbcrges einen Flug mit einem ftlbstgebautcn Flug- zeugtyp, mit dem er bereits erfolgreiche probeflüge ausgeführt hatte. Rurz nach dem Aufstieg stürzte er am 5üd- bang des Berges aus beträchtlicher Höhe ab. Er wurde tot unter den Trümmern des Apparates hervorgezogen. Seine Eltern waren Zeugen des Absturzes.
— Die erste Sikung des Reichskabinetts im neuen Jahre wird voraussichtlich erst nach der Rückkehr des Reichskanzlers von der ©streife, am 15. Januar, stattfinden. Eine Sitzung des prtissenkungsausschnlses des Reichskabinetts ist vorläufig nicht wieder anberaumt worden.
— Nachfolger des verstorbenen sozialdemokransu^en .Abgeordneten Dr. David irt der Sandesvorsitzende der Sozial- demokratischen Partei Hseus der Landtagsabgeordnete und Gewerkschaftssekretär Wilhelm Weber.
— Der spanische Revolutionär und Fliegermajor Franco will sich nach seiner Zukunft in Antwerpen nach Friedrichshafen begehen, wo er bei den Dvrnier-Werken arbeiten will.
— Wie aus Innsbruck gemeldet wird, hat sich der frühere Stabschef der Heimwehren Major pabst, entschlossen, von einer weiteren Mitarbeit in der Uiroler und der ganzen österreichischen Reimwcbrbeiregung1 Abftanb zu nehmen.
— Beim Bau der neuen französischen ©ftbe festign ngen wurden in dem lothringischen ©rt Dalstein 18 Arbeiter von einstürzenden Erbmassen verschüttet. 16 konnten sich retten. Zwei wurden schwer verletzt geborgen.
Die Gesamtzahl der bei dem Ausbruch der Vesuvs Merapi ums sehen Gekommenen wird nunmehr auf 1300 geschätzt. Diese 5abl umfaßt auch mehrere 100 Vermisste. Der Vulkan ist noch in Tätigkeit. Das umliegende Gebiet wurde vollständig geräumt-
- Der frühere Kommandierende General des 8. rheinischen Armeekorps, Paul von plo.ch. starb im 84. Lebensjahr in Wiesbaden.
Beim Einschießen von Jagdgewehren auf dem von Lutlerschen Rittergut in Heldritt (Dberfranken) entlud sich ein Schuß und traf den 40 Jahre alten Förster Albert Hollbach tödlich.