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Gchlüchtemer Zeitung

2. Blatt

Adolf VW Hamas t

Mit Adolf von Harnack, der am 7. Mai 1930 sein 79. Lebensjahr vollendet hatte, ist wohl der letzte große deutsche Universalgelehrte dahingegangen. In früheren Zei­ten war eine universelle Bildung, wie sie Harnack besaß, nichts Ungewöhnliches, und in den Zeiten der deutschen Romantik stellten wohl die Bruder Humboldt den glänzend­sten Typus dieses Universalgelehrten dar. In unserer heu­tigen Zeit der Spezialisierung der einzelnen Wissensgebiete werden derartige Erscheinungen natürlich seltener. Adols Harnack war zugleich Theologe, Historiker, daneben Rechts­gelehrter von ungewöhnlicher Tiefe und Bedeutung, und auch für naturwissenschaftliche Fragen bewies er eine starke Begabung. All das befähigte ihn in hervorragendem Maße zu einem so verantwortungsvollen Amte, wie es die Leitung der Staatsbibliothek und die der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft war, beides Aufgaben, denen er die letzten Jahrzehnte seines an Arbeit und Erfolgen ungewöhnlich reichen Lebens ge­widmet hat.

Harnack verdankt seinen Aufstieg im wesentlichen der persönlichen Initiative des früheren Kaisers. Nachdem sich Harnack, der in Dovpat als Sohn des lutherischen Universi- tätsprofessors Theodosius Harnack geboren war, im Jahre 1873 in Dorpat die Doktorwürde erworben hatte, wurde er gleich darauf außerordentlicher Professor in Dorpat, von wo er 1879 nach Gießen und 1SSG nach Marburg

1888 kam er nach Berlin, und von diesem Tage an datiert sein glänzender Aufstieg. Allerdings waren seiner Berufung starke Kämpfe voraufgegangen, weil Harnacks theologische Forschung bei dem streng konservativen und auf das Alther­gebrachte eingeschworenen Oberkirchenrat erhebliche Wider­stände fand. Aber Bismarck, der mit seinem gewohnten Scharfblick die ungewöhnliche Begabung des jungen Pro­fessors erkannte, wußte mit Hilfe seines verständnisvollen Kultusministers Goßler diese Widerstände zu brechen und die Berufung Harnacks auf den Berliner Lehrstuhl durch- zusetzen. Hier in Berlin vollendete Harnack sein bereits in Gießen begonnenes Meisterwerk, die dreibändige Geschichte des christlichen Dogmas, das ihn mit einem Schlage nicht nur an die erste Stelle unter den theologischen Fachgelehrten rückte, sondern die allgemeine Aufmerksamkeit weiter Kreise der Gebildeten auf ihn lenkte. Auch der Kaiser wurde aus ihn aufmerksam, und es entwickelten sich zwischen ihm und Harnack persönliche Beziehungen und gelegentliche Mei­nungsaustausche über religiöse Fragen. Allerdings nahm der Kaiser auf diesem Gebiet einen weit positiveren Stand­punkt ein als Harnack, der im Anfang des Jahrhunderts noch sein berühmt gewordenes populäres WerkVom Wesen des Christentums" veröffentlichte und sich dabei vom Dogma der geoffenbarten Religion weiter entfernte, als daß der Kaiser ihm dabei hätte folgen können. Trotzdem ernannte der Kaiser Harnack 1906 zum Generaldirektor der König­lichen Bibliothek, er erhob ihn bei der Weihe des Neubaues

für diese Anfang 1914 in den erblichen Adelsstand. Harnack wurde Wirklicher Geheimer Rat mit dem Prädikat Exzellenz und war auch Ritter des Ordens Pour le Merite für Wis­senschaften. Als 1913 die Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaften gegründet wurde, erhielt Har­nack das Präsidium dieser ungemein segensreich wirkenden Gesellschaft, die inzwischen mehr als 30 Institute der ver­schiedensten Art, sogar außerhalb der Grenzen des Reiches, ins Leben gerufen hat, so auch das wenige Tage nach Har­nacks 79. Geburtstage geweihte Heidelberger Institut für medizinische Forschung. Ein Jahr zuvor, an seinem 78. Ge­burtstag, am 7. Mai 1929, wurde unter großen Ehrungen für ihn in Dahlem das Harnack-Ha^s feierlich eröffnet, das als Heim für ausländische Gäste der Kaiser-Wilhelm-Gesell- schaft sich in der kurzen Zeit seines Bestehens bisher als eine außerordentlich wertvolle Bereicherung der bisherigen Er­folge der Gesellschaft erwiesen hat.

Es wird Harnacks bleibendes Verdienst sein, die Dog- men-Geschichte der Kirche, die bisher als eine besondere Ab­teilung gelehrten Wissens der Oeffentlichkeit verschlossen ge­blieben war, in dem großen Zusammenhang geschichtlicher Forschung eingefügt und durch seine populären Schriften, vor allem durch dasWesen des Christentums", das als Buch 1900 erschien und seitdem in 15 Uebersetzungen und etwa 80 000 Exemplaren verbreitet ist, die grundsätzlichen Probleme des Christentums allen Gebildeten der Nation zum Bewußtsein gebracht zu haben. Von feiner außerordent­lichen Vielseitigkeit kann man sich erst einen Begriff machen, wenn man in die sechs Bände seiner gesammeltenReden und Aufsätze aus Wissenschaft und Leben" Einblick nimmt. Sie tragen einen starken persönlichen Charakter und wirken dadurch ungewöhnlich anziehend. Besonders interessant ist es, daß Harnack von jeher die außerordentliche Bedeutung der sozialen Probleme für die kirchliche Entwicklung er­kannte. Aus eben dieser Erkenntnis heraus wurde er Mit­begründer und von 1903 bis 1912 Präsident des Evangelisch- Sozialen Kongresses. ' < z -

Noch innner rund 2 637 000 Arbeitslose.

Berlin, 12. Juni. Nach dem Bericht der Reichsanstalt für die Zeit vom 16. bis 31. Mai hat die Belastung des Arbeits­marktes und der Arbeitslosenversicherung in der zweiten Hälfte des Mai noch langsamer als in der ersten Hälfte abgenommen. Einem Rückgang in der Zahl der Hauptunterstützungsempfänger in der Arbeitslosenversicherung um nicht ganz 80 000 gegen­über 130 000 im vorigen Berichtsabschnitt steht ein verstärk­ter Zuwachs der Krisenunterstützten um rund 15 000 gegenüber. Auch die Zahl der Arbeitsuchenden hat nur um rund 63 000 abgenomnren.

Am 31. Mai wurden in der Arbeitslosenversicherung 1 550 900, in der Krisenunterstützung 338 338 Hauptunler- stützungsempfänger gezählt. Gegenüber dem Vorjahre ergibt sich eine Ueberlagerung um rund 875 000 Unterstützte.

Der preußische Innenminister verbietet das Tragen der national­sozialistischen Uniform.

Berlin, 12. Juni. Der Amtliche Preußische Pressedienst teilt mit: Der preußische Minister des Innern hat am 11. Juni fol­genden Erlaß an sämtliche preußischen Polizeiverwaltungen ge­richtet:

Auf Grund des Paragraphen 10, II 17 des Allgemeinen Landrechts wird zur Aufrechterhaltung der öffentlichen Ruhe, Sicherheit und Ordnung das öffentliche Tragen der sogenannten Parteiuniformen der Nationalsozialistischen Arbeiterpartei ein­schließlich ihrer Unter-, Hilfs- und Nebenorganisationen für den Bereich des Freistaates Preußen verboten."

Zur Uniform gehören alle Gegenstände, die dazu bestimmt oder geeignet sind, abweichend von der übrigen bürgerlichen K i- dung die Zugehörigkeit zu den genannten Organisationen, ins­besondere den sogenannten Sturmabteilungen, Schutzstaffeln und der Hitler-Jugend äußerlich zu bezeichnen, also auch Kleidung und Ausrüstungsstücke (z. B. Armbinden), die durch bestimmte Form Farbe, Schnitt usw. ein Merkmal der genannten Organi­sationen darstellen... Ich ersuche alle Polizeibehörden, das Ver­bot mit allen polizeilichen Mitteln, gegebenenfalls auch durch An­drohung und Festsetzung von Zwangsmaßnahmen nachdrücklich durchzuführen. gez. Dr. Waentig."

Silberhochzeit in Doorn. In D o o r n fand die Feier der Silberhochzeit des früheren Kronprinzen statt. Am Abend wurde eine Filmvorstellung gegeben. Das Schloß war illuminiert, und es wurde ein Feuerwerk abgebrannt. Außer den Hausfreunden waren nur die Bürgermeister der Umgegend zu Gast geladen.

Die Leparalionsanleihe.

Die Anteile der einzelnen Staaten.

Wie aus Paris gemeldet wird, sind die Arbeiten des Bankierausschusses, der Vertreter der Finanzministerien und der Tributbank über die Auflegung der Repara­tionsanleihe abgeschlossen. Der Auflegungskurs der ursprünglich auf 85 und 80 v. H. festgelegt war, wurde auf 90 v. H. erhöht, ausgenommen in Frankreich, wo er fast 98 v. H. erreicht.

Die Auflegung der Anleihe wird an neun verschiedenen Plätzen noch in dieser Woche stattfinden. Die einzelnen Länder werden selbst den Tag wählen, den sie für eine derartige Operation am günstigsten halten. Der Anteil der einzelnen Staaten beträgt für Deutschland 36 Millionen Mark, für Amerika 98 250 000 Dollar, Belgien 35 000 000 belgische Fran­ken, Frankreich 2515 Millionen Franken, England 12 Millionen Pfund, Holland 73 Millionen Gulden, Italien HO Millionen Lire, Schweden 110 Millionen Kronen und die Schwcn 92 Mil­lionen Schweizer Franken. Die Gesamtsumme des ersten Ab­schnitts belauft sich somit auf 340 bis 350 Millionen Dollar.

400 Millionen Mark für Post und Reichsbahn.

Von dem Ertrag der Anleihe erhält in Deutschland die Reichspost 160 Millionen und die Reichsbahn 240 Millionen Mark. Die Reichspost wird den auf sie entfallenden Betrag dem Postscheckkonto überweisen.

Wie die Reichsbahn ihren Anteil verwenden wird, steht zur Zeit noch dahin. Es ist anzunehmen, daß sie angesichts eines Fehlbetrages von 250 Millionen Reichsmark die entfallenden Beträge zum Ausgleich der Fehlbeträge verwenden wird. Be­sondere Bestellungen für die Industrie dürfte die Reichsbahn auf Grund der ihr zufließenden Gelder also nicht machen können.

Die deutsch-französischen Beziehungen.

Das radikale BlattVolont^" beschäftigt sich in einem längeren Artikel mit der d e u t s ch - f r a n z ö s i s ch e n V er­st ä n d i g u n g und zeigt sich hierbei von einer anerkennens­werten Objektivität. Die Annäherung müsse sowohl wirtschaftlich wie auch politisch sein: Abschaffung der Pässe, Vorzugszoll- tarife und eine Zollvereinigung auf der einen und ein Verständi- gungsbündnis im Rahmen des Völkerbundes auf der anderen Seite. Das Blatt geht dann zu den einzelnen Bedingungen über und verlangt von Deutschland den ehrlichen Verzicht auf E 1 - saß-Loth ringen und die Verpflichtung, die elsässische Autonomie 'n keiner Weise zu unterstützen. Eine zufriedenstel­lende Lösung der Saarfrage müsse gefunden werden. Deutschland verlange Kolonien oder Mandate, unS diese Förde­rung sei so berechtigt, daß die Regierungen sich seit langem darüber einig seien, sie grundsätzlich anzuerkennen. Die Ver­wirklichung hänge von einem internationalen Uebereinkommen ab. Eine Neugruppierung der Kolonien werde auch Deutschland gerecht werden. Die Frage des Anschlusses Oesterreichs an Deutschland werde durch den Beitritt Oesterreichs zum Bündnis und durch die deutsch-französische Zollvereinigung von selbst gelöst, so daß nur noch der Danziger Korridor übrig bliebe.

In diesem Falle werde Deutschland niemals seine gerecht­fertigten Ansprüche fallen lassen. Das Blatt bemerkt dazu, es se» die größte Ungerechtigkeit und verbrecherische Dummheit des Versailler Vertrages gewesen, ein Land in zwei Teile teilen zu wollen. Danzig und der Korridor müßten Deutschland zuruge- geben werden, wofür man Polen insofern entschädigen könne, als man ihm wirtschaftliche Erleichterungen in bezug auf den Danziger Hafen gewähre und ihm vielleicht ein Kolonialmandal Überträge. Für Polen handelt es sich bei dem Verzicht auf den Korridor nur um eine Prestigefrage, und es sei anzunehmen, daß Polen mit der Zeit zu der Ueberzeugung gelange, daß dieses Opfer im Interesse Europas gebracht werden müsse und eine Weigerung ihm später teuer zu stehen kommen könne.

Wenn Frankreich eines Tages zwischen dem falsch verstande­nen Interesse Polens und den Lebensintereffen des eigenen Lan­des zu wählen hätte, so werde einer französischen Regierung diese Wahl sicher nicht schwer fallen.

Ein Kraftwagen von einem Felsblock zertrümmert. Ein folgenschwerer Unfall, der drei Personen bcJ Leben kostete, er­eignete sich bei Meillerie in Savoyen. Während eines schweren Gewitters löste sich an einem Bergabhang ein schwerer Felsblock und stürzte in dem Augenblick auf die Straße, als ein mit fünf Personen besetzter Wagen vorüberfuhr. Der Wagen wurde vollständig zertrümmert. Drei Insassen waren auf der Stelle tot, während die beiden anderen mit lebensgefährlichen Verletzungen in ein Krankenhaus überführt werden mußten.

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