Nr. 56
Schlüchterner Zeitung
3. Blatt
Kommt eine Teuerungswelle?
Auch der Städter, der die Notwendigkeit eines ent- schlossenen Agrarschutzes mit Rücksicht auf die Bedeutung der Landwirtschaft für die gesamte deutsche Volkswirtschaft anerkennt, wird sich in diesen Tagen die besorgte Frage vorlegen: Wie wirken sich die eingetretenen oder zu erwartenden Zollerhöhungen aul Agrarprodukte für meinen F a m i l i e n h a u s h a l t aus? Diese Frage wird er sich schon deswegen mit wachsender Besorgnis stellen, da überall eifrige Propheten am Werke sind, die eine allgemeine Teuerung voraussagen. Diese Prophezeiung arbeitet mit der Voraussetzung, daß jede Zoll- erhöhung sich in einer Erhöhung der Kleinhandelspreise der zollbelasteten Produkte auswirken müsse. Die Beweisführung wird manchem schon wegen ihrer Einfachheit einleuchtend ersDeinen; und doch ist gerade diese Einfachheit die Quelle eines schweren Fehlers der Beweisführung.
nur von den Erzeugerpreisen der Urprodukte, iondern auch von ihren Verarbeitungskosten und den Handelsspesen bestimmt. Das beweist am besten die starke Ausweitung der Spanne zwischen Erzeuger- und Kleinhandelspreisen. In den diesem Artikel eingefügten statistischen Schaubildern werden die Preise der Vorkriegszeit gleich 100 gesetzt, und zwar sowohl diejenigen, die der Landwirt für seine Rohstoffe erzielte, als diejenigen, die der Kleinhändler für die daraus produzierten Lebensmittel erhielt. Das hat den Vorteil, daß die für den Zwischenhandel in der Vorkriegszeit übliche Gewinnspanne von vornherein in die Berechnung zogen ist. Wenn auch nicht übersehen werden die Geschäftsunkosten für Handel und Gewerbe
miteinbe- darf, daß nicht un-
. 5 ^ r y e I b. schweres Unwetter.) Mittwoch mittag ging im mittleren Fuldatal zwischen Knüll und Rhön ein schweres Unwetter mit Hagelschlag nieder. In Hersseld wurden die an Abgängen gelegenen Felder und Gärten zum Teil vollständig fortgespült. Riesige Wassermengen ergossen sich >n dw tiefer gelegenen Stadtteile und in die Keller. An Saaten und Gbstbäumen wurde großer Schaden angerich-
Der 20 Iahre alte Sohn und die l 5 jährige Tochter Gastwirtes Richard aus Willingshain, die am Fuße sMes Aussichtturms Schutz gesucht und dann den Turm stiegen hatten, um festzustellen, ob sich das Wetter oer*
habe, wurden vom Blitz getroffen. Das Mädchen war sofort tot, während der Bruder gelähmt wurde.
wesentlich gestiegen sind, so steht doch die Erweiterung der Preisspanne in keinem Verhältnis zu der Steigerung der Geschäftsunkosten Das zeigt sowohl ein Vergleich der Roggenpreise mit den Roggenbrotpreisen, der Schweinepreise mit den Schweinefleischpreisen, wie auch der Kuhpreise mit den Rindfleisch preisen, wobei zu bemerken ist. daß alle Angaben in den statistischen Schaubildern sich auf Berliner Verhältnisse beziehen. Zu demselben Ergebnis kommt man, wenn man den W e i z e n p r e i s mit ben Preisen für Weizen m e h l (Kleinhandelspreis) und Weizen r l e r n g e b a ck gleicht.
ver-
Weizen
Weizenmehl A Meßziffer 1913
B eigensten = 100
1925 . . .
127,5
127,5
137,5
1926 . . .
140,4
130,0
143,8
1927 . . .
139,8
145,0
158,4
1928 . . .
122,5
140,0
162,5
1929 . . .
119,0
136,0
152,7
1930:
Januar . s
129,3
137,5
158,3
Februar . . März . . .
122,6
137,5
158,3
126,3
134,5
158,3
Danach hat sich also seit 1913 die Preisspanne zwischen Weizen und Weizenkleingebäck um 32 v. H. vermehrt. Die Preisspanne zwischen Roggen und Roggenbrot ist sogar um 42,4 o H. gestiegen, die Preisspanne zwischen Schweinen und Schweinefleisch um 59,6 v. H. und zwischen Kühen und Rindfleisch um 38,3 v. H.
Diese Tatsachen beweisen, wo der Hebel anzusetzen ist, wenn trotz der endlichen Ungleichung der landwirtschaftlichen Erzeugerpreise an das allgemeine Preisniveau eine Steigerung der Kleinhandelspreise verhindert werden soll. Es muß endlich der Zustand beseitigt werden, daß der Zwischenhandel einen übermäßigen Gewinn auf Kosten der Landwirtschaft und der Verbraucherschaft erzielen kann. Die Teuerungspropheten besorgen, gewollt oder ungewollt, lediglich die Geschäfte einer kleinen Jnteressentengruppe, indem sie ihr den gewünschten Vorwand liefern, um sich dem notwendigen Abbau der übermäßigen Zwischenhandelsspanne zu entziehen.
Kuh preise *—
Die erstrebte Sta
ierung der landwirt- st vor allen Dingen einen
schaftlichen Erzeugerpreise
Grund hinfällig, der immer wieder ins Feld geführt wurde, wenn es galt, die größer werdende Preisspanne zu rechtfertigen. Die Unsicherheit der Preisverbältnisse wurde dazu benutzt, einen sogenannten Risiko- zuschlag über den notwendigen Gewinn hinaus zu erheben. Diese Verbraucher st euer — anders kann man diese Art von Preiskalkulation nicht bezeichnen —, wird sich in Zukunft nicht mehr rechtfertigen lassen. Allein ihr Abbau dürfte genügen, um die erstrebte Erhöhung der Erzeugerpreise für den Verbraucher mrffam zu machen.
um
Witzen hausen. Um sich einen Begriff von dem Riesenverkehr zu machen, der sich am Blütenfonntag (4. Mai) in Witzenhausen entwickelte, seien hier die Ziffern einer privaten Verkehrszählung angeführt. Danach wurden allein auf der Mündener Strafte 'von 6 Uhr 'früh bis 6 Uhr abends 1344 Autos (viersikig und mehr) gezählt, ferner 1600 Motorfahrzeuge bis zum Viersitzer, Fahrräder weit über 3000 und aus der Werra etwa 300 Paddelboote. Durch die IDalburger Strafte dürfte der Verkehr noch stärker gewesen sein.
— lvorms wird am 20. Mai von den französischen Truppen geräumt werden. Zur Abwickelung bleibt lediglich noch ein Kommando von sechs Gendarmen zurück.
Der Staalshaushallim preußischen Landtag.
Die zweite Lesung.
Berlin, 8. Mai.
Am Donnerstag leitete Ministerpräsident Dr. Braun die zweite Beratung seines Haushalts im Preußischen Landtag mit längeren politischen Ausführungen ein. Er äußerte sich zunächst zu den Angriffen wegen seiner Rede auf einer Kundgebung zur Erinnerung an die Niederschlagung des Kapp-Putsches am Volkstrauertag. Bei diesem Trauertag handele es sich mehr um eine Vereinsangelegenheit, als um eine allgemeine Volkssache. Der Ministerpräsident erklärte noch, daß der Mißbrauch evangelischer Kirchen zu Veranstaltungen im Sinne des Revanchegedankens und gegen die heutige Regierung nicht gerade dazu beitragen könne, die Verhandlungen über einen Vertrag zwischen dem Staat und der evangelischen Kirche zu fördern. (Aha! hört, hört rechts). Gleichwohl würden diese Verhandlungen mit Eifer fortgesetzt, so daß in nicht allzuferner Zeit greifbare Ergebniffe zu erwarten seien. (Zuruf: Hoff' oh du arme Seele!) Der Ministerpräsident rechtfertigte dann die Haltung der Staatsregierung im Falle der drei disziplinierten hannoverschen Landräte, die wegen ihres offenen Affrontes gegen die Regierung nicht länger in ihrem Amt hätte« belassen werden können. Zur Frage der Reichsreform erklärte der Ministerpräsident, entgegen den im Zusammenhang mit dem Preußischen Landtag auf Beseitigung des Paragraphen 35 des Finanzausgleichsgesetzes gegen Preußen erhobenen Vorwürfen, daß der Staatsregierung nichts ferner liege, als einen irgendwie gearteten Zwang auf die kleinen Länder auszuüben. Wenn man demgegenüber in Bayern davon gesprochen habe, daß dieses Vorgehen Preußens „eine Schande für Deutschland" sei, so müsse das mit aller Schärfe zurückgewiesen werden. Dem Reiche sei nicht damit gedient, daß es die zur Pflege des kleinstaatlichen Partikularismus leistungsunfähiger Länder auf Kosten des Reiches, also der anderen Ländern, künftig erhalten werde. Für Bayern bestehe am wenigsten Grund sich darüber auf- zuregen, da es hinsichtlich der Neberweisungen des Reiches bedeutend günstiger gestellt sei als Preußen.
Der Ministerpräsident wies dann die in außerpreußischen Ländern hervorgetretene Ansicht zurück, als ob durch die Aufwendungen für die Osthilfe dem Staate Preußen ein besonderer Menst erwiesen werde. Zu einem solchen Schluß könne man nur kommen, wenn man unberücksichtigt laste, daß Preußen unter dem Friedensvertrag am schwersten zu leiden habe. Geradezu grotesk mute es an, wenn jetzt auch Bayern an ber. Osthilfe beteiligt sein wolle. Eine offene Wunde bleibe nach dem Abzug der Besatzung aus dem Rheinland noch die Saarfrage. Die Uebernahme neuer Opfer für eine frühere Räumung der Saar könne man nicht verantworten. In solchen Fällen wäre es auch im Interesse der Saarbevölkerung besser, die im Versailler Vertrag gesetzte Frist für eine bedingungslose Uebergabe abzuwarten. Wenn eine Amnestie anläßlich der Befreiung der Rheinlande kommen sollte, so dürften die Fememörder nicht darunterfallen. In der Frage der Disziplinierung von Beamten, die sich an dem Volksbegehren gegen den Poung-Plan aktiv beteiligt haben, wäre es eine ganz unangebrachte Schwäche, wenn man jetzt von der Disziplinierung Abstand nehmen wollte (Lärm und Pfuirufe rechts, lebhafter Beifall bei den Regierungsparteien). Indeß würden die Staatsnotwendigkeiten stets das ausschlaggebende Motiv für die Regierung sein. (Lebhafter Beifall bei den Regierungsparteien.)
Abg. Schluchtmann (Soz.) wies darauf hin, daß im Hauptausschuß viele Dinge behandelt worden seien, die mit. dem Haushalt des Staatsministeriums kaum in Zusammenhang ständen, wie z. B. der Rundfunk. Offenbar habe man also an der Linie der preußischen Politik nicht viel auszusetzen gehabt. (Widerspruch rechts.) Die Politik müsse sich nach den Regierungsverhältnissen richten.
Abg. Steuer (Dn.) wandte sich dagegen, daß Staatsregierung und Staatsverwaltung zum Werkzeug reiner Parteipolitik geworden seien. Bei der Ernennung von Oberpräsidenten und Regierungspräsidenten habe man sich nur nach der Stärke der Regierungsparteien gerichtet. Ministerpräsident Braun habe einfach als Generaldirektor eines Jnteressentenkonzerns, der die Ansprüche der Teilhaber auf eienen Nenner bringe. (Unruhe und Unterbrechungen bei den Soz.) Die Ausführungen des Ministerpräsidenten über den Volkstrauertag bezeichnete der Redner als Entgleisung (Sehr richtig rechts) und forderte eine Umbildung der preußischen Regierung. Der Redner schloß: Stürzen Sie Braun — dann retten Sie Preußen! (Lebh. Beifall bei den Deutschnationalen.)
Abg. Grebe (Z.) äußerte sich zu der Haltung der Sozialdemo- kraten zum Kabinett Brüning und den sich daraus etwa für die Regierungskoalition in Preußen ergebenden Folgerungen. Er erklärte, wenn sich die Sozialdemokraten jetzt den innerpolitischen Konsequenzen des Aoung-Plans entziehen würden, so wäre das ein Verfahren, für das man aus rein staatspolitischen Gründen kein Verständnis aufbringen könnte. Wenn man sich aber die agitatorischen Formen besieht, die in der sozialdemokratischen Presse gegen das Kabinett Brüning seit Wochen beliebt werden, so könne allerdings keine Unklarheit darüber bestehen, daß dergleichen für ba« weitere staatspolitische Zusammenarbeiten der Koalitionsparteien in Preußen zumindest nicht förderlich ist. (Lebh. Hört! Hört!)
Ministerpräsident Braun erwiderte darauf, zu der Vermutung, daß die Sozialdemokratische Partei sich den innerpolitischen Konsequenzen des Poung-Planes entziehen wollte oder in Zukunft entziehen will, liege kein begründeter Anlaß vor. Die preußische Koalition sei schon Jahre hindurch bei mehrfach wechselnden Reichskoalitionen in verständnisvoller fruchtbarer Zusammenarbeit von Bestand gewesen, so daß sie auch durch die derzeitige Situation im Reichstage seines Trachtens nicht gefährdet zu werden brauche.
Abg. Schulz-Neukölln (Komm.) erklärte, die Kommunisten stünden nicht in dem Kretinismus des parlamentarischen Systems wie die Sozialdemokraten.
Abg. Stendel (DVp.) begrüßte das Versprechen des Ministerpräsidenten, daß die preußische Politik der Reichspolitik nicht abträglich sein solle. Den großen Worten von den Leistungen der Preußenregierungen sei entgegenzuhalten, daß sich die bisherigen Voraussagen, besonders auch die über die Verwaltungsreform, in
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