Nr. 14 (1. Blatt) Samstag, den 1. Februar 1930 82. Fahrg.
* Amtliche Bekanntmachungen
Landratsamt.
J.-Nr. 686- Der Herr Rreismedizinalrat wird am Diens« u tag, dem 4. Februar d. 3$. von 9 Uhr ab im hiesigen / Rreishause Sprechstunde halten.
Schlüchtern, den 28. Januar 1930.
m Der Landrat. J. v.: Schultheis. m | ---
te j J.-Nr. 728. Durch Verordnung des Herrn Regierungs- 'ix Präsidenten zu Kassel vom 22. Januar d. Js. (Reg. Amtsbl. S. 18) ist der Paragrapb 1 Abf. 1 der Verordnung zum Schutze bedrohter Tierarten vom 20. Juni 1929 (Reg. Amtsbl. H S. 156) in der Fassung der Verordnung vom 15. August 30 1929 (Reg. Amtsbl. S. 204) aufgehoben worden.
Jj r Nunmehr darf weibliches Rot- und Damwild (einschließ- P lich Wildkälber) im Regierungsbezirk Kassel vom 1. Februar und männliches Rot- und Damwild vom i.März 1930 ab erlegt werden. Bis zu diesen Zeitpunkten ist aber noch die ^ministerielle Anordnung vom 8. $?atr 929 (Reg. Amtsbl. S. 133) gültig.
ia Schlüchtern, den 29. Januar 1930.
d. Der Landrat: Dr. Müller.
M------------------------- uStadt SiHlüchtern.
Bekanntmachung.
Jn letzter Zeit häufen sich die Fälle, daß von Bäumen ^im Stadtwald, in der Hauptsache von jungen Fichten be- sonders von Edeltannen, Zweige und Zweigspitzen in ^rücksichts- und sinnloser Weise abgebrochen werden. Die ^so zugerichteten Bäume werden in ihrem Wachstum starb gehemmt und gehen in vielen Fällen ein. Nach der Poli- Mzeiverordnung des Herrn Ministers für Landwirtschaft, Do= länen und Forsten vom 20. Oktober 1928 — veröffent- icht in der Schlüchterner Zeitung Nr. 148 vom 11. De- mber 1928 — ist das Bbbrechen von Zweigen nur solch, ersonen gestattet, die im Besitze eines amtlichen verab- lgezettels sind. Uebertretungen werden in Zukunft gemäß 6 der genannten Polizeiverordnung streng bestraft. (Geld- afe bis zu 150 Rm. oder Haftstrafe bis zu 14 Tagen, fern nicht aus Grund anderer gesetzlicher Vorschriften eine chere Strafe verwirkt ist.)
Schlüchtern, den 28. Januar 1930.
Die Polizeiverwaltung: Gaenßlen-
Ausschreibung.
Die Beschaffung von Schulbänken und sonstigem Schul- öbel für die neue Volksschule soll vergeben werden.
i Programm, Zeichnungen pp. liegen im Stadtbauamt, iDchloßgasse 15, während der Dienststunden zur Einsicht "en.
Die Bngebote sind bis spätestens Montag, den 1 0. ebruar 1 930, vormittags l 0 Uhr dem Stadt- a u a m t verschlossen einzureichen.
Die Geffnung der Bngebote geschieht daselbst zu der ßorstehend festgesetzten Zeit in Gegenwart etwa erschienener Bewerber»
^uschlagserteilung bleibt vorbehalten.
Schlüchtern, den 30. Januar 1930.
Der Magistrat. Gaenßlen.
Notfalls Getreide-Monopol.
6m Donnerstag fand im Reichsernährungsministerium e Aussprache mit Vertretern der Landwirtschaft, des Ge- ireidehandels, des Mehlhandels und der Bäcker statt. Reichs- ^nährungsminister Dietrich führte, nach dem B. T. oor= ^nden Informationen u. a. aus, daß der Weizenver- ^ahlungszwang Erfolge gezeitigt und den deutschen IDei= nmarkt weitgehend unabhängig vom Busland gemacht che. Beim Roggen wäre die Situation ganz anders. K „Roggenlawine" habe unerträgliche Zustände geschaf- n. Don allen Seiten würden Vorschläge gemacht, mit m Siele, die übergroßen Vorräte abzubauen, etwa im ge des forcierten Exports. Demgegenüber sei zu sagen, o die nordischen Staaten insgesamt nur etwa 750 OOÖ Wen Roggen einzuführen pflegen, worin sich Deutsch- ud, Polen und nunmehr auch Rußland teilen müßten, rner werde ein Beimischungszwang (Roggenmehl zu Wei- ugebäck) und schließlich eine Rusmahlungsvorschrift für °99en verlangt. Rite diese Bnregungen würden geprüft, gend etwas müsse geschehen und werde geschehen, um Roggenproblem zu lösen notfalls durch ein Monopol. wurde über das neue Brotgesetz gesprochen, das ji r a- einen Brotdeklarationszwang enthalten soll.
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Der zurückgetretene Kultusminister Dr. Becker wird “ den nächsten Tagen eine längere Erholungsreise nach m Lüden antreten.
Hungermarsch nach Hamburg.
Verhaftung von drei Kommunistenführern.
Wie aus Neumünster gemeldet wird, ist es in der Nähe des Arbeitsamtes zu neuen Zusammenrottungen gekommen. Schutzpolizei griff ein und räumte die Straßen, wobei d r e i Kommunistenführer verhaftet wurden. Die Hauptstraßen in der Umgebung Neumünsters werden ununterbrochen von Polizeistreifen beobachtet, um die nach Hamburg unterwegs befindlichen Teilnehmer des Hungermarsches abzufangen.
Nach E l in s h 0 r n, das, wie man vermutet, von den Kommunisten als Sammelpunkt für die Teilnehmer am Hunger- marsch aus den umliegenden Städten ausersehen wurde, ist ebenfalls ein größeres Gendarmeriekommando gelegt, worden. In der weiteren Umgebung Hamburgs sind ähnliche Stützpunkte der Polizei und Gendarmerie eingerichtet worden, um den für Sonntag geplanten kommunistischen Hungermarsch nach Hamburg unmöglich zu machen.
Seit Donnerstag mittag ist es in der Hamburger Neustadt erneut zu Zusammenstößen zwischen Kommunisten und der Polizei gekommen. Besonders. in den Kohlenhöfen rotteten sich wieder größere Menschenmenge zusammen, die die Polizei schwer bedrohten. So räumte die Polizei unter anderem den großen Neubau des Deutschnationalen Handlungsgehilsenverbandes am Holsten-Platz auf, vom Janhagel mit größeren Eisenstücken und Steinen beworfen. Die Ruhestörer wurden über den Holstenwald nM dem Zeughausmarkt abgedrängt. Die Polizei mußte außer dem Gummiknüppel verschrcdcMlich auch von der Schußwaffe Gebrauch machen. Ob Tote oder Verletzte zu beklagen sind, steht zur Zeit noch nicht fest.
Wie man von der Polizeibehörde erfährt, ist es den Polizei» Beamten gelungen, die Ruhe überall wieder herzustellen.
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Kommunisten und Reichsmarine.
Kiel, 31. Januar. Ueber die kommunistische Wühlarbeit in der Reichsmarine gibt ein Bericht des Kieler Stationskomman- danten Aufklärung, in dem es über die in Kiel ermittelten Vorgänge u. a. heißt: Im Oktober 1929 wurde dem Stations- ftymmando beLmnt,. daß es angeblich Koomutyjstew in einem galt gelungen ist, in der Reichsmarine Fuß zu fassen. Die daraufhin in enger Zusammenarbeit mit dem Kieler Polizeipräsidium angestellten Beobachtungen ergaben, daß die KPD. eifrige Bemühungen aufwendet, um mit Marineangehörigen in Verkehr zu kommen. So haben auf einer kommunistischen..Sylvesterfeier im Dezember 1928 verschiedene Marineangehörige teilgenommen. In verschiedenen als kommunistisch bekannten Kreisen wurden häufig Marineangehöriae im Gespräch mit Kommunisten beobachtet. Aus Aeußerungen eines kommunisti» schenFührers konnte ferner angenommen werden, daß die KPD. infolge ihrer eifrigen Zersetzungsarbeit bereits mehrere Vertrauensleute habe-
18 Tote bei einer keffelexplofisn.
Acht Opfer Mitglieder der gleichen Familie.
Eine große italienische Motorbarke kenterte beim Fischfang in den Gewässern von Korfu infolge einer Kesselexplosion.
Von der aus 20 Mann bestehenden Besatzung, die aus dem Orte Mola bei Bari stammt, konnten nur zwei Mann gerettet werden. Acht der Ertrunkenen gehören der gleichen Familie an.
Die Militärischen Sachverständigen verlassen Deutschland.
Der D. B. Z. zufolge ist es der Reichsregierung gelungen, in Verhandlungen mit der Botschafterkonferenz durch - zusetzen, daß die besonderen militärischen Sachverständigen abberufen werden, die in den letzten Jahren nach Buslösung der Interalliierten Militärkommission einzelnen Berliner Vertretungen unserer ehemaligen Kriegsgegner beigegeben worden waren. ■— Diese Sachverständigen werden bereits am Sonnabend, dem 1. Februar, Berlin endgültig verlassen.
Milliouenvcrluste der Berliner Verkehrs A.-G.
Berlin, 31. Jauuar. Die Verkehrs A.-G. der Stadt Berlin hat vor längerer Zeit bei einer Großfirma dreihundert Straßenbahnwagen bestellt, die nach einer Mitteilung in der Fachpresse unbrauchbar sind, weil schwere Konstruktionsfehler vorliegen. Der Schaden der Berliner Verkehrs A.-G. soll sich auf mehrere Millionen beziffern.
— Nachforschungen nach dem seit Samstag verschollenen französischen Flugzeug, das den Dienst zwischen Nordafrika und Südamerika versah, find ergebnislos verlaufen.
— In amtlichen Washingtoner Kreisen wird bekannt, daß Gates McGarrah in den nächsten Tagen vom Amt des Vorsitzenden der Federal Reserve Bank New Aork zurücktreten wird, um die Präsidentschaft der Tributbank in Basel zu übernehmen.
—In der Provinz Cordova in Argentinien sind vier Personen durch einen Wirbelsturm getötet worden»
— Jn Hamburg kam es Donnerstag kurz vor Mitternacht zu weiteren Zusammenstößen zwischen Polizei und Kommunisten, Die Kommunisten hatten in der Wexstraße Hindernisse aus Bauplanken und Steinen aufgerichtet, von wo aus die Polizei beschossen wurde. Die Polizei machte datier ebenfalls von der Schußwaffe Gebrauch. Gb Personen verletzt worden sind, ist der Polizei bis jetzt noch nicht bekannt.
Einigung in London.
Ein englisch-französisches Kompromiß.
Die englisch-französischen Besprechungen über den franzö- sischen Kompromißvorschlag haben zu einer weitgehenden Einigung geffihrt. Von dem französischen Ministerpräsidenten Tardieu wurde die bestimmte Ueberzeugung ausgesprochen, daß der französische Kompromißvorschlag mit gewissen Aenderungen schließlich von allen anderen Mächten angenommen würde.
Ministerpräsident Tardieu wird, wie verlautet, am Freitag London verlassen und die Abordnungsführung Briand übertragen. Auf Grund der letzten Antwort ist man in französischen Vertreterkreisen so optimistisch, daß mit dem Ende der Konferenz bereits für die Zeit zwischen dem 25. Februar und 1. März gerechnet wird.
Der Inhalt.
Ueber den Inhalt des englisch-französischen Kompromisses zur Begrenzung der Flottenrüstungen macht der diplomatische Mitarbeiter des „Daily Herold* Mitteilungen. Danach sehe fdas Kompromiß grundsätzlich vor, daß Großkampfschiffe und. Flugzeugmutterschiffe in einer Klasse, Kreuzer mit einer Bestückung von 20 ew-Geschützen in einer anderen Klaffe und leichte Kreuzer, Flottillenführer und große und kleine Zerstörer in einer anderen Klaffe zusammengefaßt würden. Innerhalb der Grenzen, der jedem Land in diesen Klassen zugeteilten Tonnage solle völlige Bewegungsfreiheit herrschen, was insbesondere für die dritte Klasse wesentlich sei.
Die Einbeziehung von Unterseebooten bis etwa 600 Tonnen in die Begrenzung werde von Frankreich nach wie vor abgelehnt, während durch das Fehlen von großen Unterseebooten in dem Kompromiß vorläufig eine der allerwichtigsten Fragen ausgelassen sei. Die nun stärker in Angriff genommenen amerikanisch-japanischen Verhandlungen, für die England ^eine Art Vermittlerrolle übernomen hat, werden zunächst noch auf der Grundlage geführt, daß Japan an seiner Omoten- ßvtß'erung von 10:7 für schwere Kreuzer gegenüber Amerika festhält und für Unterseeboote die Beibehaltung seiner gegenwärtigen von etwa 80 000 Tonnen vorschlägt.
Die Haager Ergebnisse und das belgische Parlament.
In der belgischen Kammer verantworteten Jaspar und Hymans die Ergebnisse der Haager Konferenz. H y m a n s wies auf die Vorteile hin, die aus der Kommerzialisierung der deutschen Schuld für Belgien erwüchsen, sowie des weiteren auf das Mark- abforiunen, dessen Abschluß eine wesentliche Besserung der Beziehungen zwischen Deutschland und Belgien herbeigeführt habe. Das Haager Ergebnis sei ein Beweis dafür, daß die Politik, die man mit dem Noung-Plan verfolgt habe, die einzig mögliche für den Wiederaufbau Europas sei. Ministerpräsident Jaspar behandelte hierauf eingehend die finanzielle Seite der Haager Abmachungen, wobei auch er insbesondere auf die Vorteile einging, die der Doung-Plan für Belgien gegenüber dem Dawes-Plan mit sich bringe.
Die Liquidation des deutschen Eigentums in Belgien habe 665 Millionen Franken erbracht, deren Reinertrag in Höhe von 335 Millionen Franken Belgien ganz und gar zugute komme. Der Sozialist Vandervelde stellte hierauf mit Befriedigung fest, daß auf die Politik der Gewalt endgültig verzichtet worden sei. Die Abschaffung der Reparationskommission stehe im Widerspruch zu Artikel 430 des Versailler Vertrages. Hierüber freue er sich jedoch, weil dies eine Revision dieses Vertrages bedeute. Diese Erklärung Vanderveldes rief stärkstes Aufsehen hervor.
Die große Koalition in Preußen gescheitert
Die Vottspartei lehnt ab.
Die volksparteiliche Fraktion des Preußischen Landtages hat in ihrer Sitzung am Donnerstag mittag beschlossen, den Vorschlag des Ministerpräsidenten Braun, in das Preußenkabinett einzutreten, und den Posten des Handelsministers und eines Ministers ohne Portefeuille zu besetzen, als unzureichend ahzpse-Mn.
Aetherbetäribnng im Eisenbahnzug.
Hamburg, 31. Januar. Wie der „Frankfurter Zeitung* aus Elmshorn gemeldet wird, sind dort im Abteil eines von Ham- burg kommenden Vorortzuges sechs weibliche Fahrgäste bewußtlos aufgefunden worden. Alle sechs wurden dem Krankenhaus zugeführt,, wo man feststellte, daß sie sich in einem Aetherrausch befanden. Von den Erkrankten konnte eine wieder entlassen werden, während die übrigen noch im Krankenhaus verbleiben mußten. Es wurde festgestellt, daß einer der Frauen der Handkoffer fehlt, während der anderen im Schlaf die Ohrringe abgezogen wurden. Man nimmt an, daß die Aetherbetäubung durch zwei Männer vorgenommen worden ist, die sich in der Nähe des fraglosen Abteils auffällig bemerkbar gemacht hatten.
■*-* Herauffetzung der Altersgrenze für Hochschullehrer. Der Unterrichtsausschuß des Preußischen Landtags nahm mit den Stimmen der Rechtsparteien, der Wirtschaftspartei und des Zentrums einen Gesetzesantrag der Zentrumsftaktion auf Her- äuffetzuM b« Wersgrenze für Hochschullehrer auf 68 Jahre an.