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Ungleiche Schwestern.

Roman von Anny von Panhuys.

Copyright by Greiner & Co., Berlin NW 6

(Zortsetzung 11)| Nachdruck verboten

Aber davon wußte niemand und brauchte niemals jemand etwas zu wissen, sonst hätte man ihn wohl heim- lich verspottet und bemitleidet. Das aber durfte nicht geschehen, das Hütte er nicht ertragen.

Robert Normann wünschte, daß sogleich eine kleine Verlobungsfeier stattfünde. Die große offizielle hätte ja Zeit, aber ein paar Gläser guten Weins könne man schon heute vertragen, meinte er.

Stefan von Hornstein nickte strahlend.

Ich könnte es auch gar nicht abwarten, mein Glas an das deine klingen zu lassen, Maria, und auf unser Wohl zu trinken!"

Maria mußte lächeln, es war so etwas Jungenhaftes in Stefaus Wesen, das gefiel ihr.

Frau Therese eilte hinaus, um Anordnung zu einer guten Mahlzeit zu geben, und bald saß man denn bei­sammen, und Stefan von Hornstein ließ sein Glas, in dem Schaumwein perlte, an das Marias klingen.

Frau Therese sagte:Ihr werdet gewiß sehr glück­lich miteinander werden!"

Hermann Stinner blickte in ernstem forschenden Fragen zu dem jungen Ingenieur hinüber.

Stefan bemerkte dieses plötzliche scharfe Beobachten mit einem unangenehmen Gefühl.

Ihm dünkte in den Augen des Fabrikherrn eine ver­stohlene Drohung zu liegen, und er fand doch keinen Grund dafür. Förmlich quälend verfolgte ihn die Frage, bir er sich endlich gewaltsam davon löste und sich klar- machte, daß er ein Narr war, der überwältigt und ein wemg überreizt von der Fülle dieser reichen, glückspenden- den Stunde, Gespenster sah.

Frau Therese war wohl die fröhlichste der kleinen Tafelrunde, ein geheim gehegter Herzenswunsch war ihr heute in Erfüllung gegangen, schneller noch, als sie gehofft. Ein Hochgefühl hob ihre Brust. Alles im Leben war ihr bisher zum Guten ausgeschlagen, und es war ein Weg zur "Höhe gewesen, seit Klein-Maria ihre Tochter ge­worden.

Es wurde spät, ehe man sich an diesem Abend trennte.

Stefan reichte Maria immer von neuem abschied- nehmend die Hand. Wenn Hermann Stinner nicht wie ein Wächter danebengestanden, hätte er sie wohl geküßt, so aber kam er nicht dazu. Es war ihm peinlich, vor diesen klugen, ernsten Augen seinem Verlangen nachzugeben.

Direktor Normann und dessen hübsche Frau hätten ihn nicht im geringsten gestört.

Neben dem Fabrikherrn verließ er das Haus und blieb ihm auch noch ein Stück Weges zur Seite.

Hermann Stinner wohnte in der Nähe seines Direktors, und Stefan von Hornstein geleitete ihn bis heim. Er war durch das ihm so plötzlich in den Schoß gefallene Glück erregt und hätte seinem Vorgesetzten am liebsten von Maria vorgeschwärmt, aber er wagte kein Wort, sondern wartete ab, welches Thema der Fabrikherr anschlagen würde.

Hermann Stinner aber schien nicht die geringste Lust zu verspüren, irgendeine Unterhaltung zu beginnen. Schweigsam schritt er neben ihm, brummte einmal, es sei hundekalt, um gleich wieder in das alte Schweigen zu versinken.

Bor der Tür des Hauses, darin er ein Stockwerk inne- hatte, blieb er stehen.

Gute Nacht, Herr von Hornstein, und nochmals viele gute Wünsche!"' Die grauen kühlen Augen bohrten sich zwingend-in die Augen des andesen.Ich möchte Ihnen noch etwas sagen, Herr von Harnstein, und ich bitte Sie, es mir nicht übel zu vermerken."

Der junge Ingenieur verneigte sich.

..Bitte, Herr Stinner, ich bin ganz Ohr."

MÄM-Nachrichten.

Mittwoch, den 1. Januar. 910: Morgenfeier von der Evan- Hel. Landeskirche zu Frankfurt a. M. 1111.30: Von Leipzig: Der Mensch als Gestalter der Zukunft", Vortrag von Pros. Driesch. 1213: Schallplattenkonzert: Die Mailänder Scala. U: Bon Stuttgart: Märchen im Winter. Ausführende: Ernst St»ckinger, Käte Mann u. a. Das Rundfunkorchester. Leitung: Gnstav Görlich. 15: Klavier-Konzert. 15.30:Christus-Legende" vo« W. W. Knoeckel, Vortragender: Der Autor. 16: Konzert des z^ndfunkorchesters. 18: Von Stuttgart:Ernst Barlach, der Gott­sucher (zu seinem 60. Geburtstag)", Vortrag von Dr. Curt Elwen- spsek. 18.30: Von Stuttgart: Kleine Klavierstücke. 19.15: Sport­nachrichten. 19.30: Orgel-Konzert. 20: Konzert. 21.3022.45: Bon Stuttgart: Neujahrskonzert, Märsche und Tänze berühmter Master. 231: Aus dem Konditorei-CafeCafasö, Mannheim: Tanzmusik der Kapelle Otto Zeller.

Donnerstag, den 2. Januar. 6.30: Wetterbericht und Zeit- «m-sb«. Anschließend: Morgengymnastik. 12.15: Schallplatten- Kn-ert. 15.1515.45: Stunde der Jugend. 1617.45: Von Stuttgart: Konzert des Rundfunkorchesters, 18.05:Presse und Rundfunk", Gespräch zwischen Redakteur Arnet, Baberadt, Chef­redakteur Gorrenz und Dr. Paul Laven. 18.35:Friedrich Liszt", Vortrag von Dr. K. A. Meißinger. 19.05: Französischer Sprach­unterricht, erteilt von Rektor I. Stehling. 19.30: Schallplatten­konzert: Aus älteren Operetten. 20: Aus dem großen Saal des Saalbaues: Konzert Hugo - Kaun - Abend. 21.3022.30: Unter­haltungskonzert eines Orchesters arbeitsloser Berufsmusiker, ver- anstaltet vom Arbeitsamt Frankfurt a. M. 22.4524: Aus dem Rumpelmayer: Unterhaltungsmusik der Kapelle Bernd Buchbinder.

Freitag, den 3. Januar. 6.30: Wetterbericht und Zeitangabe. Anschließend: Morgengymnastik. 12.15: Schallplattenkonzert: Tschechische Musik. 13.1513.30; Werbekonzert. 15.1515.45: Stunde der Jugend. 1617.45: Konzert des Rundfunkorchesters. 18.05:Rückblick und Ausblick auf die Wirtschaftslage Deutschlands beim Jahreswechsel", Vortrag von Dr. Köbener. 18.35:Der deutsche Bordfunk-Offizier" von Obertelegraphensekretär Müller, Hechingen. 19.05:Marie Curie-Slodowsja, die Radium- ^tideckerin", Vortrag von Dr. Elgar Kern, Heidelberg. 15.30: Ein Abend in Paris, eine Hörfolge von Fritz Bayha und H. W. A. Schoeller. 2122.15: Internationaler Programm- DuStausch. 22.30: Funkstille.

Samstag, den 4. Januar. 6.30: Wetterbericht und Zeitangabe. Anschließend: Morgengymnastik. 13: Werbekonzert. 13.15: Schall- .piattenkonzert: Tanz vor 25 Jahren. 14.1514.50: Bon Stutt­gart: Jugendstunde. 15.1515.45:Verschollene Vorläufer", Bor-

Wie schwerfällig dieses Gebaren des sonst doch gar nicht schwerfälligen Vorgesetzten war. Hermann Stinner beabsichtigte doch nicht etwa, ihm hier mitten in der Nacht, nach der vergnügten Verlobungsfeier, etwas Unangenehmes wegen einer Zeichnung oder dergleichen zu sagen? Dazu wäre Ort und Stunde doch wahrhaftig schlecht gewählt.

Hermann Stinner nickte.

Gut, Herr von Hornstein, ich will Sie nicht lange aufhalten sondern Ihnen nur sagen, daß Sie alles daran setzen sollen und müssen, Maria Normann glücklich zu machen, ich gebe acht!"

Stefan von Hornstein fand erst gar keine Antwort, so verblüffte ihn der kurze, wie ein Befehl gesprochene Satz. Wenn Robert Normann so zu ihm geredet hätte, so wäre das in der Ordnung, aber von Hermann Stinner fand er es etwas merkwürdig.

Wenn der Fabrikherr jünger gewesen war, konnte er beinahe auf Eifersucht schließen, so aber Er lächelte, Stinner mochte sich wirklich in so einer Art vonGutem- Onkel-Verhältnis" zu Maria befinden, und daraus dieses Beschützerrecht über sie, das er für sich in Anspruch nahm, gerieften.

Mit dem Fabrikherrn aber mußte er sich auf alle Falle gut stehen.

Lächelnd und doch ernst gab er Antwort:Ich habe Maria sehr lieb, und sie soll den Tag, da sie sich mir versprach, nie bereuen!"

Hermann Stinner drückte ihm die Hand.

Ich danke Ihnen, nun gute Nacht, Herr von Harn­stein!"

Er schloß das Haus auf und verschwand.

Der junge Ingenieur ging schnell weiter, er wunderte sich, daß Hermann Stinner mit diesem kurzen Gutenacht­gruß abbrach und damit tat, als wäre ihm die Antwort ziemlich gleichgültig. Zum ersten Male, seit er in der Stinnerschen Fabrik angestellt war, fand Stefan von Horn­stein den Vorgesetzten unverständlich.

Aber er zerbrach sich den Kopf nicht weiter darüber, er sann lieber dem köstlichen Geschenk nach, das ihm heute geworden.

Maria Normann, die weiße Maria, war seine Braut. In Kürze sollte es schon bekanntgegeben werden. Wie man ihn beneiden würde! Die unverheirateten Kollegen und alle die Männer, die Maria den Hof gemacht hatten. Er war der Glückliche, den sie unter so vielen, die ihr huldigten, erwählt.

Ein leeres Droschkenauto kam ihm entgegen, er rief den Führer und nannte seine Wohnung, ^hn fror, und er verspürte keine Lust mehr, in der Kälte bis an die nächste, sich am Bahnhof befindende Trambahnhaltestelle zu gehen.

Das Auto sauste dahin und Stefan von Harnstein lehnte bequem in den Polstern und beschwor noch ein­mal die Eindrücke des heutigen Abends herauf. Himmel Herrgott, welch ein seliger Mann er doch war! Maria ward die Seine, der Anfang und das Ende alles Denkens war das.

Schade, daß er heute nicht mehr seine Frage bei ihr hatte anbringen können, die Frage nach ihrem Geheimnis.

Denn darüber mußte er Klarheit haben.

Morgen würde er aber erfahren, wie das so seltsam und befremdend anmutende nächtliche Erlebnis zusammen- hing.

'Das Auto raste jetzt förmlich, der Führer schien seinen Fahrgast bald los werden zu wollen, er sehnte sich wohl nach dem Bett.

Stefan von Harnstein blickte durch die Scheiben. Wie der Teufel fuhr der Mensch, unheimlich rasch. Eben über­holte das Auto eine elektrische Bahn, die dieselbe Richtung einhielt. Stefan von Hornstein blickte zufällig in das Innere des Wagens. Er war beinahe leer, nur in der einen Ecke saß eine schlanke, dunkel gekleidete Gestalt, unter ein- fachem Hut drängten seitlich ein paar blonde Löckchen her­vor. doch das Gesicht war mit einem dichten Schleier bedeckt.

Stefan von Hornstein erschrak bis ins Innerste. Da

trag von Prof. H. Ph. Weitz. 16: Sinfonie-Konzert des Stadt. Kurorchesters Wiesbaden. 1617.45: Aus dem Kurshans Wies­baden: Konzert des Stadt. Kurorchesters. 18.05:Der Stern von Bechlehem", Vortrag von Prof. Edmund Sittig. 18.35: Stunde des Arbeiters. 19.05: Spanischer Unterricht, erteilt von Tura Heierhoff. 19.30: Von Stuttgart: Violinkonzert Georg Beerwald- 20.15: Von Stuttgart: Streifzug durch den Aether, Fernempfangs­versuche von Schloß Solitude. 21.1522.15: Von Stuttgart: Herr und Frau Biedermeier. 22.30: Von Stuttgart: Schlager­stunde. 23.30: Aus dem Pavillon Exzestior, Stuttgart: Tanz­musik der Kapelle Charlie Moshack. 0.301: Von Stuttgart: Kurzwellenübertragung von Kanada.

Das Oberamt, das Kupfermünzen beleidigen.

Durch die Presse war Anfang November die Nachricht gegangen, daß ein Automobilist mit einer Ungebührstrafe von 10 Mark durch das Oberamt Gtzislingen bestraft woWen war, weil er eine Geldstrafe von 11 Mark durch Uebersenden einer Schachtel mit Ein- und Zweipfennig-Kupfermünzen be­glichen hatte. Das württembergische Ministerium des Innern hat auf seine Beschwerde nunmehr folgendes geantwortet:

Mit der Achtung vor dem Pfennig hat die Angelegen­heit nichts zu tun. Wenn Sie einen Lebensmittelhandel kleinsten Umfanges betreiben würden, wäre die von Ihnen beliebte Zahlungsweise einigermaßen verständlich. Nach den Aufdrucken auf Ihren Eingaben sind Sie aber im Besitz von Nahrungsmittelfabriken in Karlsruhe und Hamburg und haben, zwei Postscheckkonten sowie verschiedene Bankkonten. Bei einer solchen Ausdehnung und Einrichtung eines Ge­schäftsbetriebes ist die Begleichung einer größeren Schuld in Hunderten von Pfennigstücken nicht üblich, und ich darf wohl annehmen, daß diese Zahlungsart auch in Ihrem Ge­schäft nicht Brauch ist. Unter diesen Umständen durfte das Oberamt Geislingen unbedenklich davon ansgehen, daß es Ihnen bei der Einsendung der Pfennigstücke' nur um eine Belästigung und Verhöhnung der Behörde zu tun war. Das Oberamt hat Sie deshalbmit Recht" in eine Ungebühr- Strafe genommen."

Orthographie.

Elternabend in der fünften Klasse einer Gemeindeschule. Der Lehrer berichtet, sichtlich bedrückt, daß die Kinder durch­weg so schlecht und falsch schreiben. Darauf erhebt ein Vater seine Stimme:Wohär solln die Gindr das auch gönn! Geen Mensch schreibt so wie er schhricht. De Frau sacht: Junge, hol

saß ja Maria wieder, wie in jener Nacht, genau so wie damals gekleidet.

Das war ein Spuk, das war eine tolle Vision!

Wie konnte sich denn Maria so schnell umziehen? Das blieb doch völlig unverständlich.

Er wollte das Auto halten lassen, wollte zu Maria ein­steigen, sie zur Rede stellen. Denn dazu besaß er ja nun ein Recht. Es durfte ihm nicht gleichgültig sein, daß sie als seine Braut so phantastisch anmutende Dinge tat. In welch böses Gerede konnte sie sich bringen, wenn sie einmal ein Bekannter traf, den die einfache Kleidung und der ver­mummende Schleier ebensowenig täuschten wie ihn. Ehe er aber halten lassen konnte, war das Auto schon ein großes Stück weitergerast, und da es endlich hielt und er den Führer abgelohnt, fuhr eben die elektrische Bahn völlig leer an ihm vorbei. Da stand er nun und nannte sich selbst einen Esel, weil er sich so lange besonnen.

Weil hinter ihm lag die alte Mainzer Warte, und bis er an die Haltestelle der Straßenbahn zurückgelaufen, wo Maria ausgestiegen sein mußte, war sie doch schon ver­schwunden.

Aergerlich und verstört suchte er sein kleines Heim auf. Aber die halbe Nacht plagte er sich damit ab, auszudenken, wie Maria es fertig gebracht, so rasch die Kleidung zu wechseln und in die Elektrische zu kommen.

Auch mustte sie doch fürchten, ihn darin zu treffen, denn es war die letzte Trambahn, die hier hinausfuhr.

Maria kann nichts Böses, nichts Häßliches tun, das war der Gedanke, der ihm schließlich einen Teil seiner Ruhe wiedergab, und der über dem Chaos seines zer­rissenen Grübelns wie eine weiße Taube schwebte.

So schlief er gegen Morgen endlich ein, matt und müde und mit bohrendem Kopfschmerz.

Anders, ganz anders als er gedacht, endete der schöne Abend, und im Traum ängstete und marterte ihn das feine Spottlächeln seiner weißen Maria.

* *

*

Stefan von Hornstein besaß in der Fabrik ein eigenes Arbeitszimmer, kaum war er diesen Morgen eingetreten, klopfte es, und gleich darauf stand Hermann Stinner auf der Schwelle.

Guten Morgen, Herr von Hornstein, bitte behalten Sie Ihren Ueberzieher nur gleich an, denn Sie müssen mit dem nächsten Zug nach München. Eben ist eine Depesche eingelaufen, daß Ingenieur Zimmermann, der die Aufstellung unserer an die Firma Moidling geliefer­ten Stanzmaschinen leitet, plötzlich schwer erkrankt ist und sofort ein anderer Herr seine Stelle vertreten muß. Ich habe sofort an Sie gedacht, da keiner der anderen Herren für die Sache recht in Frage kommt."

Stefan von Hornstein erblaßte.

Herr Stinner, ich möchte Sie dennoch bitten, einen meiner Kollegen zu beauftragen, Herrn Busch zum Bei­spiel."

Er konnte jetzt doch nicht fort, jetzt, da er vor allem die ihn wie Feuer brennende Frage an Maria richten mußte.

Der Fabrikherr schüttelte mit einem leichten Stirn­runzeln den Kopf.

Ingenieur Busch ist zurzeit unabkömmlich, er arbeitet an der neuen kleinen Sägemaschine, an der er bedeutende Verbesserungen anzubringen gedenkt." Es klang schroff. Freundlicher fuhr der Sprecher fort:Ich vsrmag W" begreifen, weshalb Sie gerade jetzt nicht gerne verreisen, aber in so wichtigen Fällen, mein lieber Herr von Horn- stern, muß sich die Liebe eben bescheiden, denn über alles die Pflicht! Ich werde Maria die Wichtigkeit Ihrer plötz­lichen Reise erklären, und das dürfte genügen. Im übrigen sind Sie in ungefähr vier bis fünf Tagen wieder zurück und können dann Ihr junges Bräutigamsglück noch ge- nüaenv auskokten."

(Fortsetzung folgt.)

mir mal ne Zivvel aus'n Geller! ^är Junge muß aber schreiben: Zewiebel! Wohär soll er'n das gönn? De ganze Gramatig nn de Orthographie muß geändert werden... warum soll se ooch nich? Wir ham ja ooch geen Gaiserreich mehr!"

Der reumütige Taschendieb.

Aus Warschau wird geschrieben: Es ist nicht zu leug­nen: Als Journalist genießt man allerhand Vorteile und Ehrungen. Nicht überall und nicht geradezu in allen Kreisen, aber immerhin, es gibt tröstlicherwe'ise doch hie und da Leute, die die Vertreter dieses Berufes zu schätzen wissen. Beispiel: In Lodz ist einem Redakteur auf der Straße in einwandfreister und talentvollster Weise die Brieftasche gestohlen worden. Der Mann, dem dies geschah, war untröstlich; denn außer dem nicht geradekapitalistischen" Betrag von 100 Zloty enthielt die Tasche Paß, Legitimation und andere Dokumente persön­licher Art. Solche Papiere kann man allerdings wieder er= sehen. Aber in der Zeit, in der man von einem Amt zum anderen, von einem Schalter zum anderen wandert und Stunden und Tage auf die Erledigung wartet, kann selbst ein noch so schlecht bezahlter Journalist hundert Zloty verdienen. Also schrieb der Bestohlene in sein Blatt, der Herr Taschen­dieb möge ihm doch die Papiere zurücksenden und als Be­lohnung die 100 Zloty behalten. Was aber geschah? Nun, der Dieb schrieb einen höflichen Brief, in dem er sagte, er habe leider nicht gewußt, daß es ein Journalist gewesen sei, den er sanft von seinem Portefeuille befreite. Er sende deshalb mit dem Ausdruck des Bedauerns und der Entschuldigung die Dokumente zurück. Leider habe er die 100 Zloty selbst augen­blicklich dringend nötig, aber er lege einen Scheck in gleicher Höhe, der das Giro bester Häuser trage, als Gegenwert bei. Welch ein prachtvoller Dieb! so möchte man ausrufen. Und wie ausgezeichnet er sich der Geschäftslage in Lodz anzupassen weiß, wo schon seit Monaten kein Mensch mehr mit Bargeld, sondern nur mit Wechseln bezahlt.

Nur Deutsche in der Leitung der deutschen Heilsarmee.

Der General der Heilsarmee, Edward I. Higgins, hat ven bisherigen Chefsekretär für Norwegen, Oberst Henry Bower, zum deutschen Chefsekretär ernannt. Damit ist zum ersten Male die gesamte Leitung der Heilsarmee in Deutsch­land nur mit Deutschen besetzt. Gleichzeitig wird bekannt- gegeben, daß Deutschösterreich, das bisher mit der Tschechoslo­wakei und mit Ungarn zusammen verwaltet wurde, dem deut­schen Kommandeur unterstellt wird.