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Nr. 1

(1. Blatt) 7 -^ Mittwoch, den I. Januar 1930

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Amtliche Bekanntmachungen

L a n d r a t s a vt t.

Landespolizeiliche Unordnung.

Ruf Grund des § 30 des §eld- und Lorstooli^eigssekes vom 1. April 1880 in der Fassung ber Bekanntmachung vom 21. Ianuar 1926 (GS. S. 83) wird für dss^Negierungsbe- .zirk Kassel folgendes angeordnet:

Eigentümer, Nutznießer und Pächter bebauter Grund­stücke. Laaer- und Sckuttvlätze, Baustellen, Parkanlaaen und Sriedböfe. die Vorstände von Laubenkolonien und die Inhaber einzelner Lauben und Gartengrundstücke oder die gesetzlichen bezw. bevollmächtigten Vertreter dvAr vertonen sind vervflichtet, an Tagen, die von den Landräten, in Stadtkreisen von den Grtsvolizeibehörden, bestimmt be­kannt gemacht werden, wirksame Rattenoertilgungsmittel an geeigneten Stellen der ihnen gehörigen oder von ihnen gepachteten Grundstücke usw. auszulegen.

§ 2.

Die näheren Bestimmungen über das Verfahren bei d^r allgemeinen Nattenvertilgung und auch darüber, auf welche Gebietsteile sich die jeweilige polizeiliche Anordnung er­strecken soll, werden jedesmal rechtzeitig vorher von den Landräten, in den Stadtkreisen von den Grtsoalizeibebör- den bfüanntgeaeben. Die Nichtbeachtung dieser B"stimmun- gen unterliegt die Bestrafung nach § 4 dieser Unordnung.

von der in § 1 festgesetzten v^oflichtung sind nur die­jenigen befreit, die einen Kammeriäger ober einen ande­ren, auf dem Gebiete der Nattenvertilgung bewährten Fachmann mit dem Huste gen des Natlenvertilgungsmittels an den für die Nattenvertilauna bestimmten Tagen be­auftragen und dies durch die Bescheinigung des Beauftrag­ten .der Polizeibehörde nachweifen

§ t

Zuwiderhandlungen geaen die vorstehenden Vorschriften unterliegen den in § 30 Rbf. 2 des Leid- und ^orstvolizei- gesekes vom 1. Rpril 1880 in der Raffung der Bekannt-

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SliirNifcheZ Jahresende.

An der deutschen Wasserkante.

In den letzten Tagen ist ein Sturmtief vom Atlantik her gekommen, das über Schottland nach den Shetland-Jnseln ge­zogen ist und seinen weiteren Kurs nach dem Nordmeer nahm. Das Sturmtief hat den außerordentlich tiefen Kerndruck von 715 mm. Da über Spanien ein höherer Druck herrschte, ent­standen starke Druckgegensätze über den britischen Inseln. Diese veranlaßten, daß atlantische Luftmassen mit sehr hoher Ge­schwindigkeit nach dem europäischen Kontinent geschleudert wurden, die Nordwestdeutschland passierten und über die Elbe drangen.

Im Laufe des Sonntag-Nachmittags hat im Nordsee-Küsten­gebiet und auf der Elbe erneut stürmisches Wetter eingesetzt. Hamburg hatte Böen bis zu 33 Sekm. Stärke. Die Teutsche Seewarte in Hamburg hatte Sturmflutwarnungen erlassen. An der schleswig-holsteinischen Westküste war der Wasserstand 2 m über Normal. Hamburg hatte bei Höchstflut am Montag früh gegen 4 Uhr eint» Wasserstand von etwa 6 Meter über Ham­burger Null.

Wie die Deutsche Seewarte am Montag vormittag mitteilt, besteht die Sturmflutgefahr für die schleswig-holsteinische West­küste noch unvermindert fort. Die niedrig gelegenen Häuser im Hamburger Hafen sind durch Drängwasser gefährdet.

Der Orkan zerstört eine Kirche.

In Dortmund stürzte die im Bau begriffene Kirche der Petri-Nicolai-Gemeinde infolge des Sturmes ein. Der Kircheu- neubau, der aus Eisenbeton ausgeführt wird, war bereits bis zur Höhe von 30 m gediehen. Der Rohbau des Kirchenschiffes mitsamt dem Chor ist wie ein Kartenhaus zusammengestürzt und bildet eiueu-wüsten-Trümmerhaufen. Nur die Rohkon- struktion der Taufrapelle und der Sakristei blieb unversehrt. Der Schaden wird auf 50= bis 60 000 Mark geschätzt. In Münster wurde u. a. der etwa 20 m hohe Schornstein einer Gekrerdrmühle umgelegt. Auch ein großer Neubau, der im Eisen- gsrüst bereits stand, wurde vom Sturm vollständig umgelez Die an der einen Seite des Baues bereits fertige Steuer würd.

82. Jahr«.

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^Wz nicbercelegt ^Berfor.

xr' » nicht herfriit

Auf dem badischen Feldberg.

machung Strafen.

Kassel

Dom 21. Ianuar 1926 (®S. S. 83) vorgesehenen (R II. 6133 a/29.)

am 13.

12. 1929.

Der Neg.-Präsident.

I.-Nr.

11623.

Der tjerr Kreismebirmatrat wird am

Dienstag, dem 7. Januar n. Js. von 9 Uhr ab im hiesigen Kreisbause Sprechstunde halten.

Schlächtern, den 30. Dezember 1929.

Der Sandrat. 3. D.: Schultheis.

Kreisausschufr.

Freiwillige Ganitatskolonne Schlüchtern und Umgebung.

Die Kolonnen-Mitglieder mache ich darauf aufmerksam, daß der nächste Nusbildungs-Unterricht am Sonntag, den 5. Ianuar 1930, Nachmittags 3 Uhr im Kreistagssaal bierfetbft stattfindet. Um vollzähliges Er­scheinen der Mitglieder wird gebeten.

Schlüchtern. den 30. Dezember 1929.

Der Vorsitzende des Mänmrvereins vom Roten Kreuz. " Dr. Müller.

Gtaatl. Kreise u. Forfftasfe.

Tqb.-Nr. 1900. Die Kasse bleibt an nachfolgenden Rb= schlußtagen des Kalenderjahres 1930 für jeden Verkehr ge­schlossen.

25. 1. 1930

25.

7.

1930

22. 2. 1930

25.

8.

1930

25. 3. 1930

24.

9.

1930

17. 4. 1930

25.

10.

1930

29. 4. 1930

24.

11.

1930

24. 5. 1930

24. 6. 1930

23.

12.

1930

Kassenständen an den übrigen Wochentagen von SVabis 12V2 Uhr.'

Zahlungen können ferner auf das Konto der Kasse Nr. 6762 beim Postscheckamt in Frankfurt a. M., das Neichs- bankgirokonto hei der Neichsbankstells in Lulda ober das Konto Nr. 260 bei der Stadtsparkasse in Schlüchtern gelei­stet werden. ;

Schlüchtern, den 30. Dezember 1929.

Kartte.

vor dem Rathaus in Köln und an verschiedenen Stellen der Stadt kam es zu Zusammenrottungen. Die Polizei ging gegen die Demonstranten vor und verhaftete mehrere Rädelsführer. In der Bolzengasse gab die Polizei einige Schüsse ab, durch die ein Demonstrant leicht ver­letzt wurde. Etwa 30 Personen wurden zwangsg'estellt.

Die orkanartigen Stürme traten auch im Hochschwarzwald in außerordentlicher Stärke auf. So gingen heftige Sturmböen über das Feldbergmassiv hinweg, die von Regen- und Schnee­schauern und zeitweise auch Hagelschlag begleitet waren. Der Kamm des Gebirges war fast den ganzen Tag in dichten Nebel gehüllt.

Von dem Feldberg-Observatorium der Badischen Landes­wetterwarte wurden Windstöße von bis zu 36 Sekundenmetern gemessen. Der in erheblichen Mengen gefallene Neuschnee mürbe auf dem freien Kamm wieder völlig verweht, so daß die Schneedecke überall große Lücken ausweist. Der Winter- sportverkehr hielt sich daher am Sonntag in mäßigen Grenzen.

In Belgien.

Aus allen Teilen von Belgien werden schwere Sturm­schäden berichtet. Das Dach der Sankt Gudula-Kirche in Brüssel ist zum größten Teile abgedeckt worden. Im Walde von Soignes bei Brüssel hat der Sturm zahlreiche alte Bäume entwurzelt. An vielen Stellen sind die Telegraphenstangen auf die Gleise gestürzt und machen jeden Verkehr unmöglich. Das schwere Steinkreuz auf der Kirche St. Henri in Brüssel ist herabgesetzt.

Eines der Türmchen der Kirche in Gosselies bei Charle- roi wurde vom Sturm glatt abgerissen. In Mousron wurde ein Arbeiter von einem Klavier erdrückt, das er aus einen Roll­wagen geladen hatte, den der Sturm umstürzte. Ueberallher wird berichtet, daß Personen durch herabstürzende Schornsteine und Dachziegel verletzt wurden. In den Häfen von Antwerpen und Ostende wurden viele Schiffe beschädigt.

Die Sturmverwüstungen in England. .

Der über 36 Stunden über die ganze englische Küste und große Teile des Innern hinwegfegende Sturm hat überall schweren Schaden angerichtet. Die Anlagen der britischen Kurz- wellenfuukstation, die den Verkehr mit Amerika vermittelt, sind Park in Mitleidenschaft gezogen worden.

In der Gegend von Market ist das deutsche Motorschiff Hermine" gestrandet. Die Besatzung wurde durch einen eng­lischen Küstendampfer gerettet. Sie bestand aus acht Mann mit ; cm Kapitän, mit seiner Frau und einem fünf Jahre alten Kind. Der Dampfer hatte sich auf dem Wege von Newhaven nach Ant- werpen befunden, als er von dem Sturm in der Nacht zum Sonntag erfaßt wurde. Die Anßenwändc wurden außervrdnU- lich schwer beschädigt, und als das Wasser in großen Mengen in das Schiff eindrang, gab die Besatzung Rakctennotsignalr.

Hus Rmarillo in Texas wird berichtet, daß ein Zlugzeug, das kurze Passagierflüge unternommen hatte, beim letzten ^lug kurz vor der Landung aus etwa 65 Meter abstürzte. Htle fünf Insassen wurden getötet.

Der Welsenschatz war von dem Herzog von Braun= schweig und Süneburg an ein Konsortium von Kunsthänd­lern verkauft worden, doch hatte sich der Herzog bereit erklärt, von diesem vertrage zurückzutreten, wenn Hannover den Welsenschatz übernehmen wolle. Die Gesamtbelastung für die Stadt Hannover hätte ungefähr 10 Millionen Mark betragen. Das Bürgervorsteherkollegium lehnte diesen Rn= trag ab, so daß der 'welsenschatz wahrscheinlich für Deutsch­land verloren sein dürfte.

Die Wellyollül 1929.

rD Ärs Jahr fing verheißungsvoll an: im Januar mv.be die Einberufung einer Sachverständigenkonferenz über die Reparationsfrage beschlossen, umden Weltkrieg end­gültig zu liquidieren". Kurz darauf wurde außerdem der ein halbes Jahrhundert alte Konflikt zwischen Vatikan und italie­nischer Regierung durch den sogenanntenLateranvertrag" bei­gelegt, ferner wurde ein fast ebenso alter Zwist zwischen Chile und Peru auf friedlichem Wege endgültig bereinigt. Schließlich ist zu erwähnen, daß Svwjetrußland sich nicht nur bereit er­klärte, den Kelloggschen Kriegsächtungspäkt zu unterschreiben, sondern daß es auch von sich aus die Initiative ergriff, um diesen Pakt für den europäischen Osten sofort in Kraft treten zu lassen.

Soweit die Anzeichen, die zu Beginn ches Jahres eine fried­liche Entwicklung der weltpolitischen Probleme erwarten ließen. Aber es geht bekanntlich in der Politik wie in der Natur: nicht alle Blütenträume reifen. Das gilt insbesondere für die Entwick­lung des Reparationsproblems während des ver­gangenen Jahres. Zwar trat die Sachverständigenkonferenz schon im Februar in Paris zusammen und mühte sich Wochen, ja Monate hindurch ab, um ihre Aufgabeendgültige Liquidie­rung des Weltkrieges" zu erfüllen. Aber es gelang ihr nur, einen neuen Reparationsplan den Uoung-Plan avfzusteuen und dessen Annahme den Regierungen zu empfehlen. An die Sachverständigenkonferenz schloß sich sodann die Haager Konferenz der Regierungen, die aber ebenfalls kein end­gültiges Resultat erzielen konnte, so daß das R.'parationsprob.lcm auch am Ende des Jahres 1929 noch ungelöst ist. Auf einer zweiten Haager Konferenz, die in den ersten Tagen des neuen Jahres beginnen soll, will man versuchen, ein Definitivum zu er­zielen, das dann allerdings immer noch der Bestätigung der einzelnen Parlamente bedarf. Auch dann scheint uns aber der Weltkrieg immer noch nicht endgültig liquidiert zu sein dazu gehört außer der Kriegsentschädigungsfrage doch noch sehr viel anderes!

Doch fahren wir in der weltpolitischen. Chronik des Jahres gegen den König Aman Ullah; er endig« mit Aman Allahs Niederlage und Flucht nach Europa. Haöib Ullah ließ sich zum König ausrufen, konnte sich aber auch nur einige Monate halten. In <Sp a n i en revoltierten Offizierskreise und Studenten gegen das Regime des Diktators Primo de Rivera, hatten aber keinerlei Erfolg. Ferner entstand im Februar ds. Js. ein ernster Grenz- konflikt zwischen den südameri'kanischen Staaten Bolivien und Paraguay, der eine Zeitlang in einen richtigen Krieg auszuarten schien. Durch Vermittlung der Nachbarstaaten wurde der Konflikt aber schließlich beigelegt. Große Aufstände gab es' auch in Mexiko, was freilich in diesem Land nichts Außer-' gewöhnliches ist.

Eines der sensationellsten Ereignisse des Jahres trat im Juni ein: der Ausbruch eines schweren Konflikts zwischen Sowjet- r u ß l a n d und China. Aeußerlich war der Konflikt dadurch hervorgerufen, daß die Chinesen im sowjetrussischen General­konsulat in Charbin (Mandschurei) bei einer Haussuchung aller­hand Material über angebliche bolschewistische Propaganda in China fanden. Es kam zum Abbruch der diplomatischen Be­ziehungen zwischen Rußland und China, zum Aufmarsch mobili­sierter Streitkräfte an der russisch-chinesischen Grenze, zu be­waffneten Zusammenstößen zwischen einzelnen Truppenteilen, zu russischen Bombenflügen auf chinesisches Gebiet und allerhand anderen, schon recht ernsten Kriegshandlungen. Erst gegen Ende des Jahres wurde eine vorläufige Einigung erzielt, nachdem mehrere Vermittlungsversuche anderer Mächte ergebnislos ver­laufen waren. In China selber flammten die Bürgerkriege wieder auf. Ob es sich nur um Rückfälle in den revolutionären Zustand, wie er in den letzten Jahren in China bestand, handelt, oder ob es der Präsidentschaft Dchiang Kai-scheks tatsächlich noch nicht gelungen ist, das große Land wieder zu einigen und zu be­ruhigen, muß erst die Zukunft lehren.

Die europäischen Großmächte haben fast durchweg ein­schneidende Wandlungen ihrer Regierungen erlebt. In Eng­land mußte die konservative Regierung Baldwin einem Kabinett der Arbeiterpartei mit MacDonald an der Spitze weichen, weil die Arbeiterpartei bei den Parlamcntswahten einen sehr großen Erfolg davongetragen hatte. Viel beachtet wurde MacDonalds Reise zu dem amerikanischen Präsidenten Hoover, die den Vor­besprechungen der Flottenabrüstung galt. Im Anschluß an diese Besprechungen lud England zu einer F l o t t e n k o n f e r e n z nach London auf Ende Januar 1930 ein. Inzwischen haben zur Vorbereitung dieser Konferenz mancherlei Vorverhandlungen stattgefunden, bei denen sich zeigte, daß insbesondere Frankreich von einer Flottenverminderung nicht viel wissen will In Frankreich trat im Juli Po arä von der Ministerpräsident­schaft zurück, und Briand übernc. m das fast unveränderte Mini­sterium, an dessen Spitze dann im Spätherbst Tardieu trat, während Briand das Außenmimstecium beibehielt. In O e st e r- reich folgte dem Kabinett Scipel die Regierung Streeruwitz, die aber bald wieder zurücktrat, um dem jetzigen Kabinett Schober Platz zu machen. Diesem gelang in kurzer Zcii die vorher viel- umkämpfte Verfassungsresorm.

So war die Weltpolitik im Jahre 1929 recht ereignisreich und bedeutungsschwer. Das neue Jahr wird es alle Anzeichen denteA darauf hin nicht minder sein. Möge es unser Vaterland auf dem Wege zu seiner Befreiung und Wiederaufrichtung einen Schritt weiterbringen!