Nr. 99 (1. Blatt) Samstag, den 17. August 1929 81. Iahrg.
Amtliche Bekanntmachungen
Landratsamt.
I.-Nr. 7026. Unter Bezugnahme auf meine Verfügung Lm 5. Juni d. Js. — Nr. 4866 — Lchlüchterner Zeitung 68 mache ich die Herren Bürgermeister nochmals darauf aufmerksam, daß die Schöffenlisten nach vorheriger vorschriftsmäßiger Auslegung bis zum 1. September d. 3s. an das zuständige Amtsgericht einzureichen sind. Schwcht-M, den 14. August 1929. '
Der Landrat. 3. D.: Schultheis.
; 3.4lr. 7312- Die Herren Bürgermeister bezw. Schul- sverbandsvorsteher, denen meine Verfügung vom 30. v. M. — Nr. 6751 , betr- Nachprüfung der Friedens- mietwerte der Lehrerdienstwohnungen zugegangen ist, werden an deren sofortige Erledigung erinnert.
| Zolls bis zum 22. d. Mts Keine gegenteilige Mitteilung hier eingegangen ist, nehme ich an, daß die Schulverbände mit den vorgeschlagenen Friedensmietwerten einverstanden sind. , Zchlüchtern, den 15. August 1929.
■ Der Landrat. 3. V.: Schultheis.
Stadt Schlüchtern.
Bekanntmachung.
Zur das Rechnungsjahr 1929 werden folgende Zuschläge als Gemeindesteuern erhoben:
275 % zur staatlich veranlagten Grundvermögenssteuer, 400 % zur Gewerbesteuer vom Ertrag,
800 o/o zur Gewerbesteuer vom Kapital.
Zur die in Schlüchtern unterhaltenen Filialbetriebe erhöhen sich obige Sätze der Gewerbesteuern gemäß der öeschlüsse der städtischen Körperschaften vom 2. 12. März 1928 um 20 °/o, mithin für die Gewerbeertragssteuer auf M-^ >upch.üie KßwerbeKapitalstMx a^^bö ' >. , ^ Die Zuschläge sind durch den Bezirksausschuß in ht .c, genehmigt und durch den Herrn Oberpräsidenten zugelassen worden.
Zchlüchtern, den 15. August 1929.
Der Magistrat: Gaenßlen.
Stadt Steinau.
Bericktigung.
Die in voriger Nummer bekanntgemachte Grundsteinlegung zum Fabrikgebäude der Firma V. Wolf ist verschoben worden.
Steinau, den 15. August 1929.
Der Magistrat.
W lMWMderHäager Konferenz.
Neue Verschärfung der Lage. — Snowden und London. — Amerika und die englische Politik. — Die Rheinland- kommission. — Die Besatzungskosten. — Der französische ^eneralstatz und die Räumung. — Der Prinz als Zaungast.
Drohende Wetterwolken.
. In den Verhandlungen im Haag ist eine neue Berschär-- m eingetreten. Die französischen Vorschläge zur Beilegung Meinungsverschiedenheiten sind von der englischen Ab^ "rdnung als völlig ungenügend bezeichnet worden. Snowden bat an den Präsidenten des Finanzausschusses, Houtard, ein Weiften gerichtet, in dem er fordert, daß in der nächsten Sitzung des Finanzausschusses am Samstag eine endgültige Stellung zu den englischen Forderungen herbeigeführt werde.
London ist sehr zufrieden.
Der Verlauf der Haager Verhandlungen in den letzten Stunden hat in London starke Befriedigung hervor- gerufen. In politischen Kreisen wird der Lauf der Dinge als Mer Erfolg Snowdens gefeiert. Der Haager Korrespondent „Evening Standard" stellt fest, daß Frankreich, Italien und Belgien seit Samstag praktisch tn allen Dingen dem Vor- R Snowdens nachgegcbcn hätten.
Eine amerikanische Unterstützung Snowdens.
. Der diplomatische Berichterstatter des „Daily Telegraph" die Weigerung des amerikanischen Bankiers Lamont, dem M "ach deru Haag zu folgen, als eine Unterstützung des bri- Standpunktes aus. Das Ersuchen an Lamont sei von M^ischer, belgischer und italienischer Seite ausgegangen habe das ausgesprochene Ziel gehabt, den amerikanischen kn r 3U beranlaffen, einen Druck auf deu englischen Schatz- Wer Snoivden auszuüben. Lamont sei nach eingehender z "P"g der Lage zu der Ueberzeugung gesammelt, daß er . diesem Konflikt zwischen den ausländischen Regierungen hz t^'uer Eigenschaft als privater amerikanischer Staats- 80r nicht intervenieren könne.
v .weiter hört der Berichterstatter, daß die amerikanische -Mrung nicht geneigt sei, auf der Haager Konferenz gegen
Großbritannien aufzutreten, da Großbritannien als einziges der amerikanischen Schuldnerländer seinen Schuldenverpflich- tunge« nachgekommen sei und insgesamt 76 v. H. aller Schul, denverpflichtungen abzahle, gegen nur 50 oder 20 v. H. der anderen Alliierten.
Räumungsansichten des französischen Generalstabes.
Die Sorge, daß Briand in der Räumungsfrage zu wohes Entgegenkommen zeigen werde, läßt beut „Echo de Paris", dem Blatt des französischen Generalstabes, keine Ruhe. Pertinax verlangt, daß der Ministerpräsident nicht sie geringste Verpflichtung übernehme oder die geringste Versprechung hinsichtlich der Räumung mache. Eine voreilige Freigabe würde Frankreich der Gnade seiner Gegner aus- setzen. Die Räumung fei erst zulässig, wenn der Doung-Plan unterzeichnet sei. Es stehe den Deutschen und Engländern frei, von einer Räumung bis Weihnachten zu sprechen.
Frankreich müsse solange wie erforderlich am Rhein bleiben. Es sei wünschenswert, wenn die belgischen Freunde ebenso verführen. Die Rheinlandarmee fei das beste Werkzeug in der Hand Frankreichs. Sie dürfe sich daher nicht verlieren und in der Gesamtheit des französischen Heeres aufgelöst werden. Das erfordere lange und schwierige Bearbeitungen.
Der Reichskommissar für die besetzten Gebiete nach dem Haag.
Der Reichskommissar für die besetzten Gebiete, Botschafter Freiherr Langwerth von Simmern, und fein Stellvertreter, Dr. Graf A d e l m a n n sind ant Donnerstag zur Teilnahme an den Verhandlungen nach dem Haag abgereist.
Die Krise geht unverändert weiter.
Zwischen den Gläubigernationeu wird noch immer der Handel um die deutschen Tributleistungen mit unveränderter Hartnäckigkeit fortgeführt. Die in der Besprechung zwischen der französischen, belgischen, italienischen und japanischen Abordnung im großen erzielte Einigung über das Angebot, das man England nun machen will, scheint wieder stark in Frage gestellt zu sein, da neuerdings die italienische Delegation sich •V 5 das einsam linste weigert, irgendwelcher M.nderung ihres im Aoung-Plan vorgesehenen Anteils zuzustimmen. Auch die Japaner erklären, nicht in der Lage zu sein, etwas von ihrem Jahresanteil von 12 Millionen Mark abzugeben. Versuche, eine Befriedigung der englischen Forderungen auf Kosten der .kleinen Rationen zu erreichen, stoßen gleichfalls auf große Schwierigkeiten. -Ein Brief Snowdens an den Präsidenten des Finanzausschusses hat jedenfalls eine neue Verschärfung der Krise, in der sich die Konferenz von Anfang an befindet, hervorgerufen. Es tritt jetzt immer deutlicher zutage, daß die Versuche Frankreichs, die englischen Wünsche auf Kosten anderer Mächte zu erfüllen, fast jede Aussicht verloren haben und daß jetzt Frankreich darüber zu entscheiden hat, ob es auf seine großen Gewinne aus dem Boung- Plan verzichten oder die Konferenz scheitern lassen will. Das ist die Schicksalsfrage der Konferenz.
Die Engländer unzufrieden?
Das B. T. meldet aus dem Haag: Die Krise, die durch den englisch-französischen Quotenftreit entstand, ist wieder einmal akut geworden, und die englische Delegation sowie auch die französische und die belgische sind pessimistischer als je zuvor. Nach Ansicht der Engländer sind die Zugeständnisse der kontinentalen Gläubigermächte so unzureichend, daß sie diese ohne Zögern als völlig unannehmbar bezeichnet haben. Da andererseits Loucheur im Namen der französischen Delegation erklärt haben soll, es sei den kontinentalen Gläubigermächten unmöglich, England weiter entgegenzukommen, läßt sich im Augenblick nicht übersehen, wie die Dinge sich weiter entwickeln werden. 3n englischen Kreisen spricht man wieder einmal von Vertagung und Abreise, und zwar diesmal offenbar mit etwas größerer Ueberzeugung. Aber auch jetzt darf man wohl hoffen, daß jede Möglichkeit einer Vermittelung zwischen den streitenden Parteien ausgenutzt. werden wird.
Aehnlich äußert sich der Lokalanzeiger. Das Blatt sagt, es ergab Fühlungnahme mit Snowden, daß der englische Schatzkanzler die Angebote für ungenügend hielt. Die englische Delegation hat ihren Standpunkt in später Abendstunde bekanntgegeben. Snowden betonte, falls man keinen bestimmten Vorschlag, so wie es verabredet sei, am Freitag machen könne, hätte es keinen Zweck, am Sonnabend eine Sitzung der Finanzkommission einzuberufen. Das bedeutet ziemlich klar wieder die Androhung der Abreise. Auch die Italiener haben die Lage wieder verschärft, indem Grandi äußerte, für ihn sei die Haager Konferenz am Sonnabend zu Ende.
Frankreich verlangt keinen deutschen Verzicht?
Der Berliner Börsenkurier meldet aus dem Haag: Herr Loucheur teilte den französischen Journalisten mit, daß Frankreich nicht beabsichtige, sich von Deutschland den frühen Rückzug durch einen verzicht abkaufen zu lassen. Er schließe sich nicht der Anregung Hendersons an, daß Deutschland bei seinen Claims, d. h. bei seinen Ansprüchen aus den Besatzungsschäden eine Geste mache, in dem es hier auf Zahlungen verzichte.
Ergebnis der Woche
fit. fit. Am zehnten Jahrestag des neuen Deutschen Reiches, des republikanischen Reiches, steht das deutsche Volk im Endkampf um seine Freiheit. Im Haag kämpfen heute die Vertreter des deutschen Volkes mit den Vertretern der anderen Völker. Nicht ein Einzelinhaber der Staatsgewalt steht hinter den deutschen Delegierten auf dieser Konferenz, sondern das deutsche Volk, das sie gewählt hat. Diese Vertreter Deutschlands sind nicht einer Einzelpersönlichkeit verantwortlich, sondern sie sind es dem ganzen deutschen Volk gegenüber. Nicht nur den Anhängern und Trägern des republikanischen Gedankens gegenüber, sondern gleicherweise auch gegenüber den Gegnern dieser Staats- auffassung. Denn aus beiden setzt sich die deutsche Volksvertretung zusammen, die im Reichstag ihren Ausdruck findet, dem die deutsche Regierung allein verantwortlich tft. Das Ergebnis der Haager Konferenz bedarf somit der Zustimmung des deutschen Volkes, des alleinigen Trägers der deutschen Souveränität.
In diesem Gedankenkreis liegt der tiefste Sinn der neuen deutschen Verfassung eingeschlossen. Ein- gefchlossen in ihm liegt selbst das Volksbegehren, bas von Gegnern der republikanischen Staatsverfassung vorbereitet wird. Sie dokumentieren damit selbst die hohe Pflicht, die eine republikanische Verfassung von jenem Staatsbürger fordert.
Diese hohe Pflicht fordert von jedem Staatsbürger heute, sich hinter die Männer, die im Haag verhandeln, zu stellen, durch Willenskundgebung ihre Stellung zu stärken. Denn was sie wollen, ist, was jeder Deutsche wollen muß, die endliche Befreiung deutschen Landes und deutscher Volksgenossen von allem, was der Krieg ihnen nach dem Waffengang an Unbill auferlegt hat. Sie verlangen, daß endgültig festgelegt wird, was das deutscher Volk an Geldeswert zu leisten hat, entsprechend der Verpflichtung, die es übernommen hat. Es will befreit fein von der Willkür der Forderungen aus blauen Wünschen heraus, ohne Maß und Ziel. All das endlich Lur Lrhandlung. Traurig, daß es erst m 4r ahre nach dem Kriege geschehen kann: Traurig, daß es überhaupt noch geschehen muß. Als das deutsche Volk die Waffen in die Hände der Feinde gab, als es durch Uebernahme der eigenen Verantwortlichkeit in feiner neuen Staatsverfassung zum Ausdruck brächte, daß es bereit ist, dem allgemeinen Frieden der Welt zu dienen, glaubte es hoffen zu dürfen, daß die Ideen der Wilson-Punkte in großzügiger Weise bei den Friedensverhandlungen alle Angelegenheiten regeln würden. Es braucht nicht mehr gesagt zu werden, wie fern die Bestimmungen von Versailles einer solchen Regelung blieben. Mit dem gleichen Plan ging das deutsche Volk daran, durch Uebernahme der harten Verpflichtung an und durchAusführung auch der unsinnigsten Bestimmungen seine Bereitschaft zu zeigen, mit allen anderen Völkern am Aufbau des durch den Krieg zerstörten Europa mitzuarbeiten. Wird das Ergebnis der Haager Konferenz ihm nun den endgültigen Frieden bringen?
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Es muß ihn bringen! Denn allzusehr erkennen auch die anderen Völker, daß bei dem augenblicklichen Zustand nicht nur das deutsche Volk zugrunde gehen müßte, sondern mit ihm auch die übrigen Völker. Der Wunsch einer endgültigen Regelung war nicht nur in der deutschen Politik der Träger des Handelns, sondern in der ganzen internationalen Politik. Es geht ihnen allen schlecht. Bei den verschiedenen Auseinandersetzungen über die finanziellen Fragen zeigte es sich zum Erstaunen, daß sie alle an denselben Wunden leiden, die der Krieg den europäischen Staten wirtschaftlich geschlagen hat. Nicht so sehr der Krieg selbst. Die Zerstörungen waren bald wieder aufgebaut. Aber die Folgen des Krieges in der Welt. Woher die Arbeitslosen in den großen Industrieländern? Woher in Ländern wie Frankreich das Ersticken an der eigenen Fülle? Der Absatz fehlt. Die Länder, wohin Europa hauptsächlich seine Waren ausführte, produzieren heute selbst ebensogut wie die europäischen Länder. Ja, sie führen sogar schon nach Europa aus. Kann jemand sich vorstellen, daß heute Indien die feinsten Luxuslederwaren fabriziert und nach Europa exportiert? Von Japans Export ganz zu schweigen!
Und nun soll ein einziges Land noch ungeheuere Summen zahlen? — Die hochweisen Politiker der sogenannten alliierten Gläubigerstaaten brauchen sicher das Geld sehr notwendig, um dem furchtbaren Budget auf die Beine helfen zu können. Darin sind sich alle einig. Darin verstehen sie sich alle. Aber woher soll Deutschland diese Summe nehmen? — Bekanntlich wachsen auf den deutschen Bäumen ebenso wenig die Goldstücke wie anderswo. Deutschland muß sich das Geld erarbeiten, es sich verdienen. Im eigenen Land diese ungeheueren Summen? — Deutschland hat aber nur ein ganz bestimmtes Volksvermögen, womit es seinen eigenen Bedarf decken kann. Wenn es mehr verdienen will, um abgeben zu können dann bleibt ihm nichts anderes übrig, als feine Arbeitsprodukte zu verkaufen. Arbeiten kann das deutsche Volk, Werte schaffen. Aber diese Werte müssen in Geld umge- setzt werden, müssen verkauft werden an andere, die sie kaufen wollen. Ans Ausland. Hier trifft die deutsche Mehrware aber teils auf einen unwilligen Markt, der eben viele Produkte nicht brauckt, teils aber auf den Markt ter»