#t. 58
Schlüchterner Zeitung
2 Blatt
! Polen liquidiert!
r Unter den Willkürmaßnahmen, die die Friedensvertrage L {>ic früher geordneten Rechtsbeziehungen der Völker ein- Lfjibrt haben, ist eine der schlimmsten und verwerflichsten das I Recht zur Beschlagnahme und „Liquidation" des Privateigentums von Angehörigen der früheren Kriegsgegner gewesen. Milliarden-Beträge sind dadurch den einzelnen beteiligten Gruppen des deutschen Volkes und seiner Gesamtheit verloren gegangen; ungeheure Werte sind im Wege der Auktion von Grundstücken, Firmenrechten, Patenten, Warenzeichen, von überseeischen Siedlungen, in denen die Arbeit und die Ersparnisse von Jahrzehnten steckten, und mcht -uleht von deutschen Schiffen und im Ausland ruhendem Rutschen Kapital unnütz, oder vielmehr zum Vorteil privater Erwerber, verschleudert worden. Das allmählich wiederkeh- rende Rechtsbewußtsein und die Besorgnis um die üblen Folgen hat langsam und zu verschiedenen Zeitpunkten die Gesamtheit unserer ehemaligen Kriegsgegner zu der Erkenntnis geführt, daß dieses „Recht" ein ungeheuerlicher Bruch aller Gepflogenheiten und internationaler Rechtsauffassungen ge- wesen ist, und daß damit ein Ende gemacht werden muß. Aus dieser Empfindung heraus ist das amerikanische Frei- aabegesetz trotz aller Widerstände der Interessenten geschaffen worden; aus dieser Erkenntnis heraus haben fast alle ande- i ren Staaten, nicht zuletzt auch Frankreich, auf Liqui- i bationen verzichtet, wenigstens insoweit sie nicht bereits durch- ' aefiihrt waren; nur in England, und zwar gegen den Widerstand eines beträchtlichen Teiles der öffentlichen Mei- ; nung, ist die Frage noch in der Schwebe.
P o l e n hat n i ch t zu unsern Kriegsgegnern gezählt, sondern verdankt feine Wiedererstehung der Initiative der t Mittelmächte. Dennoch ist es durch Artikel 297 usw. des Ver- ' sailler Vertrages ebenfalls berechtigt, die Liquidation deutschen privaten Eigentums vorzunehmen. Und es hat von diesem Recht zu einem früheren Zeitpunkt in rücksichtsloser Weise Gebrauch gemacht; in um so rücksichtsloserer Weise, als es sich ■ hier um Deutsche handelt, die auf ihrem eigenen Grund und Boden saßen und durch die Friedensverträge zwangsweise in i das polnische Gebiet und unter polnisches Recht überführt ^worden sind, also durch die Enteignung ihres Grundbesietzes laus ihrer angestammten Heimat vertrieben wurden. Auge- fsichts des Sturmes der öffentlichen Meinung und der seit Jahr fund Tag schwebenden Bemühungen um einen Ausgleich der ^beiderseitigen Interessen hat Polen aber in den letzten Jahren hut wenige, gewissermaßen zur Wahrung des Rechtsanspruchs fdienende, Liquidationen vorgenommen. Jetzt auf einmal kün- sdigt der polnische Staatsanzeiger die Liquidation einer ganzen jReihe größerer und kleinerer Objekte, in zwei Ausgaben k 11 e i n 33 Liquidationsbeschlüsse und ein Ver- ftaufsausgebot an. Im elften Nachkriegsjahr — nachdem fast «alle anderen Mächte, auch soweit sie wirklich als Kriegsgegner Ansprüche gegen Deutschland haben, freiwillig auf dieses sitten- swidrige und grausame „Recht" verzichtet haben! Man versteht (jetzt, warum in Polen das korrekte Verhalten der Reichs- iregierung, der preußischen Regierung und der ganzen öffent- slilhen Meinung Deutschlands in dem bedauerlichen Oppel - ner Zwisch enfall verschwiegen und warum aus inefem (Einzelfall der Vorwand für eine ganz unglaubliche Deutschen-- fbetze gemacht worden ist! Denn offensichtlich hat man diesen sZwischenfall zu einer Aufputschung der öffentlichen Meinung Hn Polen mißbrauchen wollen, um daraus einen Vorwand für ■bie Erneuerung des groben Rechts- und Vertrauensbruches .hcrzuleiten, als welchen sich jede Liquidation fremden Privat- seigentums, ganz besonders aber diejenige angestammten und [ererbten deutschen Grundbesitzes in Polen für das Rechts, lempfinden jedes anständigen Menschen jeder Nationalität k kennzeichnet.
Polen wird sich dadurch, auch außerhalb Deutschlands und jauch in den Ländern, die früher mit uns im Kriege gestanden haben, und es dennoch für richtig und notwendig hielten, aus !dieses Racherecht zu verzichten, in seinem Ansehen und in seiner Beurteilung eine schwere Beeinträchtigung zuziehen. Es genügt nicht, wenn man bei jeder geeignet dekorativen Gelogen- jheit den Willen zum Frieden und zur Verständigung im Munde
führt und mit der Tat dann die gegenteilige Gesinnung beweist. Und es ist die unvornehmste Art des politischen Kampfes, wenn jemand den Schwächeren. der in seine Hand gegeben ist, entgelten läßt, was er dem stärkeren Gegner antun möchte.
von der deutschen Marine.
Die Flotte von der Spanienreise zurück.
Wie aus Wilhelmshaven gemeldet wird, ist die deutsche Flotte in der Nacht zum 11. Mai wieder auf der Reede der Jade entgeht offen und hat damit die Spanienreise beendet. Am Samstag schleusten die großen Linienschiffe „Schleswig-Holstein" und „Schlesien" ein, die Torpedoboote folgten, während die Schiffe der Ostseestreitkräfte vom Flotten- chef nach ihrem Heimathafen Kiel beordert worden sind.
Der Eindruck, den die Flotte in Spanien gemacht hat, ist wie üblich gut gewesen. Für die neuen Torpedoboote „Wolf", „Möve", „Albatros", „Greif" und „Kondor" hat die Reise, die in erster Linie eine Ausbildungsfahrt mit vielen Uebungen war, erscherte Bedingungen gebracht, die von den Booten gut erfüllt worden sind.
Wieder eine Familieniragödie im Odenwald.
Mord und Selbstmord.
„Der Landwirt Ludwig Walther von Schönnen hat durch Erhängen und Erschießen Freitod verübt, weil sein Schwiegersohn Karl Wecker seine Gattin, die Tochter Walthers, ermordet hat. Zu dem Vorfall wird noch berichtet: Walther war am Mittwochnachmittag zu einer Verhandlung mit Familienangehörigen der Familie Wacker aus Nieder-Ramstadt bei einem Rechtsanwalt in Darmstadt. Es sollte eine Einigung erzielt werden bezüglich einer Ablösung des dem Karl Wacker seinerzeit bei der Eheschließung Einigung wurde nicht erzielt, so daß
übereigneten Gutes. Die
„ „ , , j eine Zurückerhaltung des
Gutes an Walther unmöglich gemacht war. Walther kam sehr aufgeregt nach Hause und erklärte seiner Frau, daß sie nun soweit seien, sich aufzuhängen, da ihnen bei einer etwaigen Versteigerung des Gutes nichts mehr verbleiben würde. Walther war in letzter Zeit stark nervös, dazu kam ein gewisser Tiefsinn. Er konnte es nie vergessen, daß seine einzige Tochter Sophie auf so ruchlofe Art und vor allem so unschuldig ermordet worden ist. Der Name Sophie war stets auf seinen Lippen. Wiederholt ist er morgens früh, ohne daß es jemand merkte, an das Grab
feiner Tochter gegangen.
In den letzten Tagen mußte Walther stets beaufsichtigt werden, da man Schlimmes von ihm befürchtete. Die Nacht von Mittwoch auf Donnerstag war er unruhig und ging ständig in seinem Hause umher. Seine Frau suchte bei Nachbarn nachts um 2 Uhr Schutz, da Walther von ihr stets forderte, sie solle ihm einen Revolver geben. Er legte dann eine Schlinge um seinen Hals und schoß sich mit einem Flobert tot. Der Freitod
war sein Wunsch und von ihm wohl vorbereitet. Er wurde
morgens 6 Uhr in seinem Schlafzimmer tot aufgefunden.
Walther und seine Tochter genossen einen sehr guten Ruf, wahrend man sich von Karl Wacker mit Verachtung abwendet.
— Nach türkischen Pressemeldungen wird Mussolini im Juli dem Präsidenten der türkischen Republik, Kemal Pascha, einen Besuch abstatten. Die Zusammenkunft der beiden Staatsmänner soll in Konstantinopel stattfinden.
— Ein riesiger Waldbrand im Staate Guerrero (Mexiko) hat auf ein Dorf übergegriffen. 40 Schulkinder sind in den Flammen umgekommen. Außerdem haben 20 Erwachsene das Leben verloren. Das ganze Dorf ist niedergebrannt.
— Der wiedergewählte Venezuelanische Präsident, General Gomez, hat gegenüber dem Kongreß an seiner Weigerung festgehalten, seinen Posten weiter zu behalten.
Die neue Deflation.
Eine Rede des Genossenschaftsanwalts Prof. Dr. Stein.
Der über 150 Genossenschaften umfassende Verband der Erwerbs- und Wirtschaitsgeuofsenschaflen am Mittelrhein hielt seinen 68. Verbandstag ab. Im Mittelpunkt des Interesses stand das Referat des Anwalts des Deutschen Genossen- schaftsverbandes Prof. Dr. Stein (Berlin) über die genossenschaftliche Verantwortung. Einleitend wies Prof. Stein auf den gewaltigen Unterschied hin, der seit dem optimistischen Berichts des Reparationsagenten innerhalb der seitdem verflossenen vier Monate in unserer allgemeinen Lage eingetreten sei. Wir seien heute an der Mindestgrenze unserer Gold- und Devisendeckung angekommen. Wenn die 500-Millionen-Anleihe auch zustande komme, so sei ihre Wirkung auf den gesamten Rentenmarkt verhängnisvoll. Für Regierung und besonders das Parlament ergebe sich eine ungeheure Verantwortung. Es müsse unbedingt mit den Ausgaben Halt gemacht werden, auch den sozialen. Eine der wichtigsten sozialen Maßregeln fei die Erhaltung der Währung. Die Reichsbank muß jedem Verlangen der Regierung gegenüber nein sagen. Sie wird es auch gegenüber der Wirt- schaft tun müssen. Im Laufe des Mai wird sie wahrscheinlich noch zu weiteren Krediteinschränkungen schreiten müssen. Wir stecken wieder mitten in der Deflation. Nichts dümmer, als in die Waren und Devisen zu flüchten. Zu diesem Zustand kommt der Konjunkturabschwung, der die Landwirtschaft und die weiterverarbeitenden Industrien und damit die Kreditgenossenschaften in eine Krise bringt. Auch wenn in Paris ein Vergleich zustande kommt, bringt er uns keine Entspannung. Wir müssen mit Ruhe den raschen Wechsel der Dinge, das Kennzeichen der heutigen Lage, an uns herankommen lassen.
Unter Anspielung auf den Frankfurter und andere Zu- sammenbrüche im Genossenschaftswesen wies dann Pros. Stein auf die ungeheuere Verantwortung der Genoffen- fchaften hin. Das genossenschaftliche Geschäft sei schwerer als Das private und das A.-G.-Geschäft zu führen. Engste Zusammenarbeit zwischen Vorstand und Auffichtsrat ist notwendig. Der Vorstand muß zur richtigen Zeit nein sagen können.
Der Auffichtsrat muß von allen Vorgängen unterrichtet sein, mitwirken und doch nicht in die Geschäfte des Vorstandes hineinregieren. Unbedingte Klarheit über alle Geschäftsvorgänge. In der wesentlichsten Aufgabe, der Revision, müssen wir noch weitergehen. Den Anstäuden muß frühzeitig zu Leibe gegangen werden. Wir können und dürfen aber nicht rühren an der Verantwortlichkeit der einzelnen Genossen-- schaft. Verluste können wir nicht ausschließen, müssen sie aber mildern. Kategorischer Imperativ muß uns sein: Kein Kredit- und Warengeschäft eingehen, das man auch im Verlustfalle nicht mit dem Bewußtsein, Recht getan zu haben, rechtfertigen kann.
:dW Eiw tödlicher Paddelbootuufall auf dem Neckar. An der Kanalschleuse bei Ladenburg schlug ein Paddelboot, das in einen Wirbel geraten war, um. Zwei Insassen konnten sich
schwimmend ans Land retten. Der Dritte, der Hilfsmaurer Albert Schäfer aus Freudenheim, der erst vor drei Tagen sein 20. Lebensjahr vollendet hatte und des Schwimmens weniger kundig war, hielt sich krampfhaft einige Zeit lang an dem ungeschlagenen Boot fest, das mehr und mehr in die Mitte des Kanals getrieben wurde. Trotzdem Hilfe herannahte, verließen ihn die Kräfte, er ging unter. Sein Bruder, der in einem Boote folgte und ihm Rettung bringen wollte, konnte ihn nur als Leiche aus Land bringen. Bei dem Rettungswerk geriet er selbst in schwere Lebensgefahr, da ein Strick sich ihm um ein Bein gewickelt hatte.
— In Berlin wurde von Beamten der politischen Abteilung des Polizeipräsidiums die -Rote Sturmkabne". ein Ersatzblatt für me vervotene „Rote Fayne" während des Druckes beschlagnahmt.
eutsche Reichspost b^hk^lall Oberpostdirektion Kassel
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Kraftpost Schlüchtern—Sterbfrih-Brückenau. t
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Mai 1928
Zuganschlüsse in Schlüchtern
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Verkehrt nur Dienstags und Freitags.
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Sämtliche
Druckarbcitcn für Behörden, Privat«, Geschäfte und Industrie werden schnell u. sauber angefertigt Buchdruckerei
H. Steinfeld Söhne
Schlüchtern. .